Die Schlacht bei Lubar fand vom 14. bis 27. September 1660 während des Russisch-Polnischen Krieges 1654–1667 statt.
Vorbereitung
Die Vorbereitungen für die neue Kampagne begannen verhältnismäßig früh, nämlich bereits Ende des Jahres 1659. Zu diesem Zeitpunkt erreichten die Truppen der Polnisch-Litauischen Republik eine sehr hohe Stärke – über 36.000 Soldaten in der Königreich Polen und etwa 18.000 in Großfürstentum Litauen. Allerdings konnten sie erst nach dem Abschluss des Friedensvertrags mit Schweden im Frühjahr 1660 vollständig gegen Russland eingesetzt werden. Aufgrund der Vereinbarungen von Ende Mai und Anfang Juni 1660 sowie des schnellen Sieges von Stefan Czarniecki und Paweł Sapieha am 27. Juni in Litauen konnte die Armee in zwei Fronten aufgeteilt werden: die nördliche Armee, die auf dem Gebiet des heutigen Belarus unter dem Kommando von Stefan Czarniecki und Paweł Jan Sapieha operierte. die südliche Armee, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine unter dem Kommando von Stanisław Potocki und Jerzy Sebastian Lubomirski operierte.
Am 25. August 1660 erreichten die Divisionen Lubomirskis den Sammelpunkt in Luzk, während die Division Potockis auf gleichen Tag Tarnopol erreichte. Die Krontruppen zählten insgesamt 28.800 Soldaten und setzten sich zusammen aus: 12.400 Reitern in 137 Kompanien polnischer Reiterei, darunter 5 Husaren, 97 gepanzerte, 20 tatarische (in denen polnische Tataren dienten) und 15 walachische Einheiten; 1.800 Reitern fremdländischer Herkunft (Kürassiere/Reiter) in 3 Regimentern und einer Schwadron; 9.800 Infanteristen in 13 Regimentern und 5 Kompanien; 4.600 Dragonern in 8 Regimentern und 5 Schwadronen.
Der verbündete Tatarenchan entsandte ein Hilfskorps aus berittenen Streifverbänden, das 15.000–20.000 Soldaten umfasste. Ihr Befehlshaber war Safer-Girej.Romuald Romanski, Cudnow S. 9–17
Die Konzentration der moskowitischen und kosakischen Truppen begann etwas früher, da die wichtigsten Entscheidungen hierzu bereits am 17. Juli getroffen wurden. Sie verlief jedoch träger als bei den Krontruppen. Der zum Oberbefehlshaber ernannte Wassili Scheremetjew brach erst am 17. August mit seiner Division aus Kiew auf und marschierte über Wassylkiw nach Kotelnia, wo er anhielt, um auf den Rest seiner Truppen zu warten, insbesondere auf die Division von General Grigorij Koslowski sowie die Dnjeprkosaken unter Tymofij Cieciura.
Der ebenfalls einberufene Jurij Chmelnyzkyj antwortete, dass er nicht kommen könne, da er die Konzentration seiner Regimenter noch nicht abgeschlossen habe und außerdem die Gebiete verteidigen müsse, durch die tatarische Truppen zogen. Am 25. August fand im Lager bei Kotelnia ein Kriegsrat statt. Die Teilnehmer sprachen sich nahezu einstimmig dafür aus, den Marsch in Richtung ethnisch polnischer Gebiete fortzusetzen.
Anfang September erreichte das Lager die Nachricht von Jurij Chmelnyzkyj, dass der Kosakenhetman weiterhin Regimenter sammle und Medschybisch als Treffpunkt beider Armeen vorschlage. Daraufhin beschloss Scheremetjew, in Richtung dieses Sammelortes aufzubrechen.
Die regulären russischen Truppen umfassten 5.100 Adelsreiter, 6.100 Kürassiere, 4.000 Dragoner, 3.000 ausländische Infanteristen und 1.000 Strelizen – insgesamt also 19.200 Soldaten. Hinzu kamen mehrere Tausend minderwertige Infanteristen und sogenannte „Lose Leute“, sodass das moskowitische Korps insgesamt etwa 33.000–34.000 kampffähige Männer zählte.
Die Kosakendivision Tymofij Cieciuras bestand aus fünf Regimentern Dnjeprinfanterie und umfasste etwa 20.000 Mann. Der Zustand der Artillerie beider Armeen war ausgezeichnet. Scheremetjews Korps verfügte über mindestens 50 Geschütze, davon 20 schwere, während die Kosaken 6 Feldkanonen hatten. Die Armee Jurij Chmelnyzkyjs führte zudem 30 Kanonen mit sich.Romuald Romanski, Cudnow S. 17–21
Das Selbstvertrauen der russischen Führung beruhte in hohem Maße auf fehlenden ausreichenden Informationen über die Stärke der polnischen Armee. Im Gegensatz zum polnischen Oberkommando hatte man nicht für eine effiziente Aufklärung gesorgt und betrieb lediglich schwache und oberflächliche taktische Erkundung durch ausgesandte Reitertrupps. Diese erwies sich jedoch als völlig unzureichend, zumal die hervorragende leichte polnische und tatarische Kavallerie das gesamte Heer abschirmte und Aufklärungsversuche erheblich erschwerte oder sogar verhinderte.
Unter diesen Umständen versagte das System der Informationsbeschaffung durch Vortrupps. Auf der Grundlage von eingehenden – größtenteils, wie sich zeigte, falschen – Berichten glaubten die gegnerischen Befehlshaber daher, es stehe ihnen lediglich eine schwache, höchstens 6.000 Mann starke und weitgehend demoralisierte Division des Großhetmans Stanisław Potocki gegenüber.Romuald Romanski, Cudnow S. 32–33
Die Division von Stanisław „Rewera“ Potocki traf am 7. September in Konstantynów ein. Der polnische Nachrichtendienst arbeitete während dieser Kampagne sehr effizient und lieferte dem Oberkommando Informationen direkt aus dem feindlichen Lager, in dem es gelungen war, mehrere eigene Agenten zu platzieren.
In Kenntnis von Scheremetjews Überzeugung über die angebliche Schwäche der polnisch-litauischen Armee entschloss man sich zu einem schnellen Aufbruch bereits am 10. September, um möglichst rasch eine Schlacht mit den russisch-kosakischen Truppen herbeizuführen.
Am 11. September meldete einer der Aufklärungstrupps, dass der Feind von Cudnow in Richtung Lubar marschierte, das die Truppen der Republik am 14. September erreichten. Gegen Mittag kehrte auch Hauptmann Strzałkowski von einem Erkundungsritt zurück und berichtete, er habe feindliche Truppen gesehen, die sich in Richtung Chmielnik bewegten. Es handelte sich – wie sich bald herausstellte – um die Vorhut der heranrückenden Armee von Scheremetjew und Cieciura.Romuald Romanski, Cudnow S. 29–39
Erster Kontakt
Das Aufeinandertreffen beider Armeen fand in der Nähe der Stadt Lubar statt, die der Familie Lubomirski gehörte und zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch königliche Verleihungen in ihren Besitz gelangt war. Die Vorhut der Armee von Wassili Scheremetjew erreichte die Umgebung der Stadt am 14. September 1660 gegen Mittag. Es handelte sich um eine starke Einheit von fast 1.000 Soldaten, die überwiegend aus Kosaken bestand. Ihre Aufgabe bestand – neben der Sicherung des Hauptheeres – darin, einen geeigneten Lagerplatz auszukundschaften und anschließend das Lager einzurichten. Deshalb begleitete sie, wie sich später herausstellte, auch der Quartiermeister der Armee, und angeblich wurde sie sogar vom Kosakenführer Cieciura selbst befehligt.
Nach der Entdeckung dieses Trupps befahlen die polnischen Befehlshaber dem Rittmeister Kłopotowski, den Rückzugsweg der russisch-kosakischen Einheit abzuschneiden. Gleichzeitig wurden zu den Tataren zwei Offiziere entsandt, mit der Nachricht über das Herannahen des Feindes und dem Befehl, unverzüglich anzugreifen. Die tatarischen Czambuły befanden sich – gemäß der zuvor festgelegten Marschordnung des Heeres – auf dem linken Flügel. Um den heranrückenden Feind anzugreifen, mussten sie daher nach rechts schwenken und vor der Front der polnischen Armee vorbeiziehen.
Die Vorhut der moskowitisch-kosakischen Armee passierte Kutyszcze, gelangte auf offenes Gelände und setzte ungestört ihren Marsch in Richtung Lubar fort, als plötzlich ein heftiger Angriff der tatarischen Reiter auf sie niederprasselte. Der Angriff war äußerst erfolgreich. Die überraschten Kosaken konnten keine Verteidigung vorbereiten und erlitten bereits in der ersten Phase der Kämpfe schwere Verluste. In diesem ersten Gefecht fielen etwa 600 feindliche Soldaten, also der Großteil der Einheit. Der Rest zog sich in Panik zurück und organisierte hastig eine Verteidigung.
Da die Kosaken für ihre Fähigkeit bekannt waren, aus Befestigungen heraus zu kämpfen, wurden die weiteren Angriffe der Tataren wirksam abgewehrt. Um diese zu unterstützen, entsandte man vier Kompanien Dragoner sowie mehrere Banner leichter Reiterei unter dem Kommando des Kiewer Woiwoden Iwan Wyhowskyj und von Jan Sapieha. Die abgesessenen Dragoner vertrieben mit Musketenfeuer die Reste der kosakischen Vorhut aus dem Wald auf freies Feld, wo die polnische und tatarische Reiterei die endgültige Vernichtung herbeiführte. Die Armee Scheremetjews erreichte schließlich mit einiger Mühe das Waldgebiet Kutyszcze, wo sie wegen der hereinbrechenden Dunkelheit Halt machte und ein provisorisches Lager errichtete.
Der erste Tag der Kampfhandlungen endete somit mit einem Erfolg für die polnisch-tatarische Seite. Zudem erbeutete man die Register der moskowitischen Truppen, wodurch die polnische Seite ihre Kenntnisse über den Zustand der gegnerischen Armee, ihre Stärke, Versorgung und Kriegspläne erheblich erweitern konnte. Der russische Befehlshaber hingegen gewann keinerlei neue Informationen. Das, was er und seine Offiziere während des Gefechts zwischen den polnischen Kräften und ihrer eigenen Vorhut sowie bei den späteren Angriffen auf das Hauptkorps beobachten konnten, bestätigte lediglich ihre bisherigen Vorstellungen von der Stärke der polnischen Armee. Scheremetjew wusste daher weiterhin nichts von der Vereinigung der beiden Krondivisionen und von der Anwesenheit Lubomirskis auf dem Schlachtfeld.Romuald Romanski, Cudnow S. 40–44
Kämpfe am 15. September Die Nacht vom 14. auf den 15. September nutzte die polnische Seite vor allem zur Erholung und zur Konzentration der gesamten Armee. Die polnischen Einheiten sammelten sich sehr langsam, praktisch die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen. Ein Teil von ihnen, insbesondere einige Infanterieregimenter und die Artillerie, traf sogar noch später ein, erst gegen Mittag des 15. September. Für die polnische Seite waren dies kritische Augenblicke, denn im Falle eines entschlossenen Angriffs der moskowitischen Kräfte hätte sie leicht eine unabsehbar schwere Niederlage erleiden können. Der moskowitische Befehlshaber kannte jedoch die tatsächliche Lage nicht, und die russisch‑kosakische Armee nutzte die Nacht vom 14. auf den 15. September zur Anlage eines provisorischen Lagers.
Die moskowitische Armee bezog Stellung im Gebiet Kutyszcze. Die Front ihres Lagers war in Richtung der Hanczaryszki ausgerichtet, also dorthin, von wo die Polnische Kronarmee herangekommen war. Die rechte Flanke war auf Lubar gerichtet, die linke in Richtung Cudnow. Vom Lubar aus wurde das Lager durch einen Hügel abgeschirmt, hinter dem sich polnische Banner verbargen. Es war eine ziemlich starke Stellung, da der Fluss Werbka, Sümpfe und Wälder die Rückseite und die Flanken des Lagers schützten.
Diese Position war jedoch nicht frei von Nachteilen. Vor allem bereitete die Versorgung einer so großen Anzahl von Menschen und Tieren mit Wasser erhebliche Schwierigkeiten. Ebenso war es schwierig, ausreichend Futter für die Pferde zu beschaffen, da das an Wald und Sümpfe angelehnte Lager im Hinterland keine größeren Wiesen besaß. Zudem hatte Scheremetjew durch die Lage an einem schlammigen Fluss und in Mooren im Falle eines Fehlschlags einen erschwerten Rückzug. Insgesamt war dies eine geeignete Stellung für eine Entscheidungsschlacht, da Geländehindernisse die Flanken und den Rücken der Armee schützten und man keine weit ausholenden Umgehungsbewegungen zu befürchten hatte. Eine Belagerung konnte jedoch nicht lange dauern, höchstens einige Tage, weshalb die Stellung in dieser Hinsicht sehr ungünstig war.