mini|Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) – Porträt von Pierre Révoil. Musée Bonnat-Helleu, Bayonne Die École lyonnaise (auch Lyoner Schule oder Lyoner Malerschule) bezeichnet eine Gruppe von Malern, die ab den 1810er Jahren in Lyon tätig war und bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts künstlerisch aktiv blieb. Die École lyonnaise wurde 1819 erstmals als eigenständige Strömung im Pariser Salon ausgewiesen und 1851 durch die Einrichtung einer eigenen Galerie im Musée des Beaux-Arts de Lyon institutionell verankert. Der Begriff und sein Inhalt waren lange Zeit umstritten.

Geschichte mini|Louis Janmot – Fleur-des-champs (1845). Musée des Beaux-Arts Lyon Die Lyoner Malerschule entstand im Umfeld der École impériale des beaux-arts, die 1807 gleichzeitig mit dem Musée des Beaux-Arts im Palais Saint-Pierre gegründet wurde und aus einer älteren Zeichen- und Blumenschule der Revolutionszeit hervorging. Zu den ersten Professoren der Schule zählten Joseph Chinard, Pierre Révoil, Alexis Grognard, Jacques Barraband, Pascal Gay und Antoine Leclerc. Pierre Révoil, der ab 1807 an dieser Einrichtung lehrte, stellte seinen Schülern seine umfangreiche Privatsammlung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Objekte – darunter Rüstungen, Möbel, Vasen, Textilien, Handschriften und Gemälde – als Anschauungsmaterial und Vorlage zur Verfügung. Die Sammlung war bereits 1811 weithin bekannt.

Entstehung und erste Phase (1810er–1820er Jahre) Die École lyonnaise entstand in den 1810er Jahren. Zu ihren Gründern zählte Pierre Révoil, einer der Hauptvertreter des Style troubadour. Er hatte seine erste Ausbildung bei Jacques-Louis David erhalten, wandte sich jedoch von der großen Historienmalerei ab und widmete sich anekdotischen Genreszenen mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sujets. Mit seinem Gemälde L'Anneau de l'Empereur Charles Quint, das er für den Salon von 1810 schuf, vollzog er eine Abkehr vom Neoklassizismus davidianischer Prägung und wandte sich einem historisch-anekdotischen Stil zu. In ihrer Anfangsphase umfasste die École lyonnaise neben Malern des Troubadour-Stils auch Blumenmaler, die der Tradition der Musterzeichner für die Lyoner Seidenindustrie nahestanden, sowie Landschaftsmaler. Im Salon von 1819 wurde die École lyonnaise erstmals ausdrücklich als Gruppe beschrieben; zeitgenössische Kritiker charakterisierten sie durch einen „sorgfältigen Stil mit einer feinen und brillanten Faktur“.

Hauptvertreter nach Gattungen Die Lyoner Malerschule umfasste Maler verschiedener Gattungen. Zur Historienmalerei zählen Pierre Révoil (1776–1842), Fleury François Richard (1777–1852) und Claudius Jacquand (1803–1878). In der Blumenmalerei sind Antoine Berjon (1754–1843), Augustin Thierriat (1789–1870) und Simon Saint-Jean (1808–1860) vertreten. Zur Genremalerei gehören Claude Bonnefond (1796–1860) und Michel-Philibert Genod (1795–1862). Der religiösen Malerei sind Victor Orsel (1795–1850) und Louis Janmot (1814–1892) zuzurechnen.

Werke (Auswahl)

Religiös-mystische Strömung (ab den 1830er Jahren) In den Jahren um 1840 bildete sich innerhalb der Lyoner Malerschule eine eigenständige Strömung heraus, die von den katholischen Erneuerungsbewegungen sowie den mystischen und illuministischen Strömungen des Lyoner Geisteslebens beeinflusst war. Diese auch als „quattrocentistisch“ bezeichnete Richtung knüpft an die Anliegen der Nazarener an und steht in Verbindung zum Präraffaelismus. Ihre Hauptvertreter waren Victor Orsel, Louis Janmot und Hippolyte Flandrin. Victor Orsel war vor allem durch den Kontakt mit den Nazarenern geprägt. Die Gruppe entfaltete eine ausgedehnte Tätigkeit im Bereich der religiösen Malerei und der Kirchendekoration. In diesem Zusammenhang sind Orsels Ausmalung von Notre-Dame-de-Lorette sowie Flandrins Arbeiten – in Begleitung von Mitarbeitern aus dem Atelier Ingres’ – in der Kirche Saint-Séverin, in der Abtei Saint-Germain-des-Prés in Paris und in der Kirche Saint-Martin d’Ainay in Lyon zu nennen.

Louis Janmot studierte ab 1833 in Paris bei Victor Orsel und Jean-Auguste-Dominique Ingres. 1835 reiste er gemeinsam mit Claudius Lavergne, Jean-Baptiste Frénet und anderen Studenten nach Rom, wo er Hippolyte Flandrin traf. In seiner Malerei verbindet sich die zeichnerische Präzision Ingres’ mit einer Mystik, die Parallelen im Werk der Nazarener und der Präraffaeliten aufweist. Janmots bedeutendstes Werk ist der Bilderzyklus Le Poème de l'âme, an dem er von 1835 bis 1881 arbeitete. Er umfasst 18 Gemälde, 16 Zeichnungen und 34 Gedichte und schildert den Initiationsweg einer Seele auf Erden. Der Zyklus wird vollständig im Musée des Beaux-Arts de Lyon aufbewahrt.

Charles Baudelaire beschrieb diese Strömung in seiner Kunstkritik als Le bagne de la peinture – l'endroit du monde connu où l'on travaille le mieux les infiniment petits (frei übersetzt: Die Malerei als Strafe – der einzige Ort auf der Welt, an dem man am besten mit dem Unendlich Kleinen arbeitet) und bezeichnete sie andernorts als école de peinture philosophique. Baudelaire hatte als Jugendlicher vier Jahre im Pensionat in Lyon verbracht und äußerte sich insgesamt kritisch über die Lyoner Malerei seiner Zeit. Diese religiös-mystische Strömung setzte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fort und endete im dritten Viertel des Jahrhunderts mit den Werken von Pierre Puvis de Chavannes sowie den Prä-Impressionisten Joseph Guichard, François-Auguste Ravier und François Vernay.

Europäischer Kontext Ein Teil der Kunstgeschichtsforschung betrachtet die Tätigkeit der Lyoner Malergruppe als eine der bedeutendsten Phasen des europäischen Präraffaelismus. Der Bilderzyklus Le Poème de l'âme Louis Janmots wurde in Beziehung zu William Blakes Dante-Illustrationen und anderen nordeuropäischen Künstlern gesetzt. Die Ausstellung Le temps de la peinture. Lyon 1800–1914 im Musée des Beaux-Arts de Lyon im Jahr 2007 präsentierte die École lyonnaise erstmals in ihrem doppelten französischen und europäischen Kontext. Dabei wurden Vergleiche zu zeitgenössischen Zentren wie Mailand, Manchester, Düsseldorf, Barcelona und Kopenhagen gezogen. Am 16. Februar 1851 wurde im Musée des Beaux-Arts de Lyon die Galerie des peintres lyonnais (auch Galerie des Artistes lyonnais) eingerichtet, wodurch die École lyonnaise dauerhaft im kulturellen institutionellen Kontext etabliert wurde.

Literatur

Madeleine Vincent: La peinture lyonnaise du XVIe au XXe siècle. Albert Guillot, Lyon 1980, 139 S. Marie-Claude Chaudonneret: La Peinture troubadour. Deux artistes lyonnais: Pierre Révoil (1776–1842), Fleury Richard (1777–1852). Arthéna, Paris 1980. Les Peintres de l'âme: art lyonnais du XIXe siècle : Ausstellung im Musée des Beaux-Arts, Lyon, Juni–September 1981. Élisabeth Hardouin-Fugier, Étienne Grafe: La peinture lyonnaise au XIXe siècle. Éditions de l'Amateur, Paris 1995, 311 S., ISBN 2-85917-193-2. Gérard Bruyère, Sylvie Ramond, Léna Widerkehr: Le temps de la peinture. Lyon 1800–1914. Fage, Lyon 2007, 335 S., ISBN 978-2-84975-101-5. André Pelletier: Histoire de Lyon. De la capitale des Gaules à la métropole européenne. Éditions lyonnaises d'Art et d'Histoire, Lyon 2007, ISBN 978-2-84147-188-1. Louis Janmot: Le Poème De L’âme. In Fine éditions d’art, 2023.

Weblinks

Ausstellung im Musée Louis Janmot: „Le Poème de l’âme“ Vom 12. September 2023 bis zum 7. Januar 2024 Ausstellung Le temps de la peinture LYON (1800-1914) Elisabeth Hardouin-Fugier: La halte des artistes Lyonnais à l'Île Barbe d’Antoine Duclaux ou l'école lyonnaise en 1824

Einzelnachweise

Kategorie:Künstlergruppe (Bildende Kunst) Kategorie:Französische Geschichte (19. Jahrhundert) Kategorie:Kunst (Lyon)