mini|Przemek Zajfert 2024 Przemek Zajfert (* 2. November 1959 in Ostrzeszów, Polen), auch Przemysław Zajfert, ist ein polnisch-deutscher Fotograf und Lichtkünstler. 1998 war Zajfert Mitbegründer der Galerie Piwnica Papugi, die als Ausstellungsort für zeitgenössische Fotografie diente und bis 2022 bestand.https://piwnicapapugi.de/ Er lebt und arbeitet seit 1985 in Stuttgart. Seine Arbeiten umfassen insbesondere die Camera Obscura (Lochkamera), die Heliografie nach Nicéphore Niépce, kinetische Lichtinstallationen sowie partizipative fotografische Langzeitprojekte.

Leben und Ausbildung

Zajfert begann 1974 im Fotoclub KADR in Ostrzeszów mit der Fotografie. Nach dem Abitur am Liceum Ogólnokształcące im. Marii Skłodowskiej-Curie in Ostrzeszów begann er ein Geologiestudium an der Universität Wrocław, das er nicht abschloss. 1980 wurde er zum Militärdienst einberufen, wo er als Regimentsfotograf tätig war. 1985 ließ er sich in Stuttgart nieder, wo er seitdem als freischaffender Fotograf und Lichtkünstler arbeitet.

Werk Zajferts künstlerische Arbeit konzentriert sich auf historische fotografische Verfahren, insbesondere die Lochkamera (Camera Obscura) und die Heliografie nach Nicéphore Niépce. Wiederkehrende Themen sind Zeit, Dauer, Vergänglichkeit sowie die Beteiligung des Publikums am fotografischen Prozess. Daneben entstanden kinetische Lichtinstallationen, die rotierende Filmstreifen und Lichtquellen zu raumgreifenden Objekten verbinden.

Camera Obscura und Black Box Zajfert arbeitet seit Mitte der 1980er Jahre mit selbstgebauten Lochkameras. Die Reduktion auf einfachste Technik ermögliche ihm den größtmöglichen künstlerischen Spielraum – eine Position, die er auf den Medienphilosophen Vilém Flusser zurückführt, nach dem komplexe Automatik den Fotografen in vorgegebene Programme zwinge. Zwischen 2000 und 2022 präsentierte Zajfert die Black Box, eine begehbare Camera Obscura, als mobile Installation auf Märkten und im öffentlichen Raum in verschiedenen europäischen Städten. Die Installation diente gleichzeitig als Ausstellungsraum und Ort der Begegnung mit dem Publikum. Die dabei entstehenden Fotografien bezeichnete Zajfert als Begleiterscheinung seiner Kunst – im Mittelpunkt stehe die Begegnung mit den Menschen: „Das Projekt ist die Straße“.https://zajfert.de/blog/wp-content/uploads/1999/01/PH09_CameraObscura.pdf

Partizipative Projekte

Camera Obscura Berlin–Stuttgart 1999 realisierten Przemek Zajfert und der Fotograf Marek Poźniak das Projekt Camera Obscura Berlin–Stuttgart. Den Ausgangspunkt bildete ein geplantes Gemeinschaftsprojekt zum Thema „Austausch im Prozess“ für eine Ausstellung in Wrocław (Breslau): Da die räumliche Distanz ein gemeinsames Porträtfoto der beiden Künstler unmöglich machte, entwickelte Zajfert eine Camera Obscura mit zwei Öffnungen – eine für die Belichtung in Stuttgart, eine für Berlin. Dabei belichteten beide Künstler dasselbe fotografische Material unabhängig voneinander an ihren jeweiligen Standorten. Die entstehenden Doppelbelichtungen überlagern Bildräume und Zeitachsen beider Städte. Der Fotohistoriker Zbigniew Tomaszczuk behandelt das Projekt in seinem Überblickswerk Historia fotografii (2025) als Beispiel zeitgenössischer experimenteller Lochkamerafotografie und zitiert die Künstler mit der Aussage, die Camera Obscura interessiere sie „als Phänomen, als Ereignis – nicht als Werkzeug zur Bildproduktion“.https://asp.waw.pl/app/uploads/2025/01/historia-fotografii-projekt-zbigniew-tomaszczuk.pdf

Camera Obscura 2005/1–∞ Das Onlineprojekt Camera Obscura 2005/1–∞ entstand 2005 in Zusammenarbeit mit Burkhard Walther. Eine Doppelloch-Camera Obscura wurde wöchentlich im Rahmen einer Online-Auktion weitergereicht: Die jeweils Höchstbietenden erhielten die Kamera nacheinander, stachen selbst ein Loch in die vorbereitete Vorderseite und belichteten dasselbe Negativ an ihrem jeweiligen Standort. Durch den geringen Abstand der beiden Löcher überschnitten sich die Motive teilweise, sodass ein gemeinsames fotografisches Bild entstand – geschaffen von zwei Menschen an verschiedenen Orten, ohne dass diese sich je begegnet waren. Das Projekt war als Hommage an den polnischen Konzeptkünstler Roman Opałka und sein Lebenswerk 1965/1–∞ konzipiert, das ebenfalls auf unbegrenzte Fortsetzung angelegt war. Die Kameras sowie die zugehörigen Doppelbelichtungen wurden im Projektarchiv aufbewahrt und sind online zugänglich. Das letzte Loch trug die Nummer 2072. Nach rund zwei Jahrzehnten und über 2.000 Einzelbeiträgen aus aller Welt endete das Projekt 2025 ohne formalen Abschluss. Zajfert dokumentierte das Projektende 2026 in einem Essay.

The 7th Day The 7th Day ist ein partizipatives Langzeitprojekt, das seit 2012 läuft. Es lädt Teilnehmende weltweit ein, Lochkamera-Fotografien mit einer Mindestbelichtungszeit von sieben Tagen herzustellen – worauf sich auch der Titel bezieht. Das Verfahren orientiert sich an Nicéphore Niépces frühem Experiment mit lichtempfindlichem Silberpapier von 1816. Im Unterschied zur Solarigrafie – bei der der Weg der Sonne als Lichtspur im Bild sichtbar wird – steht bei The 7th Day nicht der Sonnenverlauf im Vordergrund, sondern die Zeit selbst als gestaltendes Element. Da kein direktes Sonnenlicht erforderlich ist, entstehen die Aufnahmen häufig auch in Innenräumen.

Die belichteten Materialien werden an das Projekt zurückgeschickt und in ein gemeinsames, frei zugängliches Online-Archiv aufgenommen, das derzeit rund 7.000 Aufnahmen umfasst. Weltweit sind etwa 13.000 Sets im Umlauf. Seit 2024 wird das Projekt von Patrick Zajfert weitergeführt. Aus The 7th Day sind zahlreiche regionale und internationale Kooperationen hervorgegangen, darunter Projekte in Lampertheim (2012), Sindelfingen (2013/2014), Winsen (2014), Weil der Stadt (2015), Metzingen (2017), Starnberg (2020) und Bad Urach (2020) sowie das deutsch-polnische Kunstprojekt Metamorphosen (2016), eine Ausstellung mit Arbeiten des Fotografen Marek Poźniak in der Galeria Imaginarium, Łódź (2014), und die Zusammenarbeit mit dem inklusiven Fotoverein FotoWilden (2019/2020).

Zu den international beachteten Kooperationen zählen:

Catskills Pinhole Camera Project (USA, 2015/2016) – internationale Kooperation mit Teilnehmenden in den USA.

TransStar Europa / Ljubljana – im Rahmen dieses von der Kulturstiftung des Bundes und dem Goethe-Institut geförderten europäischen Literatur- und Übersetzungsprojekts fotografierten Teilnehmende eines internationalen Übersetzertreffens Orte des Übersetzens mit Lochkameras aus dem Projekt-Set

After Turner – im Rahmen von The 7th Day entstandenes Werk, das 2020 den Deutschen Jugendfotopreis gewann.https://www.jugendfotopreis.de/files/DJF/content/extras/ausstellungen/DJF2020/Ausstellung_DJF_2020.pdf 2014 stellte Zajfert das Projekt und seine konzeptionellen Grundlagen in einem TEDx Talk in Stuttgart vor.https://www.youtube.com/watch?v=wVFtBm-wPO0

Konzeptuelle Arbeiten

Heliografie Zajfert beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der Heliografie, dem von Nicéphore Niépce entwickelten ältesten dauerhaft fixierten fotografischen Verfahren, bei dem mit Bitumen beschichtete Metallplatten mithilfe von Sonnenlicht belichtet werden.

Im Werkzyklus Heliografien für meine Söhne entstanden zwischen Februar und Dezember 2017, während einer Krebsbehandlung, Arbeiten auf mit Asphalt beschichteten Metallplatten. Die Arbeiten wurden 2019 erstmals öffentlich gezeigt, anlässlich des Interphoto Festivals in Białystok, das vom polnischen Kulturministerium mitfinanziert wurde.

Im Projekt Heliografie 1827–2027 überträgt Zajfert zufällig entstandene Aufnahmen aus Google Street View mithilfe des historischen Verfahrens auf Metallplatten. Viele der verwendeten digitalen Vorlagen existieren inzwischen nicht mehr – sie wurden von Google überschrieben oder gelöscht. Jede Arbeit entsteht in einem einmaligen Belichtungsvorgang und ist ein Unikat. Das Projekt stellt einen Zusammenhang zwischen dem ältesten fotografischen Verfahren und automatisierter zeitgenössischer Bildproduktion her.

In einem dritten Werkstrang rekonstruiert Zajfert experimentell die materiellen und technischen Bedingungen von Niépces erster dauerhaft erhaltener Fotografie aus dem Jahr 1827. Parallel dazu veröffentlicht er theoretische und essayistische Texte zur Heliografie, in denen er Fragen der Indexikalität, Autorschaft und Vergänglichkeit fotografischer Bilder untersucht.

No Words – The Darkroom as Shelter Das Projekt No Words – The Darkroom as Shelter begann am 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine. Über einen Zeitraum von 365 Tagen fertigte Zajfert täglich eine fotografische Arbeit desselben Motivs an: die Hände einer Frau, die ein leeres Blatt Papier halten. Die Arbeiten entstanden auf analogem Fotopapier und wurden bewusst nicht vollständig fixiert, sodass Licht, Luft und äußere Einflüsse die Bilder fortlaufend und unumkehrbar verändern. Die materielle Vergänglichkeit ist dabei konzeptueller Bestandteil des Werkes. Bei Ausstellungen werden auch physische Eingriffe wie Beschädigungen oder Diebstahl als Teil der inneren Logik des Projekts verstanden.

Das Projekt wurde 2023 beim Felix Schoeller Photo Award in der Kategorie „Deutscher Friedenspreis für Fotografie“ shortlisted und 2026 beim Wschodni Festiwal Fotografii in Lublin gezeigt.

Ausstellungen (Auswahl) 1979: Ostrzeszowski Cross, KF KADR, Ostrzeszów 1999: GAP VIET NAM – Vietnam-Diskurs, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1999: Camera Obscura, BWA Wrocław (mit Marek Poźniak) 2000: Malerei mit Licht und Pixeln – Positionen zeitgenössischer Fotografie aus Polen und Deutschland 2004: Camera Obscura, Mała Galeria ZPAF-CSW, Warschau (mit Marek Poźniak) 2009: Pinhole Camera Portrait of Fleischmann, Catskills Pinhole Camera Project, USA 2014: Vermessung der Zeit – Camera Obscura, Literaturhaus Stuttgart 2016: Światło czuła (Lichtempfindlich), Fotofestiwal Łódź 2019: Now and Forever – Heliography for my sons, Interphoto Festival, Białystok 2023: Camera Obscura – Obscure Welten / No Words, Stern, Sindelfingen 2026: No Words – The Darkroom as Shelter, Wschodni Festiwal Fotografii, Lublin

Auszeichnungen 2014: Złota Sowa Polonii (Goldene Eule der Polonia), Kategorie Bildende Kunst

2020: Deutscher Jugendfotopreis, für das im Rahmen von The 7th Day entstandene Werk After Turner

2023: Felix Schoeller Photo Award, Shortlist, Kategorie „Deutscher Friedenspreis für Fotografie“, für No Words – The Darkroom as Shelter

Rezeption Zajferts Arbeiten wurden in überregionalen Medien und Fachpublikationen besprochen.

Der Journalist Benjamin Schieler charakterisierte Zajferts Arbeitsweise 2014 in den Stuttgarter Nachrichten als Gegenentwurf zur digitalen Sofortbildkultur: Die über Tage oder Monate entstehenden Aufnahmen hielten weniger einzelne Augenblicke fest, als dass sie zeitliche Verläufe sichtbar machten.

Der Kunstkritiker Marek Grygiel beschrieb das Projekt Camera Obscura Berlin–Stuttgart 2004 als eine Form des künstlerischen Dialogs, dessen Ergebnisse zwischen Impression und fotografischer Dokumentation angesiedelt seien. Die durch Doppelbelichtung erzeugten Bilder besäßen eine traumartige und geheimnisvolle Atmosphäre, die die üblicherweise mit Fotografie verbundenen dokumentarischen Funktionen in den Hintergrund rücke.

Der Fotohistoriker Zbigniew Tomaszczuk behandelte das Projekt in seinem Überblickswerk Historia fotografii (ASP Warszawa, 2025, S. 298–299) als Beispiel zeitgenössischer experimenteller Lochkamerafotografie und ordnete es in die Tradition künstlerischer Mehrfachbelichtung ein.https://asp.waw.pl/app/uploads/2025/01/historia-fotografii-projekt-zbigniew-tomaszczuk.pdf