Der Brief aus Weimar an die Mitglieder und Vorstände der Christlich Demokratischen Union vom September 1989 war ein Reformaufruf an die Partei, der als zentraler Katalysator für die Selbstbefreiung der DDR-CDU von der SED-Diktatur diente. Unterzeichner waren Christine Lieberknecht, Gottfried Müller, Martin Kirchner und die Rechtsanwältin Martina Huhn.Ekkehard Schulreich: Anzeige wegen Wahlfälschung: Die mutige Anwältin von Bad Lausick. Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Muldental, S. 31, 4. Februar 2015 (ganzseitiger Zeitungsbeitrag) Der Brief richtete sich an den Parteivorstand sowie an alle Bezirks- und Kreisvorstände der CDU der DDR.

Hintergrund Die CDU hatte in der DDR, wie viele andre Parteien in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren, ihre Eigenständigkeit verloren und war als Blockpartei Teil des Demokratischen Blocks der Parteien und Massenorganisationen und somit ein Teil der SED-Diktatur geworden. Innerhalb der Diktatur hatte die CDU die Aufgabe, die christlich gesinnte Bevölkerung und die Kirchen zu vertreten, aber auch auf diese im Sinne der SED einzuwirken. Schon im Juni 1988 hatte eine Ortsgruppe unter Leitung der Vorsitzenden Else Ackermann einen systemkritischen Brief an den CDU-Hauptvorstand geschickt, in dem ein Reformprozess innerhalb der Partei gefordert und Abnutzungserscheinungen an der Parteispitze beklagt wurden. Dies wurde als Kritik an Gerald Götting aufgefasst.

Die massiven Wahlfälschungen bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 hatten auch Nachwirkungen. Einige CDU-Mitglieder beteiligten sich an den Auszählungen und verweigerten dann die Annahme des Ergebnisses wegen nachgewiesener Wahlmanipulation. Zudem setzte eine Fluchtbewegung ein, bei der tausende DDR-Bürger über die grüne Grenze zwischen Ungarn und Österreich flohen oder sich auf das Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag begaben und so ihre Ausreise erreichten.

Briefentstehung und Vorbereitung Am 10. September 1989 unterzeichneten vier einfache CDU-Mitglieder, die alle im Kirchendienst standen, in Weimar den offenen Brief an die CDU. Alle vier lebten auf dem Gebiet, das heute das Land Thüringen bildet, und waren in der Evangelischen Kirche in der DDR engagiert. Als Initiator gilt der Chefredakteur der thüringischen Kirchenzeitung Gottfried Müller aus Jena. Martina Huhn war Rechtsanwältin und Mitglied der Bundessynode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Martin Kirchner war Oberkirchenrat aus Eisenach und Christine Lieberknecht Pastorin aus Ramsla bei Weimar. Das Schreiben entstand in den Redaktionsräumen der mitteldeutschen Kirchenzeitung GLAUBE+HEIMAT, bei der Müller Chefredakteur war. Er wurde dort auch vervielfältigt und an die CDU-Mitglieder versandt.Vor 30 Jahren wurde der "Brief aus Weimar" veröffentlicht meine-kirchenzeitung.de Am 17. September 1989 veröffentlichten sie ihren „Brief aus Weimar“Aus der Blockflöte sueddeutsche.de im Rahmen einer Pressekonferenz der Synodaltagung des Bundes der Evangelischen Kirchen, bei der auch westliche Medien vertreten waren, wodurch der Brief große Aufmerksamkeit erzeugte.

Das Ziel war die demokratische Erneuerung der CDU in der DDR.10. September 1989 – Auf dem Weg zur Deutschen Einheit Der Brief aus Weimar bundesregierung.de In dreißig PunktenMatthias Gehler: Ich hätte weitergehen sollen meine-kirchenzeitung.de beschrieb der Brief die Situation im Land. Zu den Kritikpunkten gehörten der Mangel an Eigenständigkeit gegenüber der SED, die Reisebeschränkungen, die Behinderungen der Pressefreiheit, die Schönfärberei in den Medien, das Verschweigen der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage des Landes, die Manipulationen bei den Wahlen und eine Neubestimmung des Verhältnisses von Staat und Kirche.10. September : Vier Mitglieder versenden den „Brief aus Weimar“ an die Parteileitung, Bezirks- und Kreisverbände der CDU der DDR kas.de

Wirkungen Am 19. September kritisierte die Parteileitung in der Parteizeitung Neue Zeit, dass die Parteimitglieder sich an die internationale Öffentlichkeit gewendet hätten, ohne dabei auf inhaltliche Aspekte des Briefes einzugehen. Götting wollte einen Parteiausschluss der vier Unterzeichner des Briefes. Dies konnte er aber nicht durchsetzen. Am 12. Oktober 1989 wurde in der Neuen Zeit der Brief, ohne ihn zu veröffentlichen, als Denkanstoß bezeichnet, um das Parteiprofil zu schärfen. Der Brief wurde dann in Zeitungen erst am 26. Oktober abgedruckt. Am 1. November forderten die vier Briefunterzeichner mit weiteren Mitgliedern in einem persönlichen Gespräch mit Götting diesen zum Rücktritt auf. Am Folgetag reichte Götting seinen Rücktritt ein. Die SED hatte das Ministerium für Staatssicherheit um eine strafrechtliche Einschätzung ersucht. Dieses sah den Straftatbestand der staatsfeindlichen Hetze als erfüllt an, der mit mehreren Jahren Haft geahndet werden konnte. Eine Anklage fand jedoch nicht statt. Am 4. Dezember verließ die CDU den Demokratischen Block. Für die CDU in der Bundesrepublik war der Brief auch mit ein Aufhänger, die Ost-CDU, die sie lange als Blockpartei gemieden hatte, zu unterstützen.

Von dem Brief, der zur Zeit der Wende veröffentlicht wurde, gingen somit wesentliche Impulse zur Erneuerung der DDR-CDU und der Ruf nach gesellschaftlichen Reformen aus.Der Brief aus Weimar bundesregierung.de Der Brief aus Weimar gilt innerhalb der CDU als Ausweis der Widerständigkeit im SED-StaatVergiss mein nicht! taz.de und als wichtiger Schritt im Prozess der demokratischen Erneuerung der Ost-CDU.Christine Lieberknecht bundesstiftung-aufarbeitung.de

Weiteres Wirken der Unterzeichner des Briefes Während Martina Huhn nach Veröffentlichung des Briefes nicht weiter in Erscheinung trat, wurde Gottfried Müller zum stellvertretenden CDU-Vorsitzenden gewählt. Christine Lieberknecht wurde Ende 1989 in den Vorstand der CDU gewählt und war nach 1990 Ministerin und später Ministerpräsidentin von Thüringen. Martin Kirchner wurde zunächst zum Generalsekretär der CDU gewählt wurde. Er verlor aber nach der Enttarnung als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit sein Amt.

Literatur Ehrhart Neubert: Der Brief aus Weimar : zur Selbstbefreiung der CDU im Herbst 1989, Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin, 2024, ISBN 978-3-95721-046-3

Weblinks

CDU – »Brief aus Weimar« bei ddr-im-blick.de Brieftext bei bundesregierung.de

Einzelnachweise

Kategorie:Wende und friedliche Revolution in der DDR Kategorie:Christlich Demokratische Union Deutschlands (DDR) Kategorie:Offener Brief Kategorie:Politik 1989