mini|Alter Firmenwaggon im Hessischen Braunkohle Bergbaumuseum in Borken mit der Aufschrift Preußische Elektrizitäts AG Die Preussenelektra Aktiengesellschaft (ehemals Preußische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft bzw. später Preußenelektra Aktiengesellschaft, frühere Abkürzung PREAG) war ein Energieversorgungsunternehmen mit Sitz in Hannover, das von 1927 bis 2000 bestand. Es entstand im Oktober 1927 durch die Fusion dreier in Preußen tätiger Energieversorger und befand sich zunächst mehrheitlich im Besitz des preußischen Staates. Nach dem Zweiten Weltkrieg umfasste das Versorgungsgebiet des Unternehmens in seiner letzten Ausdehnung Schleswig-Holstein, Niedersachsen, große Teile von Nord- und Mittelhessen sowie Ostwestfalen. Damit bildete es nach dem RWE das zweitgrößte Energieversorgungsunternehmen in Deutschland. Im Zuge der Fusion von VEBA und VIAG zur E.ON Energie im Jahr 2000 wurden Kraftwerke und Leitungen der PreussenElektra mit denen des Bayernwerks in der E.ON Energie zusammengeführt, deren Übertragungsnetzsparte 2010 von der deutschen Tochtergesellschaft des niederländischen Netzbetreibers Tennet übernommen wurde.

Das Unternehmen betrieb in Eigenregie zahlreiche Kraftwerke, einige Braunkohletagebaue und ein Übertragungsnetz aus Hoch- und Höchstspannungsleitungen. Die erste 220-kV-Leitung entstand bereits 1929, Mitte der 1960er Jahre wurde die 380-kV-Ebene erstmals eingeführt. Daneben kam es, besonders in der Anfangszeit, auch zu Beteiligungen und Gründungen weiterer Energieversorgungsunternehmen (EVU).

Name Gegründet wurde das Unternehmen 1927 unter dem Namen Preußische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, geläufig waren zu dieser Zeit die Abkürzungen Preußenelektra oder PREAG. Beim Zusammenschluss mit der Nordwestdeutsche Kraftwerke AG (NWK) im Jahr 1985 wurde der offizielle Name analog zur bekannteren Kurzform in PreussenElektra umfirmiert, mit Ersatz des ß durch ein Doppel-S und Binnenmajuskel.

Geschichte

Gründung Eine staatlich preußische Elektrizitätswirtschaft neben der im Besitz des Deutschen Reichs befindlichen Elektrowerke A.G. entstand in den 1910er Jahren mit dem Bau mehrerer Wasserkraftwerke an Weser und Main. Das „Mittellandkanal-Gesetz“ vom 1. April 1905 regelte den Bau einer Schifffahrtsstraße zwischen Dortmund-Ems-Kanal und Weser, sowie die Anlage von Talsperren im Weserquellgebiet zur Regulierung des Wasserhaushalts.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 24fHans-Joachim Patte: Das Braunkohlekraftwerk Borken. Verlag der Stadt Borken, 2000, ISBN 3-932739-09-4, S. 16 An den auf Grundlage des Gesetzes errichteten Talsperren an Eder- und Diemel und der Staustufe Dörverden wurden Wasserkraftwerke zur Eigenversorgung eingerichtet.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 85 Überschüssiger Strom sollte an umliegende Gemeinden geliefert werden.Hans-Joachim Patte: Das Braunkohlekraftwerk Borken. Verlag der Stadt Borken, 2000, ISBN 3-932739-09-4, S. 17 Zwischen 1913 und 1914 entstand zwischen Bremen und Minden ein erstes Netz an 45-kV-Drehstromleitungen.Hans-Joachim Patte: Das Braunkohlekraftwerk Borken. Verlag der Stadt Borken, 2000, ISBN 3-932739-09-4, S. 15 Der von mehreren nordhessischen Landkreisen gegründete „Zweckverband Überlandwerk Edertalsperre“ (ÜWED) initiierte die Verteilung des im Kraftwerk Hemfurth am Edersee und dem Kraftwerk Helminghausen am Diemelsee erzeugten elektrischen Stroms über ein 60-kV-Netz in Nordhessen, Südniedersachsen und Teilen Ostwestfalens.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 89

Der unter anderem durch Preußen staatlich geförderte Ausbau des Mains zur Schifffahrtsstraße wurde zwischen 1913 und 1920 zwischen Aschaffenburg und Offenbach durchgeführt. Die drei hierzu errichteten Staustufen Großkrotzenburg, Kesselstadt und Mainkur gingen 1920 in Betrieb und erzeugten mit Laufwasserkraftwerken elektrischen Strom, der mittels 20-kV-Leitungen verteilt wurde. Da die Staustufen alleine zur konstanten Energieversorgung abhängig vom Wasserstand des Mains waren, verband man die Kraftwerke per 60-kV-Leitung mit dem nordhessischen Netz des ÜWED und stellte im Februar 1922 erstmals einen Verbundbetrieb her.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 88 Dem folgte im Frühjahr 1922 der Beschluss, Kohlekraftwerke zur zusätzlichen Stromsicherung in Ahlem bei Hannover und im Borkener Braunkohlerevier südlich von Kassel zu bauen.Dr.-Ing. Georg Boll: Entstehung und Entwicklung des Verbundbetriebs in der deutschen Elektrizitätswirtschaft bis zum europäischen Verbund. Verlags- und Wirtschaftsgesellschaft der Elektrizitätswerke m.b.H. Frankfurt/Main 1969, S. 39 Beide Kraftwerksstandorte begründeten die ersten staatlich preußischen Energieversorgungsunternehmen: Die Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser AG und die Großkraftwerk Hannover AG. Die restlichen Kraftwerke und Leitungen, etwa die Mainstaustufen, wurden 1923 in der Preußische Kraftwerke Oberweser AG (PKO) zusammengefasst. Unter Leitung der PKO entwickelten sich die Teilnetze zu einem von Bremen bis Aschaffenburg reichenden Verbundnetz aus vorrangig 60-kV-Leitungen. Die erste 110-kV-Leitung ging 1925 zwischen Borken und Frankfurt am Main in Betrieb. Zahlreiche Stromlieferungsverträge wurden abgeschlossen, sodass ab 1925 Netzkopplungen mit dem Thüringenwerk und 1926 mit dem Bayernwerk bestanden.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 93f

Das Gesetz über die Zusammenfassung der elektrowirtschaftlichen Unternehmungen und Beteiligungen des Staates in einer Aktiengesellschaft vom 24. Oktober 1927 legte die drei staatlichen Unternehmen zur neuen Preußische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft zusammen.Bernhard Stier: Staat und Strom: Die politische Steuerung des Elektrizitätssystems in Deutschland 1890–1950, Regionalkultur-Verlag Ubstadt-Weiher, 1999, S. 111 Rechtsvorgänger war allerdings nur die PKO. Sitz der Gesellschaft wurde Berlin,Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 21 mit weiteren Standorten in Hannover, Kassel und Borken.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Entwicklung und Ziele. Entwicklung und Ziele. Frisch Berlin 1931, S. 11 Auch unter staatlicher Regie, aber als separates Unternehmen steuerte die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG seit 1925 die Energieversorgung in Schleswig-Holstein und küstennahen Gebieten. Preußenelektra und Nordwestdeutsche Kraftwerke operierten dennoch größtenteils gemeinsam. Zum 8. März 1929 wurde die Preußenelektra mit anderen staatlichen Beteiligungen Preußens an Energie- und Bergbauunternehmen in der Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG (VEBA) zusammengefasst.

Aufbau einer Großversorgung Der Erwerb von Beteiligungen an einer Braunkohlengrube bei Helmstedt durch das RWE, der Mehrheitserwerb an der Braunkohlen-Industrie AG Zukunft in Weisweiler durch den preußischen Staat und die Konkurrenz um die Elektrizitätsversorgung Frankfurts als Sitz der vom RWE erworbenen Elektrizitäts-AG vormals W. Lahmeyer & Co. machten Verhandlungen über eine Absteckung der Interessensgebiete nötig. Dem Rückzug aus den Beteiligungen im Bereich des jeweils anderen Unternehmens und der Abgrenzung von RWE- und Preußenelektra-Einflussgebiet im Sommer 1927 folgte im Januar 1928 ein „Pool- und Demarkationsvertrag“ zwischen Preußenelektra und EWAG. Diese Verträge wurden auch als „(erster) Elektrofrieden“ bezeichnet. Zusammen mit Bayernwerk und EWAG schloss man sich im Mai 1928 zur Aktiengesellschaft für deutsche Elektrizitätswirtschaft zusammen. Als Reaktion gründete das RWE mit VEW, Badenwerk und mehreren kleinen west- und süddeutschen Energieversorgungsunternehmen im Februar 1929 die Westdeutsche Elektrizitäts AG. Im Mai 1929 schlossen sich beide Gesellschaften zusammen, wodurch es erstmals zur vereinten Bündelung aller deutschen Großversorger kam. Man sprach daher auch vom „Zweiten Elektrofrieden“.

In den folgenden Jahren baute die Preußenelektra durch den Erwerb und die Beteiligung an zahlreichen Energieversorgungsunternehmen (EVU) vorrangig in Nord- und Mitteldeutschland eine stetig wachsende Großversorgung auf. Betrug die Jahresleistung an selbst erzeugter elektrischer Energie im Jahr 1927 noch 308 Millionen Kilowattstunden (kWh), erreichte sie 1938 schon über eine Milliarde (kWh). Ähnliches galt auch für die Stromaufbringung, also Eigenerzeugung plus Bezug elektrischer Energie von benachbarten EVU, die sich von 1927 bis 1935 etwa verdoppelte. Infolge der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 kam es zum staatlich verordneten Ausbau von Industrieanlagen wie auch der Stromerzeugung, weshalb nach der Stagnation infolge der Weltwirtschaftskrise 1929 ein starkes Wachstum folgte.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 181ff

Ab 1929 baute das Unternehmen 220-kV-Leitungen, um weit entfernte Kraftwerks- und Verbrauchsschwerpunkte miteinander zu koppeln. In Ahlten östlich von Hannover entstand das Zentralumspannwerk Lehrte mit angeschlossener Hauptschaltleitung. Neben der Leitung nach Borken und zum Edersee entstand ab 1935 eine Ost-West-Sammelschiene zwischen Ruhrgebiet, Ostwestfalen, Hannover und Helmstedt, die später bis ins mitteldeutsche Braunkohlerevier verlängert werden sollte. Die Reichswerke Hermann Göring mit ihrem Werk in Salzgitter speisten über das dort ansässige Kraftwerk Watenstedt über Lehrte ins Netz ein. Das später als Reichssammelschiene bezeichnete Höchstspannungsnetz der EWAG mit der Leitung Helmstedt–Dieskau–Ernsthofen wurde in Helmstedt mit dem der Preußenelektra gekoppelt.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 102

Im Zweiten Weltkrieg beschäftigte die Preußenelektra im Betrieb Borken 700 polnische Zwangsarbeiter. Für den Bau des Kraftwerks Lahde wurde im Mai 1943 von der Gestapo das Arbeitserziehungslager Lahde eingerichtet, in dem zwischen 900 und 1000 Häftlinge einquartiert waren. Gegen Kriegsende wurden die Kraftwerke ein strategisches Ziel alliierter Bombenangriffe, etwa auf die Staumauer der Edertalsperre 2. Mai 1943.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 36ff Die meisten Kraftwerke wiesen nur wenig gravierende Schäden auf,Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 38 wohingegen das Leitungsnetz punktuell stärker zerstört war.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 106f

Nach dem Krieg mini|Loks und Wagen der Werksbahn des einstigen Kraftwerks Wölfersheim Besitz und Beteiligungen an Unternehmen in der sowjetischen Besatzungszone wurden beschlagnahmt bzw. in volkseigene Betriebe umgewandelt. Die Preußenelektra verlegte ihren Verwaltungssitz 1947 von Berlin nach Hannover. Trotz der im Kontrollratsgesetz Nr. 46 bekräftigten Auflösung des preußischen Staates, die faktisch schon mit der Gleichschaltung der Länder während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte, behielt sie ihren Namen bei. Nach der Wiedererlangung der Staatlichkeit wurde die VEBA und mit ihr die Preußenelektra Eigentum des Bundes.