Die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist ein Theoriekonzept der Sozialen Arbeit, das auf dem Postulat basiert, dass in allen Unterstützungen von den alltäglichen Erfahrungen und Bewältigungsmustern der Adressaten ausgegangen werden muss. Daraus ergibt sich ein spezifisches Verständnis der Adressaten, ebenso auch spezifische methodische und organisationelle Arrangements der Sozialen Arbeit.

Zur Orientierung: Zwei Fallvignetten Familienhilfe: Um bei Problemen der Kinder und Heranwachsenden oder der Erwachsenen, also bei Schulschwierigkeiten, Überlastung oder auch Krankheit, helfen zu können, arbeitet eine Fachkraft nicht mit den Einzelnen am eigenen Ort von Beratung oder Gruppentreffs, sondern in einer Familie, an deren Alltag sie teilnimmt; sie sucht die Familie im Zusammenleben in ihren alltäglichen Selbstverständlichkeiten und Handlungsmustern kennen zu lernen, um von da aus mit ihnen Wege zu einem verbesserten Arrangement zu finden. Die Sozialarbeiterin sucht die Menschen darin zu respektieren, wie sie miteinander auskommen, und sie zugleich zu sehen, was sie auch können und im Verborgenen vielleicht erhoffen. In der Gemeinsamkeit des Alltagslebens – beim Kochen, Spielen und Sich-Unterhalten oder in gemeinsamen Unternehmungen – soll sich ein Vertrauen entwickeln, das es möglich macht eingeschliffene, aber unglückliche Selbstverständlichkeiten bewusst zu machen und zu problematisieren. Es gilt neue Ressourcen zu entdecken, also Ressourcen im jeweiligen Selbst-, Arbeits- oder Lernverständnis und im Verhältnis zur Umwelt der Kindertagesbetreuung, der Schule, zum Jugendamt oder dem Hausarzt und vor allem auch der Nachbarschaft und der Freundschaften, des Sportvereins oder der Verwandtschaft. Sie öffnet der Familie Wege aus ihrer Isolation in die Nachbarschaft und in gemeinschaftliche Aktivitäten im Gemeinwesen. So soll sich in Phasen auf dem anstrengenden Weg aus dem Ineinander von Verunsicherung, Konflikten und neuen Orientierungen ein gemeinsamer Prozess ergeben. Die Sozialarbeiterin geht von einem Verständnis für den gegebenen Alltag aus, sie vertraut den Möglichkeiten der Adressatinnen, sie deckt in der Alltagslethargie weggedrückte, untragbare Praktiken auf, sie agiert in einem vorsichtigen, sich allmählich in den Möglichkeiten weiterentwickelnden, von allen getragenen Prozess.

Mobile Jugendarbeit (Straßensozialarbeit) mit Gruppen von Jugendlichen:  Die Jugendlichen treffen sich oft in der Flucht aus ihren Familien und in bewusster Abkehr von Schule, Ausbildung und deren Erwartungen an eigenen Orten, sie hängen miteinander ab, unternehmen etwas gemeinsam, hören Musik oder spielen an ihren Handys. Wenn der Sozialarbeiter diese Jugendlichen an ihren Treffpunkten aufsucht, sieht er sie nicht primär von den Auffälligkeiten der Jugendlichen aus – Krach mit oder Sich-Verschließen gegenüber ihrer Familie, Lernprobleme und Schulverweigerung oder öffentliche Provokationen –, sondern als Jugendliche an einen Ort, an dem sie etwas gelten und mit ihren Interessen Anerkennung finden in der Gemeinsamkeit der Gruppe. Sie sieht aber auch die Schwierigkeiten, die riskanten Unternehmungen und die Probleme in und mit der Öffentlichkeit, die gesundheitlichen Problemen und Risiken mit Alkohol und Drogen, die Spannungen innerhalb der Gruppe. Die Arbeit des Sozialarbeiters ist heikel – Jugendliche, die sich protestierend in ihre eigene Welt zurückziehen, sind misstrauisch. Es muss also gelingen, Vertrauen zu gewinnen, die Gruppe muss sie als nützlich erfahren, es gilt, den Lebensraum der Gruppe zu sichern und für die gegebenen Bedürfnisse Äußerungsformen zu finden, die nicht gefährlich und gefährdend sind. Dabei braucht es die Balance zwischen dem Werben um Vertrauen, den Anregungen zu gemeinsamen, zugänglichen und attraktiven Aktivitäten und den Arrangements für elementare Versorgungsleistungen. In solchen Unterstützungen im Alltag können sich den Jugendlichen dann auch Perspektiven für ein Leben neben und jenseits der Gruppe eröffnen.

Zur Entstehung des Konzepts Lebensweltorientierte Soziale Arbeit Das Konzept der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit ist in den 1970er Jahren im Kontext der generellen Gesellschaftskritik in der damaligen Bundesrepublik entstanden. Gegenüber der damaligen Praxis eines autoritären und stigmatisierenden Umgang mit den Adressaten und der Verwaltungsdominanz entstand ein neues kritisches Bewusstsein der gesellschaftlichen und sozialen Funktion der Sozialen Arbeit. Von da aus entwickelte der Tübinger Sozialpädagoge Hans Thiersch das Konzept einer alltags- und lebensweltorientierten Sozialen Arbeit. Deren spezifische Aufgaben, Unterstützungen und Hilfen in belasteten Lebensverhältnissen zu leisten, wurde im Konzept in einer neuen Weise im Horizont der alltäglichen Bewältigungserfahrungen der Adressaten. Es klinkt sich damit in eine allgemeine gesellschaftliche Problemlage ein, denn die Frage nach dem Alltag war im letzten Jahrhundert zunehmend zum Thema geworden. Angesichts der gegebenen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse und angesichts der zunehmenden Differenzierung und Organisation der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse erweist sich die Bewältigung des Lebens im Alltag zunehmend als zentrales Problem der Lebensgestaltung. Man redet vom alltäglichen Chaos in Familien; Alltagsprobleme bestimmen Erzählungen, Biografien und Autobiografien und ebenso sozialwissenschaftliche und philosophische Konzepte. Vor diesem Hintergrund entwickelt lebensweltorientierte Soziale Arbeit ihr eigenes Theoriekonzept mit einem spezifischen Verständnis der Adressaten und des sozialpädagogischen Handelns und seiner Organisationen. Das Konzept hat sich seit den 1990er-Jahren als eines der maßgeblichen Theoriekonzepte für Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit durchgesetzt. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit versteht sich als Rahmenkonzept einer Sozialen Arbeit, das es gegen gesellschaftliche Tendenzen und gegen Widerstände in der Struktur der eigenen Arbeit durchzusetzen gilt. Zwar konnte es in Ansätzen, in Projekten und Tendenzen realisiert werden, es bleibt aber in der Realität der gesellschaftlichen Machtstrukturen und der institutionellen und professionellen Widersprüche über weite Strecken Programm. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit ist eine Aufgabe als „work in progress“.

Theoretische Hintergründe Das Konzept Lebensweltorientierung steht in der hermeneutischen Tradition der Pädagogik (Dilthey, Nohl) und seiner Weiterführung in einer kritischen Pädagogik, die im Interaktionismus fundiert ist (Mollenhauer). Die Sicht der Adressaten ist bestimmt in der phänomenologischen Frage nach der Lebenswelt (Husserl) und nach den Mustern des alltäglichen Verhaltens (Schütz, Berger/Luckmann); eine kritische Alltagstheorie (Bourdieu, Kosik) wird mit neueren Arbeiten zur Gesellschaftstheorie verbunden (Habermas, Beck, Reckwitz). In Bezug auf das pädagogische Handeln und seine institutionellen Organisationen sieht sich das Konzept in vielfältigen Bezügen zu Pestalozzi, Bernfeld, Korczak und Nohl und der breiten neueren Fachdiskussion. In der sozialethischen Bestimmung der Sozialen Arbeit steht das Konzept in der Tradition der Aufklärungsideen von Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit; es konkretisiert sie im gesellschaftskritischen Modell Heimanns: Die herrschenden Kapital- und Machtverhältnisse stehen im Kampf gegen die sozialen Interessen; diese Interessen müssen im Kompromiss, der die Demokratie und den Sozialstaat im Horizont der Menschenrechte bestimmt. Dieses Konzept kann in fachlicher Parallele gesehen werden zum Ansatz der Sozialpsychiatrie (Dörner/Plog) und der Gemeindepsychologie (Keupp) oder auch des medizinischen Modells der Salutogenese. Im Allgemeinen gesellschaftlichen Kontext ergeben sich vielfältige Parallelen zu zivilgesellschaftlichen und sozialen Bewegungen und vor allem zur feministischen Diskussion von alltäglicher Sorgearbeit, von Care (Bitzan; Brückner/Thiersch).

Alltäglichkeit, Alltagswelten, Lebenslagen Lebensweltorientierte Soziale Arbeit hat ihren Ausgang in den Fragen nach dem Alltag ihrer Adressaten, nach deren eigenen alltäglichen Handlungs- und Deutungsmustern. Diese Fragen beziehen sich auf drei Ebenen. Auf der einen wird thematisiert, wie alle Menschen in ihren Lebensverhältnissen sich in der Welt finden und versuchen, mit ihrem Leben zurande zu kommen. Diese erste, gleichsam anthropologisch allgemeine Ebene der Alltäglichkeit konkretisiert sich – das ist die zweite Ebene – in Alltagswelten zum Beispiel der Familie, des Jugendlebens, der Schule und der Arbeit; in diesen Alltagswelten gelten die allgemeinen Muster alltäglicher Lebensbewältigung in der Unterschiedlichkeit der konkreten Gestaltungen. Beide, Alltäglichkeit und Alltagswelten, sind bestimmt – und das ist die dritte Ebene – durch soziale, kulturelle und materielle Strukturen, also durch die Lebenslagen (s. dazu Björn KrausBjörn Kraus (2019): Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit. Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Weinheim, München: Beltz, Juventa.). Die Vorderbühne von Alltäglichkeit und Alltagswelten ist durch die Hinterbühne der Lebenslagen geprägt; Alltäglichkeit und Alltagswelten sind die Schnittstelle des Alltäglich-Konkreten und des Gesellschaftlich-Strukturellen, des Subjektiven und des Objektiven. Lebensweltorientierte Soziale Arbeit sieht den Alltag auf diesen drei Ebenen, sie setzt auf der Ebene der Alltagswelten in den Bewältigungsaufgaben der Alltäglichkeit an und agiert darin im Horizont der Lebenslagen, die die Alltäglichkeit und die Alltagswelten bestimmen.

Das Alphabet der Alltäglichkeit