Gustav Schweitzer (geboren als Gustav Feibelsohn am 2. September 1880 in Breslau; gestorben am 14. November 1939 in Manila)Raphael Gross: Überprüfung der Provenienzforschung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, S. 75. war ein deutscher Jurist, Unternehmer und Kunstsammler. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sah er sich als Jude gezwungen ins Ausland zu emigrieren. Kunstwerke seiner Sammlung befinden sich heute in verschiedenen Museen und in Privatbesitz. Bei einigen Werken streben seine Erben eine Restitution an.

Leben Gustav Schweitzer kam als Sohn von Ida und Felix Feibelsohn zur Welt. Die Eltern gehörten zum wohlhabenden jüdischen Bürgertum. Er war zusammen mit seinen Geschwistern Hugo Feibelsohn, Margarete Goldstein (geborene Feibelsohn), Elfriede Meyerstein (geborene Feibelsohn) und deren Tochter Käte Huth (geborene Meyerstein) Teil der so genannten Feibelsohnschen Erbengemeinschaft, die über den elterlichen Immobilien- und Grundbesitz verfügte. Gustav Schweitzer war mit Lina Pestachowski (1883–1965) verheiratet.Raphael Gross: Überprüfung der Provenienzforschung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, S. 76. Vermutlich aus Gründen der Assimilation ließen er und seine Frau den Nachnamen von Feibelsohn in Schweitzer ändern, den Geburtsnamen seiner Mutter Ida. Aus der Ehe Gustav und Lina Schweitzer gingen die Kinder Marianne und Hans Heinz hervor. Die Familie bewohnte in Berlin eine Etage in ihrer Mehrfamilienvilla in der Königin-Augusta-Straße 53 (heute Köbisstr. 10). Die 12-Zimmer-Wohnung war mit wertvollen Möbeln, Teppichen und Kunstgegenständen ausgestattet.Raphael Gross: Überprüfung der Provenienzforschung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, S. 77.

Seine berufliche Laufbahn begann Schweitzer mit einem Jurastudium, dass er mit Promotion abschloss. Danach arbeitete er in der Papierindustrie und stieg bis zum Generaldirektor des Luxuspapierkonzerns E. A. Schwerdtfeger & Co. AG auf. Zudem engagierte er sich im Vorstand der Vereinigung für die Zollfragen der Papierverarbeitenden Industrie und nahm in dieser Funktion an Verbands- und Tarifverhandlungen teil. Darüber hinaus wirkte er von 1919 bis 1922 als ehrenamtlicher stellvertretender Handelsrichter am Landgericht Berlin.

Zwischen 1934 und 1935 emigrierte Schweitzer aus Deutschland.Raphael Gross: Überprüfung der Provenienzforschung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, S. 79. Erste Station seines Exil war Frankreich. Nachgewiesen ist seine Adresse in der Rue de Colisée 11 in Paris, wo auch seit 1936 seine Privatsekretärin Käthe Berliner lebte.Raphael Gross: Überprüfung der Provenienzforschung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, S. 80. In Deutschland wurde der dort verbliebene Besitz zunächst wegen vermeintlicher Steuerschulden zwangsverwaltet und nach seiner Ausbürgerung 1938 durch den NS-Staat beschlagnahmt. Die Ausbürgerung betraf die gesamte Familie. Seine Frau Lina und die Tochter Marianne flohen 1938 nach London und lebten später in den Vereinigten Staaten. Der Sohn Hans Heinz Schweitzer lebte dauerhaft im Vereinigten Königreich. Gustav Schweitzer reiste 1938 auf die Philippinen, wo er sich einen beruflichen Neuanfang erhoffte. Er starb im Folgejahr in Manila.Raphael Gross: Überprüfung der Provenienzforschung der Stiftung Sammlung E. G. Bührle, S. 81. Seine Sekretärin Käthe Berliner wurde als Jüdin 1942 zunächst im Sammellager Drancy interniert und später im KZ Auschwitz ermordet.Klaus Hillenbrand: Stellt das Museum NS-Raubkunst aus?, Artikel in der taz vom 24. Mai 2026. Die Berliner Villa der Schweitzers wurde am 22. November 1943 bei einem Luftangriff zerstört.

Kunstsammlung Gustav und Lina Schweitzer umgaben sich mit den unterschiedlichsten wertvollen Objekten. Dazu gehörten alte Bibeln und Erstausgaben illustrierter Bücher, Skulpturen, Reliefarbeiten, dekorativer Wandschmuck und Münzen. Herausragend waren aber vor allem Gemälde und Arbeiten auf Papier von meist französischen Künstlern des 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, darunter Bilder des Impressionismus und Post-Impressionismus. Viele Ankäufe erfolgten in den 1920er Jahren in den Filialen der Galerie Thannhauser in München und Berlin. Darunter befand sich auch ein Bronzeguss einer Venus von Pierre-Auguste Renoir. Weiterhin erstand Schweitzer in der Galerie Flechtheim einige Bronzen von Edgar Degas.

Versteigerung von 1932 Der Umfang der Sammlung ist vor allem bekannt durch die 1932 vom Kunstsalon Cassirer zusammen mit Hugo Helbing durchgeführte Auktion, in der bedeutende Werke aus dem Besitz von Gustav Schweitzer zum Verkauf angeboten wurden. Der Grund für diese Auktion ist nicht bekannt, könnte aber in Zusammenhang mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise stehen. Bei dieser Versteigerung wurden nur zwölf Bilder aus der Sammlung Schweitzer verkauft, die anderen Arbeiten gingen an den Sammler zurück.

Die nachfolgende Liste entspricht dem im Katalog der Versteigerung als Besitz von Gustav Schweitzer ausgewiesenen Werke. Da nur wenige Werke mit einer Schwarzweißabbildung illustriert waren, lassen sich nicht Bilder eindeutig identifizieren. Die Zuschreibungen zu den genannten Künstlern entsprechen nur teilweise der heutigen Forschung. Die Bildtitel können in anderen Publikationen differieren. Unter Medium finden sich die im Katalog angegebenen Materialien. Die Größe ist mit Höhe vor Breite angegeben. Unter Ergebnis ist vermerkt, ob das Werk in der Auktion verkauft wurde oder an den Sammler zurückging. Die heutigen Besitzer sind nur genannt, wenn es sich um museale Sammlungen handelt.

Nr. Künstler Titel Medium Größe Ergebnis heutiger Besitzer Bild 110 François MilletZuvor 2025 Gaspard Dughet zugeschrieben in der Versteigerung bei Lepke am 31. März 1925. Siehe Katalog Cassirer/Helbig 1932, S. 18. Ideallandschaft mit arkadischen Figuren Leinwand 49 × 44 cm verkauft unbekannt 111 François MilletZuvor 2025 Gaspard Dughet zugeschrieben in der Versteigerung bei Lepke am 31. März 1925. Siehe Katalog Cassirer/Helbig 1932, S. 18. Ideallandschaft mit arkadischen Figuren Leinwand 49 × 44 cm verkauft unbekannt 112 Eugène Boudin Seestück Holz 24,2 × 19 cm verkauft unbekannt 113 Eugène Carrière Mutter und Kind (Maternité) Leinwand 33 × 41 cm zurück unbekannt 114 Paul Cézanne Bildnis seiner Frau, Kopf Leinwand 20,3 × 14,8 cm verkauft unbekannt 100px 115 Honoré Daumier Galoppierends Pferd (Cheval blanc au galop) Leinwand 57 × 80 cm zurück unbekannt 100px 116 Edgar Degas Nach dem Bade Pastell auf Pappe 82 × 55 cm zurück unbekannt 100px 117 Edgar Degas Tänzerinnen (Danseus jupes saumon) Pastell auf Pappe 89 × 65 cm zurück unbekannt 100px 118 Edgar Degas Tänzerin, sitzend Rötel und Aquarell auf Pappe 42,5 × 33 cm zurück unbekannt 119 Eugène Delacroix Numa Pompilius und Egeria Leinwand 24 × 29 cm zurück unbekannt 120 Paul GauguinDas Werk ist als Nr. 40 im Werkverzeichnis von Georges Wildenstein von 1964 enthalten, fehlt jedoch in neueren Werkverzeichnissen. Herrenbildnis Gouache und Pastell auf Pappe 73 × 54 cm verkauft unbekannt 100px 121 Paul GauguinDas Werk ist nicht in den Werkverzeichnissen gelistet. Fluß-Landschaft in der Bretagne Leinwand 54,5 × 65 cm zurück unbekannt 100px 122 Paul Gauguin Zitronenpflückendes Mädchen, Tahiti (Mau taporo) Leinwand 65 × 53,5 cm zurück unbekannt 100px 123 Théodore Géricault Reiterstudie mit nach rechts sprengendem Pferd Leinwand 37 × 28,5 cm zurück unbekannt 124 Théodore Géricault Reiterstudie mit nach links sprengendem Pferd Leinwand 37 × 28,5 cm zurück unbekannt 125 Vincent van Gogh Kopf einer Bäuerin Leinwand auf Holz 41 × 31,5 cm zurück Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich 100px 126 Vincent van Gogh Torso Leinwand 70 × 52 cm zurück Menard Art Museum, Komaki 100px 127 Vincent van Gogh Alpenlandschaft (Le Mont Gaussier) Leinwand 53 × 70 cm zurück unbekannt 100px 128 Vincent van GoghDas Werk ist als Nr. 738 im Werkverzeichnis von Jacob-Baart de la Faille von 1928 enthalten, fehlt jedoch in neueren Werkverzeichnissen. Landschaft mit Sonnenuntergang Leinwand 33 × 41 cm zurück unbekannt 100px 129 Constantin Guys Dame mit Sonnenschirm in Equipage Aquarell 21,5 × 29 cm verkauft unbekannt 130 Constantin Guys Dame, ein Tandem kutschierend Aquarell 15,5 × 28,5 cm verkauft unbekannt 131 Constantin Guys Offiziere, davon drei zu Pferde Aquarell 18,5 × 25 cm zurück unbekannt 132 Stanislas Lépine Ansicht des Trocadéro Holz 14 × 23,8 cm verkauft unbekannt 133 Édouard Manet Bildnis der Line Campineanu (La fillette blonde) Leinwand 55 × 46,5 cm zurück Helen Foresman Spencer Museum of Art, Lawrence (Kansas) 100px 134 Pierre-Auguste Renoir Die Guitarrespielerin Leinwand 54 × 65 cm verkauft unbekannt 100px 135 Pierre-Auguste Renoir Landschaft mit Gehöft Leinwand 46,5 × 55 cm verkauft unbekannt 100px 136 Pierre-Auguste Renoir Landschaft Leinwand 15 × 31 cm verkauft unbekannt 137 Paul Signac Segelboote Aquarell auf Pappe 28 × 42 cm verkauft unbekannt 138 Paul Signac Straßenbild Aquarell auf Pappe 28 × 40 cm zurück unbekannt 139 Henri de Toulouse-Lautrec Zirkusszene (La clownesse et les cinq plastrons) Aquarell auf Papier auf Leinwand 117 × 87 cm zurück unbekannt

Verbleib der Sammlung In den Unterlagen der deutschen Behörden zur Beschlagnahmung des Vermögens von Gustav Schweitzer sind zwar Möbel und sonstiger Hausrat gelistet, es fehlt jedoch jeglicher Hinweis, dass Kunstwerke beschlagnahmt wurden. Demnach ist es sehr wahrscheinlich, dass es Schweitzer gelang, wesentliche Teile seiner Sammlung ins Ausland zu verbringen. Die Verkäufe von Kunstwerken sicherten ihm und seiner Familie im Ausland den Lebensunterhalt. Diese Verkäufe werden heute rechtlich als verfolgungsbedingter Verlust gewertet, entsprechend versuchen die Erben von Gustav Schweitzer für einige Werke eine Restitution zu erreichen.

2024 ergaben Recherchen zu den Werken der Stiftung Sammlung E. G. Bührle im Kunsthaus Zürich, dass das Gemälde Kopf einer Bäuerin von Vincent van Gogh zwar 1932 in der Versteigerung der Sammlung Schweitzer angeboten, aber letztlich nicht verkauft wurde, es somit weiter in der Sammlung Schweitzer verblieb. Da die späteren Umstände des Verkaufs nicht geklärt sind, besteht für dieses Bild der Verdacht auf Raubkunst.Ulrike Knöfel: Kunstschatz eines Skrupellosen, Artikel in Magazin Der Spiegel vom 28. Juni 2024.

2026 sorgte ein Aquarell La montagne Sainte-Victoire von Paul Cézanne für Aufsehen, das in einer Ausstellung des Künstlers in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel gezeigt wurde. Das in einer Privatsammlung befindliche Werk gehörte vormals Gustav Schweitzer und es ist nicht bekannt, unter welchen Umständen es von ihm oder seiner Familie verkauft wurde. Wegen der lückenhaften Provenienz strebt Peter Schweitzer, ein Enkel des Sammlers, eine Restitution oder finanzielle Entschädigung an. Gegen die Fondation Beyeler wurden in diesem Zusammenhang Vorwürfe erhoben, sie habe die Provenienz des Bildes im Vorfeld nicht ausreichend geprüft.Karoline Edrich: Kunstdetektiv kritisiert Beyeler: «Eine Tramfahrt zum Archiv hätte gereicht», Artikel in der Basler Zeitung vom 26. Mai 2026. Die Ansicht La montagne Sainte-Victoire war ebenso wie die ebenfalls zuvor in Schweitzers Besitz befindliche Skizze Le Clos von Paul Cézanne nicht in der Auktion von 1932 im Angebot.Gustav Schweitzer ist bei den beiden Arbeiten auf Papier im Online-Werkverzeichnis von Cézanne als vormaliger Besitzer genannt. Nr. Künstler Titel Medium Größe Ergebnis heutiger Besitzer Bild ohne Paul Cézanne La Montaigne Sainte-Victoire Aquarell auf Papier 28 × 44,5 cm unbekannt Privatsammlung 100px ohne Paul Cézanne Le Clos Bleistift und Aquarell auf Papier 42,4 × 56,4 cm unbekannt Harvard Art Museums/Fogg Art Museum 100px

Literatur Die Sammlung Dr. S. / Berlin. In: Kunstsalon Paul Cassirer (Hrsg.): Bilder und Kunstgegenstände aus dem Nachlass Geheimrat Hermann Frenkel, aus Berliner Privatsammlungen, der Faustzyklus von Lovis Corinth, Sammlung Dr. S, Berlin, Katalog der Versteigerung vom 20. Oktober 1932 in Berlin.