Tiergestützte Therapieverfahren sind alternativmedizinische Behandlungsverfahren zur Heilung oder zumindest Linderung der Symptome bei psychiatrischen, psychisch/neurotischen und neurologischen Erkrankungen und seelischen oder geistigen Behinderungen, bei denen Tiere eingesetzt werden. Je nach Tierart wird tiergestützte Therapie in verschiedenen Einsatzgebieten praktiziert. Es gibt Angebote mit Delfinen, Hunden, Katzen, Pferden, Schweinen und Lamas, sogenannten Therapietieren. Tiergestützte Therapie umfasst also alle Maßnahmen, bei denen durch den gezielten Einsatz eines Tieres positive Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen erzielt werden sollen. Dies gilt für körperliche wie seelische Erkrankungen. Das Therapiepaar Mensch/Tier fungiert als Einheit. Therapeutische Elemente sind emotionale Nähe, Wärme und die unbedingte Anerkennung durch das Tier.Gatterer, 2003, zitiert in S. Rockenbauer: Tiergestützte Therapie mit Pferden bei Patienten mit emotionaler Instabilität. Diplomarbeit. Universität Wien, 2010, S. 22. Tiergestützte Therapie kann als eine Disziplin der tiergestützten Interventionen angesehen werden. Sie ist eine professionelle Helferbeziehung mit Einflussnahme auf den Menschen, welche fördernde wie auch präventive Maßnahmen umfasst.R. Wohlfarth, H. Widder: Working Paper: Zur Diskussion: Tiergestützte Therapie – Eine Definition. 10. Oktober 2011, S. 3. (esaat.org, abgerufen am 26. Dezember 2015)
Hundetherapie mini|Therapiehund im EinsatzGrundsätzlich gibt es zwei Arten für den Einsatz von Hunden zur Verbesserung des Wohlbefindens und des Gesundheitszustandes des Patienten:
Die hundgestützte Therapie ist eine Form der tiergestützten Therapie. Sie wird von ausgebildeten Fachkräften aus den Bereichen Therapie, Psychologie, Pädagogik, Soziales oder Medizin mit einer Fortbildung zum tiergestützten Therapeuten angewandt, denn die krankheitsheilende Wirkung von Tieren allein ist nicht bewiesen. Tiergestützte Therapeuten oder Therapiebegleithundeteams arbeiten mit dem ausgebildeten Therapiehund als Medium, um die Therapie/Behandlung der Erkrankung oder Behinderung des Patienten zu erleichtern oder angenehmer zu gestalten. Die hundegestützte Psychodiagnostik ist besonders in den Bereichen, in denen verbale Diagnoseverfahren scheitern, angezeigt. In Bereichen, in denen keine oder nur minimale Verbalkommunikation möglich ist (Sprachstörungen, Sprachbarrieren, Gehörlosigkeit, Autismus) gilt die hundegestützte Psychodiagnostik bei ihren Anwendern als besonders effektiv. Sie versuchen zu belegen, dass verschiedene autistische bzw. psychotische Störungen nur über die hundegestützte Psychodiagnostik unterschieden werden können.
Die andere bekannte Form ist die tiergestützte Förderung mit dem Hund, auch hundgestützte Aktivität genannt. Dabei wird zwischen Besuchshunden und Servicehunden unterschieden:
Besuchshunde werden in Pflege- und Altenheimen, Krankenhäusern, Schulen oder Kindergärten eingesetzt. Diese Form ist viel bekannter und wird häufig mit der tiergestützten Therapie (Therapiebegleithundeteams) verwechselt. Für Hundeführer von Besuchshunden ist keine therapeutische, pädagogische, soziale oder medizinische Grundausbildung obligatorisch. Bei der hundgestützten Förderung besucht ein Hundeführer mit seinem Hund (evtl. auch mit Zusatzausbildung) Einrichtungen, um mit dem Klienten gezielte Aktivitäten zur Förderung des Allgemeinbefindens und der Lebensqualität zu gestalten. Diese findet in Einzelsitzungen wie auch in Kleingruppen statt.
Servicehunde hingegen begleiten und unterstützen Menschen mit Einschränkungen in ihrem Alltag wie z. B. Blindenführhunde, Behindertenbegleithunde oder Epilepsiehunde. Die Ausbildung dieser Hunde ist sehr langwierig und kostenintensiv. Sie beginnt meist schon im Welpenalter und wird zu einer lebenslangen Aufgabe für die Hunde.
Vorschriften Sowohl bei der tiergestützten Therapie als auch bei der tiergestützten Förderung sind generelle Vorschriften zur Haltung der Tiere zu beachten. Es müssen regelmäßig Entwurmungen und Impfungen durchgeführt werden. Außerdem dürfen die Ausbildung und der spätere Arbeitsalltag den Hunden nicht schaden, d. h. die Arbeitszeit der Tiere muss begrenzt werden. Bei der tiergestützten Therapie dürfen die Hunde beispielsweise pro Tag max. 45 Minuten in einzeltherapeutischen Sitzungen mitwirken. Außerdem sind die Halter dazu verpflichtet, auf das Wohl ihrer Hunde zu achten und im Notfall sogar Sitzungen abzubrechen.
Jeder Hund muss sozialisiert und für spätere Aufgaben in gezielter Ausbildung trainiert werden. Die meisten Therapiehunde stammen aus Gebrauchshundezuchten, vorrangig aus den Rassen Retriever und verschiedenen Hütehunderassen. Der Trend geht heute zu gezielter Zucht und Auswahl geeigneter Hunde.
Hunde wirken einerseits beruhigend und als Sicherheitssignal, andererseits funktioniert ihre Kommunikation anders als die zwischenmenschliche Kommunikation. Diese Verschiebung der Kommunikationsweise bewirkt, dass zwischen Hund und Patient verletzungsfreier und offener interagiert wird. Hunde besitzen einen hohen Aufforderungscharakter, was Kontaktaufnahme und Zuwendung betrifft. Darüber hinaus wirken sie integrierend. Es wird angenommen, dass beim Streicheln von Hunden Glückshormone wie Endorphine und Oxytocin (Kuschelhormon) ausgeschüttet werden, d. h. die Befindlichkeit aller Beteiligten (Therapeut/Hundeführer, Klient und etwaige Hospitanten) verbessert sich bei Anwesenheit eines Hundes in der therapeutischen Situation.
Hippotherapie
Die Hippotherapie ist Teil der Reittherapie. Speziell ausgebildete Pferde werden dabei als Medium in der Physiotherapie eingesetzt. Bewegungsimpulse des Pferdes werden auf das Becken des Menschen übertragen. Dabei sitzt der Patient in der Gangart Schritt auf dem Pferderücken.
Die heilende Wirkung soll hier vor allem dadurch erreicht werden, dass sich der menschliche Körper auf die Impulse, die durch das sich bewegende Pferd verursacht werden, neu einpendeln muss. So könnten zum Beispiel halbseitig gelähmte Menschen ein Gefühl für ihre Körpermitte entwickeln. Zugleich wird die Muskelspannung positiv beeinflusst; schlaffe Muskeln spannen sich an, spastische, also zu stark gespannte Muskulatur, hingegen geben nach. Dadurch wird die gesamte Haltung, vor allem die des Oberkörpers, geschult und das Balancegefühl verbessert.
Nicht angewendet werden soll die Hippotherapie bei Patienten mit Entzündungen der Wirbelsäule oder medikamentös nicht gut eingestellten Anfallsleiden, mit einem aktiven Schub Multipler Sklerose, Gefahr von Thrombosen oder Embolien, Bluterkrankheit oder Pferdehaar-Allergie.
In der Schweiz wird Hippotherapie von der Krankenkasse bezahlt. Für Deutschland hat das Bundesministerium für Gesundheit am 20. Juni 2006 mitgeteilt, dass ein therapeutischer Nutzen der Hippotherapie nicht nachgewiesen ist und daher als nicht verordnungsfähiges Heilmittel in der Physiotherapie zu führen ist. Der Gemeinsame Bundesausschuss schreibt: "Davon abzugrenzen ist das therapeutische Reiten, das der G-BA nicht überprüft hat."
Die Eingruppierung des Begriffes „Hippotherapie“ ist also nicht einheitlich. Hippotherapie im engen Sinne ist Krankengymnastik auf dem Pferd und betrifft vorwiegend die körperliche Komponente.
Abgrenzung zu Therapeutischem Reiten Daneben gibt es noch das Therapeutische Reiten, welches eher die Psyche ansprechen soll (so das Kuratorium für Therapeutisches Reiten). Therapeutisches Reiten ist für Kinder mit Entwicklungsstörungen und allgemein für Menschen mit ADHS, Depressionen, Autismus oder posttraumatischen Belastungsstörungen empfehlenswert. Letztere Lehrmeinung beruht darauf, dass der Klient auf dem Therapiepferd sitzt, aber nicht reitet, da der Sitz des Klienten ein anderer als der des typischen Reiters ist und der Klient dem Pferd auch keine reiterlichen Hilfen gibt.
Physiotherapeuten, die Hippotherapie anbieten wollen, können hierzu eine Zusatzqualifikation erwerben, die in Deutschland z. B. vom Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten in Warendorf und der Deutschen Gruppe für Hippotherapie in Kirchheim/Teck angeboten wird.
Von Hippotherapie abzugrenzen ist der Bereich des „Heilpädagogischen Reitens und Voltigierens“ (HpR/HpV), der ebenfalls zum Therapeutischen Reiten zählt. Hier werden unter pädagogischen und psychologischen Zielsetzungen Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und anderen sozialen und psychosozialen Problemen gefördert. Weitere Informationen dazu bietet die Fachhochschule Hildesheim in ihrer Publikation Heilpädagogik und Soziale Arbeit: Zum Einsatz des Pferdes in der Behinderten- und Jugendhilfe (inklusive umfassendes Literaturverzeichnis), die dort gemeinsam mit dem ehemaligen Institut für Therapeutisches Reiten e. V. und zahlreichen Fachleuten entwickelt wurde.
Delfintherapie Eine Therapie mit Delfinen ist umstritten. Tierschützer bemängeln einen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis.Lori Marino, Scott Lilienfeld: Dolphin-Assisted Therapy: More Flawed Data and More Flawed Conclusions. In: Anthrozoos: A Multidisciplinary Journal of The Interactions of People & Animals. 20, 2007, S. 239–249, doi:10.2752/089279307X224782. Sie soll insbesondere Kindern mit mentalen, körperlichen, vor allem aber mit seelischen Einschränkungen helfen.
Sie wurde von dem Psychologen und Verhaltensforscher David E. Nathanson entwickelt. Ein weiterer, familienzentrierter Therapieansatz – ausgehend von Befunden der Frühförderung – wurde von einer deutschen interdisziplinären Projektgruppe entwickelt.Eva Stumpf: Kindheit und Entwicklung. 2016: (econtent.hogrefe.com) Er zielt auf die Sensibilisierung der Eltern für Kommunikationssignale ihres behinderten Kindes und damit auf die Verbesserung ihrer Interaktion mit dem Kind ab und bezieht die Eltern in die therapeutische Arbeit mit dem Delfin ein.
In Deutschland bestehen Bedenken seitens des Tierschutzes, da in Aquarien und Delfinarien eine artgerechte Tierhaltung dieser großen Säugetiere nicht gewährleistet werden könne. Dies kann jedoch umgangen werden, würden die Delphine nicht in zu kleinen Delphinarien, sondern in der Nord- oder Ostsee artgerecht gehalten werden. Ebenso lehnen zahlreiche Biologen,Norbert Kochhan: 2011. die sich mit Meeressäugern befassen, sowie einige der angesehensten ehemaligen Delfintrainer der Welt die Delfintherapie ab, da sie für Menschen eine Gefahr darstellt, bei den Tieren zu Stress führtKarsten Brensing: Approaches to the behavior of dolphins Tursiops truncatus during unstructured swim-with-dolphin programs. Inaugural-Dissertation. Freie Universität Berlin, 2004. und ein irreführendes Bild von Delfinen vermittelt. Innerhalb eines Zeitraums von fünf Jahren wurden in den USA etwa 18 Fälle dokumentiert, bei denen Menschen bei der Begegnung mit Delfinen in Gefangenschaft Knochenbrüche, innere Verletzungen oder schwere Wunden davontrugen.
Vollständig auf den Einsatz von Delfinen verzichtet das seit 1997 entwickelte Programm von Dolphin Space. Es basiert auf einer Kombination von unter Wasser abgespielten Echolokationslauten freilebender Tiere unter Einbeziehung der Betreuungspersonen und von komplementären therapeutischen Elementen sowie Kurzzeitschulungen. Dieses anfangs auf verhaltensauffällige, lernbehinderte und autistische Kinder angewandte Programm wird inzwischen auf Altersdemenz und seit 2005 auch im Hochleistungssport therapeutisch eingesetzt.