Der Roman Wann, wenn nicht jetzt? (italienisches Original: Se non ora, quando?) von Primo Levi wurde erstmals 1982 vom Verlag Giulio Eunaudi editore s.p.a. in Turin, veröffentlicht. Die erste deutschsprachige Ausgabe folgte 1986 durch den Carl Hanser Verlag München.Primo Levi, Wann, wenn nicht jetzt? 10. Auflage 2024, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co KG, München, ISBN 978-3-423-11117-1, Übersetzung Barbara Kleinert
Einleitung
Mit diesem Werk entfernt sich Primo Levi vom autobiographischen Format seiner ersten Bücher. Jedoch verarbeitet er auch hier eigene und fremde Erfahrungen des Krieges und der Nachkriegszeit. Eine Bestrebung ist vor allem, die Sichtweise zu beenden, dass die Juden nach Krieg und Holocaust vor der Welt vor allem als Opfer, kaum aber als Teil des Widerstands und auch des bewaffneten Befreiungskampfes gesehen werden. „... in Warschau haben bewaffnete Juden letzten April den Deutschen länger standgehalten als '41 die ganze Rote Armee.“Primo Levi, ebenda, S. 57, Zitat bezieht sich auf den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943 Auch in diesem Format bleibt Levis Fähigkeit zum analytischen Blick, zur Auswahl wesentlicher Details als repräsentative Impulse für die Handlung, deutlich sichtbar. Er stützt sich dabei auf den mündlichen Bericht von Vita Fizi, der in dem Mailänder Hilfsbüro arbeitete, über das im letzten Kapitel geschrieben wird, sowie auf das umfangreiche Archiv von Giorgio Vaccaroni.Primo Levi, ebenda, Nachwort Hinzu kommt die umfangreiche Nutzung von amerikanischen, italienischen, polnischen Dokumentationsmaterialien aus Archiven des jüdischen Widerstandes in Europa, sowjetischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg, jüdischer Kultur, des polnischen Widerstandes, sowie der Besetzung der Ukraine.
Levi gelingt ein spannendes Buch über den Kampf einer jüdischen Partisaneneinheit in den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkriegs, die sich in Weißrussland findet, durch Polen bis nach Deutschland zieht, und schließlich nach Mailand gelangt.
Handlung
Die Handlung führt in zwölf Kapiteln in die Zeit vom Sommer 1943 in den Sommer 1945, bis zum Tag des Abwurfs der ersten Atombombe auf Japan, der die Zeit des Kalten Krieges einleitet.
Die Schlüsselfigur des Romans ist der 28-jährige Mendel Nachmanovitch Dajcer (jiddisch: Mendel Ben Nachman), Uhrmacher und Mechaniker aus dem Dorf Strelka. Dort ermordeten Einsatzgruppen der SS und ihre einheimischen Helfer nahezu alle Einwohner, so auch Mendels Frau Rivke.
Die Figur des Mendel erfüllt außer der Rolle als versprengter Rotarmist und ausgebildeter Artillerist im Hinterland der deutschen Besatzer im Buch zwei weitere Aufgaben: Er ist schicksalhaft verknüpft mit fast allen Figuren des Romans und er bringt dem Leser jüdische/jiddische Begriffe und Bräuche nahe. Mendel-der Tröster-ist also im beidem eher ein Brückenbauer und Vermittler zwischen unterschiedlichsten Weltsichten und zwischen verschiedensten Menschen.
Juli 1943 bis Mai 1944 (1. bis 6. Kapitel)
Mendel trifft auf seinem Weg zuerst den 19-jährigen Leonid, einen jüdischen Fallschirmjäger der Roten Armee und ehemaligen Buchhalter, der gerade aus einem deutschen Lager entkommen ist. Leonid ist Sohn eines Eisenbahners, der 1920 noch im Krieg gegen die Weißen stand. Nachdem Leonid geboren war, wurde er aber mit dem Vorwurf der Sabotage auf die Solowski-Insel verbannt. Der Junge kam schließlich in ein Heim. Seine Mutter nahm ihn nicht zu sich, da sie einen neuen Mann heiratete.
Leonid zieht mit Mendel durch die Wälder hinter der Front in Richtung Westen, so wie es für versprengte Rotarmisten befohlen war. Sie treffen auf den Usbeken Peiami, der in einem abgeschossenen deutschen Jagdbomber haust, ziehen etwas später weiter nach Niwnoje, überqueren die Bahnlinie Gomel-Brjansk und finden nach wochenlangem Marsch durch die Wälder die Partisanka von Wenjamin Ivanovitch, die gerade lautstark die Kapitulation Italiens feiert. Wenjamins Gruppe nimmt Leonid und Mendel letztlich nicht auf und schickt die beiden weiter zur Schleife des Ptitsch nach Nowoselki, in die Sümpfe von Polesje. Die beiden überqueren den Dnepr und erreichen neun Tage später die „Republik der Sümpfe“. Zuerst begegnet ihnen dort der 35-jährige Adam, ein Textilarbeiter aus Minsk und früherer Gewerkschafter, der noch die Gefängnisse des Zaren kennengelernt hat, unter Stalin aber nach Wologda verbannt wurde und nun mit seiner Tochter Sissl zur Republik der Sümpfe in einer verlassenen Klosterruine, eher ein Familienlager als eine wirkliche Partisaneneinheit, gehört.
Die Gruppe wird von Dov angeführt, der aus dem Dorf Mutoraj auf der Tunguska in Zentralsibirien stammt und dort als Kind 1908 die Tunguska Katastrophe erlebte. 1941 kam Dov zur Luftwaffe und im Juli 1941 ins Gefangenenlager der Deutschen, aus dem er flieht. Eine Verletzung am Bein, heilt bei Bauern weitgehend aus. Die Gruppe wird aufgefordert, sich mit zwei Kämpfern an einem Anschlag auf eine Jagdgesellschaft deutscher und ukrainischer Militärs in Rowno zu beteiligen, um gegenüber den Russen zu beweisen, dass auch Juden bereit sind, unter Einsatz ihres Lebens gegen die Faschisten zu kämpfen. Dov schickt den jungen Rabbinerschüler Ber und Wadim, einen 22-jährigen konvertierten Juden, „zwei Nebbiche, zwei unerfahrene Grünlinge“.Primo Levi, ebenda, S. 90.
Wadim kam zurück und berichtete über den erfolgreichen Anschlag bei dem schließlich die ukrainischen Hilfstruppen der Deutschen auch aufeinander und auch auf deutsche Offiziere schossen. Am nächsten Tag ist auch Wadim tot, gestorben an seinen Verletzungen. Die SS rächt sich mit einem Massaker an den Bauern von Rowno. Die ältesten im Lager bitten darum, das Lager verlassen und ins Ghetto gehen zu dürfen. Das bieten die Deutschen auf Plakaten, die sie überall in der Gegend verbreiten, als „Amnestie“ für die Versteckten an. Die Situation der Gruppe ist deprimierend. Mendel philosophiert über die Anklage, die Juden gegen Moses erhoben, als die Wagen des Pharao sie bedrängten: „Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben?“Primo Levi, ebenda, S. 92. Zwei Tage später folgt auch die Rache der SS-Menschenjäger in Waldversteck von Nowoselki, nur 11 der Kämpfer bleiben übrig, unter ihnen Leonid und seine Freundin Line, (genannt nach Emmeline Pankhurst), Sissl, die Tochter Adams, vier Rotarmisten, die kurz vor dem Gefecht im Kloster zu ihnen gestoßen waren und die Nachricht gebracht hatten, dass die Russen Charkow zurückerobert hatten. Adam verblutet nach dem Gefecht. Der Schnee hilft ihnen bei der Flucht und bedeckt ihre Spuren. Sie beschließen, die starke Partisanengruppe um den jüdischen Gedale Skidler zu suchen, der nicht nur als Violinist und Verfasser von Gedichten bekannt ist, sondern auch durch seine unkonventionellen Kampftechniken einen Ruf erworben hat.
Während der nächtlichen Rast in einer Hütte, werden sie von Ulybins Kämpfern aufgestöbert. Piotr, ein Russe, der sie zuerst in der Hütte fand, charakterisiert die Lebensweise in Gedales Partisaneneinheit, die von Ulybin angeführt wird: „Bei uns läuft die Zeit wie ein Hase im Zick-Zack. Wer für den nächsten Tag einen Plan macht und ihn dann auch durchführt, der ist tüchtig: wer aber einen Plan für die nächste Woche aufstellen will, der ist verrückt oder ein deutscher Spitzel.“Primo Levi, ebenda, S. 102.
Später erzählt Piotr Mendel auch vom Bruch zwischen Ulybin und Gedale, da letzterer unbedingt eine jüdische Partisaneneinheit gründen will, die Devise aus Moskau aber verlangt, dass die jüdischen Kämpfer auf verschiedene Einheiten verteilt werden sollen. Ulybins Gruppe ist deutlich besser organisiert als die, die sie bisher kennenlernten.
Mendel erlebt eine spontane Aktion der Ulybin-Partisanka, als Fedja, ein siebzehnjähriger Junge aus dem Dorf Turow, meldet, er habe eine deutsche Telefonleitung zwischen Turow und Schitkowitschi durchtrennt. Ulybin meint, eine Telefonleitung durchtrenne man nicht, man höre sie ab und beschließt am Tag darauf, mit Pavel Jurevic und Mendel an Ort und Stelle zu gehen, um die Idee umzusetzen. Pavel hat gerade die Partisanen mit einer Vorstellung seiner Schauspielkunst, seiner hervorragenden Deutsch- und Jiddisch-Kenntnisse amüsiert.
Am nächsten Tag gibt Pavel am Telefon gegenüber den Deutschen den Oberst Graf Heinrich von Neudeck und Langenau, Kommandant des 3. Regiments der 13. Division der Roten Armee, Abteilung Innere Front und Besetzte Gebiete und narrt so die Telefonisten.Primo Levi, ebenda, S. 120 Es meldet sich ein Deutscher aus David Gorodok zurück. Die Aktion endet mit zwei gefangenen ukrainischen Hilfsmilizionären, die die Deutschen zur Erkundung in den Wald geschickt hatten, einigen Informationen über die Deutschen in Turow, Schitkowitschi und David Gorodok sowie dem Beschluss, die Garnison von Schitkowitschi anzugreifen. Einer der beiden Gefangenen versucht, unterwegs zu fliehen und wird angeschossen. Am Abend verlangt Ulybin von Mendel, dass er den schlafenden, verletzten Hilfsmilizionär erschießt. Der beschlossene Angriff auf Schitkowitschi fällt aber aus, da die Moskauer Pläne andere sind.
In der Partisanka freundet sich Leonid mit Line an. Leonids Beziehung zu Line wird Anlass für Mendel, sich intensiver mit den Beziehungen der Frauen und Männern der Partisanka zu beschäftigen. Auch mit seiner eigenen Beziehung zu Sissl, der Tochter Adams. Dabei kommt immer wieder Mendels jüdische Prägung zum Vorschein. Warum tut Line Leonid, dem die Erlebnisse seiner frühen Jugend viel Vertrauen in die Menschen zerstört haben, gut? Wer ist sie? Lines Großmutter mütterlicherseits wurde am gleichen Tag geboren wie Emmeline Pankhurst. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften in Zürich und setzte sich nach ihrer Rückkehr nach Russland für Frauenrechte ein. Ihre Eltern sind beide russische Juden und Philosophiestudenten. Line gehörte in Dovs Gruppe zu den Kämpferinnen der Partisanka. Als die Deutschen kamen, blieb Line die zuvor in Tschernigow wohnte, dort und wurde ins Ghetto gesperrt. Sie beschafft mit Gefährten, die sie aus Kiew kannte, Waffen, erlernte den Umgang damit „die Frau, die Jüdin, die Zionistin, die Kommunistin war in Line zu einer einzigen Person geworden, die nur einen einzigen Feind hatte“.Primo Levi, ebenda, S. 132 Sie ist eine moderne Frau, an die sich Leonid, der jünger ist als sie, gern anlehnt. Mendel vergleicht sie mit Rahab, der Verführerin von Jericho und anderen Frauen der Talmudlegende. Mit Yael, oder Michal, die allein durch ihren Anblick bezauberte,Primo Levi, ebenda, S. 130. Abigail, der klugen Königin, die jeden bestrickte, der auch nur an sie dachte.
Inzwischen hat die Rote Armee den Dnepr überschritten, bei Krywyj Rih wird gekämpft. Auf einem provisorischen Flugplatz landet ein P2-Holzflugzeug, ein Partisanenflugzeug, das von der Pilotin Polina Gelman aus Homel, nicht älter als zwanzig Jahre, vom Frauenregiment, Tochter eines Rabbiners, der Großvater Flickschuster (aus dem Ghetto von Soligarsk) gelenkt wird. Außer Medikamenten und Lebensmitteln brachte sie auch die Nachricht, dass die Deutschen starke Kräfte für die Partisanenjagd in die Gegend von Polesje und der Prypjatsümpfe geschickt hatten. Die Bewohner des Ghettos von Soligorsk seien alle erschossen worden. Zwei Fliegeroffiziere steigen aus und beraten sich mit Ulybin über die nächsten Aktionen, nach deren Abflug folgt eine Zeit der Untätigkeit. Heimweh greift um sich, das am schlimmsten für die Juden ist, denn ihre Heimat ist vernichtet worden. Heimweh ist für sie das gleiche wie Verzweifelung.
Der Gruppe gelingt ein Täuschungsmanöver als deutsche Flugzeuge, Versorgungsgüter für ihre Truppen abwerfen. Ulybins Gruppe macht allerhand Beute, brauchbares und unbrauchbares. Unter anderem deutsche Minensuchgeräte. Allerdings verlieren sie zwei Gefährten, als sie den Landeplatz noch einmal aufsuchen, in der Annahme, die Deutschen würden dort ein zweites Mal Kisten abwerfen. Statt Fallschirmen kommen aber Bomben.Primo Levi, ebenda, S. 149.