mini|Porträtfoto in einer Veröffentlichung der National Security Agency, die Johannes Siegfried Becker zeigen soll Johannes Siegfried Becker, Deckname Sargento, abgekürzt Sargo (* 21. Oktober 1912 in Leipzig; † nach 1947), war ein deutscher Agent im Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) und leitete in Buenos Aires zuletzt dessen Auslandsspionage für Südamerika. Der US-amerikanische Geheimdienst beurteilte ihn seinerzeit als den bedeutendsten deutschen Agenten der westlichen Hemisphäre.War Games. In: Uki Goñi: The Real Odessa. How Nazi War Criminals Escaped Europe. ‚Fascinating‘ New Statesman, Granta Books, 2022, ISBN 978-1-78378-925-2 (Google Books)

Leben Becker war nach dem Besuch eines Leipziger Gymnasiums Lehrling bei der Leipziger Firma J. L. Graubner & Söhne, Ritterstraße 9–13. Zum 1. November 1930 trat er der NSDAP (Mitgliedsnummer 359.966)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/2071606 und der SA bei, im April 1931 der SS (Mitgliedsnummer 9.393). Als Arbeitsloser nahm er von 1931 bis 1932 an einem „Kurs für die Körperertüchtigung von Jugendlichen“ teil, der an der Universität Leipzig auch dazu eingerichtet war, angehende Offiziere auszubilden. Als Sportlehrer wurde er 1933 beim Mitteldeutschen Braunkohlen-Syndikat tätig. Bald darauf meldete er sich freiwillig zur Wehrmacht, wo er bis April 1935 eine Offizierslaufbahn bis zum Range eines Leutnants der Reserve beschritt.

Nachdem er anschließend eine Weile in einer Wohlfahrtsorganisation der Regierung gearbeitet hatte, ging er als Geschäftsmann mit einem Provisionsvertrag eines Managers der Fa. Federico C. Koller und einem Einjahresvisum der argentinischen Botschaft im April 1937 nach Buenos Aires. Enttäuscht von den geschäftlichen Möglichkeiten, kehrte er im Sommer 1938 nach Deutschland zurück, wo er sich in Berlin für ein halbes Jahr mit einer monatlichen Unterstützung von 250 Reichsmark zunächst über Wasser halten konnte, ehe er wieder nach Argentinien zurückreiste. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 wollte Becker erneut nach Deutschland zurückkehren, um als Leutnant der Reserve am Krieg teilzunehmen, doch verhinderte eine alliierte Seeblockade eine gewöhnliche Schiffsreise.

Unter falschem Namen und ohne Pass fuhr er sodann auf einem Handelsschiff nach Madeira. Die portugiesischen Behörden in Funchal zwangen ihn nach einem Verhör, auf einem italienischen Schiff nach Argentinien zurückzureisen. Bei einem Zwischenhalt in Las Palmas de Gran Canaria entkam er. Der dortige deutsche Konsul half ihm, über Madrid und Barcelona nach Rom zu gelangen, wo ihn der SD-Offizier der deutschen Botschaft mit Mitteln für eine Reise nach Berlin und mit dem Auftrag ausstattete, sich beim Reichssicherheitshauptamt zu melden.

Im April 1940 in Berlin angekommen, bot man ihm an, eine Ausbildung als Auslandsagent zu durchlaufen und anschließend Operationen in Argentinien und anderen Ländern durchzuführen. Nach anderer Interpretation soll Becker schon 1937 Auslandsagent gewesen sein, als er erstmals nach Argentinien ging.

Die 1940 beginnenden lateinamerikanischen Aktivitäten deutscher Geheimdienste, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs andauerten, wurden im Amt VI des Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) und (bis 1944) im Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht gesteuert. Nach Simón Bolívar erhielten sie den Codenamen Operation Bolívar.Diamond trafficking and Nazi spies: how Hitler’s secret agent network worked in Argentina and Brazil. The Rio Times, 2. Juni 2022, abgerufen am 30. Mai 2026 mini|Operation Bolívar, 1940–1945 Im Juni 1940 flog Becker von Rom nach Rio de Janeiro und fuhr mit dem Schiff nach Buenos Aires, wo er unter der Leitung von Dietrich Niebuhr, dem Marineattaché der deutschen Botschaft in Argentinien (Deckname Diego), mit dem SD-Agenten Heinz Lange (* 1907, Deckname Jansen) zusammenarbeiten sollte. Je mit einem Budget von 8000 US-Dollar versehen, sollten sie auch Sabotageakte durchführen. Auf Verlangen der von Edmund von Thermann geleiteten deutschen Botschaft wurde ihr geheimdienstlicher Auftrag im August 1940 jedoch auf Spionage reduziert. Die argentinischen Behörden identifizierten Becker und Lange bald als deutsche Spione.

Becker bekleidete in der SS den Rang eines Obersturmführers, als er im September 1940 den Mittelpunkt seines Wirkungskreises nach Brasilien verlegte, um das dortige SD-Netzwerk auszubauen. Dort traf er Albrecht Gustav Engels (1899–1977, Deckname Alfredo), einen 1923 für Siemens & Halske nach Rio de Janeiro ausgewanderten Elektroingenieur, der seit 1930 eine Krefelder Tochtergesellschaft des deutschen AEG-Konzerns in Brasilien vertrat, 1934 brasilianischer Staatsbürger geworden und 1939 vom Wehrmacht-Amt Ausland/Abwehr als deutscher Geheimdienstagent verpflichtet worden war. Unter Becker und Engels wurden über Brasilien verteilt mehrere Radiosender installiert. In São Paulo betrieb Engels eine Kurzwellen-Radiostation, die geheime Informationen, vor allem aus Brasilien und den Vereinigten Staaten, per Funk an das Deutsche Reich übermittelte. Zu Beckers und Engels Netzwerk, das mit Agenten und Netzwerken in Mexiko, Ecuador und Chile in Verbindung stand,Christopher Vasey: Nazi Intelligence Operations in Non-Occupied Territories. Espionage Efforts in the United States, Britain, South America and Southern Africa. McFarland & Company, Jefferson/North Carolina 2016, ISBN 978-1-4766-6353-1, S. 202 (Google Books) gehörte auch der jugoslawische Doppelagent Dušan Popov (Deckname Ivan).Larry Loftis: Into the Lion’s Mouth. The True Story of Dusko Popov: World War II Spy, Patriot, and the Real Life Inspiration for James Bond. Berkley Caliber, New York 2016, ISBN 978-0-4252-8181-9, S. 117 (Google Books) In Rio de Janeiro knüpfte Becker Kontakte zu Clara Fadda, der Sekretärin von Bruno Mussolini (1918–1941), dem Sohn des italienischen Diktators Benito Mussolini und Präsidenten der italienischen Fluggesellschaft LATI,Robert Bluffield: Over Empires and Oceans. Pioners, Aviators and Adventurers. Forging the International Air Routes 1918–1939. Tattered Flag Press, Ticehurst/East Sussex 2014, ISBN 978-0-9543115-6-8, S. 93 (Google Books) um durch deren Piloten Nachrichten auf dem Luftweg transportieren zu können. Auch hatte er eine Affäre mit der Ehefrau eines brasilianischen Ministers. Als diese schwanger wurde, ersuchte der deutsche Botschafter Curt Prüfer im Oktober 1940 Berlin, Becker „aus politischen Gründen“ abzulösen.

Im November 1941 begab sich Becker zu einer Geheimdienstkonferenz und weiteren Beratungen nach Berlin. Er befand sich daher außerhalb Brasiliens, als im März 1942 durch brasilianische Behörden, die im Rahmen der politischen Linie von Präsident Getúlio Vargas bis Mitte 1941 deutsche Aktivitäten eher geduldet hatten, das deutsche Agentennetzwerk weitgehend ausgehoben wurde. Nach Kriegseintritt im Dezember 1941 hatten die Vereinigten Staaten ihren Druck auf Brasilien, Argentinien und andere lateinamerikanische Staaten erhöht. Dadurch verschärfte sich die Gesamtlage für die deutschen Geheimdienste. Im August 1942 erklärte auch Brasilien den Achsenmächten den Krieg. Die deutschen Geheimdienste richteten ihre lateinamerikanischen Bemühungen in der Folge verstärkt darauf, Informationen über US-Aktivitäten zu gewinnen und durch Aktivierung von NS-freundlichen Kräften in den Regierungen von Argentinien, Brasilien, Paraguay und Bolivien einen Block antiamerikanischer, prodeutscher oder zumindest neutraler Staaten zu erzeugen.

Befördert zum SS-Hauptsturmführer, konnte Becker im Januar 1943 unter falschem Namen als Passagier eines spanischen Schiffes nach Buenos Aires reisen und mit neuen Aufträgen und im Rang eines Leiters des südamerikanischen SD-Netzwerks wieder operativ tätig werden. Das dort von Becker geleitete Netzwerk, dem es nunmehr gelang, die von dem Amt Ausland/Abwehr der Wehrmacht unter Wilhelm Canaris geschaffenen Strukturen wirksam einzubinden, lief über Enigma-G-verschlüsselte Radiobotschaften und finanzierte sich auch über Schwarzhandel mit Juwelen und Pharmazeutika. Es erstreckte sich über mehrere lateinamerikanische Staaten bis nach Mexiko und war besonders in Chile aktiv, wo Heinz Lange bis 1944 die Operationen verantwortete. Allein zwischen Juni 1943 und August 1944 setzte das Netzwerk 2500 Nachrichten nach Deutschland ab.Leslie B. Rout Jr., John Bratzel: The Shadow War: German Espionage and United States Counterespionage in Latin America during World War II. University Publications of America, Frederick 1986, S. 353 Nach dem Militärputsch der Grupo de Oficiales Unidos (März 1943) knüpfte Becker aufgrund eines Abkommens, das Walter Schellenberg im Reichssicherheitshauptamt im Mai 1943 mit Argentinien abgeschlossen hatte, intensive Kontakte zu Kreisen des argentinischen Militärs. Im Dezember 1943 beteiligte er sich hinter den Kulissen unter anderem mit Oberst Juan Perón, dem späteren Staatspräsidenten Argentiniens, daran, den bolivianischen General Gualberto Villarroel López durch einen Militärputsch an die Macht zu bringen.

Als im Januar 1944 der argentinische Präsident Pedro Pablo Ramírez auf Druck der Vereinigten Staaten die diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten abbrach, nahmen die argentinischen Behörden eine Reihe von deutschen und spanischen Spionen fest. Dies zwang Becker zum Untertauchen. Nachdem sein Aufenthaltsort mit Hilfe des FBI entdeckt und observiert worden war, erfolgte seine Festnahme am 18. April 1945. Der deutsch-argentinische Geschäftsmann Ludwig Freude besuchte ihn und setzte sich für seine Freilassung ein. Bis Mai 1946, als er gegen Kaution entlassen wurde, blieb er in argentinischer Haft. Anschließend entzog er sich der Justiz.Keesing’s Contemporary Archives. Band 6, 1947, S. 8661Facts on File. Band 7, 1947, S. 163 Später wurde er von allen Anklagepunkten freigesprochen.Uki Goñi: Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher. Assoziation A, Berlin 2006, ISBN 978-3-86241-617-2 (Google Books) Während schließlich andere deutsche Spione von Argentinien ausgeliefert und 1947 in ein US-amerikanisches Internierungslager nach Berlin-Wannsee verbracht wurden, blieb Becker unter dem Schutz des im Juni 1946 vereidigten Präsidenten Perón zunächst in Argentinien.Panagiotis Dimitrakis: The Hidden War in Argentina. British and American Espionage in World War II. Bloomsbury Academic, London 2020, ISBN 978-1-350-16886-2, S. 178 (Google Books) Dessen Präsidentschaft hatte das US-Außenministerium unter James F. Byrnes im Januar 1946 durch die Veröffentlichung des Blue Book on Argentina verhindern wollen, indem es Peróns Verbindungen mit Vertretern des NS-Regimes, so auch mit Becker, aufzeigte.US Department of State: Blue Book on Argentina. Consultation among the American Republics with respect to the Argentinian Situation. Memorandum of the United States Government, Washington, D.C., Februar 1946, Greenberg Publisher, New York 1946, S. 10, 12, 15 f. 18, 48–51, 53 (Google Books)