mini|links|180px|Titelseite der englischen Erstausgabe Letters concerning the English Nation, London 1733, gedruckt für C. Davis und A. Lyon. 180px|mini|Titelseite der 1734 erschienenen Ausgabe unter dem Titel Lettres philosophiques. Lettres philosophiques („Philosophische Briefe“), auch bekannt als Lettres anglaises („Englische Briefe“) und in der modernen kritischen Ausgabe der Voltaire Foundation unter dem Titel Lettres sur les Anglais ediert,Voltaire: Lettres sur les Anglais. Édition critique par Nicholas Cronk. In: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 6A–6C. Voltaire Foundation, Oxford 2022, ISBN 978-0-7294-1234-6; Verlagseite ist eine polemische Schrift von Voltaire.
Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1733 in London in englischer Übersetzung unter dem Titel Letters concerning the English Nation.Voltaire Foundation: Lettres sur les Anglais (I). Introduction, Letters concerning the English nation. In: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 6A (I)–(II), hrsg. von Nicholas Cronk, Oxford 2022, ISBN 978-0-7294-1154-7; vgl. die Verlagsbeschreibung der Voltaire Foundation.
Die französischen Fassungen folgten 1734 unter unterschiedlichen Titeln, darunter Lettres écrites de Londres sur les Anglois et autres sujets und schließlich Lettres philosophiques.Voltaire Foundation: Lettres sur les Anglais (II). Lettres philosophiques, Lettres écrites de Londres sur les Anglais. In: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 6B, hrsg. von Nicholas Cronk, Nick Treuherz u. a., Oxford 2021, ISBN 978-0-7294-1168-4; vgl. die Verlagsbeschreibung der Voltaire Foundation.
Das Werk geht auf Voltaires Aufenthalt in England von 1726 bis 1729 zurück und behandelt in Briefform Themen wie Religion, Politik, Handel, Wissenschaft, Philosophie und Literatur. England erscheint darin vielfach als Gegenbild zu den politischen, religiösen und kulturellen Verhältnissen Frankreichs. Wegen dieser impliziten Kritik wurde die Schrift 1734 vom Parlement de Paris verurteilt und öffentlich verbrannt.
Entstehung und Veröffentlichung 180px|mini|Titelseite der Ausgabe Lettres écrites de Londres, sur les Anglois et autres sujets, 1734.
Die Lettres philosophiques entstanden vor dem Hintergrund von Voltaires Aufenthalt in England von 1726 bis 1729. Voltaire war nach einer Auseinandersetzung mit dem Chevalier de Rohan und einer erneuten Inhaftierung in der Bastille nach England gegangen. Dort lernte er die politische Kultur der konstitutionellen Monarchie, die religiöse Pluralität, den englischen Deismus, die Philosophie John Lockes, dessen Epistola de Tolerantia, sowie die Naturwissenschaft Isaac Newtons kennen.
Diese Erfahrungen bildeten den Ausgangspunkt für die späteren Briefe, in denen England häufig als Gegenbild zu den politischen, religiösen und kulturellen Verhältnissen Frankreichs erscheint. Besonders die Briefe über die Quäker, den Parlamentarismus und die Religionsfreiheit heben die Unterschiede hervor.Vgl. Nicholas Cronk: Voltaire. A Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxford 2017, Kap. 4.
Voltaire verfasste die Lettres philosophiques auf Französisch, doch die erste gedruckte Ausgabe erschien 1733 in London – in englischer Übersetzung unter dem Titel 'Letters Concerning the English Nation'. Die französische Originalfassung folgte erst 1734 unter verschiedenen Titeln. Die Bibliothèque nationale de France verzeichnet eine Ausgabe von 1734 mit dem fingierten Druckort Amsterdam. Tatsächlich wurde sie in Rouen bei Jore unter der Aufsicht Voltaires gedruckt.Bibliothèque nationale de France: Lettres philosophiques, par M. de V..., bibliographischer Nachweis zur Ausgabe von 1734.
Die französische Veröffentlichung hatte unmittelbare Folgen. Das Werk wurde als Angriff auf die politischen und religiösen Verhältnisse Frankreichs verstanden. Das Parlement de Paris verurteilte die Lettres philosophiques 1734; Exemplare wurden öffentlich verbrannt. Gegen Voltaire wurde ein Haftbefehl erlassen. Er entzog sich der Verhaftung und zog sich nach Cirey auf das Schloss von Émilie du Châtelet zurück.Bibliothèque nationale de France: Voltaire en 30 dates; Voltaire Foundation: Lettres sur les Anglais.
Die Publikationsgeschichte des Werkes ist kompliziert, da die Briefe zunächst in englischer Sprache, dann in mehreren französischen Fassungen erschienen und später unter unterschiedlichen Titeln überliefert wurden, insbesondere als Lettres philosophiques, Lettres anglaises oder Lettres sur les Anglais. Die moderne Forschung behandelt diese Fassungen daher nicht einfach als identische Ausgaben eines stabilen Textes, sondern als verschiedene Stadien eines Werkes, das Voltaire wiederholt überarbeitete.Vgl. Voltaire Foundation: Lettres philosophiques; Letters concerning the English nation.
Inhalt Die Lettres philosophiques umfassen 25 Briefe. Die folgende Tabelle stellt eine Auswahl der wichtigsten dar und ordnet ihnen jeweils die zentrale Funktion im Gesamtargument zu.
+ Exemplarische Briefe der Lettres philosophiques Brief(e) Gegenstand Charakteristische Funktion I–IV QuäkerDie Darstellung verbindet religiösen Relativismus, Bibelkritik und die aufklärerische Aufwertung moralischer Praxis gegenüber dogmatischer Rechtgläubigkeit VIII–IX Parlament und Regierung Lob der konstitutionellen Monarchie mit Gewaltenteilung im Gegensatz zum französischen Absolutismus X Handel Aufwertung von Bürgertum, Nutzen, Wohlstand und kommerzieller Gesellschaft im Unterschied zum französischen Adelsideal XI Pockeninokulation Verteidigung empirischer Wissenschaft und medizinischen FortschrittsVoltaire’s Letters on the English and the story of smallpox – Nicholas Cronk (Voltaire Foundation) XIII Locke Darstellung des englischen Empirismus und Kritik metaphysischer Spekulation, insbesondere gegen Descartes’ angeborene Ideen XIV–XVII Newton Vorstellung der Newtonschen Physik als empirisch gesichert versus Cartesische Wirbeltheorie als spekulativ XVIII Shakespeare Verteidigung des leidenschaftlichen, regellosen Genies Shakespeares gegen die regelpoetische Strenge des französischen Klassizismus (Racine, Corneille) XXIII Gens de lettres Reflexion über die gesellschaftliche Stellung von Schriftstellern und Gelehrten XXV Pascal Kritik an religiösem Pessimismus, Jansenismus und den Pensées, insbesondere gegen Pascals Lehre von der Erbsünde und der « misère de l’homme » (Elend des Menschen)Zur Auseinandersetzung Voltaires mit Pascal vgl. Kurt Flasch: Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal. 2., durchgesehene Auflage, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2021. Exemplarischer Brief: Voltaire gegen Pascal
Der abschließende Brief XXV, der sich mit den Pensées Pascals auseinandersetzt, zeigt besonders deutlich den polemischen Charakter der Lettres philosophiques. Voltaire richtet sich darin gegen Pascals augustinisch-jansenistisch geprägtes Menschenbild, gegen das Motiv des „Elends des Menschen“, der misère de l’homme.Blaise Pascal: Pensées, Abschnitt „Misère de l’homme“ in der Desprez-Ausgabe; online bei Wikisource: Pensées, XXVI: „Misère de l’homme“.
Pascal berief sich auf die Gnadenlehre des Augustinus, auf die Vorstellung von der Verderbtheit und dem „Elend des Menschen“.Vgl. Blaise Pascal: Pensées, Abschnitt „Misère de l’homme“ in der Desprez-Ausgabe; online bei Wikisource: Pensées, XXVI: „Misère de l’homme“. Er wertet dieses Menschenbild als Herabsetzung der menschlichen Natur.Vgl. Kurt Flasch: Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal. 2., durchgesehene Auflage, Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-465-04582-3. In einer vielzitierten Formulierung stellt Voltaire diesem pessimistischen Menschenbild ein aufklärerisches Vertrauen in die Würde und Verbesserungsfähigkeit des Menschen entgegen:
Der Brief macht damit sichtbar, dass die Lettres philosophiques nicht nur englische Verhältnisse beschreiben, sondern auch als Gegenentwurf zu religiösem Pessimismus, Jansenismus und dogmatischer Menschenverachtung gelesen werden können.
Bedeutung Die Lettres philosophiques gelten als ein Schlüsseltext der europäischen Aufklärung. Sie popularisierten in Frankreich den englischen Empirismus Lockes gegen Descartes’ Theorie der angeborenen Ideen (Brief XIII) und die Newtonsche Physik (Briefe XIV–XVII).
Politisch wirkte die Schrift als eine der ersten systematischen Kritiken des französischen Absolutismus (Briefe VIII–IX). Die Gegenüberstellung von englischer konstitutioneller Monarchie und französischem Absolutismus wurde zu einem Standardargument der aufklärerischen Reformbewegung.
Der Literaturhistoriker Gustave Lanson bezeichnete sie rückblickend als „die erste Bombe, die gegen das Ancien Régime geworfen wurde“.Gustave Lanson: Voltaire. Hachette, Paris 1906, chap. II: « Voltaire en Angleterre. — Les Lettres philosophiques », S. 51 f.; online bei Wikisource: Voltaire / Chapitre II. Original: « Les Lettres philosophiques sont la première bombe lancée contre l’ancien régime. »
Die Voltaire Foundation nennt die Lettres philosophiques eines der „Schlüsselwerke des europäischen 18. Jahrhunderts“ und ein „Manifest aufklärerischen Denkens“.Voltaire Foundation: Lettres sur les Anglais (I–III), Verlagsbeschreibung. Im englischen Original: „one of the key masterpieces of the European eighteenth century, a manifesto of Enlightenment thinking“.
In den Briefen über Parlament, Regierung und Handel (VIII–X) erscheint das Werk zugleich als frühes Beispiel liberalen politischen und wirtschaftlichen Denkens.
Wirkung und Zensur Unmittelbar nach Erscheinen der französischen Ausgabe leiteten die Behörden ein Verfahren gegen das Werk ein. Am 10. Juni 1734 verurteilte das Parlement de Paris die Lettres philosophiques als „skandalös, der Religion, den guten Sitten und der Obrigkeit zuwider“.„Scandaleux, contraire à la religion, aux bonnes mœurs et aux puissances“ – Zitiert nach: Jeroom Vercruysse: Voltaire et la Hollande. In: Studies on Voltaire and the Eighteenth Century 46, 1966, S. 153; vgl. auch Parlamentsbeschluss vom 10. Juni 1734, Archives nationales, Paris, X/1a/5581.
Der Ton des Werks, den das Gericht als Mischung aus Leichtfertigkeit, Ironie und Spott empfand, sowie die explizite Kritik an etablierten Autoritäten in Kirche und Staat galten als Angriff auf die Grundfesten der Monarchie.Vgl. René Pomeau: La Religion de Voltaire. Nizet, Paris 1974, S. 112–115: Das Parlement war empört über den „Ton aus Leichtfertigkeit, Ironie und Spott“ („ton de légèreté, d’ironie et de moquerie“).
Der Beschluss des Parlements sah neben der öffentlichen Verbrennung des Buches auch die Fahndung nach dem Autor vor, gegen den ein Haftbefehl erlassen wurde. Am 10. Juni 1734 wurden die Exemplare am Fuße der großen Treppe des Justizpalastes durch die Hand des Scharfrichters zerrissen und verbrannt.Bibliothèque nationale de France: Voltaire en 30 dates: Die Verbrennung erfolgte am 10. Juni 1734 „au bas du grand escalier du Palais“ durch den Scharfrichter; gegen Voltaire wurde ein Haftbefehl erlassen.
Voltaire selbst entzog sich der Festnahme durch die Flucht nach Lothringen; als Aufenthaltsort ist das Schloss der Marquise du Châtelet in Cirey besonders bekannt geworden.Voltaire Foundation: Lettres sur les Anglais.Zu Voltaires Flucht nach Cirey vgl. auch René Vaillot: Voltaire en son temps, Bd. 1, Fayard, Paris 1985, S. 298–301.
Die Verbrennung der Lettres philosophiques hatte paradoxerweise einen enormen Publikumserfolg zur Folge. Zwischen 1734 und 1739 wurden rund 20.000 Exemplare des Werks verkauft.
Der Pariser Erzbischof nahm das Buch 1741 erneut in sein Verzeichnis der verbotenen Bücher auf.J. M. Robertson: Voltaire and the French Enlightenment. Watts & Co., London 1919, S. 42; vgl. auch den Index Librorum Prohibitorum (Ausgabe 1744), Eintrag zu Voltaire.
Primärtexte Kritische Ausgabe Die Voltaire Foundation bezeichnet ihre Edition der Lettres sur les Anglais als die bislang vollständigste Ausgabe des Werks.in the footsteps of Gustave Lanson