Olivia Umurerwa Rutazibwa (* 1979 in Brüssel) ist eine belgisch-ruandische Politikwissenschaftlerin der internationalen Beziehungen und ehemalige Journalistin. Sie forscht an der Abteilung für Soziologie der London School of Economics and Political Science zu Menschenrechten und Politik. Ihre Arbeiten umfassen dekoloniale politische Theorie, Rassismus- und Kolonialismuskritik sowie internationale Solidarität und Entwicklungspolitik.
Leben Rutazibwa wurde in Brüssel geboren, hat ruandische Eltern und wuchs in Antwerpen auf. Sie absolvierte am Europäischen Hochschulinstitut in Italien eine Doktorandenausbildung, arbeitete als Praktikantin bei der Europäischen Kommission in Brüssel und dem EU-Institute für Sicherheitsstudien in Paris und wurde 2013 an der Universität Gent in Politikwissenschaft und internationalen Beziehungen promoviert. Vor ihrem Ruf an die London School of Economics war sie von 2013 bis 2021 Senior Lecturer in European and International (Development) Studies an der University of Portsmouth. Sie war Afrika-Redakteurin, Journalistin und Kolumnistin beim Brüsseler Magazin MO*. In einem Interview gab sie an, dass die Erfahrung des Völkermords an den Tutsi in Ruanda aus der Distanz in Belgien ihr Interesse an Internationalen Beziehungen und Politik wesentlich beeinflusste.
Wirken Rutazibwa untersucht internationale Politik in einer dekolonialen Perspektive und kritisiert insbesondere, dass Entwicklungshilfe häufig koloniale Asymmetrien und die Vorstellung einer zivilisatorischen Mission reproduziere. In ihrer Forschung zu internationaler Solidarität fragt sie nach Wiedergutmachung, Würde, Rückzug und antikolonialen Formen der Solidarität, darunter mit Bezug auf Agaciro in Ruanda, Somaliland, Black Power in den Vereinigten Staaten, Trikontinentalismus und Thomas Sankara. Bei den Ateliers de la Pensée in Dakar erklärte sie 2017 den Begriff der Dekolonialität als Versuch, fortdauernde koloniale Denk- und Gewaltmuster nach formaler Dekolonisation sichtbar zu machen und verschüttete Wissensbestände hörbar zu machen. In ihrem 2018 bei MO* veröffentlichten Essay Het einde van de witte wereld: een dekoloniaal manifest beschrieb sie die „weiße Welt“ nicht als Eigenschaft einzelner weißer Menschen, sondern als machtförmige Logik, die bestimmte Körper, Erfahrungen und Wissensformen zur Norm erhebt. In einem MO*-Text von 2020 argumentierte sie, dass Debatten über Entwicklungshilfe weniger um Definitionen, gute Absichten oder technokratische Verfahren kreisen sollten, sondern um Machtverzicht, Reparationen, Würde, Rassismus und antikoloniale Solidarität. Als Herausgeberin war sie mit Robbie Shilliam am Routledge Handbook of Postcolonial Politics beteiligt, das postkoloniale Politik aus schwarzen, dekolonialen, feministischen, indigenen, marxistischen und postkolonialen Denktraditionen behandelt. Mit Sara de Jong und Rosalba Icaza gab sie überdies Decolonization and Feminisms in Global Teaching and Learning heraus, einen Sammelband über dekoloniale und feministische Perspektiven auf Lehre, Wissensproduktion und Hochschule.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Rutazibwa, O. U. (2017). Het einde van de witte wereld: Een dekoloniaal manifest. EPO Uitgeverij. ISBN 978-94-6267-115-7 Rutazibwa, O. U., & Shilliam, R. (Eds.). (2018). Routledge handbook of postcolonial politics. Routledge. ISBN 978-1-138-94459-6 de Jong, S., Icaza, R., & Rutazibwa, O. U. (Hrsg.). (2018). Decolonization and feminisms in global teaching and learning. Routledge. ISBN 978-0-8153-5593-9
Einzelnachweise
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