Anni Eisler-Lehmann (* 26. September 1904 in Mainz; † 11. November 1999 ebenda) war eine deutsche Opernsängerin (Alt) und Stiftungsgründerin. Als jüdische Künstlerin wurde sie zur Zeit des Nationalsozialismus aus ihrer Karriere verdrängt und emigrierte. Sie überlebte die Internierung im südfranzösischen Lager Camp de Gurs und kehrte nach dem Krieg nach Mainz zurück, wo sie 1996 eine Stiftung zur Förderung jüdischer Musikstudierender gründete.
Herkunft und Ausbildung Anni Lehmann wurde als zweites Kind von Hugo und Emilie Lehmann in Mainz geboren.Brüchert 2013, S. 177. Ihr Vater war zunächst Prokurist, später Direktor der Privatbank Carlebach & Cahn; nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Kompaniefeldwebel diente, arbeitete er als Immobilienmakler. Ihre Mutter führte einige Jahre ein Damenhutgeschäft am Mainzer Schillerplatz. Die musikalische Begabung lag in der Familie: Annis Großvater Simson (Simon) Lehmann war Kantor an der liberalen Synagoge in Mainz.
Anni besuchte die Höhere Mädchenschule, das heutige Frauenlob-Gymnasium und erwarb die Mittlere Reife. Zunächst wollte sie Modezeichnerin werden, nahm aber parallel Gesangsunterricht. Von 1926 bis 1931 absolvierte sie das Rollenstudium bei Hans Lenzer, Kapellmeister am Mainzer Theater, und bestand die Bühnenprüfung in Köln. Sie konnte zu diesem Zeitpunkt ein Repertoire von 125 Partien vorweisen.Brüchert 2013, S. 178. Die biografischen Angaben stützen sich, soweit nicht anders vermerkt, auf ein Tonbandinterview, das Hedwig Brüchert 1988 mit Anni Eisler-Lehmann geführt hat.
Bühnenkarriere und Emigration (1932–1939) Für die Spielzeit 1932/33 erhielt sie ihr erstes Engagement am Würzburger Theater, wo sie rasch Erfolge feierte. Nach dem Ende der Saison wurden die Verträge jüdischer Künstlerinnen und Künstler nicht verlängert.Brüchert 2013, S. 178–179. Anni Lehmann emigrierte zunächst nach Österreich, wo sie in Wien und Innsbruck auftrat, und ging 1934 in die Tschechoslowakei. Um dort als deutsche Künstlerin arbeiten zu können, ging sie gegen Zahlung von 5.000 tschechischen Kronen eine Scheinehe mit einem Tschechen namens Eisler ein; die Ehe wurde bald wieder geschieden, doch den Namen Eisler behielt sie bei.Brüchert 2013, S. 179.
Am Stadttheater Troppau sang sie fortan fast täglich Alt-Partien in Werken von Mozart, Verdi, Wagner und Strauss. Angesichts der drohenden Annexion der sudetendeutschen Gebiete plante sie 1938 die Emigration nach Palästina; ein Engagement für eine Carmen-Produktion in Tel Aviv scheiterte an der Verweigerung des britischen Einreisevisums. Auch Verhandlungen für ein Engagement an der Metropolitan Opera in New York City kamen wegen des bevorstehenden Kriegsausbruchs nicht zustande.
So fuhr Anni Eisler-Lehmann im Herbst 1938 zu ihrer seit 1937 verwitweten Mutter nach Mainz. Dort erlebte sie die Novemberpogrome 1938: SA-Leute drangen in die elterliche Wohnung in der Hafenstraße ein, verwüsteten sie und misshandelten ihren Bruder Alfred; langjährige Nachbarn verweigerten der Familie jede Hilfe. Nach dem Anschluss des Sudetenlandes konnte sie nicht mehr nach Troppau zurückkehren. Versuche, über einen Wiener Agenten ein Engagement beim Teatro Colón in Buenos Aires zu erhalten, scheiterten an fehlenden Einreisevisa. Im Mai 1939 sang sie schließlich ein Konzert in Monte-Carlo unter dem Dirigenten Rafael Kubelík.Brüchert 2013, S. 179–180.
Verfolgung und Internierung (1939–1945) Bei Kriegsausbruch im September 1939 hielt Anni Eisler-Lehmann sich in Vichy auf, wo ein geplantes Konzert abgesagt werden musste. Nach dem deutschen Einmarsch in den Norden Frankreichs 1940 floh sie mit vielen anderen nach Süden bis nach Périgueux. Das Vichy-Regime kollaborierte mit den deutschen Behörden und stempelte „Juif“ in ihre Papiere. Gemeinsam mit anderen jüdischen Flüchtlingen wurde sie nach Montignac zwangsumgesiedelt.Brüchert 2013, S. 180. Im September 1942 erfuhr sie, dass ihre Mutter Emilie und ihr Bruder Alfred ins Ghetto Theresienstadt deportiert worden waren. Alfred Lehmann starb dort im Oktober 1942, Emilie Lehmann am 24. Mai 1944.Brüchert 2013, S. 180. Zu den Deportationsdaten: Institut Theresienstädter Initiative: Theresienstädter Gedenkbuch. Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942–1945. Prag 2000, S. 741.mini|Grabstein von Anni Eisler_Lehmann auf dem Neuen Jüdischen Friedhof (Untere Zahlbacher Straße 11) – die Namen ihrer Mutter Emilie und ihres Bruders Alfred hat Anni nachträglich eingravieren lassenIm Oktober 1942 wurde Anni Eisler-Lehmann von der Gendarmerie abgeholt und über mehrere Internierungslager – Camp de Nexon, Camp de Rivesaltes – schließlich in das Camp de Gurs in den Pyrenäen verschleppt, wohin seit 1940 zahlreiche Jüdinnen und Juden aus der Pfalz, aus Baden und dem Saarland deportiert worden waren.Brüchert 2013, S. 181. Hunger, Kälte und die ständig drohende Deportation nach Auschwitz prägten den Lageralltag. Dennoch organisierten die Internierten, unterstützt vom Roten Kreuz, Konzerte und kulturelle Veranstaltungen. Anni Eisler-Lehmann sang dabei auf Französisch die Partien, die sie zuvor auf Theaterbühnen gesungen hatte. Als sich 1944 der Sieg der Alliierten abzeichnete, wurde sie mit anderen Internierten entlassen, musste jedoch an einem ihr zugewiesenen Aufenthaltsort ausharren und für Bauern arbeiten.
Nachkriegszeit und Rückkehr nach Mainz Nach der Befreiung ging Anni Eisler-Lehmann nach Paris. Eine Rückkehr zur Bühnenkarriere gelang ihr nicht: Der Pariser Kunstmarkt war übersättigt, und eine Sängerin mit deutschem Akzent fand kein Engagement. Als Staatenlose konnte sie zunächst auch nicht nach Deutschland einreisen. Sie blieb in Paris und arbeitete für eine kleine Lederwarenfabrik.Brüchert 2013, S. 181–182. In den 1950er Jahren reiste sie im Zuge der deutschen Wiedergutmachung erstmals wieder nach Mainz. Das im Bombenkrieg zerstörte Elternhaus in der Hafenstraße baute sie wieder auf und kehrte 1958 dauerhaft in ihre Vaterstadt zurück.Brüchert 2013, S. 182. Ihre Mutter und ihr Bruder, die in Theresienstadt ermordet worden waren, hatten kein eigenes Grab erhalten; Anni Eisler-Lehmann ließ ihre Namen auf dem Grabstein des Vaters auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Mainz einmeißeln. mini|Straßenschild der Anni Eisler-Lehmann Straße in Mainz
Stiftungsgründung und Ehrungen Im Jahr 1996 gründete Anni Eisler-Lehmann die nach ihr benannte Stiftung, um jungen jüdischen Musikstudierenden – vor allem Sängerinnen – durch Stipendien eine Ausbildung zu ermöglichen, die ihr selbst durch den nationalsozialistischen Terror verwehrt worden war. Zu ihrem 95. Geburtstag verlieh ihr die Stadt Mainz die Gutenberg-Plakette. Sie starb am 11. November 1999 in Mainz und wurde im Familiengrab auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Mainz beigesetzt.Brüchert 2013, S. 177 (Grabangaben).
2016 wurde eine Straße im Mainzer Stadtteil Hartenberg-Münchfeld nach ihr benannt.Blick auf Mainzer Frauengeschichte. Mainzer Frauenkalender 1991–2023. Stadt Mainz, S. 39–40, online. Die Straße liegt zwischen dem Alten jüdischen Friedhof Judensand und der historischen Deportationsrampe des Mainzer Güterbahnhofs.
Literatur Hedwig Brüchert: Von der Opernbühne ins Internierungslager. Die Lebensgeschichte der Sängerin Anni Eisler-Lehmann. In: Frauenleben (Mainzer Geschichtsblätter, Heft 6). Mainz 1990, , S. 151–160.
Hedwig Brüchert: Familie Simon Lehmann – Anni Eisler-Lehmann. In: Renate Knigge-Tesche und Hedwig Brüchert (Hrsg.): Der Neue Jüdische Friedhof in Mainz. Biographische Skizzen zu Familien und Personen, die hier ihre Ruhestätte haben (Sonderheft der Mainzer Geschichtsblätter). Mainz 2013, , S. 177–182.
Weblinks
Offizielle Website der Anni Eisler-Lehmann-Stiftung Blick auf Mainzer Frauengeschichte. Mainzer Frauenkalender 1991–2023 (S. 39–40), Stadt Mainz
Einzelnachweise
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