Mogera hainana ist eine Säugetierart aus der Gattung der Ostasiatischen Maulwürfe innerhalb der Maulwürfe (Talpidae). Sie kommt auf der südchinesischen Insel Hainan vor und bewohnt dort unterschiedliche Landschaftsräume vom Tiefland bis in mittlere Berglagen. Die Tiere repräsentieren kleine Angehörige der Gattung, die sich äußerlich wie ihre Verwandten durch einen zylindrischen Körper, einen kurzen Hals und grabschaufelartige Vorderfüße kennzeichnen. Ihr Fell ist braun auf der Rücken- bis schiefergrau auf der Bauchseite. Zur Lebensweise ist nichts bekannt. Die Art wurde im Jahr 1910 wissenschaftlich eingeführt, galt aber lange Zeit als lokale Variante des Chinesischen Inselmaulwurfs. Doch zeigten genetische Untersuchungen deutliche Unterschiede, so dass Mogera hainana seit Mitte der 2020er Jahre weitgehend wieder als eigenständig geführt wird.
Merkmale Habitus Mogera hainana ist ein kleiner Vertreter der Ostasiatischen Maulwürfe. Die Kopf-Rumpf-Länge variiert von 11,5 bis 13,4 cm, der Schwanz ist 0,9 bis 1,4 cm lang. Mit den Werten ist die Art etwas größer als der La-Touche-Maulwurf (Mogera latouchei) und in etwa so groß wie der Chinesische Inselmaulwurf (Mogera insularis), die beide zu den nächsten Verwandten gehören. Im Erscheinungsbild gleichen die Tiere den anderen Angehörigen der Gattung, was sich durch einen zylindrischen Körper, einen kurzen Hals und grabschaufelartig vergrößerte Vordergliedmaßen ausdrückt. Das Fell ist auf der Rückenseite braun, aber dunkler als beim La-Touche-Maulwurf. Die Unterseite zeichnet sich mit einer rauchgrauen Tönung etwas heller aus. An den Wangen können weißliche Flecken auftreten ebenso wie die Oberseiten der Vorder- und Hinterfüße mit weißlichen Haaren bedeckt sind. Der kurze Schwanz ist ähnlich gefärbt wie der Rücken. Die Hinterfußlänge beträgt 0,8 bis 1,8 cm.
Schädel- und Gebissmerkmale Der Schädel des Typusexemplars ist 30,6 mm lang und am Hirnschädel 15 mm breit. Für ein weiteres Exemplar wurde bei gleicher Breite eine Gesamtlänge von 33 mm gemessen. Die Stirnlinie verläuft im hinteren Bereich eher gerundet und weniger kantig. Im Gegensatz zum La-Touche-Maulwurf und zum Chinesischen Inselmaulwurf ist der erste Prämolar bei Mogera hainana größer als der zweite. Die obere Zahnreihe vom Eckzahn bis zum letzten Molaren erstreckt sich über eine Länge von 10,6 mm.
Genetische Merkmale Das Mitogenom von Mogera hainana besteht aus 16.845 Basenpaaren, darunter 13 proteinkodierende Gene, 22 Gene an transfer-RNA und 2 Gene an ribosomaler RNA.
Verbreitung und Lebensraum mini|hochkant|Verbreitungsgebiet von Mogera hainana Das Verbreitungsgebiet von Mogera hainana liegt im südlichen Ostasien auf der zu China gehörenden Insel Hainan. Nachweispunkte befinden sich unter anderem im Wuzhishan, im Diaoluoshan und im Yinggelingshan. Die Tiere bewohnen dort verschiedene Landschaftsräume vom Tiefland bis in mittlere Berglagen. Einzelne Individuen wurden im Höhenbereich von 177 bis 922 m über dem Meeresspiegel beobachtet. Die genutzten Habitate umfassen sowohl naturnahe Wälder als auch Kulturlandschaften.
Lebensweise Zur Lebensweise von Mogera hainana liegen keine Informationen vor.
Systematik
Mogera hainana ist eine Art aus der Gattung der Ostasiatischen Maulwürfe (Mogera), zu der insgesamt zehn Arten gehören. Die Gattung wiederum wird innerhalb der Familie der Maulwürfe (Talpidae) gemeinsam mit einigen anderen, vorwiegend eurasisch verbreiteten Artengruppen in die Tribus der Eigentlichen Maulwürfe (Talpini) gestellt. Die Tribus führt die zumeist grabenden Vertreter der Maulwürfe zusammen, andere Mitglieder der Familie leben dagegen nur teilweise unterirdisch, bewegen sich oberirdisch fort oder sind an eine semi-aquatische Lebensweise angepasst. Molekulargenetischen Untersuchungen zufolge verteilen sich die Ostasiatischen Maulwürfe auf zwei Verwandtschaftslinien. Die eine umfasst die ost- und südostasiatisch-festländischen Vertreter um den Chinesischen Inselmaulwurf (Mogera insularis), die anderen die Arten der japanischen Inselwelt um den Japanischen Maulwurf (Mogera wogura). Letzterer wird zusätzlich noch der Ussuri-Maulwurf (Mogera robusta) der Koreanischen Halbinsel und der fernöstlichen russischen Region Primorje zugeordnet. Die Aufteilung der Ostasiatischen Maulwürfe in diese beiden Linien reicht bis in das Obere Miozän vor etwa 10 bis 8 Millionen Jahre zurück. Die erstgenannte Gruppe diversifizierte sich wenig später weiter. Hierbei spaltete sich zuerst der La-Touche-Maulwurf (Mogera latouchei) aus dem südlichen China und aus Vietnam ab, was bereits vor rund 8 Millionen Jahren geschah. Danach folgte der Kano-Maulwurf (Mogera kanoana) im Unteren Pliozän vor rund 4,5 Millionen Jahren, der gemeinsam mit dem Chinesischen Inselmaulwurf Taiwan besiedelt. Die jüngsten Artabspaltung ereignete sich im Oberen Pliozän vor etwa 3 Millionen Jahren mit Mogera hainana von seiner Schwesterart, dem Chinesischen Inselmaulwurf.
mini|hochkant|Oldfield Thomas Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Mogera hainana erstellte Oldfield Thomas im Jahr 1910. Hierfür verwendete er insgesamt vier Individuen vom Wuzhishan auf Hainan, der Typusregion der Art. Als Holotyp bestimmte er ein ausgewachsenes Weibchen. Thomas sah seine neue Form als intermediär zwischen dem La-Touche-Maulwurf und dem Chinesischen Inselmaulwurf an. Ihre Eigenständigkeit hob er durch das isolierte Vorkommen auf der südchinesischen Insel hervor. Erstere Form war von Thomas drei Jahre zuvor benannt worden, letztere hatte Robert Swinhoe bereits im Jahr 1862 wissenschaftlich eingeführt. Nur kurz nach Veröffentlichung der Erstbeschreibung fand die neue Art Erwähnung im deutschsprachigen Fachblatt Der Zoologische Garten und erhielt dabei die Trivialbezeichnung „Hainan-Maulwurf“. Dreizehn Jahre nach Thomas’ offizieller Einführung und in Unkenntnis dessen Aufsatzes legte Cecil Boden Kloss eine erneute Erstbeschreibung vor. Hierbei bezeichnete er die Maulwürfe Hainans mit Mogera insularis hainana und wies sie somit als Unterart des Chinesischen Inselmaulwurfs aus. Sein Belegexemplar stammte gleichfalls vom Wuzhishan aus einer Höhenlagen von 670 m.
Die Ansicht einer eigenen artlichen Stellung von Mogera hainana nach Thomas hatte nicht lange Bestand. Glover M. Allen unterstützte zwar im Jahr 1938 noch dessen Einschätzung, doch führte Ernst Schwarz eine Dekade später im Zuge einer Revision der talpinen Maulwürfe alle Formen Ost- und Südostasiens mit den Eurasischen Maulwürfen in der Gattung Talpa zusammen. Zudem sah er alle Maulwurfsvertreter der Region als einer Art zugehörig an, die er mit Talpa micrura bezeichnete. Innerhalb der Art wies Schwarz mehrere Unterarten aus, so etwa für den Chinesischen Inselmaulwurf mit Talpa micrura insularis oder den La-Touche-Maulwurf, der die Bezeichnung Talpa micrura longirostris erhielt. Die Stellung von Mogera hainana war für Schwarz aber nicht eindeutig. Seine Art Talpa micrura ist heute identisch mit dem Himalaya-Maulwurf (Euroscaptor micrura), welcher aber zu den Südostasiatischen Maulwürfen gehört. Schwarz’ Vorgehensweise wurde nachfolgend von zahlreichen Autoren übernommen. Hierzu gehören John Reeves Ellerman und Terence Charles Stuart Morrison-Scott mit einem Katalogwerk zur paläarktischen und indischen Fauna aus dem Jahr 1951, in dem beide abweichend von Schwarz dem Maulwurf von Hainan mit Talpa micrura hainana einen eigenen Unterartenstatus bescheinigten.
Spätestens ab den 1970er Jahren wurde die Eingliederung der ost- und südostasiatischen Maulwürfe in die Gattung Talpa kritisch gesehen. Unter anderem favorisierte Hisashi Abe im Jahr 1995 eine eigenständige Stellung der Ostasiatischen Maulwürfe in der Gattung Mogera und schlug eine Neugliederung der Arten vor. Dabei ordnete er Mogera hainana als Unterart dem Chinesischen Inselmaulwurf zu, ebenso wie den La-Touche-Maulwurf. Das Konzept erhielt weitgehend Akzeptanz in der Wissenschaft. Durch die Zusammenführung der verschiedenen Vertreter innerhalb des Chinesischen Inselmaulwurfs erweiterte sich dessen Verbreitungsgebiet und nahm nicht nur die Inseln Taiwan und Hainan ein, sondern auch einen größeren Teil des ost- und südostasiatischen Festlandes. Genetische und cytogenetische Befunde sowie anatomische Unterschiede sprachen nachfolgend dem La-Touche-Maulwurf einen eigenständigen Charakter zu. So besitzt dieser einen diploiden Chromosomensatz von 2n = 30, während er beim Chinesischen Inselmaulwurf 2n = 32 lautet. Der La-Touche-Maulwurf wurde daher in verschiedenen Publikationen seit 2009 als unabhängig eingestuft, was im Jahr 2018 auch der achte Band des Standardwerkes Handbook of the Mammals of the World übernahm. Darüber hinaus hatte im Jahr 2007 ein Wissenschaftlerteam um Shin-ichiro Kawada den Kano-Maulwurf (Mogera kanoana) auf Taiwan aufgrund molekulargenetischer Befunde vom Chinesischen Inselmaulwurf abgetrennt. Für Mogera hainana wurde ebenfalls seit dem Beginn der 2000er Jahre eine eigenständige Artstellung vermutet, was sich aufgrund deutlicher morphometrischer Unterschiede zum Chinesischen Inselmaulwurf andeutete. Unterstützung fand dies nachfolgend durch genetische Analysen. Die letztendliche Anerkennung erfolgte im Jahr 2026.
Gefährdung und Schutz Die IUCN führt Mogera hainana momentan nicht als eigenständig, sondern klassifiziert die Art gemeinsam mit dem La-Touche-Maulwurf als dem Chinesischen Inselmaulwurf zugehörig. Dessen Gesamtbestand stuft die Naturschutzorganisation als nicht gefährdet ein.
Literatur Glover M. Allen: The mammals of China and Mongolia. Natural History of Central Asia Volume XI, Part I, American Museum of Natural History, 1938, S. 1–620 (S. 80–81) ()
Einzelnachweise Sining Xie, Guihua Zhang, Zhongzheng Chen, Jiajun Zhou, Feiyun Tu, Wenhua Yu, Xiaoyun Wang und Kai He: Fallen Leaves to Their Roots: genome-wide evidence for two independent colonizations of the Taiwan island by Mogera moles. Molecular Phylogenetics and Evolution, 2026, doi:10.1016/j.ympev.2026.108640 Oldfield Thomas: Three new Asiatic mammals. Annals and Magazine of Natural History 8 (5), 1910, S. 534–536 () Feiyun Tu, Xiaofei Zhai, Wenjing Zhao und Jichao Wang: New Mitogenome of the Hainan Mole Mogera hainana and Taxonomic Implications Based on Molecular Data, Mammal Study 47 (1), 2021, S. 57–63, doi:10.3106/ms2021-0008 Boris Kryštufek und Masaharu Motokawa: Talpidae (Moles, Desmans, Star-nosed Moles and Shrew Moles). In: Don E. Wilson und Russell A. Mittermeier (Hrsg.): Handbook of the Mammals of the World. Volume 8: Insectivores, Sloths, Colugos. Lynx Edicions, Barcelona 2018, ISBN 978-84-16728-08-4, S. 616–617 Robert S. Hoffmann und Darrin Lunde: Order Soricomorpha – Shrews and Moles. In: Andrew T. Smith und Yan Xie (Hrsg.): A Guide to the Mammals of China. Princeton University Press, 2008, ISBN 978-0-691-09984-2, S. 324 Kai He, Akio Shinohara, Kristofer M. Helgen, Mark S. Springer, Xue-Long Jiang und Kevin L. Campbell: Talpid Mole Phylogeny Unites Shrew Moles and Illuminates Overlooked Cryptic Species Diversity. Molecular Biology and Evolution 34 (1), 2016, S. 78–87 E. D. Zemlemerova, A. A. Bannikova, A. V. Abramov, V. S. Lebedev und V. V. Rozhnov: New Data on Molecular Phylogeny of the East Asian Moles. Doklady Biological Sciences 451, 2013, S. 257–260 Elena Zemlemerova, Alexey Abramov, Alexey Kryukov, Vladimir Lebedev, Mi-Sook Min, Seo-Jin Lee und Anna Bannikova: Genetic and morphologic diversity of the moles (Talpomorpha, Talpidae, Mogera) from the continental Far East. Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research 57, 2019, S. 662–678, doi:10.1111/jzs.12272 Akio Shinohara, Shin-Ichiro Kawada, Nguyen Truong Son, Chihiro Koshimoto, Hideki Endo, Dang Ngoc Can und Hitoshi Suzuki: Molecular phylogeny of East and Southeast Asian fossorial moles (Lipotyphla, Talpidae). Journal of Mammalogy 95 (3), 2014, S. 455–466