mini|Römische Neujahrslampe in New YorkAls Neujahrslampen werden Bildlampen des ersten Jahrhunderts nach Christus aus dem römischen Reich bezeichnet, welche die Göttin Victoria umgeben von einer Anzahl kleiner Geschenke und begleitet von einem schriftlichen Neujahrswunsch zeigen. Die Lampen dienten selbst als Neujahrsgeschenke.

Ikonografie Die zentrale weibliche Figur auf den römischen Neujahrslampen wird als römische Siegesgöttin Victoria identifiziert, die den gewonnenen römischen Krieg und den darauffolgenden Frieden symbolisiert. Sie ist stehend beziehungsweise schwebend, meist im Halbprofil, abgebildet. Als Attribute hält sie in ihrer linken Hand einen Palmzweig, die rechte ruht auf einem Schild, der die Neujahrswünsche in Form der lateinischen Inschrift „ANNUM NOVUM FAUSTUM FELICEM“ („Ein frohes und glückliches neues Jahr“) trägt. 154x154px|mini|links|Inschrift einer Neujahrslampe aus Alexandria, 1. Jh. n. Chr.Je nach Adressat der Neujahrslampe wurde die Inschrift noch mit „TIBI“ („für dich“) oder „MIHI“ („für mich“) erweitert und diente demnach als Geschenk oder für den Eigengebrauch. Der Schild wird in einigen Fällen von einem Pfeiler gestützt, was anzeigt, dass eine sehr genaue Übernahme eines anderen Lampenbildes vorliegt: der Darstellung der Victoria mit dem 27 v. Chr. verliehenen Ehrenschild des Augustus, der auf Lampen auch mit der Aufschrift „OB CIVES SERVATOS“ („Für die Errettung der Bürgerschaft“) abgebildet wird. Auf den Neujahrslampen wird das bestehende Kernmotiv von Victoria und Schild folglich um die neue Glückwunschinschrift und die Darstellung diverser Neujahrsgeschenke ergänzt. Auf den Neujahrslampen werden um die Göttin Victoria herum Neujahrsgeschenke (strenae) angeordnet. In der Regel sind dies Nüsse und Trockenfrüchte wie Feigen und Datteln sowie drei Münzen. Bei den dargestellten Münzen handelt es sich in erster Linie um symbolträchtige Glücksbringer und nicht um Gebrauchswährung. 313x313px|mini|alt=Römische Münzen wie sie auf Neujahrslampen abgebildet sind: Aes grave mit Darstellung des Janus, Viktoriatus und Münze mit dextrarum iunctio|Römische Münzen wie sie auf Neujahrslampen abgebildet sindHinter der Victoria ist als größte Münze ein As des späten 3. Jahrhunderts vor Christus mit dem Motiv des Janus zu sehen. Janus wurde die Erfindung des Geldes zugeschrieben, er war der Gott des Januar und wurde doppelköpfig dargestellt. So schaut er mit einem Gesicht zu dem, was war, mit dem anderen zu dem, was noch kommt. Auf der kleinsten Münze ist die Siegesgöttin Victoria vor einem Tropaion dargestellt – vermutlich handelt es sich um einen Victoriatus, eine kleine Silbermünze des späten 3. und 2. Jahrhunderts vor Christus. Die dritte Münze zeigt zwei verschränkte Hände (dextrarum iunctio) vor dem Heroldsstab des Merkur (caduceus). Das Münzmotiv symbolisiert die Eintracht (concordia) im Staat und den daraus entstehenden Wohlstand, der unter dem Schutz des Merkur gedeiht. Münzen mit diesem Motiv wurden vor allem in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts vor Christus geprägt.

Zeitstellung und Verbreitung Nachdem anfangs vorrangig Gaben aus der landwirtschaftlichen Sphäre als Neujahrsgeschenke dienten, handelt es sich beim Verschenken von Neujahrslampen um ein vergleichsweise jüngeres Phänomen, das erst ab der frühen Kaiserzeit belegbar ist. Überhaupt wurde es erst ab der augusteischen Zeit üblich, Lampen mit bildlichen Darstellungen zu dekorieren. Der Großteil der Neujahrslampen kann anhand ihrer Typologie in die zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus datiert werden. Nachdem gegen Ende dieses Jahrhunderts der Bildschmuck auf Lampen stärker vereinfacht wurde und allgemein an Bedeutung verlor, wurden im zweiten Jahrhundert kaum mehr Neujahrslampen hergestellt. Dies steht auch im Zusammenhang mit der Herausbildung neuer Lampenformen wie der Firmalampen mit kleinerer Bildfläche, die entsprechend weniger Platz für komplexere Motive wie die Abbildung der verschiedenen Neujahrgeschenke boten. Neujahrslampen fanden durch Handel und Militär Verbreitung im gesamten römischen Reich bis an seine äußersten Grenzen, wie beispielsweise Funde in Petra in JordanienPhilip C. Hammond: Nabatean New Years Lamps from Petra. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. Band 146, 1957, S. 10–13. oder Ely in GroßbritannienChristine Jones: Annum Novum Faustum Felicem Mihi! Ceramic lamp celebrating the New Year. In: Lucerna. The Newsletter of the Roman Finds Group. Band 3, January 1991, S. 3–4. belegen. Offen bleibt, ob sich mit den Lampen auch der Brauch des Schenkens ausbreitete.

Verwendung im Rahmen des römischen Neujahrsfestes Das antike Neujahrsfest war ein Ereignis, bei dem die Römer einander glückversprechende Gaben und Wünsche überbrachten und die Erneuerung und das Leben feierten. Ursprünglich am 1. März gefeiert, fand es ab 153 vor Christus an den Kalendae Ianuariae statt, die sich mit unserem Neujahr decken. Die Feierlichkeit stand im Zeichen des Gottes Janus, der das Ende und den Anfang repräsentiert. Die Vergabe der Geschenke, auch strenae genannt, verlangte im Normalfall auch eine Gegengabe, stellte demnach ein wichtiges soziales Band her, das mit gegenseitiger Verpflichtung und Zuneigung verknüpft war. Es handelte sich um ein Ritual, das mit verbalen Glückwünschen unterstützt wurde. Die strenae waren ursprünglich junge Lorbeerzweige, die man am 1. März im Hain der Göttin Strenia schnitt. Sie symbolisierten die zyklische Wiederbelebung der Natur und die lebensschaffende Energie des neuen Jahres. Lampen schenkte man sich aufgrund ihres symbolischen Gehalts: Das Licht stand für das Leben und durfte niemals von fremder Hand gelöscht werden. Die Lampen dienten in den Häusern als Schmuck oder als Gaben. Neben den Lampen und Lorbeerblättern wurden auch kleine Aufmerksamkeiten wie Datteln, Feigen, Nüsse, Kuchen, Honig und Münzen oder SparbüchsenGiulia Baratta: De brevissimis loculis patrimonium grande profertur (Tert. cult. fem. 1, 91, 19): i salvadanai. In: Sylloge Epigraphica Barcinonensis (SEBarc). Band 10, 2012, S. 169–193, hier S. 190–191. verschenkt. Geldgeschenke wurden bisweilen als Profanisierung der 'heiligen Gaben' kritisiert. Auch das Einfordern von Geld als eine Art Sondersteuer kam vor. Das Verschenken symbolträchtiger Altprägungen ohne reale Kaufkraft, wie auf den Lampen dargestellt, war in dieser Hinsicht unproblematisch. Die Geschenktypen lassen sich gut mit dem damaligen Wohlstand der Gesellschaft verknüpfen. So seien in sorgenfreieren Zeiten traditionelle Geschenke wie Lorbeer und Feigen durch Honigkuchen und Gold verdrängt worden.

Literatur

Dorothea Baudy: Strenarum commercium. Über Geschenke und Glückwünsche zum römischen Neujahrsfest. In: Rheinisches Museum für Philologie. Band 130, 1987, S. 1–18. Laurent Chrzanovski: Flamboyantes étrennes romaines. In: ArtPassions. Nr. 4, 2005, S. 33–41. Norma Wynick Goldman: Annum Novum Faustum Felicem. The Cosa New Year’s Lamp. In: Norma Wynick Goldman (Hrsg.): New Light from Ancient Cosa. Classical Mediterranean Studies in Honor of Cleo Rickman Fitch. Peter Lang, New York 2001, ISBN 0-8204-5141-X, S. 91–105. Gerald Heres: Römische Neujahrsgeschenke. In: Forschungen und Berichte. Staatliche Museen zu Berlin. Band 14, 1972, S. 182–193. Tonio Hölscher: Victoria romana. Archäologische Untersuchungen zur Geschichte und Wesensart der römischen Siegesgöttin von den Anfängen bis zum Ende des 3. Jhs. n. Chr. Philipp von Zabern, Mainz 1967. Luisa Mazzeo Saracino: La rappresentazione di Vittoria con Neujahrsgeschenken in un tondo fittile di Suasa: storia e fortuna di un motivo iconografico. In: Raffaella Farioli Campanati (Hrsg.): XLIII corso di cultura sull’arte ravennate e bizantina. Seminario internazionale di Studi sul tema «Ricerche di Archeologia e di Topografia» in memoria del Prof. Nereo Alfieri. Ravenna 22–26 marzo 1997. Edizione del Girasole, Ravenna 1998, ISBN 88-7567-338-1, S. 483–508. Michel Meslin: La fête des kalendes de janvier dans l’empire romain. Étude d’un rituel de Nouvel An (= Collection Latomus. Band 115). Latomus, Brüssel 1970, insbesondere S. 37–49. Paul Zanker: Augustus und die Macht der Bilder. C. H. Beck, München 1987, ISBN 3-406-32067-8.

Einzelnachweise

Kategorie:Archäologischer Fachbegriff Kategorie:Öllampe Kategorie:Archäologie (Klassische Antike)