Die literaturwissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wiedererzählen und Übersetzen ist ein in der germanistischen Mediävistik und darüber hinaus weit verbreitetes Paradigma, das auf einen Forschungsaufsatz des Mediävisten Franz Josef Worstbrock zurückgeht. Es geht dabei um den Unterschied zwischen der Art, wie (antike) Texte im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in andere Sprachen übertragen werden.
Grundlage nach Worstbrock In einem 1999 veröffentlichten gleichnamigen Artikel erläutert Worstbrock, dass literarisches Erzählen im Mittelalter nicht auf Originalität, sondern auf der Überliefertheit des Erzählstoffes basiere. Im deutschsprachigen Mittelalter wurden vor allem bereits vorhandene Geschichten nacherzählt, etwa die Artusliteratur, deren deutsche Versionen auf den französischen Texten von Chrétien de Troyes beruhen, oder antike Stoffe wie der Trojanische Krieg. Dabei stehe der Erzählstoff (die materia) im Vordergrund, der Stil und die Form der Erzählung seien zweitrangig. So wurden die Erzählungen stark an zeitgenössische Vorstellungen angepasst (mediävalisiert). In modernem Erzählen findet sich diese Art der Adaption etwa im Witz, der weitererzählt wird, ohne dass auf den genauen Wortlaut geachtet wird, und in dem einzelne Elemente angepasst werden können, solange die Pointe stimmt. Für diese Art der Adaption von Erzählungen wählt Worstbrock den Begriff Wiedererzählen.
Dagegen grenzt er Übersetzen ab, das sich erst in der Frühen Neuzeit (ab dem späten 15. Jahrhundert) entwickle, sodass „Wiedererzählen und methodisches Übersetzen [...] demgemäß, ungeachtet aller Fälle von Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, historisch einander inkompatibel, Positionen verschiedener Historizität sind.“
Übersetzen wird als „präzise Wiederholung eines Originals“ aufgefasst. Als Merkmale des Übersetzens beschreibt Worstbrock, dass eine Reflexion über die Frage der Äquivalenz, also der Übereinstimmung von Ausgangs- und Zieltext stattfinden müsse, der Ausgangstext den Zieltext bestimmen müsse und der Autor des Ausgangstexts genannt werde. Deshalb sei für Übersetzen ein moderner Werk- und Autorbegriff nötig, der sich erst mit dem Humanismus entwickle. Vorbilder für diese Kriterien sind die frühneuzeitlichen Antikenübersetzungen von Niklas von Wyle und Matthias Ringmann. Die Beobachtung, dass Erzählen im Mittelalter nicht mit Neuschöpfung und Originalität verbunden wird, wie es (spätestens) seit der Goethezeit passiert, wurde bereits vor Worstbrock gemacht. Seine Begriffsprägung als Wiedererzählen hat dem Phänomen jedoch einen kanonischen Namen gegeben.
Moderne Entwicklung Insbesondere das Konzept Wiedererzählen wird bei der Erforschung mittelalterlicher Texte bis heute verwendet und ist „in den letzten 20 Jahren zum wichtigsten, wenn auch zum Teil erheblich kritisierten Ansatz für die Erforschung der Erzählverfahren sowie der Poetologien der mittelhochdeutschen Erzähldichtung avanciert“. Neuere Konzepte wie das Wiederdichten bauen wesentlich auf dem Wiedererzählen auf und leiten sich auch sprachlich davon ab. Über das Mittelalter hinaus wird es auch im Bereich der Fanfiction genutzt. Im Englischen wird der Begriff „retelling“ verwendet, um vor allem moderne Neuerzählungen klassischer Texte zu beschreiben, beispielsweise die Nacherzählungen antiker Mythen wie in Madeline Millers Romanen.
Kritik Wiedererzählen bzw. retelling ist als Begriff nach wie vor verbreitet, auch wenn es sowohl Kritik als auch Versuche gab, begriffliche Alternativen wie Anders- oder Neuerzählen zu etablieren.
Dagegen wurde die Abgrenzung zum Übersetzen vor allem von Frühneuzeit-Forschenden als reduktionistisch kritisiert. Es wurde angemerkt, dass die Gegenüberstellung von Wiedererzählen und Übersetzen einen sehr engen Übersetzungsbegriff verwendet. Dem steht der Begriff der kulturellen Übersetzung gegenüber, der auch freiere Übertragungen zwischen Kulturen mit einschließt, zum Beispiel durch Kunst oder Musik, und der vor allem in den Geschichts- und Sozialwissenschaften angewandt wird. Außerdem beschreibe das Modell nur zwei äußere Pole einer Skala. Es sei aber schon im Mittelalter „die Pluralität der Strategien und Prinzipien des Übersetzens auffällig“ gewesen, und auch in der Frühen Neuzeit werde „[d]ie Praxis des Wiedererzählens […] nicht vollständig von einem formbewussten Übersetzen abgelöst, sondern sie wird parallel dazu fortgeführt.“
Auch in den Translation Studies betonen viele Forschende die Kontinuität in der Übersetzungspraxis zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit.
Einzelnachweise
Kategorie:Literaturwissenschaft Kategorie:Mediävistik Kategorie:Germanistik Kategorie:Geisteswissenschaft Kategorie:Erzählforschung Kategorie:Mittelalter Kategorie:Renaissance