Günter Ohlwein (* 27. Mai 1930 in Kassel; † 6. August 2022 in Berlin) war ein deutscher Bildhauer und Maler sowie Hochschullehrer an der Universität der Künste Berlin.
Leben
Günter Ohlwein wurde am 27. Mai 1930 in Kassel geboren und zog 1932 mit seinen Eltern nach Berlin. Bereits im Alter von 16 Jahren begann er mit plastischen Experimenten; erste Arbeiten entstanden 1946/47.E.L.: „Bemerkenswerter Profilgestalter“, in: Petrusblatt. Katholische Kirchenzeitung des Bistums Berlin, 25. April 1971 (Ausschnitt, gestempelt: Pressebeobachtungsbüro „Der Ausschnitt“, Berlin 45). Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. Von 1948 bis 1950 erhielt er Zeichenunterricht bei Hans Speidel an der Heinrich-Zernack-Kunstschule in Berlin.Biografie Günter Ohlwein, unveröffentlichtes Typoskript, Nachlass des Künstlers, Berlin.
Von 1950 bis 1956 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste Berlin (HdK) bei den Professoren Otto Müller, L. G. Schrieber und Ernst Fritsch; 1954 bis 1956 als Meisterschüler.
Zu Beginn der 1960er Jahre vollzog Ohlwein den künstlerischen Wechsel von der Malerei zur Bildhauerei und erhielt 1962 einen ersten Lehrauftrag im Grundstudium Plastik an der HdK Berlin. 1966 folgte der Kritikerpreis des Verbandes Deutscher Kritiker für Bildende Kunst.Zwei Zeitungsausschnitte [Zeitungstitel nicht identifiziert], ca. 1966: 1) Bildunterschrift „Vier Augenpaare eines ‚Kulturquartetts‘...“ (Foto: dpa-UPI-Bildfunk); 2) Artikel „Auch eine Dame wurde ausgezeichnet. Zur gestrigen Verleihung der Kritikerpreise in der Akademie der Künste.“ Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. Im selben Jahr drehte Dietrich Mahlow den Film „Drei Bildhauer“ über Waldemar Grzimek, Günter Ohlwein und Reich (Vorname unbekannt); Ausstrahlung am 5. Februar 1967 im ZDF.Wolf Henning Habermehl (Produktion von Fernsehfilmen), Leimen/Pfalz: Brief an Günter Ohlwein, 14. Dezember 1966. Betreff: „Film ‚Drei Bildhauer‘ – Sendung am 5.2.67 im Zweiten Deutschen Fernsehen – Regie: Dr. Dietrich Mahlow.“ Nachlass Günter Ohlwein, Berlin.
1971 folgte er dem Ruf zum Professor an die Staatliche Hochschule für Bildende Künste Berlin (HdK), heute Universität der Künste Berlin; 1. Oktober 1971 bis 30. September 1992.Berufungsakte Prof. Günter Ohlwein, Staatliche Hochschule für Bildende Künste Berlin, 1971: (a) Brief Prof. H. Hirsig (Abteilungsbeirat) an Ohlwein, 7. Juni 1971; (b) Senator für Wissenschaft und Kunst an Ohlwein, 15. September 1971; (c) Ohlwein an Senator, 19. September 1971; (d) Dienstvertrag Land Berlin / Günter Ohlwein, 2. November 1971. — Ruhestandsurkunde der Hochschule der Künste Berlin (Dr. Olaf Schwencke), 30. September 1992. Alle Dokumente: Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. Zu seinen Mitarbeitern an der HdK gehörte u. a. der Bildhauer Rolf Lieberknecht (1982 bis 1987).Rolf Lieberknecht, Biografie, in: Universität Duisburg-Essen, Fachbereich Kommunikationsdesign [Lehrgebietsheft], PDF: uni-due.de abgerufen am 3. Mai 2026: „1982–87 Künstlerischer Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der Hochschule der Künste Berlin, Prof. Günter Ohlwein.“ Ohlweins Lehrzeit an der HdK ist ferner dokumentiert in: Bildhauer und Maler am Steinplatz. Die Lehrer des Fachbereichs Bildende Kunst der Hochschule der Künste Berlin. 1945–1986. Ausstellungskatalog, Staatliche Kunsthalle Berlin; 29. Oktober – 23. November 1986.Rainer E. Klemke (Red.): Bildhauer und Maler am Steinplatz. Die Lehrer des Fachbereichs Bildende Kunst der HdK Berlin 1945–1986. Staatliche Kunsthalle Berlin in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste Berlin, 1986.
In den 1960er bis Ende der 1970er Jahre befand sich sein Atelier in der Bleibtreustraße, Berlin.Rechnungsdurchschläge Günter Ohlwein, 1970–1973, Seesener Straße 18, Berlin 31. Nachlass Günter Ohlwein, Berlin.(a) Berliner Künstler in der Villa Hammerschmidt. AP/dpa-Meldung, [Zeitung unbekannt], [Datum unbekannt, ca. Anfang September 1970]. Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. — (b) Der Tagesspiegel, 28. August 1970, S. 8, Nr. 7587. — (c) Artikel „Aufenthalt im Künstler-Atelier färbte auf den Gast ab“ (Signatur -ska; Zeitung und Datum unbekannt). Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. Hier besuchte ihn 1970 Hilda Heinemann, die Frau des Bundespräsidenten, um Plastiken für die Ausstellung in der Villa Hammerschmidt auszuwählen. Für ihre private Sammlung erwarb sie die Plastik „Doppelkörper“ (1970, Bronze poliert, 22×19×15,5 cm). Zwei Jahre später wurde für den Staatsbesuch von Bundespräsident Gustav Heinemann in der Schweiz (27.–29. September 1972) die Plastik „Gelenkkörper“ (Nickel, 8,5 × 19 × 16,3 cm) als Staatsgeschenk vom Auswärtigen Amt erworben.
Zwischen 1970 und 1983 realisierte Ohlwein eine Reihe von Projekten an der Schnittstelle von Skulptur, Raum und Architektur. In diesem Kontext arbeitete er mit den Berliner Architekten Dietmar Grötzebach und Günter Plessow zusammen.Dagmar von Bracht: „Betroffen über die Ablehnung durch den Betroffenenrat. Architekten und Bildhauer weiterhin überzeugt von ihrem Markt-Modell“, in: Spandauer Volksblatt (Berlin), S. 13, [ca. 1978/79]. Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. Ihr gemeinsamer Entwurf zur Neugestaltung des Spandauer Marktes gewann im Juni [1978/79] die Ausschreibung. Das Projekt umfasste ein 32 Meter langes Granit-Rückensegment (Rückgrat) sowie eine sechs Meter hohe, zweigeteilte Metallplastik.
Ab 1982 unterhielt Ohlwein einen zweiten Arbeitsort in San Quirico (Gemeinde Castellina in Chianti) in der Toskana.Galerie Pfundt (Sabine Pfundt), Düsseldorfer Straße/Konstanzer Straße, 10707 Berlin-Wilmersdorf: (a) Einladungsbrief an Prof. Günter Ohlwein, Offenbacher Straße 5, 14197 Berlin, 8. Juli 1994. (b) Kommissionsbestätigung an Prof. Günter Ohlwein, S. Quirico 5, 53011 Castellina in Chianti/Siena, Italien, 7. September 1994. Beide Dokumente: Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. 1989 stellte er Werke aus dieser Periode unter dem Titel Terra di Siena: Chronik einer Zuneigung in der Galerie Michael Schultz in Berlin aus.Terra di Siena: Chronik einer Zuneigung. Plastiken – Zeichnungen 1979–1988. Galerie Michael Schultz, Berlin 1988 [Katalog erschienen 1988 zur Ausstellung Januar/Februar 1989]. Kl. 4°, Klappbroschur, 80 S. — Rezensionen: (a) Werner Langer: „Berge in Bronze. Günter Ohlwein bei Michael Schultz“, in: Der Tagesspiegel, 3. Februar 1989. (b) Tom Jaedicke: „Das Unsichtbare wird vom Künstler sichtbar gemacht“, in: Berliner Morgenpost, 21. Februar 1989. — Beide Ausschnitte: Nachlass Günter Ohlwein, Berlin.
Mitte der 1980er Jahre bezog er ein Atelier in der Offenbacher Straße, Berlin-Friedenau, gleich neben seinem Bildhauerkollegen Gerson Fehrenbach (1932–2004), mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.
Für seine Bronzearbeiten arbeitete er überwiegend mit der Bildgießerei Hermann Noack in Berlin zusammen, wie Vertragsunterlagen aus dem Jahr 1963 und eine Kundenliste der Gießerei (1972) belegen.Auftragserteilung Nr. 104/46, Bauamt Süd der Sondervermögens- und Bauverwaltung (Dr. Adolph, Reg.-Baurat) an Günter Ohlwein, Berlin W 30, 2. Mai 1963; sowie Kostenaufstellung Günter Ohlwein an Bauamt Süd, Berlin 33 (Fontanestraße 17), 14. Februar 1963. Beide Dokumente: Nachlass Günter Ohlwein, Berlin.Anzeige der Bildgießerei Hermann Noack (Fehlerstr. 8, 1 Berlin 41) im Katalog der Gruppe Plastik 71 Berlin, Ausstellung Haus am Waldsee, Nov./Dez. 1972, S. [Anzeigenteil]; Kundenliste enthält u. a. Ohlwein, Grzimek, Heiliger, Fehrenbach, Jendritzko.
Günter Ohlwein war bis zu ihrem Tod mit Ursula Ohlwein, geb. Külüs, verheiratet. Sie war die Tochter des Theaterintendanten und Regisseurs Rudolf Külüs (1901–1975) und der Schauspielerin Hela Gerber.Rudolf Külüs (1901–1975): Theaterintendant und Regisseur; übernahm 1952 gemeinsam mit seiner Frau Hela Gerber das privatisierte Hebbel-Theater in Berlin. — Quelle: Nachlass Günter Ohlwein, Berlin; sowie: Traueranzeige für Günter Ohlwein, Der Tagesspiegel, 14. August 2022. Aus der Verbindung mit der Fotografin Kristina Eriksson ging sein Sohn Max Eriksson Ohlwein (* 25. Juni 1972) hervor.
Günter Ohlwein starb am 6. August 2022 in Berlin. Er wurde auf dem Städtischen Friedhof Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau beigesetzt, in Sichtweite seines Ateliers und Wohnsitzes in der Offenbacher Straße. Die Universität der Künste Berlin veröffentlichte einen Nachruf.Universität der Künste Berlin: Nachruf auf Prof. Günter Ohlwein, 2022 (nicht online archiviert; Quelle: Nachlass / Mitteilung der UdK Berlin).
Werk
Ohlweins Frühwerk kreist um die menschliche Figur in der Masse. Werner Langer beschrieb 1966 die Plastiken als Darstellungen eng aneinandergedrängter, anonymer Körpergruppen, aus denen sich Individuen kaum lösen können: „Die große Masse, zur organischen Gruppe verdichtet, entwickelt sich zur wogenden Formation – figurative Merkmale erscheinen in verhaltener Bewegung auf voluminös geballten Monumenten.“Werner Langer: Einführungstext, in: Günter Ohlwein – Plastiken · Zeichnungen. Ausstellungskatalog Galerie S Ben Wargin, Josef-Haydn-Straße 1, Berlin 1966. Zu den frühen Auftragsarbeiten gehört eine Porträtbüste des Malers und HdK-Professors Georg Tappert (1880–1957), die beim Wettbewerb der Gemeinschaft der „Freunde der Bildenden Kunst“ einen ersten Preis erhielt und im Rathaus Schöneberg ausgestellt wurde.N. N.: [Bildunterschrift / kurzer Bericht über den Wettbewerb der Gemeinschaft der Freunde der Bildenden Kunst], in: [Berliner Zeitung, nicht identifiziert], ca. 16./18. Januar [ca. 1962/63] (Foto: Marder; Ausschnitt im Nachlass Ohlwein, Berlin).
Ab Mitte der 1960er Jahre lösten blockhaft geschlossene, zu Rumpfformen eingekerbte Körper aus Bronze, Nickel und Aluminium die Figurengruppen ab; auf großformatigen Bronzereliefs brechen Flächen zu Tälern und Schluchten auf.Lucie Schauer: „Konzentration, Dichte, Klarheit. Plastiken von Günter Ohlwein“, in: Die Welt (Berlin), ca. April/Mai 1971 (Ausschnitt im Nachlass Ohlwein). Dietrich Mahlow, Direktor der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, beschrieb diesen Übergang in einem Essay: Die Formen entwickelten sich „dem Fluß des Modellierens nach von innen heraus“ – nicht durch den Blick auf Körperlichkeit, sondern durch „das Tasten der Hände, ihre Vibration, ihr Spiel und ihr Kneten“. Sie seien „nicht aufeinander geschichtete Steine, sondern Sedimente lebendigen Wachstums“.Dietrich Mahlow: „Zu Ohlweins Arbeiten.“ Typoskript (Durchschrift), 2 S., signiert „DIETRICH MAHLOW, BADEN-BADEN“ (Handschrift). Unveröffentlicht (?); Nachlass Günter Ohlwein, Berlin. Entstehungszeitraum: ca. 1966–1968.
Die dem Körper eingekerbten Furchen führten schließlich zur Zweiteilung. Es entstanden zweiteilige Objekte, deren beide Teile auseinandergezogen oder zusammengefügt werden können, da ihre Innenflächen nahtlos ineinanderfassen. Ohlwein nannte das Konzept „Vermittlung von Polarität“: Die Wechselbeziehung von Formaktion und Formreaktion werde in der Korrespondenz der zwei Teile erfahrbar; der Bildhauer selbst rücke dabei „in die Anonymität“.[Kürzel: ka]: „Auf Polarität hin angelegt. ‚Künstlergespräch‘ mit Ohlwein“, in: [Zeitung nicht identifiziert], ca. April/Mai 1971 (Ausschnitt im Nachlass Ohlwein). Mahlow charakterisierte diese Phase als Annäherung ans Zeichenhafte – fast immer entstünden zwei „Türme“, deren Zwischenraum entscheidend sei: „die Plastik entsteht um diesen Spalt herum.“ Die Kunstkritikerin Lucie Schauer fasste Ohlweins Arbeitsprinzipien 1971 in drei Begriffen zusammen: „Konzentration, Dichte und Klarheit.“
Zwischen 1970 und 1983 arbeitete Ohlwein an konzeptionellen Projekten, die Skulptur, Raum und Architektur miteinander verbanden. Das bekannteste davon ist das Rückgrat auf dem Spandauer Markt (1978–1982).