Ivermectin ist ein Arzneistoff, der gegen Ektoparasiten (Läuse, Milben, Zecken) und Endoparasiten, vor allem Fadenwürmer (Nematoden), eingesetzt wird. Chemisch gesehen handelt es sich um ein Gemisch zweier sehr ähnlicher halbsynthetischer chemischer Verbindungen aus der Gruppe der Avermectine. Avermectine sind makrocyclische Lactone (Makrolide) und entstehen als Endprodukte der Fermentation des „Strahlenpilzes“ Streptomyces avermitilis. Das Gemisch mit dem Wirkungsspektrum von Avermectin B1 und B2 besteht zu 80 bis 90 % aus Avermectin H2B1a und zu 10–20 % aus Avermectin H2B1b.
Ivermectin wird vorwiegend in der Tiermedizin zur Behandlung und Vorbeugung gegen durch Ektoparasiten oder Fadenwürmer verursachte Infektionskrankheiten (Parasitose, Helminthiasis) eingesetzt. Vor allem in Afrika, aber auch in anderen Entwicklungsländern, wird Ivermectin in der Humanmedizin gegen Flussblindheit und Elephantiasis eingesetzt.
2015 wurde der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin an den Japaner Satoshi Ōmura und den US-Amerikaner William C. Campbell für die Entwicklung von Ivermectin verliehen.Jan Osterkamp: Nobelpreise 2015: Ein Medizinnobelpreis für Medizin. In: Medizin. Spektrum, 5. Oktober 2015. Auf Spektrum.de, abgerufen am 6. Juni 2026.
Entdeckung Die Entdeckung der Avermectine geht auf eine 1974 in Japan genommene Bodenprobe zurück, die den Mikroorganismus Streptomyces avermitilis enthielt. Ōmura schickte mehrere tausend Fermentationsbrühen an MSD, wo Campbell die starke anthelminthische Aktivität von Avermectin B1 und seines Derivats Ivermectin feststellte.
1981 begannen die klinischen Studien. 1987 wurde Ivermectin unter dem Handelsnamen Mectizan zugelassen. Der damalige Vorstandsvorsitzende von MSD, P. Roy Vagelos, entschied sich dazu, Mectizan aufgrund seiner Wirksamkeit gegen die Flussblindheit für die Dritte Welt kostenlos bereitzustellen.
Wirkungsmechanismus Ivermectin ist gut fettlöslich und wird bei oraler, parenteraler und Verabreichung über die Haut schnell resorbiert und im Körper verteilt. Es reichert sich in der Leber und im Fettgewebe an und wird von dort langsam freigesetzt. Die Ausscheidung erfolgt über die Gallenflüssigkeit und dann über den Kot. Geringe Mengen werden auch über den Harn und die Milch ausgeschieden.
Ivermectin bindet sich an die nur bei Wirbellosen vorkommenden Glutamat-aktivierten Chloridkanäle sowie an γ-Aminobuttersäure-aktivierte Chloridkanäle. Der dadurch ausgelöste Einstrom von Chlorid-Ionen in die Zelle führt zu einer Hyperpolarisation der Zellmembran, was die Erregungsüberleitung blockiert. Dies führt zu einer Lähmung (Paralyse) und schließlich zum Tod der Parasiten. Zudem werden die Eibildung der Würmer und die Larvenentwicklung gestört.
Bei Zecken wird die Eiproduktion und die Häutung gehemmt und damit der Reproduktionszyklus gestört, die Zecke selbst fällt aber nicht vom Wirt ab.
Auf Wirbeltiere wirkt Ivermectin allgemein weniger toxisch, da das Hauptwirkziel – glutamat-aktivierte Chloridkanäle – bei ihnen nicht vorhanden ist. Jedoch aktiviert Ivermectin in höheren Konzentrationen unter anderem auch inhibitorische GABAA- und Glycinrezeptoren, wie sie im Zentralnervensystem von Wirbeltieren (inklusive des Menschen) vorkommen.A. Estrada-Mondragon, J. W. Lynch: Functional characterization of ivermectin binding sites in α1β2γ2L GABA(A) receptors. In: Frontiers in molecular neuroscience, 2015, 8, S. 55. doi:10.3389/fnmol.2015.00055, Dies kann zu einer starken Zentralnervensystem-Dämpfung und im Extremfall zum Tod führen. Die Giftigkeit hängt auch davon ab, wie gut Ivermectin die Blut-Hirn-Schranke der jeweiligen Spezies überwinden kann. Bei Säugetieren ist die Durchlässigkeit meist gering.
Wirkungsspektrum und Anwendung Ivermectin wirkt gegen alle klinisch bedeutsamen Fadenwürmer (Nematoden). Außerdem ist das Mittel wirksam gegen Läuse, Milben (Psoroptes spp., Sarcoptes ssp., Otodectes cynotis, Demodex ssp., Knemidocoptes ssp., Rote Vogelmilbe, Nordische Vogelmilbe, Luftsackmilben etc.), Kaninchenflöhe, Dasselfliegen (Dermatobia, Hypoderma), Schaflausfliegen (Melophagus) und Mikrofilarien.
Bandwürmer (Cestoden) sind gegen Ivermectin resistent, aber empfindlich gegenüber dem Wirkstoff Praziquantel, der in manchen veterinärmedizinischen Kombinationspräparaten (Entwurmungspasten und -tabletten) enthalten ist. Auch bei einigen Rundwürmern vermutet man erste Resistenzen.
Eine Zulassung für Humandiagnosen existiert in Deutschland nur für die Behandlung der Rosacea und der Krätze, sonstige Behandlungen erfolgen als Off-Label Use. Die aus der Therapie der Onchozerkose (Flussblindheit) bekannten Nebenwirkungen beruhen auf dem massenhaften Absterben der Mikrofilarien und sind bei Milbenbefall nicht zu erwarten. Die orale Therapie ist besonders auch bei Wimpernbefall (z. B. durch Filzläuse) zu empfehlen, da die z. Z. topisch angewendeten Mittel die Hornhaut schädigen können. In der Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter 5 Jahren ist das Mittel kontraindiziert.
In den USA wurde 2012 eine 0,5%ige Ivermectin-Lotion zur einmaligen Anwendung im Kopfhaar zugelassen, die eine effektive Therapie bei Kopfläusen darstellt. Die Anwendung ist risikoarm, bereits ab dem sechsten Lebensmonat getestet und auch bei Läusen mit Resistenz gegen andere Mittel geeignet.
Über die ektoparasitäre Wirkung auf den Krankheitsüberträger scheint Ivermectin die Übertragung der Malaria reduzieren zu können, eine direkte Wirkung auf den Erreger der Malaria (Plasmodium falciparum) konnte mit Hilfe einer experimentellen Infektion an freiwilligen Probanden jedoch nicht nachgewiesen werden.
Die WHO führt Ivermectin in ihrer Liste der „unentbehrlichen Arzneimittel“.
Bei Tieren (Haus- und Heimtiere, Vögel, Reptilien) wird das Mittel oral, subkutan, intramuskulär oder über die Haut verabreicht. Eine Wiederholung nach einer Woche wird bei vielen Parasiten empfohlen.
Nebenwirkungen und Kontraindikationen Bei der Anwendung in der Humanmedizin sind Nebenwirkungen meist mild und vorübergehend. Bei der Behandlung der Flussblindheit mit Ivermectin sind die wichtigsten beschriebenen Nebenwirkungen Gesichtsödeme, Fieber, Juckreiz und allgemeines Krankheitsgefühl, was jedoch auf das massenhafte Absterben der Mikrofilarien in den Lymphwegen zurückzuführen ist, weshalb diese Nebenwirkungen bei der Behandlung anderer Krankheiten nicht zu erwarten sind.Ivermectin als orale Einmalbehandlung der Skabies: Das Ende der Lokaltherapie? im aerzteblatt.de, abgerufen am 6. Juli 2021.
Bei Collies, Collie-Mischlingen, Shelties, Bobtails und verwandten Hunderassen sollte Ivermectin nicht oral eingesetzt werden, da bei ihnen aufgrund eines häufigen Gendefekts (MDR1-Defekt) Todesfälle auftreten können. Auch junge Ratten, Igel, Schildkröten, Chamäleons und kleine Echsen sind sehr empfindlich. Bei Krokodilen ist die Anwendung kontraindiziert. Bei Finken traten häufiger Todesfälle auf. Bei sehr jungen Tieren sollte Ivermectin ebenfalls nicht eingesetzt werden.
Bei der Verabreichung können lokale Reaktionen auftreten (Schwellung der Injektionsstelle oder Hautirritationen bei lokaler Verabreichung).
Überempfindlichkeitsreaktionen (Anaphylaxie) wurden bislang nur bei Pferden und Hunden beobachtet. Bei Pferden können Ödeme auftreten. Bei Hunden kann durch das massive Absterben von Mikrofilarien sechs Stunden nach Behandlung ein Schock auftreten.
Umweltschäden Da die Anwendung von Ivermectin die kot-fressenden Tiere der behandelten Nutztiere schädigt, wird die Nahrungsgrundlage einiger Tierarten vermindert. Dazu zählt zum Beispiel die Alpenkrähe, die sich vielerorts überwiegend von Larven aus Schafskot ernährt.Urs N. Glutz von Blotzheim, K. M. Bauer: Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 13/III: Passeriformes (4. Teil). AULA-Verlag, Wiesbaden 1993, ISBN 3-89104-460-7, S. 1632. Die Nahrungsgrundlage dieser Vögel sind zahlreiche Käfer- und Fliegenarten, die sich auf den Abbau von Tierkot, oft nur von bestimmten Arten, spezialisiert haben. Damit ist deren Existenz indirekt bedroht. Weiterhin wird der Kot nicht mehr so schnell abgebaut, was vor allem bei Pferde- und Rinderweiden zu Produktionsausfällen führt, da das Gras unter dem länger liegenden Kot nicht nachwachsen kann.
Eigenschaften mini|hochkant=1.5|Aglycon-Teilstrukturen von Avermectin B1a und B1b sowie Ivermectin B1a und B1b im Vergleich Die weiße bis weißlich-gelbe, kristalline Substanz ist im kristallinen Zustand stabil, reagiert jedoch in polaren Lösungsmitteln lichtempfindlich. Ivermectin ist praktisch unlöslich in Wasser, löst sich aber gut in Methanol, Ethanol, Chloroform, Aceton und Tetrahydrofuran.K. Hardtke et al. (Hrsg.): Kommentar zum Europäischen Arzneibuch Ph. Eur. 5.0, Ivermectin. Loseblattsammlung, 19. Lieferung 2005, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart.
Die beiden Komponenten des Ivermectins B1a (=Avermectin H2B1a) und B1b (=Avermectin H2B1b) unterscheiden sich strukturell nur durch eine Methylgruppe voneinander. Sie entstehen durch selektive Hydrierung der cis-konfigurierten 22,23-Bindung aus Avermectin B1a und Avermectin B1b, die im Gemisch gemeinsam als Abamectin bezeichnet werden.
Die Buchstaben und Ziffern in den Namen der Komponenten charakterisieren bestimmte Avermectinstrukturen wie Doppel- bzw. Einfachbindung zwischen dem C-22 und C-23 mit/ohne Substituent am C-23 (1 bzw. 2), ferner Substituenten am C-5 (A bzw. B) und am C-25 (a bzw. b). Das Molekül hat 19 chirale Zentren.
Handelsnamen Humanmedizin: Driponin (D), Scabioral (DE, AT), Soolantra, Stromectol (NL, FR) Tiermedizin: Agrimec, Animec, Bimectin, Closamectin, Ecomectin, Eraquell, Equimax, Eqvalan, Furexel, Ivomec, Noromectin, Otimectin, Paramectin, Qualimec, Vectin, Virbamec
Anwendung bei COVID-19-Erkrankung Wissenschaftliche Beleglage Es wurde weltweit intensiv an der therapeutischen und prophylaktischen Wirksamkeit von Ivermectin bei COVID-19 geforscht. Anlass waren Versuche in Zellkulturen (in vitro) an der Monash University in Melbourne von 2020, die eine Eliminierung des Virus gezeigt haben. Jedoch waren die verwendeten Konzentrationen dermaßen hoch, dass selbst eine 8,5-fache von der FDA zugelassene Dosis (1700 µg/kg) im Blutspiegel weit unterhalb der in Zellkulturen getesteten liegen würde. Würde man die im Zellversuch verwendete Konzentration im Menschen erreichen wollen, müsste man eine Dosis verwenden, die etwa 100-fach so hoch ist wie die empfohlene. Damit würde eine gemäß In-vitro-Studien vergleichbare, antivirale Dosis aber toxisch wirken. Infolgedessen ist eine klinische Wirksamkeit von Ivermectin bei COVID-19-Erkrankung unplausibel, die Ergebnisse der Laborstudie lassen sich nicht ohne Weiteres auf den menschlichen Körper übertragen.
Die bisher veröffentlichten Daten aus Humanstudien weisen teils (erhebliche) methodische Schwächen auf. Mehrere Studien sind gefälscht. Eine sehr große und häufig zitierte Studie, die sehr positive Effekte bei Ivermectin beschrieb und dadurch in Meta-Analysen berücksichtigt wurde, ist wegen Verdachts auf Betrug (u. a. Manipulation von Patientendaten, Plagiatsvorwürfe) wieder zurückgezogen worden. Andere für Ivermectin sprechende Studien sind diesem Betrugsverdacht ebenfalls ausgesetzt, in der Vergangenheit wurden andere Studien ebenfalls zurückgezogen.