mini|Sambias geographische Form, die einem Schmetterling ähnelt, wird durch das Congo Pedicle verursacht. Das Congo Pedicle (einst als Zaire Pedicle bezeichnet; : la botte du Katanga, : Stiefel von Katanga) ist der südöstliche Ausläufer der Provinz Haut-Katanga in der Demokratischen Republik Kongo, der das benachbarte Sambia in zwei Hälften teilt. Der Begriff „Pedicle“ wird hier im Sinne von „kleiner Fuß“ verwendet. Die Fläche des Pedicle wird durch das Territoire Sakania eingenommen und ist etwa so groß wie Wales oder New Jersey. „Congo Pedicle Road“ bezeichnet zudem die Route nationale 36 der Demokratischen Republik Kongo, die dieses Gebiet durchquert.
Das Congo Pedicle ist ein Beispiel für die Grenzen, die europäische Mächte im Zuge des „Wettlaufs um Afrika“ (Scramble for Africa) dem Kontinent auferlegtenFrancis M. Deng: Africa and the New World Dis-Order: Rethinking Colonial Borders. Brookings Review. Band 11. Frühjahr 1993. – Grenzen, die von europäischen Interessen bestimmt waren und dabei bestehende politische oder ethnische Grenzen unberücksichtigt ließen.Ieuan Griffiths: The Scramble for Africa: Inherited Political Boundaries. In: The Geographical Journal. Vol 152 No 2, July 1986, S. 204–216.
Da das Gebiet am äußersten südöstlichen Rand des Landes liegt, ist sein östliches Ende näher an den Hauptstädten von 17 anderen afrikanischen Staaten gelegen als an der eigenen Hauptstadt Kinshasa.
Britische und belgische Gebietsansprüche Die Region, in der das Congo Pedicle liegt, war wegen ihres Rohstoffreichtums bereits im 19. Jahrhundert Gegenstand einiger Konflikte zwischen einheimischen Stammesführern und den vordringenden europäischen Kolonialmächten. Etwa um 1870 hatte der lokale Herrscher Msidi, dessen Sitz sich in Bunkeya befand, das Gebiet gewaltsam unter seine Kontrolle gebracht. In der Folge wurde allerdings die Konfrontation mit den Kolonialmächten, die sich das rohstoffreiche Gebiet ebenfalls sichern wollten, unvermeidlich. Cecil Rhodes’ British South Africa Company (BSAC) und der Kongo-Freistaat (CFS) des belgischen Königs Leopold II. wollten beide Verträge mit Msidi unterzeichnen, um ihre kolonialen Ambitionen in Katanga zu verwirklichen, und entsandten mehrere Expeditionen. Msidi seinerseits versuchte, die Parteien gegeneinander auszuspielen.David Gordon: Decentralized Despots or Contingent Chiefs: Comparing Colonial Chiefs in Northern Rhodesia and the Belgian Congo. In: KwaZulu-Natal History and African Studies Seminar. University of Natal. Durban. 2000.
Nach Msidis gewaltsamen Tod durch einen Angehörigen einer Expedition des CFS, gelang es dem Kongo-Freistaat, seinen Anspruch auf Msisis Territorium – zunächst „Garanganza“, erst später Katanga genannt – westlich des Luapula-Flusses zu festigen. Bereits seit 1885 beanspruchte der CFS auch die Gebiete nördlich der Wasserscheide zwischen Kongo und Sambesi. Der BSAC verblieb daraufhin das Land südlich der Wasserscheide und östlich des Luapula. Die Berliner Kongokonferenz von 1884/85 wurde vom Deutschen Reich einberufen und regelte schließlich die weitere Aufteilung der im Zuge des „Wettlaufs“ strittigen Gebiete Afrikas. Die Verhandlungspartner legten zwar keine konkreten Grenzverläufe fest, einigte sich jedoch auf Einflusszonen – darunter die Kontrolle des CFS über das Kongobecken. Die detaillierte Festlegung der Grenzen wurde bilateralen Verhandlungen überlassen.
Grenzverhandlungen mini|Karte, die das Congo Pedicle im Verhältnis zu den Grenzen zeigt, die vom Luapula und der Wasserscheide zwischen Kongo und Sambesi gebildet werden.
Das Hauptproblem sowohl für die belgische als auch für die britische Seite hinsichtlich der Grenzziehung im südöstlichen Katanga bestand im Fehlen eines offensichtlichen geografischen Merkmals, dem die Grenze hätte folgen können, da die Linie der Kongo-Sambesi-Wasserscheide und der Luapula nicht aufeinandertreffen. Durch eine Entfernung von 70 bis 150 km (43,50 bis 93,21 Meilen) voneinander getrennt, verlaufen sie in einem Bogen – zunächst nach Südosten, dann nach Nordosten gerichtet – fast parallel zueinander, nähern sich jedoch allmählich an; sie würden das Hochland zwischen dem Tanganjikasee und dem Malawisee erreichen, wenn der Fluss Chambeshi – der als der eigentliche Quellfluss des Kongo gilt – als identisch mit dem Luapula anerkannt würde.
Aus britischer Sicht wäre die naheliegendste Wahl für den Grenzverlauf eine Linie von Südwesten nach Nordosten gewesen, die von der Wasserscheide bis zum Luapula reicht. Sollte hierüber keine Einigung erzielt werden können, bestand als zweite Option die Möglichkeit, die Linie des Luapula-Mwerusee-Tals – welche den längsten Nord-Süd-Abschnitt der Grenze bildet – weiter nach Süden fortzusetzen, bis sie die Kongo-Sambesi-Wasserscheide schneidet; auf diese Weise hätte das gesamte Gebiet unmittelbar östlich einer Nord-Süd-Linie durch Ndola zu Nordrhodesien gehört.Austin Kaluba: Tales from the treacherous. In: Times of Zambia. Archivierter Link. Abgerufen am 28. Mai 2026. Die Belgier hingegen hofften auf Zugang zu den wildreichen Gebieten der Bangweulusümpfe und drängten darauf, dass sich der Grenzverlauf eng an den Fluss und die Wasserscheide hielt. Im Zuge der Verhandlungen über einen Grenzvertrag kam es im Nordosten des Kongo sowie in den Gebieten des Sudan und Ugandas zu gewissen Gebietsaustauschen.Mwelwa C. Musambachime: Military Violence against Civilians: The Case of the Congolese and Zairean Military in the Pedicle 1890-1988. In: The International Journal of African Historical Studies. Band 23. Ausgabe 4. 1990. Zudem stellte sich die Frage, wie weit nach Osten – hinein in die Sümpfe und Überschwemmungsgebiete des Bangweulu – sich der „Pedicle“ erstrecken sollte. Schließlich wurde Umberto I., König von Italien, als Schiedsrichter angerufen; er legte eine Nord-Süd-Linie (den Längengrad 29° 50' O) fest, die durch jenen Punkt auf der Karte verlief, an dem der Luapula – so die damalige Annahme – aus den Bangweulu-Sümpfen austritt. Auf diese Weise entstand der „Pedicle“: ein Gebiet von 70 bis 100 km (43,50 bis 62,14 Meilen) Breite und etwa 200 Kilometern (120 Meilen) Länge.
Anglo-Belgisches Abkommen vom 12. Mai 1894 Das Abkommen wurde in diesen umfassenderen Vertrag zwischen Großbritannien und König Leopold II. integriert, der sich allerdings hauptsächlich auf die Region Äquatoria im heutigen Südsudan bezog.
Anglo-Belgische Grenzkommission, 1911–1914 Im Zuge der genaueren Vermessung der Region zeigte sich, dass vor Ort eine Reihe von Problemen bestand. So fließt etwa der Luapula nicht durchgängig in einem einzigen Flussbett; vielmehr gibt es Inseln, Sümpfe und zahlreiche Seitenarme, wobei sich das Hauptbett je nach Wasserstand des Flusses verlagern kann. Besonders unübersichtlich gestaltet sich die Situation südlich des Bangweulusees: Dort tritt aus den Sumpfgebieten kein einzelnes, klar definiertes Flussbett hervor, sondern ein verschlungenes Geflecht aus Kanälen, das sich über eine Breite von mehreren Dutzend Kilometern durch Sümpfe und Überschwemmungsgebiete zieht – und genau diese Zone wurde von der vom italienischen König festgelegten Längengradlinie an mehreren Stellen durchschnitten.
Im Jahr 1911 wurde eine anglo-belgische Grenzkommission eingesetzt, um den Grenzverlauf vor Ort zu vermessen, die bestehenden Probleme zu lösen und die Grenze mittels Grenzpfählen sowie hölzerner Vermessungstürme zur Triangulation zu markieren. Die vom italienischen König festgelegte Grenzlinie wurde dabei nach Westen verschoben, bis sie einen Punkt erreichte, an dem sie tatsächlich ein einzelnes, klar definiertes Flussbett durchschnitt. Die Arbeiten wurden schließlich im Jahr 1914 abgeschlossen.
Auswirkungen auf Nordrhodesien/Sambia Allgemeines Mit dem Erwerb des Pedicle durch den Freistaat sicherte sich dieser einerseits einen Zugang zu den Bangweulusümpfen, andererseits aber auch zu Bodenschätzen, denn wie sich herausstellte, lag der Hauptkupfererzkörper Copperbelt beiderseits der Wasserscheide zwischen Kongo und Sambesi und war somit also zwischen dem Kongo und Nordrhodesien aufgeteilt. Es war das Versäumnis der BSAC, Msidi nicht dazu bewegt zu haben, Garanganza als britisches Protektorat anzuerkennen, da dadurch der kongolesische Teil des Copperbelts für Nordrhodesien verloren ging. Einige Vertreter der BSAC beklagten, die britischen Missionare Frederick Stanley Arnot und Charles Swan hätten mehr zur Unterstützung beitragen können – wenngleich die Mission der „Plymouth Brethren“, der sie angehörten, sich grundsätzlich nicht in politische Angelegenheiten einmischte.J. Keir Howard: Arnot, Frederick Stanley 1858 to 1914. Open Brethren (Christian Missions in Many Lands), Central Africa Archivierter Link. Abgerufen am 18. Mai 2026. Nachdem Msidi von der CFS getötet worden war, war es zu spät für einen erneuten Versuch; folglich wurde der verantwortliche Leiter der CFS-Expedition, der britisch-kanadische Captain William Grant Stairs, von einigen in Nordrhodesien als Verräter am Britischen Empire betrachtet.Justice J. B. Thomson: Memories of Abandoned Bomas No 8: Chiengi. In: The Northern Rhodesia Journal. Band II. Ausgabe 6. 1954. S. 67–77. Der Autor bezeichnet Stairs darin als 'renegade Englishman' und wiederholt das Gerücht, dass Stairs angeblich den von Msidi unterzeichneten Vertrag, den er mit Sharpe geschlossen hatte. Zwar trifft dies nicht zu, ist aber ein Indiz für die Ressentiments im ehemaligen Northern Rhodesia gegenüber Stairs.
Strategische Herausforderungen für Sambia Der Vorsprung schneidet die Provinz Luapula sowie den westlichen Teil der Nordprovinz vom industriellen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes, dem Copperbelt, ab. Diese Situation wird dadurch verschärft, dass an der südlichsten Spitze des Pedicle – dort, wo der Luapula-Fluss aus dem Bangweulu-System abfließt – die Flusssümpfe eine Breite von mindestens 6 Kilometern (3,7 Meilen) und die Überschwemmungsebene eine Breite von 60 Kilometern (37 Meilen) aufweisen. Dies machte den Bau einer Straße mit den im Großteil des 20. Jahrhunderts verfügbaren Mitteln unmöglich. Aufgrund dieser Umstände musste die südlichst mögliche Straßenverbindung in die Provinz Luapula, die vollständig auf sambischem Hoheitsgebiet verlaufen sollte, um weitere 200 Kilometer (120 Meilen) nach Norden verlegt werden, sodass sie nun den Bangweulusee umgeht.
Für Sambia stellt die Existenz des Pedicle ein dauerhaftes Problem dar, insbesondere auch im Zuge der Kongo-Krise von 1960 bis 1963. Einerseits beeinträchtigt er die Verbindungen zwischen den Landesteilen, andererseits setzt er potenziell einen großen Teil Sambias – das seit über 100 Jahren weitgehend in Frieden lebt – den fortdauernden Konflikten in der Region Katanga aus. Sambia war bereits mehrfach von Gewalt in Katanga betroffen, die sowohl zwischen bewaffneten Fraktionen als auch durch das Militär gegen Zivilisten verübt wurde. Die Gewalt griff gelegentlich auf sambisches Gebiet über oder betraf Sambier, die auf der Straße durch den Pedicle unterwegs waren. Zeitweise war diese Straße für sie gesperrt, wodurch der enorme Umweg über den Norden und Osten des Bangweulu-Sees zur einzigen verbleibenden Option wurde. Zweitens stellen grenzüberschreitende Kriminalität und Waffenschmuggel ein Problem im Copperbelt dar, ebenso wie die Wilderei in den Bangweulu-Feuchtgebieten.
Einzelnachweise
Kategorie:Haut-Katanga Kategorie:Geopolitischer Korridor Kategorie:Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Sambia