Fahrradfeminismus bezeichnet feministische Perspektiven auf Fahrradmobilität, Verkehrsinfrastruktur und Fahrradkultur. Fahrradfeministische Positionen verstehen das Fahrrad und Fahrradfahren als Mittel feministischer Selbstermächtigung. Diese thematisieren insbesondere geschlechtsspezifische Erfahrungen in Bezug auf Fragen von Sicherheit und Bewegungsfreiheit im Straßenverkehr sowie die historische Überschneidung zwischen Fahrrad(-fahren) und Feminismus.
Geschichte Historisch gesehen ist das Fahrrad seit dem späten 19. Jahrhundert ein Motor weiblicher Emanzipation. Die Entstehung des Sicherheitsniederrads 1885 sowie des sogenannten Damenrads mit tiefem Einstieg 1889 fiel zeitlich mit der ersten Frauenbewegung zusammen und wurde zu einem Symbol für die zunehmende Selbstbestimmung von Frauen. Fahrradfahren ermöglichte Frauen größere räumliche Unabhängigkeit und politische Teilhabe. Es beeinflusste aber auch Bekleidungsmöglichkeiten: "Radfahrerinnen beeinflussten die Kleiderreformbewegung; ihnen wird die Überwindung von Kleidervorschriften, die Befreiung vom Korsett und die Etablierung der Pumphose zugeschrieben." Insbesondere die Frauenwahlrechtsbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nutzte das Fahrrad als Mittel der Mobilisierung und politischen Organisation. Suffragetten reisten mit dem Fahrrad zu Versammlungen und verteilten auf ihnen Flugschriften. Ihre Anliegen konnte durch das Fahrrad im öffentlichen Raum sichtbarer werden. Heutige fahrradfeministische Positionen greifen diese Tradition auf und verbinden sie mit gegenwärtigen Debatten um Stadtplanung, Klimagerechtigkeit und geschlechtsspezifische Gewalt im öffentlichen Raum. Dabei beschränken sie sich nicht nur auf die Lebensrealitäten von Frauen, sondern beziehen trans-, inter-, nichtbinäre und queere Perspektiven ein. Fahrradfeminismus knüpft dabei an intersektionale und queertheoretische Ansätze an.
Begriff und Theorie Der Begriff wurde insbesondere durch kultur- und medienwissenschaftliche Arbeiten geprägt. Aktuelle Fahrradfeministische Ansätze knüpfen an Konzepte der feministischen Geografie wie beispielsweise von Leslie Kern oder Doreen Massey, das „Recht auf Stadt“ von Henri Lefebvre sowie Mobilitätsgerechtigkeit nach Mimi Sheller an. Ein Analysebereich des Fahrradfeminismus sind die geschlechtsspezifischen Machtverhältnisse in Verkehrsinfrastrukturen und Hierarchien im Straßenverkehr. Die Medienwissenschaftlerin Julia Bee beschreibt Fahrradfeminismus als eine Verbindung von Mobilitätsforschung, feministischer Theorie und Stadtplanung. In ihrem Essay Lob des Fahrradfeminismus argumentiert sie, dass Mobilität und Infrastruktur nicht neutral sind, sondern gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduzieren. Das Fahrrad gilt dabei sowohl als Verkehrsmittel, als auch als „affektive Infrastruktur“, die Öffentlichkeit mitgestaltet.
Zu fahrradfeministischen Positionen zählt auch die feministische Radverkehrsplanung. Diese untersucht, wie Verkehrsräume so gestaltet werden können, dass sie viele verschiedene Lebensrealitäten berücksichtigen können, also unabhängig von Gender, Fahrradzustand und -form, körperlichen Voraussetzungen und Alter. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Stadtplanung historisch häufig an den Mobilitätsmustern erwerbstätiger, lohnarbeitender Autofahrer (häufiger Männer) ausgerichtet wurde, während die statistisch gesehen stärker von Care-Arbeit geprägten Wegeketten vieler Frauen weniger berücksichtigt werden. Als ein Baustein feministischer Verkehrspolitik fordert die feministische Radverkehrsplanung daher eine inklusive Gestaltung der Radinfrastruktur, beispielsweise durch sicherere und durchgängige Radwegenetze, die auch für Kinder und ältere Personen ausgelegt sind. In diesem Sinne versteht sie das Fahrrad als Symbol und Instrument für Gleichstellung.
Rezeption Fahrradfeministische Positionen werden in der Mobilitäts- und Stadtforschung als Teil breiterer Debatten um Gender Mainstreaming, bzw. Gendergerechte Stadtentwicklung, feministische Verkehrspolitik, nachhaltige Mobilität, Klimagerechtigkeit und inklusive Stadtplanung diskutiert.
Siehe auch Fancy Women Bike Ride Bikeygees
Einzelnachweise
Kategorie:Fahrrad Kategorie:Feminismus