Die Oman-Sandrasselotter (Echis omanensis) ist eine Vipernart aus der Gattung der Sandrasselottern (Echis). Die Art wurde 2004 im Rahmen einer Revision des Echis-coloratus-Komplexes, also der Arabischen Sandrasselottern, wissenschaftlich als eigenständige Art beschrieben und von nah verwandten Arten abgegrenzt. Sie ist im Hadschar-Gebirge im Norden der Vereinigten Arabischen Emirate und des Oman verbreitet und wird von der IUCN als nicht gefährdet eingestuft.

Etymologie Der Artzusatz omanensis verweist auf das Verbreitungsgebiet der Art im Oman und wurde nach dem Ländernamen in Kombination mit dem lateinischen Suffix -ensis gebildet, das in der zoologischen Nomenklatur die Herkunft („aus … stammend“) bezeichnet. Die Typuslokalität liegt allerdings im Wadi Sidschi in den Vereinigten Arabischen Emiraten ().

Merkmale Die Oman-Sandrasselotter ist eine kleine bis mittelgroße, giftige Sandrasselotter mit insgesamt eher schlanker Körperform und relativ langem Schwanz. Für ein Männchen wurde in der Erstbeschreibung eine Gesamtlänge von 716 mm und für ein Weibchen 658 mm angegeben. Der Holotypus, ein Männchen, hatte eine Länge von der Schnauzenspitze bis zum Anus von 600 mm, eine Schwanzlänge von 90 mm und eine Kopflänge von 30 mm.

Färbung Ihr Erscheinungsbild ist überwiegend grau bis graubraun mit dunklen Flecken, die meist unregelmäßige, teilweise zu Reihen verschmelzende Muster bilden. Entlang der Körperseiten können zwei Reihen dunkler Flecken sichtbar sein, die bis in Richtung der Bauchseite reichen. Auffällig ist zudem eine vergleichsweise unregelmäßige, weniger klar gebänderte Zeichnung als bei der Arabischen Sandrasselotter (Echis coloratus). Die Bauchseite ist hell gefärbt, meist weißlich bis gelblich, und kann eine schwache dunkle Punktzeichnung aufweisen. Auf dem Kopf zeigt die Art ein weniger kontrastreiches Muster: Das Gesichtsband ist meist nur schwach ausgeprägt und endet in der Regel vor dem Bereich hinter dem Unterkiefer. Insgesamt wirkt die Kopfbeschuppung weniger deutlich gezeichnet als bei verwandten Arten.Gergely Babocsay (2004): A new species of saw-scaled viper (Echis coloratus complex) from Oman, Eastern Arabia. Systematics and Biodiversity 1(4): 503–514. doi:10.1017/S1477200003001294Peter Uetz, P. Freed & J. Hošek (Hrsg.): The Reptile Database – Echis omanensis.

Beschuppung Von Echis coloratus unterscheidet sich die Oman-Sandrasselotter zudem durch morphologische Merkmale der Beschuppung, darunter Unterschiede in der Kopfschuppenanordnung. So können die Nasalia (Nasenschilde) teilweise verschmolzen sein, während das untere Pränasale häufig fehlt. Die Art weist 184–194 Ventralia („Bauchschuppen“) bei Männchen und 187–195 bei Weibchen auf. Die Anzahl der Subcaudalia (Hornschuppen auf der Unterseite des Schwanzes) beträgt 49–58 bei Männchen und 48–56 bei Weibchen und ist somit höher als bei der Arabischen Sandrasselotter, die 45–56 bzw. 40–50 Subcaudalia aufweist.

Verbreitung und Lebensraum mini|Verbreitungsgebiet der Oman-Sandrasselotter

Die Oman-Sandrasselotter ist im Hadschar-Gebirge der östlichen Vereinigten Arabischen Emirate sowie im nördlichen und nordöstlichen Oman verbreitet. Sie kommt überwiegend in Höhenlagen bis etwa 800 m vor, lediglich Einzelfunde erreichen etwa 1000 m. Nachweise liegen auch aus dem Dschabal Hafit bei al-ʿAin vor. Die Art bewohnt Gebirgswadis sowie angrenzende felsige Lebensräume, wohingegen die in den beiden Ländern ebenfalls vorkommende Gemeine Sandrasselotter, genauer die Unterart Echis carinatus sochureki, tiefergelegene sandige und kiesige Ebenen bevorzugt.

Die Oman-Sandrasselotter dürfte sich in den Gebirgsregionen Nordomans von der Arabischen Sandrasselotter getrennt und sich dort aufgrund geografischer Isolation eigenständig entwickelt haben. Die Berge Nordomans gelten als faunistisch isolierter Lebensraum, in dem zahlreiche endemische Reptilienarten vorkommen. Zwischen den bekannten Vorkommen beider Arten besteht eine rund 300 km breite, bislang unbestätigte Verbreitungslücke. Daher wird angenommen, dass beide Arten benachbarte, jedoch klar getrennte Verbreitungsgebiete bewohnen (Parapatrie). Die Wahiba-Sandwüste wirkt dabei als bedeutende ökologische Barriere, die eine vollständige Trennung der Linien (Allopatrie) begünstigt.

Ein weiter östliches Vorkommen der Arabischen Sandrasselotter kann zwar nicht völlig ausgeschlossen werden, erscheint jedoch aufgrund der intensiven zoologischen Erfassung der Gebirge Nordomans wenig wahrscheinlich. Gleichzeitig wird die Oman-Sandrasselotter derzeit als endemisch im Hadschar-Gebirge in Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten angesehen.

Für den Iran existieren bisher keine Nachweise. Als mögliche Erklärung wird eine Konkurrenzsituation mit der dort verbreiteten Persischen Hörnerviper diskutiert. In Nordoman können beide Arten sympatrisch auftreten, nutzen dort jedoch unterschiedliche Höhenstufen, was eine ökologische Trennung ermöglicht.

Zur Entstehung der Art wurden verschiedene biogeografische Szenarien diskutiert. Nach einer von Babocsay referierten Hypothese könnte ein gemeinsamer Vorfahr von E. omanensis und E. coloratus Arabien über Mesopotamien erreicht und sich anschließend in eine omanische Linie, aus der die heutige Oman-Sandrasselotter hervorging, sowie eine westarabische Linie, die sich in Nordwestarabien, der Levante und Teilen Afrikas ausbreitete, aufgespalten haben; Babocsay betont jedoch, dass weitere Untersuchungen nötig sind. Molekulargenetische Untersuchungen von Pook et al. (2009) bestätigten die Abgrenzung von Echis omanensis gegenüber Echis coloratus. Innerhalb der E. coloratus-Gruppe fanden sie zwei deutlich getrennte Kladen: E. omanensis aus dem Nordosten der Arabischen Halbinsel und E. coloratus aus dem südlichen und westlichen Arabien sowie aus Israel und Ägypten.Catharine E. Pook, Ulrich Joger, Nikolaus Stümpel, Wolfgang Wüster: When continents collide: Phylogeny, historical biogeography and systematics of the medically important viper genus Echis (Squamata: Serpentes: Viperidae). Molecular Phylogenetics and Evolution 53 (3), Dezember 2009, S. 792–807.

Lebensweise mini|Oman-Sandrasselotter im Wadi-Wuraya-Schutzgebiet in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit einer Oman-Barbe (Garra barreimiae), der einzigen im Wadi natürlich vorkommenden Fischart

Ökologisch wird die Oman-Sandrasselotter überwiegend im Frühling und Herbst erfasst, was vermutlich sowohl mit Aktivitätsmustern der Tiere als auch mit der Feldarbeit von Forschern zusammenhängt. Beobachtungen der Tiere stammen vor allem aus den frühen Morgenstunden sowie dem späten Nachmittag und Abend. Die Sandrasselottern sind vermutlich überwiegend nachtaktiv. Die Ernährung umfasst kleine Wirbeltiere, darunter auch Amphibien aus der Gattung der Echten Kröten (Bufo), die nach Niederschlägen in den Wadis auftreten können. Die Art frisst vermutlich gelegentlich auch kleine Vögel. Beobachtungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten deuten darauf hin, dass einzelne Individuen eine gewisse Standorttreue zu festen Aufenthaltsbereichen zeigen. Es wird angenommen, dass die Art ovipar (eierlegend) ist.

Gefährdung und Schutz Die IUCN („Weltnaturschutzunion“) stuft Echis omanensis aufgrund ihres großen Verbreitungsgebiets als nicht gefährdet (Least Concern) ein und den Populationstrend als stabil. Lokale Gefährdungen ergeben sich vor allem durch Habitatveränderungen infolge von Steinbruch, Infrastrukturmaßnahmen und Wasserentnahme. Zusätzlich wird die Art regional verfolgt. Dort, wo Bewässerungsprojekte durchgeführt werden, könnte der Bestand jedoch zunehmen.

Die Oman-Sandrasselotter kommt in einigen Schutzgebieten vor, darunter beispielsweise das Wadi-Wuraya-Schutzgebiet in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Schlangengift Die Oman-Sandrasselotter ist wie andere Vipern giftig. Ihr Biss bewirkt eine Verbrauchskoagulopathie (übermäßig stark ablaufende Blutgerinnung). Sandrasselottern (Echis) sind in einigen Regionen eine häufige Ursache für tödliche Schlangenbisse beim Menschen. Die Giftzusammensetzung zwischen einzelnen Arten kann sich mitunter stark unterscheiden, sodass auch die Wirksamkeit von Antiveninen variiert. Deshalb werden meist polyvalente Mischungen zur Behandlung von Schlangenbissen verwendet. Im Oman wird ein von der saudi-arabischen Nationalgarde hergestelltes Antivenin verwendet, das von immunisierten Pferden stammt, denen das Gift von sechs terrestrisch lebenden Schlangenarten verabreicht wurde, darunter das der Gemeinen Sandrasselotter (E. carinatus) und der Arabischen Sandrasselotter (E. coloratus). Die Verwendung von Pferden ist die üblichste Methode zur Herstellung von Antiveninen, da Pferde ein großes Plasmavolumen erzeugen und Schafe und Ziegen Transmissible spongiforme Enzephalopathien (TSEs) übertragen können.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Sandrasselottern