Dies ist eine Liste von Psychiatern und anderem medizinischen Personal während der NS-Zeit in Österreich. An der Vernichtung lebensunwerten Lebens und an den Krankenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus hat auch in Österreich eine Vielzahl von Personen aktiv teilgenommen. An der Spitze der Täter standen Mediziner, zumeist Psychiater, welche durch ihre Begutachtungstätigkeit den Weg zur Tötung ihrer Patienten frei machten und sich dabei auch eine Menge Geld verdienten. Diese handelten nicht allein, sondern konnten auf die Mithilfe von Krankenschwestern, Pflegern oder Verwaltungsmitarbeiterinnen zählen; man denke etwa an das Standesamt in der Tötungsanstalt Hartheim, deren Mitarbeiterinnen die gefälschten Todesbenachrichtigungen ausstellten und den Versand der Asche aus wahllos gesammelten Rückständen des Krematoriums der verbrannten Opfer an die Angehörigen durchführten, bis hin zu den Busfahrern, welche die Transporte in die Tötungsanstalten durchführten; nicht zu vergessen sind die Arbeiter für die Gaskammern und die Krematoriumsöfen, welche auch für das Herausbrechen der Goldzähne der Getöteten bzw. für die Entnahme der Gerhirne bei Personen, die für die Ärzte von besonderem Interesse waren, verantwortlich waren. Einen Höhepunkt dieser Morde stellte die Aktion T4 und ihre Nachfolgeaktionen (etwa die Aktion 14f13 oder die Aktion Brandt) dar. Nachdem die Aktion T4 aufgrund aufkommender Unruhe in der Bevölkerung im August 1941 eingestellt worden war, sind die gezielte Tötungen in verdeckter Form etwa mit überdosierten Medikamenten oder Verhungernlassen durch Unterernährung (siehe dazu den Hungerkost-Erlaß in Bayern) weitergeführt worden. Die Begutachtungstätigkeit von Medizinern war auch Voraussetzung für die in der NS-Zeit durchgeführten Zwangssterilisationen. An die Opfer erinnern heute die an vielen Orten verlegten Stolpersteine.
mini|Gedenktafel für Anna Bertha Königsegg Nur wenige stellten sich diesem System der Massentötungen und Körperverletzungen entgegen. Zu nennen ist dabei die Vinzentinerin Anna Bertha Königsegg, welche ihren Mitschwestern verboten hatte, beim Ausfüllen der Fragebögen, der Abholung oder dem Transport ihrer Pfleglinge in die Tötungsanstalt Hartheim mitzuwirken und die den Barmherzigen Schwestern im Pflegedienst des Landeskrankenhauses untersagte hatte, sich an Zwangssterilisationen zu beteiligen oder Ärzten bei diesen Eingriffen zu assistieren. Zu den wenigen, die gegen diese Tötungsaktion Stellung bezogen, zählte auch der damalige Kapitularvikar der Diözese Gurk, Andreas Rohracher. Seine Eingaben an den Regierungspräsidenten Wladimir von Pawlowski blieben aber ohne Erfolg, so dass Rohracher in einem Brief an die Schwestern, welche die „Anstalt für Schwachsinnige“ in Tainach betreuten, ihnen unter Androhung der Exkommunikation verbot, Kinder auszuliefern; die NS-Machthaber kümmerte dieses Verbot allerdings nicht und sie holten die für die Tötung ausgewählten Kinder dennoch ab.
Nach dem Kriegsende erfolgte ansatzweise eine gerichtliche Aufarbeitung. Von den angeklagten Tätern und Täterinnen wurde wenige zum Tode verurteilt, die meisten zu geringfügigen Haftstrafen verurteilt oder freigesprochen. Gerade die Ärzteschaft konnte danach in vielen Fällen ihre Leitungsstellen an den Kliniken bzw. Professorenstellen an Universitäten behalten oder neu erlangen. Die während der Krieges aufgebauten Seilschaften konnten auch in Tarnorganisationen wie der Paracelsus-Gesellschaft in aller Öffentlichkeit gepflegt werden.
Liste (alphabetisch)
Name Geburtsdatum und -ort Sterbedatum und -ort Beschreibung Bild Hans Asperger 18. Februar 1906 in Wien21. Oktober 1980 in Wien In der Zeit des Nationalsozialismus war er Mitglied einer Kommission, die mehrere als „aussichtslose Fälle“ eingestufte Kinder in die Anstalt Am Spiegelgrund überwies, wo sie später im Rahmen der „Kinder-Euthanasie“ ermordet wurden. Da bis zur Ermordung dieser Kinder noch weitere Schritte nötig waren, fehlten die Grundlagen, ihn nach Kriegsende des Mordes anzuklagen, aber er war Teil der Legitimation dieser Morde und trug als Experte die Einteilung in „Brauchbarkeitsstufen“ mit. 100px Hans Asperger (1940) Alfred Auersperg 26. September 1899 in Nußdorf am Haunsberg10. September 1968 in Hamburg Er beantragte am 26. Mai 1938 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 6.196.737).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/860084 Ebenso trat er zum 1. April 1938 der SS bei und gehörte der SS-Ärzteschaft als SS-Rottenführer an.Bundesarchiv R 9361-III/3971 Von 1940 bis 1945 war er Direktor der Wiener Städtischen Nervenheilanstalt Döbling, dem sogenannten Maria-Theresien-Schlössel. Eine Beteiligung an Euthanasiemaßnahmen ist ihm nicht nachzuweisen, obwohl er als Klinikleiter durchaus an Patientenselektionen beteiligt gewesen sein könnte. Aus dem Dienstverhältnis mit der Nervenheilanstalt Döbling wurde er wegen seiner Zugehörigkeit zu nationalsozialistischen Vereinigungen am 6. Juni 1945 entlassen.100px Maria-Theresien-Schlössel (Wien Hofzeile) Oskar Begusch 21. Jänner 1897 in Marburg an der Drau 11. Jänner 1944 in GrazAls Psychiater war er Direktor der Landes-Irren-Heil- und Pflegeanstalt Feldhof bei Graz, die sich unter seiner Leitung zu einem Zentrum eugenischer Maßnahmen in der Steiermark entwickelte. 1924 trat Begusch der österreichischen DNSAP bei. Zum 3. Mai 1932 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.080.970).Bundesarchiv R 9361-VIII KARTEI/1581484 1934 schloss er sich der SS an (SS-Nummer 309.506)Bundesarchiv R 9361-III/9831 und stieg am 12. März 1938 zum SS-Sturmbannführer auf. Von März 1938 bis Oktober 1939 war er SD-Führer Abschnitt Graz. In Berlin nahm Begusch an der Planung der Aktion T4 teil und gehörte vom 2. September 1940 bis zum 4. Juli 1941 zum Kreis der T4-Gutachter. Er verstarb im Januar 1944 an den Folgen eines Blinddarmdurchbruchs.100px Landes-Irren-Heil- und Pflegeanstalt Feldhof bei Graz 1898 Burghard Breitner 10. Juni 1884 in Mattsee28. März 1956 in InnsbruckDeutschnational orientiert, trat Breitner 1932 in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei ein. Nach dem Verbot der NSDAP im Ständestaat (Österreich) trat er aus der Partei aus. Am 16. Dezember 1938 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde am 1. Dezember 1939 aufgenommen (Mitgliedsnummer 7.292.580).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/4370495 Von 1940 bis 1945 war er zu den an der Innsbrucker Universitätsklinik durchgeführten Zwangssterilisationen vom NS-Regime ermächtigt und für diese verantwortlich. In der Nachkriegszeit in Österreich wurde er vom Verband der Unabhängigen als parteiungebundener Kandidat für die Bundespräsidentenwahl in Österreich 1951 aufgestellt und erzielte 15,4 % der Stimmen.100px Plastik Burghard Breitner im Stiftsmuseum Mattsee Igor A. Caruso 23. Januar 1914 in Tiraspol 28. Juni 1981 in SalzburgEr wuchs bei katholischen Patres in Belgien auf und konnte 1937 seinen Doktorgrad an der Universität Leuven erwerben. 1942 übersiedelte er nach Wien. Unter der Leitung von Ernst Illing und dem Stationsarzt Heinrich Gross wurde er Erzieher und psychologischer Gutachter in der „Kinderfachabteilung“, den Pavillons 15 und 17 (Abteilungen „Ausmerzende Maßnahmen“ und „Erb- und Rassenpflege“) am Wiener Spiegelgrund. Mindestens 14 Kinder wurden auch aufgrund der von ihm erstellten psychologischen Gutachten im Zuge der Kinder-Euthanasie-Programmes ermordet. 1942 bekam er eine besser dotierte Stellung in der von Alfred von Auersperg geführten Wiener Städtischen Nervenheilanstalt Döbling. Er wurde nicht in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen und gründete 1947 stattdessen den Wiener Arbeitskreis für Tiefenpsychologie, in dem sich vor allem ehemalige NSDAP-, SS- und SA-Mitglieder, zum Teil aus dem nationalsozialistischen Reichsinstitut für Psychotherapie stammend, sowie katholisch geprägte Psychiater und Psychologen zusammenfanden. 1972 wurde er ohne Habilitation und ohne Durchführung eines Berufungsverfahrens, aber zur Abwehr eines Rufes an die Freie Universität Berlin, von Ministerin Hertha Firnberg zum Professor für Klinische Psychologie und Sozialpsychologie ernannt. 100px Igor Caruso (1968) Hans Czermak 21. April 1892 in Graz 30. April 1975 in Innsbruck Österreichischer Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankungen und Gauamtsleiter für Volksgesundheit der Reichsstatthalterei Tirol-Vorarlberg. 1933 trat er in die NSDAP (Mitgliedsnummer 1.517.366)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/5631264 und im selben Monat in die SA. Er war auch Gauobmann des NS-Ärztebundes, Vorstand der Tiroler Ärztekammer und der kassenärztlichen Vereinigung. Er war hauptverantwortlich für die Durchführung der Krankentransporte aus dem Gau Tirol-Vorarlberg in die NS-Tötungsanstalt Hartheim. 1949 wurde über ihn eine achtjährige schwere Kerkerstrafe bei gleichzeitigem Vermögensverfall ausgesprochen. 1950 wurde er wegen guter Führung bedingt aus der Männerhaftanstalt Garsten entlassen. Obwohl die Tiroler Ärztekammer und das Professorenkollegium der medizinischen Fakultät der Universität Innsbruck sein Gnadengesuch einstimmig unterstützten, lehnte das Innsbrucker Volksgericht das Gesuch, dass er noch einmal als Arzt tätig werden sollte, ab. Danach arbeitete er als Angestellter bei einer Chemiefirma in Wolfsberg. Heinrich Gross 14. November 1915 in Wien 15. Dezember 2005 in HollabrunnAls Psychiater und als Stationsleiter der „Reichsausschuß-Abteilung“ war er an der Wiener „Euthanasie-Klinik“ Am Spiegelgrund tätig und an dem Missbrauch behinderter Kinder für Forschungszwecke und an ihrer Ermordung beteiligt. Vor dem Oberlandesgericht Wien konnte ihm die Mitbeteiligung an den „Euthanasie“-Morden nachgewiesen werden, strafrechtlich wurde er dafür jedoch nicht belangt, weil die Staatsanwaltschaft sich jahrelang weigerte, ihn des Mordes anzuklagen, und Totschlag verjährt war. Erst 1997 kam es zur Mordanklage. Die Verhandlung sollte am 21. März 2000 stattfinden, jedoch wurde Gross für nicht vernehmungsfähig erklärt und die Verhandlung für unbestimmte Zeit aufgeschoben.100px