mini|Titelblatt einer frühen deutschen Übersetzung: Die Zeiten Ludewig des XIV., Königs von Franckreich, Berlin 1752.Voltaire: Die Zeiten Ludewigs des vierzehnten. Erster Theil, Berlin 1752, Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek / Münchener Digitalisierungszentrum, online.

Le Siècle de Louis XIV („Das Zeitalter Ludwigs XIV.“) ist ein Geschichtswerk von Voltaire, das 1751 erstmals erschien und in späteren Ausgaben erweitert wurde. Die moderne kritische Ausgabe in den Œuvres complètes de Voltaire (OCV) erschien zwischen 2015 und 2019 in sieben Teilbänden unter der Leitung von Diego Venturino. Sie beruht auf der letzten von Voltaire autorisierten Fassung von 1775 und verzeichnet Varianten aus allen früheren Fassungen des Textes.Voltaire Foundation: Siècle de Louis XIV (IA–VI), Verlagsseite

Le Siècle de Louis XIV behandelt die Regierungszeit Ludwigs XIV. und gilt als eines der bedeutenden historiographischen Werke der französischen Aufklärung. Im Unterschied zu einer bloßen Herrscher- oder Kriegsgeschichte stellt Voltaire auch Literatur, Wissenschaften, Künste, Sitten und den Zustand der europäischen Gesellschaften dar.

Entstehung und Veröffentlichung

Bereits nach seiner Rückkehr aus dem Englandaufenthalt (1726–1728) reifte in Voltaire der Plan, eine Geschichte des Zeitalters Ludwigs XIV. zu schreiben. In der neueren Forschung wird die Entstehung daher als „la longue marche du Siècle“ von 1728 bis 1753 beschrieben. Gemeint ist nicht nur die Abfassung des 1751 erstmals erschienenen Werks, sondern der längere Prozess von der Konzeption über die Sammlung und Auswertung von Quellen bis zu den frühen Ergänzungen und Überarbeitungen nach der Erstveröffentlichung.Voltaire: Siècle de Louis XIV. Introduction von Diego Venturino, in: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 11A, Voltaire Foundation, Oxford 2019; vgl. die Inhaltsübersicht der Verlagsseite: online.

Bereits die Anlage des Werks zeigt, dass Voltaire keine herkömmliche Königsgeschichte schreiben wollte. Dem Haupttext gehen umfangreiche Listen voraus, darunter Übersichten zu Angehörigen des Königshauses, zeitgenössischen Herrschern, Marschällen, Ministern sowie Schriftstellern und Künstlern. Besonderes Gewicht besitzt der Catalogue de la plupart des écrivains français qui ont paru dans le siècle de Louis XIV, pour servir à l’histoire littéraire de ce temps.Catalogue de la plupart des écrivains français qui ont paru dans le siècle de Louis XIV, pour servir à l’histoire littéraire de ce temps (Verzeichnis der meisten französischen Schriftsteller, die im Zeitalter Ludwigs XIV. hervorgetreten sind, als Beitrag zur Literaturgeschichte dieser Zeit).

Nicholas Cronk und Jean-Alexandre Perras haben diesen Catalogue des écrivains in der kritischen Ausgabe der Œuvres complètes de Voltaire (OCV) eigens vorgestellt. Der gesamte Listen- und Katalogteil ist dort in einem eigenen Band, OCV tome 12, ediert.Voltaire: Siècle de Louis XIV, Bd. 12: Listes et “Catalogue des écrivains”. Hrsg. von Diego Venturino, mit Beiträgen von Nicholas Cronk, Jean-Alexandre Perras u. a., Voltaire Foundation, Oxford 2017, ISBN 978-0-7294-1147-9; Inhaltsangabe der Voltaire Foundation: online.

Diese Bestandteile verdeutlichen den umfassenden Anspruch des Werks: Voltaire wollte nicht nur die Regierung Ludwigs XIV. darstellen, sondern den politischen, kulturellen und geistigen Zustand eines ganzen Zeitalters erfassen.

Aufbau und Inhalt Le Siècle de Louis XIV ist in seiner endgültigen Fassung in 39 Kapitel gegliedert und wird von mehreren Listen und Übersichten eingeleitet, darunter Verzeichnisse von Herrschern, Ministern, Feldherren und Schriftstellern. Besonders wichtig ist der Catalogue de la plupart des écrivains français qui ont paru dans le siècle de Louis XIV, pour servir à l’histoire littéraire de ce temps („Verzeichnis der meisten französischen Schriftsteller, die im Zeitalter Ludwigs XIV. hervorgetreten sind, als Beitrag zur Literaturgeschichte dieser Zeit“).

Das Werk ist nicht als reine Herrscherbiographie angelegt, sondern zeichnet das politische, kulturelle und geistige Profil des 17. Jahrhunderts. Der König bildet den historischen Bezugspunkt; das eigentliche Thema ist jedoch die Gestalt einer Epoche, die Voltaire über Politik, Krieg, Diplomatie, Religion, Literatur, Wissenschaften, Künste und Sitten erschließt. Die Kapitel verbinden Ereignisgeschichte und Kulturgeschichte: Sie behandeln die Machtpolitik Ludwigs XIV., die Kriege Frankreichs, die Rolle der Minister und die Stellung Frankreichs in Europa, aber auch Verwaltung, Religion, Hofleben, Wissenschaften, Literatur und Künste. Dadurch unterscheidet sich das Werk von einer bloßen Kriegs- oder Hofgeschichte und gilt als Beispiel aufklärerischer Geschichtsschreibung, die den Zustand der Gesellschaft und die Entwicklung der Zivilisation in den Blick nimmt.

Der Historiker Erich Pelzer sieht darin einen Bruch mit der von der Antike her sanktionierten annalistischen Geschichtsschreibung: Voltaire stelle nicht die chronologische Abfolge einzelner Ereignisse, sondern die vielgliedrige Gesamtheit eines Staates in den Mittelpunkt, die er im Zusammenhang von Politik, Gesellschaft und Kultur untersuche.Erich Pelzer: Voltaire: Le siècle de Louis XIV. In: Volker Reinhardt (Hrsg.): Hauptwerke der Geschichtsschreibung. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1997 (= Kröners Taschenausgabe. Band 435), ISBN 3-520-43501-2, S. 701–704, hier S. 701.

Anekdotenkapitel, Particularités et anecdotes du règne de Louis XIV („Besonderheiten und Anekdoten aus der Regierungszeit Ludwigs XIV.“), verbinden politische Geschichte mit erzählerischen Episoden. Im Kapitel XXV geht Voltaire nach der Schilderung des Sturzes von Fouquet zur Geschichte des Mannes mit der eisernen Maske über. Er identifiziert den Gefangenen nicht ausdrücklich, sondern stellt ihn als unbekannten, offenbar hochgestellten Staatsgefangenen dar.Zur Erzählung vom Mann mit der eisernen Maske vgl. Voltaire: Le Siècle de Louis XIV, Kap. XXV: Particularités et anecdotes du règne de Louis XIV, Abschnitt zum masque de fer: „Quelques mois après la mort de ce ministre, il arriva un événement qui n’a point d’exemple […]“, Wikisource, Garnier-Ausgabe, S. 427: online. Die erste deutsche Übersetzung gibt die Stelle wieder als: „Einige Monate nach dem Tode dieses Ministers ereignete sich ein Umstand, wovon man kein Exempel findet, und ebenso seltsam ist es, daß kein einziger Geschichtsschreiber davon Nachricht gehabt hat.“ Voltaire: Die Zeiten Ludewigs des vierzehnten. Zweyter Theil, Berlin 1752, S. 13, Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek / Münchener Digitalisierungszentrum, Scan 18/516: online.

Auch in den späteren anekdotischen Kapiteln greift Voltaire höfische Gerüchte und dynastische Nebengeschichten auf. Am Ende des XXVIII. Kapitels erwähnt er die Geschichte einer dunkelhäutigen Nonne des ehemaligen Benediktinerinnenpriorats Notre-Dame-des-Anges in Moret, die wegen ihrer Hautfarbe, ihrer angeblichen Ähnlichkeit mit Ludwig XIV. und einer königlichen Dotation als mögliche uneheliche Tochter des Königs galt. Voltaire gibt die Episode nicht als gesicherte Tatsache wieder, sondern als Hofgerücht; gerade darin zeigt sich sein Interesse an der Verbindung von politischer Geschichte, Geheimnis und öffentlicher Neugier.Voltaire: Le Siècle de Louis XIV, Kap. XXVIII: Suite des anecdotes, in: Œuvres complètes de Voltaire, Garnier, Bd. 14, Paris 1878, S. 496: „On soupçonna, avec beaucoup de vraisemblance, une religieuse de l’abbaye de Moret d’être sa fille.“ (Man vermutete, und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit, eine Nonne der Abtei Moret sei seine Tochter gewesen). Wikisource: online.Zur späteren populärhistorischen Behandlung vgl. Serge Bilé: La Mauresse de Moret. La religieuse au sang bleu. Pascal Galodé Éditeurs, Saint-Malo 2012, ISBN 978-2-35593-244-1.

Voltaire verbindet erzählerisch wirksame Episoden mit einer Reflexion über den Quellenwert historischer Anekdoten. Der Historiker Pelzer deutet die in den Kapiteln 25 bis 28 eingeschobenen Anekdoten über Aberglauben und die Moral des Versailler Hoflebens als Gegengewicht zu einer bloßen Herrscherverherrlichung; sie zerstreuten „vollends jeden Anschein von Herrscherpanegyrik“.Erich Pelzer: Voltaire: Le siècle de Louis XIV. In: Volker Reinhardt (Hrsg.): Hauptwerke der Geschichtsschreibung. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1997 (= Kröners Taschenausgabe. Band 435), ISBN 3-520-43501-2, S. 701–704, hier S. 702.

Quellenbasis und Geschichtsverständnis

Le Siècle de Louis XIV beruht auf einer für das 18. Jahrhundert ungewöhnlich breiten Quellenbasis. Voltaire stützte sich nicht nur auf ältere gedruckte Geschichtswerke, sondern auch auf Memoiren, Korrespondenzen, Augenzeugenberichte und mündliche Auskünfte. Besonders wichtig waren ihm Berichte von Zeitgenossen, da sie aus seiner Sicht ein lebendigeres und genaueres Bild der Epoche ermöglichten als eine bloße Zusammenstellung politischer Ereignisse.

Kennzeichnend für das Werk ist die Verbindung von politischer Geschichte, Kulturgeschichte und Literaturgeschichte. Voltaire behandelt Kriege, Diplomatie und Regierungshandeln, richtet den Blick aber ebenso auf Wissenschaften, Künste, Theater, Akademien, religiöse Konflikte, Sitten und den Geschmack der Zeit. Die Regierungszeit Ludwigs XIV. erscheint dadurch nicht nur als Herrschergeschichte, sondern als Darstellung eines ganzen Zeitalters.

Voltaires Quellenkritik unterscheidet sich jedoch von der späteren historistischen Geschichtswissenschaft. Er prüft Überlieferungen auf Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit, übernimmt aber auch Anekdoten, wenn sie ihm charakteristisch für Personen, Hofleben oder politische Kultur erscheinen. Entscheidend ist für ihn nicht die lückenlose chronologische Dokumentation, sondern die Deutung des „Geistes“ eines Jahrhunderts. Als Geschichtsschreiber erscheint Voltaire damit weniger als Archivar im modernen Sinn denn als historien-philosophe, der aus Zeugnissen, Erinnerungen und gedruckten Quellen eine philosophisch gedeutete Kulturgeschichte formt.Vgl. Voltaire Foundation: Siècle de Louis XIV; außerdem die kritische Ausgabe: Voltaire: Siècle de Louis XIV, in: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 11A–13D, hrsg. unter der Leitung von Diego Venturino, Voltaire Foundation, Oxford 2015–2019.

Geschichtsbild Die vier glücklichen Zeitalter Voltaire eröffnet Le Siècle de Louis XIV mit einem programmatischen Geschichtsbild. Nicht jedes Zeitalter besitzt für ihn denselben Rang. Zwar hätten alle Zeiten „Helden und Politiker“ hervorgebracht und alle Völker Umwälzungen erlebt; wer Geschichte aber nicht nur als Gedächtnis bloßer Tatsachen verstehe, zähle nur wenige Epochen zu den Höhepunkten der Menschheitsgeschichte. Voltaire spricht von vier „glücklichen Zeitaltern“, in denen die Künste vervollkommnet worden seien und die Größe des menschlichen Geistes beispielhaft hervorgetreten sei.Voltaire: Le Siècle de Louis XIV, Kapitel 1, Ausgabe 1751, hrsg. von Ulla Kölving, Centre international d’étude du XVIIIe siècle: online.

Zu diesen vier Zeitaltern zählt Voltaire erstens das Griechenland Philipps II. von Makedonien und Alexanders des Großen, das er zugleich mit Perikles, Demosthenes, Aristoteles, Platon, Apelles, Phidias und Praxiteles verbindet. Zweitens nennt er das augusteische Rom, drittens das Italien der Renaissance unter den Medici und viertens das Frankreich Ludwigs XIV. Das „Zeitalter Ludwigs XIV.“ erscheint damit nicht nur als Abschnitt französischer Geschichte, sondern als einer der großen Höhepunkte der Welt- und Kulturgeschichte.

Diese Auswahl zeigt zugleich Voltaires normativen Begriff von Geschichte. Entscheidend sind für ihn nicht allein Macht, Eroberungen oder dynastische Erfolge, sondern die Entfaltung von Literatur, Wissenschaft, Kunst, Geschmack und gesellschaftlicher Verfeinerung. Das 17. Jahrhundert in Frankreich wird dadurch als Grand Siècle gedeutet, als Epoche, in der sich politische Größe und kulturelle Blüte miteinander verbinden.