Die Römische Kinzigtalstraße war eine römische Fernstraße auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württembergs. Sie wurde im 1. Jahrhundert u. Z. angelegt und sorgte für eine spürbare Verkürzung der Wegstrecke vom Rhein an die Donau. Der Name ist eine moderne Wortschöpfung ohne historische Herleitung.
Erbauung, Lage und Funktion, Bedeutungsverlust mini|300px|Schematische Lage der Kastelle und anderer Befunde an der Kinzigtalstraße Die Kinzigtalstraße wurde in vespasianischer Zeit, konkret um die Jahre 73/74 u. Z., erbaut. Verantwortlich war der kaiserliche Legat im Range eines Praetors, Gnaeus Pinarius Cornelius Clemens. Auslöser für den Bau waren die Erfahrungen des Vierkaiserjahrs und des Bataveraufstands, die gezeigt hatten, dass es eine enorme Zeit in Anspruch nahm, Truppen von den gallischen Heeresbezirken aus über die Rheintalstraße, das Rheinknie bei Basel und die Donausüdstraße in die Donauprovinzen zu verlegen und umgekehrt. Dies betraf sowohl das Heer des Vitellius auf seinem Zug nach Italien, als auch die vespasianischen Truppen auf ihrem Marsch in den Norden. Auch notwendige, schnelle Truppendislozierungen während des Bataveraufstands wurden durch diese verkehrsgeographischen Gegebenheiten erheblich erschwert.
Die neue Trasse, die nun den Weg durch das Tal der Kinzig im Schwarzwald führend abkürzte, sorgte für die erhebliche Wegersparnis von 160 km respektive eine Zeitersparnis von sieben Tagesmärschen. Zugleich bildete sie die Ausgangsbasis für die Okkupation des Dekumatlandes und der späteren Vorverlegung der Grenze nach Nordosten. Mit letzterer verlor die Kinzigtalstraße jedoch auch vermutlich schon ab domitianischer, spätestens aber in trajanischer Zeit ihre Bedeutung. Die militärischen Posten wurden vorverlegt und die Kastelle im Kinzigtal aufgelassen, auch wenn die Kastellvici als zivile Vici bis um das Jahr 260 fortbestanden.
Ein Beleg für den Bau der Kinzigtalstraße und ihre Datierung ist ein bereits im Jahr 1840 an der mittelalterlichen Stadtbefestigung von Offenburg gefundener Meilenstein.Meilenstein (miliarium) aus der Zeit Vespasians auf leo-bw.de, abgerufen am 20. Mai 2026.Meilensteinfragment auf lupa.at, abgerufen am 20. Mai 2026. = HD036910 Der Stein trägt die Inschrift:
Das Original befindet sich (nicht ausgestellt) im Badischen Landesmuseum Karlsruhe, eine Kopie kann im Dominikanermuseum Rottweil besichtigt werden.Manfred Merker: Mit Merkur unterwegs. Auf Römerstraßen in der Ortenau. In: Die Ortenau 96, 2016, S. 15–48 (Digitalisat).Manfred Merker: Offenburg und Straßburg – eine Nachbarschaft seit der Römerzeit. Die Kinzigtalstraße des Kaisers Vespasians. In: Die Ortenau 99, 2019, S. 41–54 (Digitalisat).Rolf Nierhaus: Römische Straßenverbindungen durch den Schwarzwald. In: Badische Fundberichte 23, 1967, S. 117–157 (Digitalisat).Heiko Wagner: Römische Besiedlung im Schwarzwald. Von der Auffindung des Undenkbaren. In: Archäologische Nachrichten aus Baden 82, 2011, S. 10–26 (Digitalisat).Heiko Wagner: Lange vor den Klöstern. Das Kinzigtal von der Steinzeit bis zur Römerzeit. In: Die Ortenau 94, 2014, S. 425–442 (Digitalisat)Die Römische Kinzigtal Straße und ihre Kastelle auf alaturka.info, abgerufen am 11. Mai 2026.
Verlauf Die römische Kinzigtalstraße nahm ihren Anfang an der Öffnung des Kinzigtals zur Oberrheinischen Tiefebene hin in Offenburg, die dort vom Kastell Rammersweier,Kastell Rammersweier weitläufig um vom Kastell OffenburgKastell Offenburg weitläufig um und vom Kastell ZunsweierKastell Zunsweier weitläufig um gesichert wurde. In diesem Bereich kreuzte sie auch die Römische Rheintalstraße und hatte eine Verlängerung nach Westen hin, die bis nach Argentorate (heute Straßburg) verlief.Argentorate weitläufig um In Offenburg wurde auch ein Miliarium (Meilenstein) der Kinzigtalstraße gefunden.Meilenstein (miliarium) aus der Zeit Vespasians auf leo-bw.de, abgerufen am 11. Mai 2026.Meilenstein (miliarium) aus der Zeit Vespasians im Webkatalog des Badischen Landesmuseums Karlsruhe, abgerufen am 11. Mai 2026. = HD036910 Nach Südosten hin führte sie über folgende Etappen: In Gengenbach, knapp zehn Kilometer Luftlinie südlich von Offenburg, wird eine Statio mit Rast-, Übernachtungs- und Pferdewechselmöglichkeit, die Straßenstation Gengenbach vermutet.Straßenstation Gengenbach bei Geschichte der Stadt Gengenbach auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Gengenbach, abgerufen am 21. Mai 2026. Gefunden wurden zudem Besiedlungsspuren sowie ein Ziegelbrennofen.Ziegelofen Gengenbach bei H. O. Wagner: Der römische Ziegelbrennofen von Gengenbach. In: Bd. 23 (1979): Archäologische Nachrichten aus Baden 23, 1979, S. 19–25 (Digitalisat). Die Straßenstation Schenkenzell-Brandsteig wird auf einem Pass zwischen den Gemeinden Rötenberg und Schenkenzell verortet.Straßenstation Schenkenzell-Brandsteig bei Das Kastell WaldmössingenKastell Waldmössingen bei war ein rund zwei Hektar großes, zweiphasiges Kohortenkastell und ein bedeutender Kreuzungspunkt und Garnisonsort der Kinzigtalstraße und der älteren Neckarlinie des Neckar-Odenwald-Limes, da sich dort die Straße gabelte und sowohl in nordöstliche Richtung zum Kastell Sulz, als auch in südsüdöstliche Richtung nach Arae Flaviae führte. Das Kastell existierte von der vespasianischen Zeit bis um das Jahr 100, der Vicus bis um 260. Die dort stationierte Einheit ist namentlich unbekannt.Dieter Planck: Schramberg-Waldmössingen. Römisches Kastell und zivile Siedlung. In: Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. 3. Auflage. Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 544 f.C. Sebastian Sommer: Schramberg-Waldmössingen. Römisches Kastell und zivile Siedlung. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 311 f. Das ebenfalls zweiphasige Kastell SulzKastell Sulz bei war ein zwischen 1,45 ha und 1,75 ha großes Militärlager, das vermutlich von der Cohors XXIIII voluntariorum civium Romanorum belegt wurde. Es bestand von 73/74 bis um das Jahr 100, sein Vicus bis um das Jahr 260.Hermann Friedrich Müller: Sulz (RW). In: Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. 3. Auflage, Theiss, Stuttgart 1986, ISBN 3-8062-0287-7, S. 579–582.C. Sebastian Sommer: Sulz (RW). Kastell und Kastellvicus/Vicus. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 332–335. Arae Flaviae war eine weitläufige, militärisch-zivile Siedlungsagglomeration aus fünf Kastellen, mindestens einer Zivilsiedlung und mindestens zwei Nekropolen auf dem Gebiet der heutigen Stadt Rottweil.ARAE FLAVIAE sehr weitläufig um Wie die anderen Orte wurde sie in vespasianischer Zeit gegründet, avancierte später zum Municipium und existierte letztlich bis um das Jahr 260. Sie war Hauptort einer Civitas und wohl als militärischer, ziviler und sakraler Zentralverwaltungsort des zu erobernden Landes vorgesehen. Mit der Vorverlegung der Truppen verlor sie jedoch im frühen 2. Jahrhundert ihre strategische Bedeutung und blieb eine – wenn auch sehr wohlhabende – Kleinstadt.C. Sebastian Sommer: MVNICIPIVM ARAE FLAVIAE – Militärisches und ziviles Zentrum im rechtsrheinischen Obergermanien. Das römische Rottweil im Licht neuerer Ausgrabungen. In: Bericht der Römisch-Germanischen Kommission Band 73, 1992, S. 269–313 (Digitalisat).C. Sebastian Sommer, Klaus Kortüm, Robert Fecher: Rottweil (RW). In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 292–302. Das kleine, mit seinen Außenmaßen nur rund 0,42 ha große Kastell FrittlingenKastell Frittlingen um ist das jüngstentdeckte und kleinste Militärlager an der Kinzigtalstraße. Alle bisherigen Erkenntnisse stammen ausschließlich von luftbildarchäologischen Aufnahmen. Über die dort stationierte Einheit ist nichts bekannt, die genaue Datierung muss noch spekulativ bleiben.C. Sebastian Sommer: Ein neu entdecktes römisches Kastell bei Frittlingen nahe Rottweil. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg, Band 17, Teilband 1, 1992, S. 355–360 (Digitalisat). Beim nur – wenn auch mit Wahrscheinlichkeit – vermuteten Kastell TuttlingenKastell Tuttlingen weitläufig um erreichte die Kinzigtalstraße ihren südöstlichen Endpunkt und schloss dort an die Donausüdstraße an, die weiter östlich durch Raetia und Noricum nach Pannonia führte.
Siehe auch Römische Rheintalstraße Donausüdstraße
Literatur
Philipp Filtzinger: Die römische Besetzung Baden-Württembergs. In: Ders., Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Theiss, Stuttgart 1986³, ISBN 3-8062-0287-7, S. 23–116, hier: S. 48 f. Manfred Merker: Mit Merkur unterwegs. Auf Römerstraßen in der Ortenau. In: Die Ortenau 96, 2016, S. 15–48 (Digitalisat). Manfred Merker: Offenburg und Straßburg – eine Nachbarschaft seit der Römerzeit. Die Kinzigtalstraße des Kaisers Vespasians. In: Die Ortenau 99, 2019, S. 41–54 (Digitalisat). Rolf Nierhaus: Römische Straßenverbindungen durch den Schwarzwald. In: Badische Fundberichte 23, 1967, S. 117–157 (Digitalisat). Heiko Wagner: Römische Besiedlung im Schwarzwald. Von der Auffindung des Undenkbaren. In: Archäologische Nachrichten aus Baden 82, 2011, S. 10–26 (Digitalisat). Heiko Wagner: Lange vor den Klöstern. Das Kinzigtal von der Steinzeit bis zur Römerzeit. In: Die Ortenau 94, 2014, S. 425–442 (Digitalisat)
Weblinks
Die Römische Kinzigtal Straße und ihre Kastelle auf alaturka.info Meilenstein (miliarium) aus der Zeit Vespasians im Webkatalog des Badischen Landesmuseums Karlsruhe
Einzelnachweise
Kinzigtalstrasse Kategorie:Römische Militärgeschichte Kinzigtalstrasse Kinzigtalstrasse Kategorie:Erbaut im 1. Jahrhundert Kategorie:Straße in Baden-Württemberg Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Baden-Württemberg Kategorie:Archäologischer Fundplatz in Baden-Württemberg Kategorie:Archäologischer Fundplatz in Europa Kategorie:Ehemalige Militärstraße