mini|hochkant|Anfangsseite des Poème sur le désastre de Lisbonne, ou examen de cet axiome: Tout est bien, in der Genfer Cramer-Ausgabe von 1756.Digitalisat bei Gallica. mini|hochkant|Anfangsseite der deutschen Nachdichtung Das Erdbeben von Lissabon oder Prüfung des Satzes: „Alles ist gut.“ von Adolf Ellissen in Voltaire’s Werke in zeitgemäßer Auswahl, Erster Theil, Otto Wigand, Leipzig 1844, S. 211.siehe auch: PDF – auf literatur-live.de Poème sur le désastre de Lisbonne („Gedicht über die Katastrophe von Lissabon“) ist ein philosophisches Lehrgedicht Voltaires, das als Reaktion auf das Erdbeben von Lissabon entstand und im März 1756 bei Cramer in Genf veröffentlicht wurde.siehe S. 489, Fußnote 1,George R. Havens: Voltaire’s Pessimistic Revision of the Conclusion of His Poème Sur Le Désastre de Lisbonne. In: Modern Language Notes, vol. 44, no. 8, 1929, pp. 489–92. JSTOR, https://doi.org/10.2307/2913529. Accessed 26 May 2026.

Es umfasst 234 Alexandriner in Paarreimen.Robert Horville: Quelques variations stylistiques sur un même événement. In: Atlante. Revue d’études romanes, Nr. 1, 2014, Abschnitt 4, doi:10.4000/atlante.19829: „deux cent trente-quatre alexandrins à rimes plates“. Der vollständige Titel lautet Poème sur le désastre de Lisbonne, ou examen de cet axiome: Tout est bien („Gedicht über die Katastrophe von Lissabon, oder Prüfung des Lehrsatzes: Alles ist gut“). Das Gedicht steht im Zusammenhang mit Voltaires Auseinandersetzung mit der Theodizee, insbesondere mit der optimistischen Deutung des Übels bei Leibniz und Alexander Pope. Die Frage nach dem Leiden unschuldiger Menschen bildet den Ausgangspunkt der poetischen und philosophischen Argumentation.

Es gehört zu den bekanntesten literarischen Reaktionen auf das Erdbeben von Lissabon 1755 und richtet sich gegen den philosophischen Optimismus und die theodizeische Formel, alles sei zum Besten eingerichtet.

Historischer Hintergrund Das Erdbeben von Lissabon 1755 ereignete sich am 1. November 1755, dem katholischen Fest Allerheiligen. Der Zeitpunkt verstärkte die religiöse Deutung der Katastrophe erheblich: Viele Menschen befanden sich in Kirchen oder auf dem Weg zu Gottesdiensten; in den Kirchen brannten zahlreiche Kerzen, die nach dem Einsturz von Gebäuden zu den anschließenden Bränden beitrugen. Für die Zeitgenossen stellte sich daher nicht nur die Frage nach den natürlichen Ursachen des Erdbebens, sondern auch nach seiner theologischen Bedeutung.

Lissabon war im 18. Jahrhundert die Hauptstadt des portugiesischen Weltreichs und eine der wohlhabenden Hafen- und Handelsstädte Europas. Der Reichtum der Stadt beruhte wesentlich auf Portugals kolonialen Verbindungen, insbesondere dem Atlantikhandel und den Beziehungen nach Brasilien.siehe das Video: A Tour of Lisbon in the 1700s – englischsprachige virtuelle Stadttour durch das Lissabon im 18. Jahrhundert, auf YouTube.

Die Zerstörung einer solchen Weltstadt wurde rasch zu einem europäischen Medienereignis und europaweit als Katastrophe von außergewöhnlicher Tragweite wahrgenommen. Berichte über die Zahl der Toten, die Brände und die Verwüstungen verbreiteten sich über Zeitungen, Flugschriften und Korrespondenzen. Voltaire nahm die Katastrophe zum Anlass, die verbreitete Vorstellung einer vernünftig geordneten, von der Vorsehung zum Besten eingerichteten Welt grundsätzlich in Frage zu stellen.

Entstehung und Veröffentlichung Voltaire verfasste das Gedicht unter dem unmittelbaren Eindruck der Nachrichten vom Erdbeben von Lissabon 1755. Diese Naturkatastrophe stellte für ihn die optimistische Deutung der Weltordnung, wie sie im 18. Jahrhundert besonders mit Leibniz und Alexander Pope verbunden wurde, grundsätzlich in Frage. Der vollständige Titel, Poème sur le désastre de Lisbonne, ou examen de cet axiome: Tout est bien, macht bereits den polemischen Ansatz deutlich: Voltaire behandelt nicht nur das historische Ereignis, sondern prüft zugleich die philosophische Behauptung, alles Geschehen sei letztlich gut oder notwendig.Vgl. Marc Parmentier: Voltaire et l’optimisme leibnizien. In: Atlante. Revue d’études romanes, Nr. 1, 2014, doi:10.4000/atlante.19725.

Das Gedicht erschien im März 1756 in Genf bei Cramer, zusammen mit dem Poème sur la loi naturelle. Bereits zuvor waren Abschriften und nicht autorisierte Drucke im Umlauf. Die Genfer Ausgabe enthielt den Text in einer von Voltaire verantworteten Fassung.George R. Havens: Voltaire’s Pessimistic Revision of the Conclusion of His Poème Sur le Désastre de Lisbonne. In: Modern Language Notes, Bd. 44, Nr. 8, 1929, S. 489–492, hier S. 489–491, doi:10.2307/2913529. Havens nennt die gemeinsame Veröffentlichung der beiden Gedichte im März 1756, die vorherige Zirkulation in Abschriften und nicht autorisierten Pariser Drucken sowie Voltaires eigene Genfer Ausgabe.

Inhalt Das Lehrgedicht beginnt mit einer eindringlichen, emotionalen Beschwörung der zerstörten Stadt und des Leidens ihrer Bewohner. Formal besteht es aus 234 Versen in Paarreimen. Die Verse sind als französische Alexandriner mit zwölf Silben und einer Zäsur nach der sechsten Silbe gestaltet. Diese klassische Versform verleiht der Klage einen feierlich-pathetischen, beschwörenden Ton und verbindet emotionale Erschütterung mit argumentativer Schärfe.

1 O malheureux mortels! ô terre déplorable! 2 O de tous les mortels assemblage effroyable! 3 D’inutiles douleurs éternel entretien! 4 Philosophes trompés qui criez: «Tout est bien» 5 Accourez, contemplez ces ruines affreusesfranzösischer Text Unsel’ge Menschheit! Welt des Jammers! Erdenhölle! Jedweden Drangsals grauser Sammelplatz! Unnützer Schmerzen nie versiegte Quelle! Betrog’ne Weise! voll von eurem Satz, Daß Alles gut ist Eilt herbei, betrachtet Die Schrecken der Vernichtung hier Deutsche Nachdichtung von A. Ellissen. In: Voltaire’s Werke in zeitgemäßer Auswahl. 12 Theile in drei Bänden. Bd. 1, Teil 1. Otto Wigand, Leipzig 1844, S. 204–227; PDF bei literatur-live.de.

Voltaire richtet den Blick auf die Opfer der Naturkatastrophe. Er fragt, wie sich ihr Leiden und ihr Tod mit der Behauptung vereinbaren ließen, die bestehende Weltordnung sei die beste aller möglichen Welten.

Damit wendet sich das Gedicht gegen den philosophischen Optimismus, der im 18. Jahrhundert besonders mit Leibniz und Alexander Pope verbunden wurde. Leibniz hatte in seiner Theodizee die Vorstellung der „besten aller möglichen Welten“ entfaltet. Pope popularisierte in seinem An Essay on Man eine verwandte optimistische Weltdeutung, die Voltaire mit der Formel tout est bien („alles ist gut“) angreift.Vgl. Robert Horville: Voltaire et l’optimisme leibnizien. In: Atlante. Revue d’études romanes, Nr. 1, 2014, doi:10.4000/atlante.19725, Abschnitt 10: „Voltaire découvre d’abord une défense de l’optimisme dans l’Essai sur l’homme d’Alexander Pope et c’est cet ouvrage qui est au centre du Poème sur le désastre de Lisbonne.“

Voltaire griff diese Problematik später auch im Artikel Bien. (Tout est bien) des Dictionnaire philosophique auf.Vgl. Voltaire: Bien. (Tout est). In: Dictionnaire philosophique portatif, 6. Auflage, London 1767; online bei Wikisource. Dort bezieht Voltaire die Formel tout est bien ausdrücklich auf „Leibnitz“ und das „meilleur des mondes possibles“.

Im Zentrum steht die Zurückweisung einer tröstenden Deutung des Unglücks als notwendiger Teil eines größeren göttlichen Plans. Voltaire bestreitet nicht die Existenz Gottes, lehnt aber eine spekulative Rechtfertigung des konkreten Leidens ab. Angesichts der Katastrophe solle der Mensch nicht vorschnell metaphysische Erklärungen liefern, sondern das Leiden als Leiden ernst nehmen.

Argumentationsgang Voltaires Argumentation setzt nicht mit einer abstrakten Widerlegung des Optimismus ein, sondern mit der unmittelbaren Vergegenwärtigung des Leidens. Schon die ersten Verse rufen die „malheureux mortels“ und die „terre déplorable“ an. Die optimistische Formel tout est bien wird damit nicht theoretisch eingeführt, sondern angesichts der Trümmer Lissabons moralisch problematisiert. Der Argumentationsgang lässt sich als Abfolge von Mitleid, Anklage der Optimisten, Frage nach der Unschuld der Opfer, Kritik der Notwendigkeitslehre, Skepsis gegenüber spekulativen Erklärungen und vorsichtiger Hoffnung beschreiben.Vgl. Jean-Paul Poirier: Le désastre de Lisbonne et la querelle de l’optimisme. In: ders.: Le Tremblement de terre de Lisbonne. Odile Jacob, Paris 2005, S. 195–235, online bei Cairn.info: Kapitel 6. + Argumentationsgang des Gedichts Versbereich Schlüsselverse Sinngemäße Übersetzung Funktion im Gedicht V. 1–5 „O malheureux mortels! ô terre déplorable! […]Philosophes trompés qui criez: Tout est bien“ „O unglückliche Sterbliche, o beklagenswerte Erde! […] Betrogene Philosophen, die ihr ruft: Alles ist gut.“ Eröffnung und Anklage: Die Formel tout est bien wird unmittelbar mit dem Bild der zerstörten Stadt konfrontiert.Voltaire: Poème sur le désastre de Lisbonne, V. 1–5, online bei La Gazette des Délices, Nr. 6, Institut et Musée Voltaire, Genf: Text. V. 19–20 „Quel crime, quelle faute ont commis ces enfantsSur le sein maternel écrasés et sanglants?“ „Welches Verbrechen, welche Schuld haben diese Kinder begangen, die blutig an der Brust der Mutter zerschmettert wurden?“ Frage nach Schuld und Unschuld: Die Opfer, besonders die Kinder, können nicht als Schuldige gedeutet werden.Voltaire: Poème sur le désastre de Lisbonne, V. 19–20, online bei La Gazette des Délices, Nr. 6, Institut et Musée Voltaire, Genf: Text. V. 42–44 „Tout est bien, dites-vous, et tout est nécessaire.Quoi! l'univers entier, sans ce gouffre infernalSans engloutir Lisbonne, eût-il été plus mal?“ „Alles ist gut, sagt ihr, und alles ist notwendig. Wäre denn das ganze Universum schlechter gewesen ohne diesen Höllenschlund, ohne Lissabon zu verschlingen?“ Kritik der Notwendigkeitslehre: Die Vernichtung Lissabons wird nicht als notwendiger Teil eines göttlichen Plans akzeptiert.Voltaire: Poème sur le désastre de Lisbonne, V. 42–44, online bei La Gazette des Délices, Nr. 6, Institut et Musée Voltaire, Genf: Text. V. 163–166 „La nature est muette, on l’interroge en vain;On a besoin d’un Dieu qui parle au genre humain.Il n’appartient qu’à lui d’expliquer son ouvrage,De consoler le faible, et d’éclairer le sage.“ „Die Natur schweigt, man befragt sie vergeblich; man braucht einen Gott, der zum Menschengeschlecht spricht. Ihm allein kommt es zu, sein Werk zu erklären, den Schwachen zu trösten und den Weisen zu erleuchten.“ Skeptische Prüfung möglicher Erklärungen: Die Natur gibt keine eindeutige Antwort; menschliche Systeme bleiben unzureichend.Voltaire: Poème sur le désastre de Lisbonne, V. 163–166, online bei La Gazette des Délices, Nr. 6, Institut et Musée Voltaire, Genf: Text. V. 169–174 „Leibnitz ne m’apprend point par quels nœuds invisibles,Dans le mieux ordonné des univers possibles,Un désordre éternel, un chaos de malheurs,Mêle à nos vains plaisirs de réelles douleurs“ „Leibniz erklärt mir nicht, durch welche unsichtbaren Bande in der bestgeordneten aller möglichen Welten eine ewige Unordnung, ein Chaos von Unglück, wirkliche Schmerzen mit unseren vergeblichen Freuden vermischt.“ Distanz zu Leibniz: Die Lehre von der besten aller möglichen Welten erklärt das konkrete Leiden nicht.Voltaire: Poème sur le désastre de Lisbonne, V. 169–174, online bei La Gazette des Délices, Nr. 6, Institut et Musée Voltaire, Genf: Text. V. 218–219 „Un jour tout sera bien, voilà notre espérance;Tout est bien aujourd’hui, voilà l’illusion.“ „Eines Tages wird alles gut sein, das ist unsere Hoffnung; heute ist alles gut, das ist die Illusion.“ Schlussformel: Nicht die Behauptung „alles ist gut“, sondern nur eine vorsichtige Hoffnung bleibt bestehen.Voltaire: Poème sur le désastre de Lisbonne, V. 218–219, online bei La Gazette des Délices, Nr. 6, Institut et Musée Voltaire, Genf: Text.