Renato Ignacio Rosaldo (* 15. April 1941 in Champaign, Illinois; † 26. Mai 2026 in Manhattan, New York City) war ein US-amerikanischer Ethnologe, Hochschullehrer und Autor. Er prägte die Kulturanthropologie durch Arbeiten zu den Ilongot auf den Philippinen, zu Chicano- und Latino-Studien sowie zu autobiografischen und poetischen Formen ethnografischen Schreibens.
Leben Rosaldo wurde in Champaign geboren, wo sein Vater an der University of Illinois über lateinamerikanische und mexikanische Literatur promovierte. Nach einem Umzug der Familie nach Madison wuchs er mit einem mexikanischen Vater und einer angloamerikanischen Mutter auf, sprach zunächst Spanisch mit seinem Vater und Englisch mit seiner Mutter und deutete diese frühe Zweisprachigkeit später als Erfahrung kultureller und sprachlicher Relativität. Als die Familie 1955 nach Tucson, Arizona, zog, erlebte Rosaldo die Stigmatisierung des Spanischen im Schulalltag und wurde Mitglied der überwiegend mexikanisch-amerikanischen Freundesgruppe Chasers, deren Umgangsformen er später als frühe Form ethnografischen Lernens beschrieb.
Rosaldo studierte seit 1959 Ethnologie sowie Spanische Geschichte und Literatur an der Harvard University und legte dort 1963 die Bachelorprüfung ab. Im Grundstudium belegte er eine Einführung in die Anthropologie bei Beatrice Whiting, besuchte eine von Laura Nader geleitete Diskussionsgruppe und erhielt Förderungen für betreute Feldforschungen in Ecuador und Peru. Nach einem Studienjahr in Spanien 1963/1964 entschied er sich gegen eine Laufbahn in den Literaturwissenschaften und nahm an der Harvard University ein Promotionsstudium in Sozialanthropologie auf.
Als Doktorand arbeitete Rosaldo zunächst in Zinacantán in Chiapas zu einem Ritual unter Tzotzil-Sprechern, bevor er mit seiner ersten Frau, der Anthropologin Michelle Zimbalist Rosaldo, für die Dissertationen auf die Philippinen wechselte. Von 1967 bis 1969 sowie 1974 lebten Renato und Michelle Rosaldo bei den Ilongot im philippinischen Regenwald, darunter in der Siedlung Kakidugen. Seine Dissertation trug den Titel Ilongot Social Organization, während Michelle Rosaldo über Context and Metaphor in Ilongot Oral Tradition promovierte. Im Jahre 1971 promovierte Renato Rosaldo an der Harvard University zum Ph.D.
Von 1970 bis 2003 war Rosaldo als Hochschullehrer an der Stanford University tätig. In den Jahren 1975/1976 arbeitete er am Institute for Advanced Study in Princeton in einem Seminar mit Anthropologen und Sozialhistorikern, aus dem seine historische Analyse der Ilongot-Gesellschaft hervorging. 1981 hielt er sich mit Michelle Rosaldo und den beiden gemeinsamen Söhnen erneut zu Feldforschungen auf den Philippinen auf, diesmal bei den Ifugao. Michelle Rosaldo starb am 11. Oktober 1981 bei einer Wanderung zu einem anderen Dorf durch einen Sturz von einer etwa 20 Meter hohen Klippe. Dieses Erlebnis wurde für Rosaldos späteres Schreiben über Trauer, Zorn, Feldforschung und die Grenzen distanzierter Beobachtung zentral.
Von 1991 bis 1995 war Rosaldo Präsident der American Ethnological Society. 1997 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Anschließend lehrte er ab 2003 an der New York University. Rosaldo starb am 26. Mai 2026 in seiner Wohnung in Manhattan, nachdem er im April 2026 einen Schlaganfall erlitten hatte.
Wirken Rosaldos wissenschaftliches Werk brachte ethnologische Feldforschung und historische Analyse zusammen. Seine Monografie Ilongot Headhunting, 1883–1974 machte ihn in der Kulturanthropologie bekannt und untersuchte, wie die Ilongot ihre Vergangenheit erinnerten und wie Kopfjagd in den Erzählungen der Männer mit Trauer und Zorn in Beziehung gesetzt wurde. Ein Schlüsselbegriff dieser Forschung war liget, den Rosaldo zunächst als eine Art Energie oder Produktivität verstand, bevor er ihn als körperlich erfahrene, gewaltförmige Verbindung von Trauer, Zorn und Handlungsdrang deutete. Erst nach Michelle Rosaldos Tod erkannte er in dieser emotionalen Erfahrung eine Dimension, die sich einer ausschließlich distanzierten ethnografischen Beobachtung entzog.
Mit Culture & Truth: The Remaking of Social Analysis wandte sich Rosaldo gegen eine Ethnografie, die Kultur aus der Sicht eines neutralen, unbeteiligten Beobachters darstellt. Das Buch stellte historische Situierung, Emotion, Machtverhältnisse und die Position des Forschenden in den Mittelpunkt ethnografischer Erkenntnis und wurde zu einem wichtigen Beitrag zur Neuorientierung der Kulturanthropologie. Neben seinen Veröffentlichungen über die Philippinen schrieb Rosaldo auch über Chicanos, Latino-Studien und Literatur. In den 1990er-Jahren gründete er die interdisziplinäre Latino Cultural Studies Working Group, die qualitative Forschungen in mehreren US-amerikanischen Städten durchführte und kulturelle Staatsbürgerschaft als Recht verstand, anders zu sein und dennoch dazuzugehören.
Seit den späten 1990er-Jahren brachte Rosaldo ethnografisches und poetisches Schreiben zunehmend zusammen. Sein zweisprachiger Gedichtband Prayer to Spider Woman/Rezo a la mujer araña erschien 2003 in Saltillo und erhielt 2004 einen American Book Award der Before Columbus Foundation. Für The Day of Shelly's Death: The Poetry and Ethnography of Grief entwickelte er eine Form, die er antropoesía nannte und die lyrische Gestaltung mit ethnografischen Ansprüchen an Genauigkeit und Verantwortlichkeit zusammenführen sollte. In The Chasers kehrte Rosaldo zu seiner Jugend in Tucson zurück und verarbeitete Erinnerungen sowie Interviews mit Mitgliedern seiner früheren Freundesgruppe.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Ilongot Headhunting, 1883–1974. A Study in Society and History. Stanford University Press, Stanford, Calif. 1980, ISBN 0-8047-1284-0. (Mithrsg.): The Inca and Aztec States 1400–1800. Anthropology and History. Academic Press, New York 1982, ISBN 0-12-181180-8. (Mithrsg.): Criticism in the Borderlands. Studies in Chicano Literature, Culture, and Ideology. Duke University Press, Durham 1991, ISBN 0-8223-1137-2. Culture & Truth. The Remaking of Social Analysis. Beacon Press, Boston 1989; Routledge, London 1993, ISBN 0-415-08512-8. (Mithrsg.): Creativity/Anthropology. Cornell University Press, Ithaca 1993, ISBN 0-8014-2255-8. Prayer to Spider Woman/Rezo a la mujer araña. Icocult, Saltillo 2003. (Mithrsg.): Chicana Feminisms. Duke University Press, Durham 2003, ISBN 0-8223-3105-5. (Hrsg.): Cultural Citizenship in Island Southeast Asia. Nation and Belonging in the Hinterlands. University of California Press, Berkeley 2003, ISBN 0-520-22747-6. (Hrsg., mit Jonathan Xavier Inda): The Anthropology of Globalization (= Blackwell Readers in Anthropology, Bd. 1). Blackwell, Malden, Mass. 2006, ISBN 0-631-22232-4. (Hrsg., mit Juan Flores): A Companion to Latina/o Studies (= Blackwell Companions in Cultural Studies, Bd. 14). Blackwell, Malden, Mass. 2007, ISBN 978-1-4051-2622-9. Diego Luna's Insider Tips. Many Mountains Moving, Philadelphia 2012. The Day of Shelly's Death. The Poetry and Ethnography of Grief. Duke University Press, Durham 2013, ISBN 978-0-8223-5649-3. The Chasers. Duke University Press, Durham 2019, ISBN 978-1-4780-0418-9. (Mithrsg.): Trumpism, Mexican America, and the Struggle for Latinx Citizenship. University of New Mexico Press, Santa Fe 2021, ISBN 978-0-8263-6284-1.
Einzelnachweise
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