mini|Gründungsaktie, signiert von Salo Zerkowitz u. Leopold Löwy Die Zerkowitz AG, Band-, Spitzen- und Posamentenfabriken entstand aus der 1911 in Wien gegründeten „Erste Österreichische Posamenten- und Spitzen-Fabriks Aktiengesellschaft vormals Max & Salo Zerkowitz“ und den vielfältigen unternehmerischen Tätigkeiten der Familie Zerkowitz im Bereich des Textilgewerbes. Sie entwickelte sich vom Handwerks- und Handelsbetrieb in Mähren zum industriellen Fabrikanten von Posamenten, Bändern und Spitzen. In der Habsburgermonarchie erlangte sie im Umfang ihrer Geschäftsfähigkeiten sowie als Aktiengesellschaft eine einzigartige Stellung.

Unternehmensgeschichte

Ursprünge mini|Zerkowitz Börtelfabrik in Ramsau Nö Die Brüder Nathan, Lazar; Gerson und Michael Zerkowitz begannen Anfang des 19. Jhdt. in ihrer Heimatgemeinde Leipnik in Nordmähren mit der Fertigung von Spitzen, Bändern und Posamenten.

Bereits ihr Groß-Vater Michael, der aus der Nachbargemeinde Mährisch Weißkirchen stammte, war ein weitgereister HändlerAus einem schriftlichen Ansuchen von Michael Zerkowitz im Jahre 1788 an den Gemeindevorstand von Mährisch Weisskirchen (tsch. "Hranice") um einen Referenzbrief für seine geschäftlichen Reisen in unterschiedliche europäische Länder (privates Archiv).. Er verstarb als Privatier in JerusalemAus einem Heiratseintrag für seinen Sohn Michael im Jahr 1859 in den Matriken von Hranice (Mährisch Weisskirchen).. Laut Wurzbach lassen sich die unternehmerischen Wurzeln der Familie Zerkowitz noch bis zu Rudolf II. in Prag zurückführen, wo ein Vorfahre honorierter „Banquier“ beim Kaiser gewesen sein soll. links|mini|190x190px|Nathan Zerkowitz um 1900 In weiterer Folge zog es die Brüder Michael und Nathan Zerkowitz unmittelbar nach der bürgerlichen Revolution nach Wien. Nathan hatte bereits 1857 erstmals eine GewerbeHandelsregisterauszug 1857, Archiv des Handelsgerichts, Märzergasse 1, 1030 Wien. in Wien. Michael führte ab 1865 ein Geschäft für den „Handel mit Weiß- und Kurzwaren“ an der Ruprechtstiege 1"Die Wiener Kaufmannschaft 1881" und "Lehmann", Historisches Adressbuch Wien..

1865 wird Nathan gemeinsam mit seiner Frau Franziska Zerkowitz (geb. Kalmus) im Wiener Firmenbuch angeführt. Nathan lebte und arbeitete in dieser Zeit, so wie viele andere Textil- und Seidenfabrikanten, im Schottenfeld. mini|200x200px|Franziska Zerkowitz geb. Kalmus 1873 nahm Nathan Zerkowitz an der großen Weltausstellung in Wien teil. Er stellte unter der Katalog-Nummer 1533 schmuckvolle Chignons aus, für die er auch ein Anerkennungsdiplom erhielt.

Im Jahre 1880 erweitere Nathan seine Produktionskapazitäten mit einer Fabrik in der Ramsau in Niederösterreich. Nathan betrieb dort eine Börtelfabrik. Es war eine der ersten größeren Fertigungsstätten für Posamenten, Spitzen und Bänder im Raum Wien und Niederösterreich.

Die neue Fabrik von Nathan Zerkowitz, wo rund 300 Frauen beschäftigt waren, fand als Beispiel für die neuen Rahmenbedingungen für die Arbeiterschaft im Zuge der Industrialisierung Eingang in die ersten Schriften der SPÖ, die unweit dieser Fabrik 1888 in HainfeldDer Einigungsparteitag der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs in Hainfeld, 30.12.1888 – 1.1.1889. gegründet wurde.

Nathans Bruder Lazar hatte zwei Söhne namens Adolf und Bernhard, die die Posamenten-Fabrik in der Heimatstadt Leipnik betrieben. Sie eröffneten 1888 unter dem Firmennamen "Brüder Zerkowitz" am Rudolfs-Platz 6 eine Niederlassung in Wien. Die Wiener Niederlassung wurde von Bernhard Zerkowitz geführt, der ebenfalls bereits seit 1857 in Wien ein entsprechendes Gewerbe in Wien angemeldet hatteHandelsregisterauszug 1957. Archiv des Handelsregisters, Marxergasse 1, 1030 Wien.. Das Unternehmen "Brüder Zerkowitz" wurde in weiterer Folge 1916 von der Zerkowitz AG übernommenProtokoll der VI. Ordentlichen Generalversammlung der "Ersten österreichischen Posamenten- und Spitzen-.Fabriks Aktiengesellschaft vormals Max & Salo Zerkowitz" vom 14. November 1916. Österreichisches Staatsarchiv Wien..

Aufschwung der Firma Max & Salo Zerkowitz Nathans älteste Söhne Max & Salo übernahmen die Geschäftstätigkeiten 1888 und bauten diese weiter aus.

Das Militär war einer der wichtigsten Auftragsgeber, was eine Unterlage aus dem Archiv des Kriegsministeriums veranschaulicht:Lieferantenbücher Kriegsministerium 13A 7, 4;4f aus Karton. KM 1890 A. 12-13 - 59/1-A 13 21/2. Österreichischem Staatsarchiv Wien.

mini|Bestellung des Kriegsministeriums bei Max & Salo Zerkowitz 1890

Aus dieser Bestellung des Kriegsministeriums bekommen wir einen guten Überblick über die Art der bestellten Produkte wie u. a. lichtblaue Anhängeschnüre, Achselschlingen, vierkantige Artillerieschnüre, Anhängeschnüre für Signalhörner, scharlachrote Schützenabzeichen, dunkelgrüne Steuermann-Abzeichen, kirschrote Arbeits-Auszeichnungen, Fransen zu Pelzen oder Jägerhut-Schnüre.Fertigungsbeschreibung Attila Rocks-Sommer. Kriegsministerium 1890 Katalog 13A24. Österreichisches Staatsarchiv Wien.

links|mini|hochkant|Attila Rock

1895 übernahmen Max & Salo Zerkowitz eine größere Fabrik in Obrowitz in Brünn, die auf einer Gesamtfläche von fast 14.000 m² zur bedeutendsten Fertigungsstätte des Unternehmens ausgebaut wurde. Dort waren durchschnittlich rund 500 Mitarbeiter beschäftigt und die Fabrik wurde bis 1905 von Max Zerkowitz geleitet, der neben Wien mit seiner Frau Fanny in Brünn seinen zweiten Wohnsitz hatte.

Gründung der Aktiengesellschaft mini|192x192px|Salo Zerkowitz Die Geschäftsentwicklung war entsprechend gut, dass die Eigentümer 1911 beschlossen, das Unternehmen Max & Salo Zerkowitz in die erste Aktiengesellschaft für Posamenten und Spitzenfabrikation umzuwandeln. Die „Ersten Österreichischen Posamenten- und Spitzen-Fabriks Aktiengesellschaft vormals Max & Salo Zerkowitz“ wurde unter Mitwirkung des Wiener Bankvereins am 10. April 1911 als Aktiengesellschaft mit einem Aktienkapital von 1.500.000.- Kronen gegründet, was entsprechend den Statuten, in der Wiener Zeitung veröffentlicht wurdeStatuten der Ersten österreichischen Posamenten- und Spitzen Fabriks Aktiengesellschaft vormals Max & Salo Zerkowitz. Eigenverlag. Druck J. R. Bernan. Wien 1917.. Sie war damals die einzige Posamenten-Fabrikation als Aktiengesellschaft und in ihrem Umgang in der Monarchie und wahrscheinlich in ganz Europa. Im GründungsberichtGründerbericht vom 18. Jänner 1911. Wiener Bankverein signiert; Weiner m.p. u. Bachrach m.p. bzw. Max & Salo Zerkowitz m.p. war zu lesen:

Einen guten Einblick über die betriebliche Größenordnung gab der Gründungsbericht bei der Auflistung der betrieblichen Ausstattung der Fabrik in Brünn:

mini|Niederlassung im Besitz Zerkowitz AG, Schottenfeldgasse 24 Der Verwaltungsrat war besetzt durch Unternehmerpersönlichkeiten aus dem Umfeld der Familie und Vertretern der Bank und bestand aus dem Präsident Alfred Heinsheimer (Generaldirektor des Wiener Bankvereins), Vize Präsident Salo Zerkowitz, Leopold Löwy (Ehemann von Emma Zerkowitz), Hugo Moller, Direktor August Poisson, Ludwig Schöffer (Schwiegersohn von Leopold Löwy), Emil Schwarz (Schwager von Salo Zerkowitz), Hugo Strauß und Theodor Zerkowitz (Sohn von Salo Zerkowitz). Die Direktion führte Salo und Theodor Zerkowitz und die Geschäftsführung lag bei Dir. Ignaz Schreiber. Das Aktienkapital betrug 3 Millionen Kronen in 15.000 Stück zu je 200 Kronen.

Für das Geschäftsjahr 1912/13 musste ein Verlustvortrag gebildet werden, der sich aber im Folgejahr mäßigteGeschäftsbericht des Wiener Bank-Verein 1912/13.

Bereits 2 Jahre später nach Beginn des 1. Weltkriegs war das Unternehmen in der Lage seinen Aktionären in den Geschäftsjahren 1914/15 eine Dividende von 5 % und in den Jahren 1915/16 von 10 % zukommen zu lassen.

Die Niederlassung in Wien befand sich im Haus Schottenfeldgasse 24, das im Besitz des Unternehmens stand.

Innovationen und soziale Verantwortung Das Unternehmen war nicht nur expansiv, sondern auch innovativ, was sich in diversen Patenten und durch die Nutzung neuer Fertigungsmethoden manifestierte.mini|links|Max u. Fanny Zerkowitz Stiftung 1917 Darüber hinaus übernahm die Eigentümerfamilie in den schwierigen Kriegsjahren ihre soziale VerantwortungMonatszeitschrift "Die Wahrheit" Nr. 13 aus 1917, in dem sie ihren langjährigen Mitarbeitern in Wien oder Brünn im Rahmen der Max und Fanny Zerkowitz Stiftung im Falle einer Arbeitsunfähigkeit eine Unterstützung anboten.

Der Verwaltungsrat Laut dem Rechenschaftsbericht 1916/17 des Unternehmens setzte sich während der letzten schwierigen Kriegsjahre vor dem Ende der Monarchie der Verwaltungsrat aus folgenden Personen zusammen:

Alfred HeinsheimerDirektor des Wiener Bankvereins, Präsident und Salo Zerkowitz, Vize-Präsident.

August Poisson / Leopold Löwy / Ludwig Schöffer / Emil Schwarz / Hugo Strauß / Anton Karl Spanner. mini|Leopold Löwy und Ludwig Schöffer In diesem Jahr wurde das Aktienkapital von 1,5 Mio. Kronen auf 3 Mio. Kronen erhöht.

Der Krieg führte zu einer Mangelwirtschaft, wobei einfache Gegenstände des täglichen Gebrauchs auf innovativer Art und Weise durch Produkte aus vorhandenen Rohstoffen ersetzt werden mussten.

Im Jahre 1916 wurde eine weitere Fabrik in Debrecin erworben. Die einheimischen Aktionäre verkauften die Fabrik 1916 an die österreichische Firma Zerkowitz. Zwischen 1918 und 1922 musste die Fabrik die Arbeit aufgrund der Folgen des Weltkrieges zwischenzeitlich stilllegen.

Trotz der schwierigen Kriegsjahre war das Unternehmen in der Lage seinen Aktionären in den Jahren 1916/17 sowie 1917/18 wie im Vorjahr jeweils eine Dividende von 10 % zur Auszahlung zu bringenGeschäftsberichte Wiener Bank-Verein 1916-18.

Zerkowitz A.G. Die „Zerkowitz A.G.; Band-, Spitzen- und Posamentenfabriken“ (tschech. Zerkowitz akc. Spol., tovarny na stuhy, krajky a prymky) wurde im Jahre 1922 in Prag errichtet und entstand aus der Firma Max & Salo Zerkowitz in Wien und Brünn und der daraus im Jahre 1911 in Wien gegründeten „Ersten Österreichischen Posamenten- und Spitzen-Fabriks Aktiengesellschaft vormals Max & Salo Zerkowitz“.

Im Zuge dieser Umgründung wurde 1921 der Sitz von Wien nach Prag, Krapova 9 verlegt. Zweck der Gesellschaft war der Fortbetrieb der Fabrik in Brünn und der Verkaufs- und Versandniederlage in Wien. Sie war berechtigt, an anderen Orten des In- und Auslandes Zweigniederlassungen und Agenturen unter Beachtung der einschlägigen gesetzlichen Vorschriften zu errichtenStatuten der Zerkowitz A.G. Band-, Spitzen- und Posamentenfabriken, Selbtverlag Prag 1922.

mini|Eh. Zerkowitz Fabrik in Lipnik um 2013

Laut dem tschechischen Compass aus dem Jahr 1923 lagen die Börsenkurse im Jahr 1922 sehr volatile zwischen 18.000 und 450.000 tschechischen Kronen, wobei ein Schlusswert mit Ende 9/1922 von 245.000.- Kronen verzeichnet wurde.

Nachkriegsjahre – Weltwirtschaftskrise – Niedergang der Textilindustrie mini|Kursbericht der Wiener Börse vom 3. Oktober 1919Im Geschäftsjahr 1922/23 war das Unternehmen trotz steigender Umsätze nicht in der Lage ihre Dividendenzahlung wieder aufzunehmenGeschäftsbericht Wiener Bank-Verein 1922/23. Archiv der Bank Austria Wien..

In Debrecen wurde 1922 die Produktion wieder aufgenommen, und infolge erheblicher Investitionen gab es bis 1929 35 Bandwebstühle und 127 Schnurrherstellungsmaschinen in der Fabrik. Sowohl im Ausland als auch im Inland bestand eine große Nachfrage nach den Jacquardprodukten der Fabrik.

Der Geschäftsbericht des Wiener Bankvereins über das Geschäftsjahr 1924/25 berichtet über die Zerkowitz A.G., dass das Unternehmen weiterhin unter der schwierigen Lage der Branche leideGeschäftsbericht Wiener Bank-Verein 1924/25. Archiv der Bank Austria Wien..

1929 wurde die Niederlassung der Zerkowitz A.G. in Wien gänzlich geschlossen und aus dem Handelsregister gelöscht.

Ebenso hatte die Zerkowitz A.G. auch noch ein Werk in Marburg, Slowenien, das ebenfalls nur mehr bis 1929 im Betrieb war.

mini|Zerkowitz Textilwerke Debrecen 1941