Der Borneowolldrossling (Ptilocichla leucogrammica) ist eine auf der Insel Borneo heimische Singvogelart aus der Familie der Drosslinge (Pellorneidae).
Merkmale Der Borneowolldrossling erreicht eine Körperlänge von 15 bis 16 cm und ein Körpergewicht von 37 bis 42 g. Die Geschlechter unterscheiden sich äußerlich nicht. Die Oberseite ist überwiegend kastanienbraun gefärbt, wobei der Oberkopf matt olivbraun mit undeutlicher dunkler Schuppung erscheint. Die Flügeloberseite und der Bürzel sind etwas kräftiger kastanienbraun, der Schwanz schwärzlich kastanienbraun. Die Kopfseiten sind fein gestrichelt und gesprenkelt. Kinn und Kehle sind weißlich und weisen feine dunkle Sprenkel auf. Die Unterseite ist von der Brust bis zum Bauch schwarz und mit breiten weißen Streifen gezeichnet; zu den unteren Flanken, den Oberschenkeln und dem Steiß geht die Färbung in ein mattes ocker- bis kastanienbraun über. Die Iris ist dunkelbraun, der Oberschnabel schwarz bis dunkelgrau, der Unterschnabel blassgrau und die Beine grau.
Jungvögel sind auf der Oberseite heller und weniger kastanienbraun gefärbt als Altvögel. Ihre Kopfoberseite ist fein gestrichelt und die Oberseitenfedern können helle Flecken aufweisen. Geographische Unterschiede im Gefieder sind nicht bekannt.
Die Flügel sind kurz und gerundet, der Schwanz kurz und gerade abgeschlossen. Die Art besitzt zehn Handschwingen, von denen die zehnte verkürzt ist, neun Armschwingen und zwölf Steuerfedern.
Ähnliche Arten Vom ähnlichen Philippinenwolldrossling (Ptilocichla mindanensis) unterscheidet sich die Art durch eine größere Körpergröße, deutlich längeren Schnabel und Hals, einem stärker kontrastierenden dunklen Scheitel, eine stärker kastanienbraune Oberseite sowie kürzere weiße Streifen auf der schwarzen Unterseite.
Systematik mini|Balg im Naturalis Biodiversity Center in Leiden Der Borneowolldrossling wurde 1850 von Charles Lucien Jules Laurent Bonaparte als Cacopitta leucogrammica in Band 1 seines Werks Conspectus Generum Avium erstbeschrieben. Der Holotypus stammt aus der Region bei Pontianak (Kalimantan Barat, Indonesien).
Bonapartes ursprüngliche Beschreibung ist nach heutigen Maßstäben ausgesprochen vage. Sie verweist auf das Rijksmuseum van Natuurlijke Historie in Leiden und auf ein Manuskript von Coenraad Jacob Temminck, wie es für von ihm im Conspectus erstmals beschriebene Taxa typisch war. Der Holotypus, ein ungeschlechtlich bestimmter adulter Vogel, wurde 1826 von Pierre-Médard Diard (1794–1863) gesammelt und befindet sich heute im Naturalis Biodiversity Center in Leiden (RMNH.AVES.89379). Es werden keine Unterarten unterschieden.
Lebensraum Der Borneowolldrossling bewohnt primäre und sekundäre immergrüne Tiefland-Dipterocarpaceenwälder, gelegentlich auch kürzlich eingeschlagene Wälder, Torfmoorwälder mit Dominanz von Shorea maxwelliana sowie montane Heidewälder, gewöhnlich zwischen 40 und 600 m Höhe. Besonders häufig ist er in Schluchten und entlang trockener Bachläufe zu beobachten.
Die Art verträgt stärkere Lebensraumbeeinträchtigungen durch Holzeinschlag schlecht; ihre relative Häufigkeit ist in bewirtschafteten Wäldern deutlich geringer als in Primärwäldern. Mehrere Untersuchungen wiesen sie ausschließlich in Primärwald nach. Gelegentlich wurde sie auch in leicht genutzten Wäldern gefunden, jedoch in deutlich geringerer Dichte als in ungestörten Wäldern.
Nahrungsverhalten Der Borneowolldrossling ist ein Standvogel. Er ernährt sich von Insekten, die er am Boden in der Laubstreu sucht. In zwei untersuchten Mägen wurden kleine Insekten gefunden. Die Nahrungssuche erfolgt paarweise oder in Familiengruppen auf dem Waldboden und in der Krautschicht. Die Vögel stochern unter Blättern, auf abgestorbenen Baumstämmen und zwischen vermodernden umgestürzten Bäumen nach Beute. In einer Studie wurde festgestellt, dass die Art in ungestörten Wäldern eine vergleichsweise hohe trophische Position gegenüber mehreren Timalienarten einnimmt.
Lautäußerungen und Stimmverhalten Der Gesang besteht aus zwei klagenden, rein klingenden Pfeiftönen, die von revierhaltenden Paaren als Wechselgesang (Duett) von einer Sitzwarte in Bodennähe vorgetragen werden. Er wird als „doo-dee“ oder „doo-doo-dee“ wiedergegeben.
Der Ruf ist ein sprudelndes „churr“ oder „prr prr“.
Fortpflanzungsverhalten Über die Fortpflanzungsbiologie des Borneowolldrosslings ist nur wenig bekannt. Ein Nest mit Eiern wurde Mitte November in Kalimantan (dem indonesischen Teil Borneos) gefunden. Hinweise auf Brutaktivität liefern zudem im Juli, August und Oktober in Sabah gesammelte Exemplare mit vergrößerten Fortpflanzungsorganen.
Das Nest befand sich in 765 m Höhe in hügeligem Primärwald und war 0,8 m über dem Boden in einer kleinen Rotangpalme angelegt. Es bestand aus mittelgroßen trockenen Blättern, die eine äußere Wand und ein teilweise geschlossenes Dach bildeten. Die Nestmulde war mit kleinen Zweigen und Wurzelfasern ausgekleidet und hatte einen Durchmesser von 9 cm sowie eine Tiefe von 3,25 cm.
In dem Nest befanden sich zwei etwa 20 × 14 mm große Eier. Diese waren nahezu durchscheinend und milchig weiß gefärbt; das stumpfere Ende war jedoch undurchsichtiger und heller weiß. Offenbar werden zwei Eier pro Gelege gelegt.
Gefährdung und Schutz Die Art wird von BirdLife International als „gefährdet“ (Vulnerable) eingestuft. Die Borneowolldrossling ist selten und lokal verbreitet. Sie reagiert äußerst empfindlich auf Störungen des Waldes durch Holzeinschlag und verschwindet vollständig, wenn Waldflächen gerodet werden. Die Zerstörung und Degradierung der Tieflandwälder Borneos hat in den vergangenen Jahrzehnten zum Verlust nahezu aller Primärwaldgebiete geführt. Von 40 bekannten Fundorten dieser Art beruhen lediglich neun auf Nachweisen nach 1980.
Die Art ist vermutlich zusätzlich benachteiligt, weil sie ungeeignete Lebensräume nur schlecht durchqueren kann. Dadurch entstehen stark isolierte Populationen.
Der Borneowolldrossling wurde in mehreren Schutzgebieten nachgewiesen, darunter in der Danum Valley Conservation Area, im Tabin Wildlife Reserve, im Nationalpark Gunung Mulu, im Batang Ai National Park, im Nationalpark Similajau, im Samunsam Wildlife Sanctuary, im Ulu-Temburong-Nationalpark, im Nationalpark Kayan Mentarang, im Nationalpark Kutai sowie im Nationalpark Gunung Palung.
Damit ist die Art zwar in mehreren Schutzgebieten vertreten, ihre Bestände bleiben jedoch aufgrund des fortschreitenden Verlusts geeigneter Tieflandwälder stark gefährdet.
Literatur
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Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Drosslinge