Als Straßenstation Schenkenzell-Brandsteig wird eine römische Fundstelle an der Kinzigtalstraße, im Gebiet zwischen den heutigen Gemeinden Schenkenzell und Aichhalden im baden-württembergischen Landkreis Rottweil bezeichnet, deren tatsächliche Interpretation allerdings unsicher ist. Ursprünglich wurde sie über lange Zeit als möglicherweise bewachte römische Mansio (auch: Mutatio) angesprochen, inzwischen gibt es auch Hypothesen, sie als Tempelbezirk interpretieren.
Funktion und Begriffsbedeutung mini|hochkant|Replik des Abnoba-Altars in der Flur Brandsteig mini|hochkant|Künstlerisch freie Nachbildung eines Reliefs des Mercurius mini|Römische Säulen vor der Kirche in Rötenberg Straßenstationen waren bewachte Mutationes. Mansiones/Mutationes befanden sich entlang der römischen Fernstraßen in Abständen von jeweils einer Tagesreise. Sie dienten vom Ursprung her der schnelleren Abwicklung des Verkehrs auf dem unter Augustus optimierten Cursus publicus, wurden später aber auch von anderen Reisenden genutzt. Sie bestanden in der Regel aus einem Rasthaus mit Verpflegungs- und Unterbringungsmöglichkeiten, Thermen, Stallungen mit der Möglichkeit zum Pferdewechsel, sowie einem Handwerksbetrieb für die Wartung von Reisewagen und Pferdezubehör. Wenn sich diese Plätze an strategisch oder ökonomisch wichtigen Punkten befanden, gab es ein zusätzliches Gebäude für Wachposten, die von Stationssoldaten (milites stationarii) oder Benefiziariern besetzt waren. In diesem Fall wird von einer Statio (Plural: Stationes), also von einer Straßenstation gesprochen.Jocelyne Nelis-Clément: Statio, stationarii. Principate. In: Yann Le Bohec (Hrsg.): The Encyclopedia of the Roman Army. Wiley, Chichester 2015, Band 3, S. 925 f.Maria Federica Petraccia: Statio, stationarii. Late Empire. In: Yann Le Bohec (Hrsg.): The Encyclopedia of the Roman Army. Wiley, Chichester 2015, Band 3, S. 926 f.
Lage und Forschungsgeschichte Die Fundstelle liegt auf einer Passhöhe von 693 m NHN in der Flur „Brandsteig“, unweit der gleichnamigen landwirtschaftlichen Betriebe. Der Pass führt von Rötenberg nach Schenkenzell. In der antiken Verkehrsgeographie führte die römische Kinzigtalstraße von Argentorate (Straßburg) über Arae Flaviae (Rottweil) zum Kastell Tuttlingen dort durch.
Als Fundstelle römischer Artefakte ist der Platz mindestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bekannt. Bereits seit 1770 wurde das Gelände durch unsachgemäße Ausgrabungen stark zerwühlt. Erst zwischen 1895 und 1899 nahm Eugen Nägele im Auftrag der Reichs-Limeskommission wissenschaftliche Untersuchungen nach dem damaligen Verständnis vor.Eugen Nägele: Die römische Station auf dem Brandsteig (Schänzle) bei Rötenberg OA. Oberndorf. In: Fundberichte aus Schwaben 17, 1909, S. 38–52 (Digitalisat). Moderne Forschungen führte seit den frühen 1970er Jahren der Archäologe Philipp Filtzinger durch. Sowohl Nägele als auch Filtzinger sprachen die Befunde als Reste einer römischen Mutatio mit Benefiziarierstation an.Philipp Filtzinger: Schenkenzell-Brandsteig (RW). Straßenstation. In: Ders., Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden Württemberg. Theiss, Stuttgart 1986³, ISBN 3-8062-0287-7, S. 542–544.Philipp Filtzinger: Schenkenzell-Brandsteig (RW). Straßenstation. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden Württemberg. Römerstätten und Mussen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 309 f. Nach geophysikalischen Untersuchungen des Jahres 2013 gelangte der Grabungstechniker Johann-Christoph Wulfmeier jedoch zu einer anderen, respektive weitergehenden Interpretation und sah in der Anlage primär einen großen Tempelbezirk, machte jedoch eine endgültige Beurteilung von weiteren Forschungen abhängig.Eher römische Tempelanlage als lediglich Straßenstation auf geschichte-schiltach.de, abgerufen am 22. Mai 2026.Harald von der Osten-Woldenburg, Ute Seidel, Daniela Tränkle, Florian Tränkle: Neues aus „claßischem Boden“. Ein römischer Tempelbezirk am „Brandsteig“ bei Aichhalden-Rötenberg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 42 (2013), Heft 4, S. 208–212 (Digitalisat).
Archäologische Befunde Innerhalb einer trapezförmigen Ummauerung (Nordseite 103 m, Ostseite 71 m, Südseite 134 m, Westseite 42 m) konnten die Spuren von drei Gebäuden festgestellt werden. In der südwestlichen Ecke befand sich ein 22 m mal 21 m (= 462 m²) messendes Wohngebäude mit einem 15 m mal 13 m (= 195 m²) großen Innenhof. Westlich davon schloss ein rechteckiges, 17 m mal 11 m (= 187 m²) messendes Gebäude ungeklärter Verwendung an. Dazwischen lag ein Straßenpflaster. Abseits dieses Gebäudeensembles, vor dem mittleren Bereich der nördlichen Umfassungsmauer konnten noch Fundamentreste eines dritten Steingebäudes ermittelt werden. Die Wasserversorgung der Anlage war durch eine nahe gelegene Quelle gewährleistet. Viele Steinmaterialien, darunter auch Säulen und Inschriftensteine gingen bis ins 19. Jahrhundert hinein durch Steinraub verloren oder wurden irreversibel beschädigt oder verschleppt.
Die geophysikalischen Untersuchungen des 21. Jahrhunderts zeigten die Konturen von insgesamt sieben Umgangstempeln, was zu einer alternativen Interpretation der Befunde führte. Der zu Folge müsse die Anlage eher als großer Tempelbezirk denn als Straßenstation angesprochen werden.
Fundmaterial Viele der Funde vom „Brandsteig“ gingen im Laufe der Jahrhunderte verloren oder wurden zerstört. Darunter auch der informative Inschriftenstein des Quintus Antonius Silus,Inschrift HD036911 der Epigraphischen Datenbank Heidelberg der in fünf verschiedenen Legionen gedient hatte, bevor er nach Mogontiacum (Mainz) zur Legio XXII Primigenia versetzt, und von dieser offenbar nach Schenkenzell abkommandiert worden war. Der Originalstein fiel 1944 im Stuttgarter Lapidarium Bombenangriffen zum Opfer. Vor Ort befindet sich nurmehr eine Replik. Die Inschrift lautet:
Ein weiteres wertvolles Steindenkmal ist ein Relief des Mercurius, dessen Original sich heute im Archäologischen Museum Colombischlössle in Freiburg im Breisgau befindet. Vor Ort steht eine künstlerisch frei gestaltete Nachbildung.Gerhard Fingerlin: Ein Merkurrelief aus der römischen Straßenstation »Brandsteig«, Gemeinde Schenkenzell, Kreis Rottweil. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1983. Theiss, Stuttgart 1984, S. 139–141. Fünf der ursprünglich 14 Steinsäulen stehen vor der Kirche in Rötenberg, zwei weitere befinden sich wieder am Fundort. Einige andere wurden sekundär verwendet und sind noch heute in den Mauern rezenter Gebäude zu sehen.
Denkmalschutz, Präsentation und Fundverbleib
Das Kastellgelände von Frittlingen ist ein Kulturdenkmal nach dem Denkmalschutzgesetz des Landes Baden-Württemberg (DSchG). Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde sind an die Denkmalbehörden zu melden.
Am Fundort befinden sich drei Infotafeln, zwei antike Säulen, die Replik des Inschriftensteins und die Nachbildung des Merkurreliefs. Die Kleinfunde vom Brandsteig sind im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart und im Dominikanermuseum Rottweil untergebracht.
Literatur Gerhard Fingerlin: Ein Merkurrelief aus der römischen Straßenstation »Brandsteig«, Gemeinde Schenkenzell, Kreis Rottweil. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1983. Theiss, Stuttgart 1984, S. 139–141. Philipp Filtzinger: Schenkenzell-Brandsteig (RW). Straßenstation. In: Ders., Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden Württemberg. Theiss, Stuttgart 1986³, ISBN 3-8062-0287-7, S. 542–544. Philipp Filtzinger: Schenkenzell-Brandsteig (RW). Straßenstation. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden Württemberg. Römerstätten und Mussen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 309 f. Eugen Nägele: Die römische Station auf dem Brandsteig (Schänzle) bei Rötenberg OA. Oberndorf. In: Fundberichte aus Schwaben 17, 1909, S. 38–52 (Digitalisat). Harald von der Osten-Woldenburg, Ute Seidel, Daniela Tränkle, Florian Tränkle: Neues aus „claßischem Boden“. Ein römischer Tempelbezirk am „Brandsteig“ bei Aichhalden-Rötenberg. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 42 (2013), Heft 4, S. 208–212 (Digitalisat). Johann-Christoph Wulfmeier: Das 'Schänzle' auf dem Brandsteig. Ein Beneficiarierposten im mittleren Schwarzwald? In: Gunnar Brands, Jeanne-Nora Andrikopoulou-Strack, Dagmar Dexheimer und Gerhard Bauchhenß (Hrsg.): Rom und die Provinzen. Gedenkschrift für Hanns Gabelmann. Zabern, Mainz 2001, ISBN 978-3-8053-2821-0, S. 179–188.
Weblinks Archäologen erkunden die römische Straßenstation Aichhalden auf archaeologie-online.de Der Brandsteig auf roemerstrasse.net
Einzelnachweise
Kategorie:Römisches Bauwerk im Landkreis Rottweil Kinzigtalstrasse Schenkenzell Kategorie:Erbaut im 1. Jahrhundert Kategorie:Abgegangenes Bauwerk im Landkreis Rottweil Kategorie:Archäologischer Fundplatz im Landkreis Rottweil Kategorie:Archäologischer Fundplatz in Europa Kategorie:Gallorömischer Tempelbezirk Kategorie:Aichhalden Kategorie:Schenkenzell