Gertrud Winter, geborene von Möllendorff, (* 21. Dezember 1882 in Hongkong; † 1. Januar 1946 in Frankfurt am Main) war eine deutsche wissenschaftliche Zeichnerin. Sie fertigte über mehrere Jahrzehnte Illustrationen für Publikationen, Schausammlungen und Lehrmaterialien der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft sowie für externe wissenschaftliche Werke an.

Leben

Herkunft und frühe Jahre Gertrud von Möllendorff wurde 1882 in Hongkong als Tochter des Konsuls und Zoologen Otto Franz von Möllendorff und seiner Ehefrau Anna, geborene Blau, geboren. Sie hatte fünf Geschwister. Ihr Großvater Georg von Möllendorff hatte als Präsident der Naturforschenden Gesellschaft in Görlitz gewirkt; ihr Vater engagierte sich auf dem Gebiet der Malakologie. Von 1886 bis 1896 verbrachte Gertrud von Möllendorff ihre Kindheit in Manila. Anschließend zog die Familie nach Kowno, dem heutigen Kaunas, bevor sie im Oktober 1901 nach Frankfurt am Main übersiedelte.

In Frankfurt übernahm der Vater die Leitung der malakologischen Sektion der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Bereits während der Jahre in China und auf den Philippinen hatte das Sammeln und Bestimmen von Mollusken zum Familienalltag gehört; die Mutter unterstützte die Arbeit ihres Mannes und kolorierte Tafeln. Gertrud von Möllendorff erhielt von Kindheit an eine naturwissenschaftliche Bildung und begleitete ihren Vater zu wissenschaftlichen Treffen, unter anderem mit dem Malakologen Wilhelm Kobelt. Kobelt notierte 1902 in seinem Tagebuch erste zeichnerische Fortschritte und mehrere von ihr angefertigte Tafeln.

Ehe und Familie Im Umfeld der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft lernte sie Friedrich Wilhelm Winter kennen, der seit 1900 beitragendes Mitglied und Schriftführer der Gesellschaft war. Das Paar heiratete 1904 in Frankfurt am Main; aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, zwei Töchter und ein Sohn. Friedrich Winter hatte 1900 von seinem Vater die Leitung der Lithografischen Anstalt & Druckerei Werner & Winter übernommen, in der unter anderem wissenschaftliche Abhandlungen sowie die Zeitschrift „Natur und Museum“ der Senckenbergischen Natu rforschenden Gesellschaft hergestellt wurden. Gertrud Winter arbeitete in dem Druckereibetrieb mit. Ihr Mann fiel 1917 als Soldat im Ersten Weltkrieg in der Champagne.

Tätigkeit als wissenschaftliche Zeichnerin Seit 1908 war Gertrud Winter beitragendes Mitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft. Bereits vor ihrer Heirat fertigte sie wissenschaftliche Illustrationen für die Arbeiten ihres Vaters an. Gemeinsam mit Wilhelm Kobelt brachte sie 1914 dessen posthum erscheinendes Werk „Reisen im Archipel der Philippinen. Teil 2: Wissenschaftliche Resultate“ zur Veröffentlichung und fertigte sämtliche Tafeln dazu an.

Nach dem Tod ihres Mannes 1917 wurde sie als wissenschaftliche Zeichnerin für die Gesellschaft tätig. Sie gestaltete den Buchschmuck und zahlreiche Federzeichnungen für die Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Gesellschaft, die 1918 erschien. In den folgenden Jahrzehnten illustrierte sie Publikationen aus verschiedenen Fachrichtungen. Für Richard Kräusel fertigte sie sämtliche Abbildungen einer Veröffentlichung über Orchideen an; nahezu alle Zeichnungen in Tilly Edingers 1929 erschienenem Werk „Die fossilen Gehirne“ stammen von ihr. Auch zahlreiche Titelseiten der Zeitschriften „Natur und Museum“ sowie „Natur und Volk“ und Tafeln für die Lehre wurden von ihr gestaltet. Gegen Ende der 1930er Jahre erneuerte sie gemeinsam mit Elli Franz die entomologische Schausammlung des Museums durch Aquarellzeichnungen und Beschriftungen. Über die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft hinaus erstellte sie unter anderem Insektentafeln für die Deutsche Gesellschaft für angewandte Entomologie.

Zeit des Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg Gertrud Winter pflegte enge freundschaftliche Beziehungen zu mehreren Kolleginnen, darunter Elli Franz und Tilly Edinger. Am frühen Morgen des 10. November 1938, dem Tag nach den Novemberpogromen, warnte Winter Edinger, nicht ins Museum zurückzukehren. Nach Edingers Zwangsentlassung gehörte Winter zu den wenigen Personen, die sie weiterhin im Verborgenen besuchten.

1944 war Gertrud Winter Teil des Teams um Margot Perl und Elli Franz, das die Auslagerung der Sammlungen der Gesellschaft in das Frankfurter Umland organisierte und damit deren Erhalt während des Zweiten Weltkriegs sicherte.

Gertrud Winter starb in der Silvesternacht 1945/1946 in Frankfurt am Main an einer Hirnblutung.

Ehrung Nach Gertrud Winter ist die Landschneckenart Cochlostyla gertrudis, heute Calocochlea gertrudis, benannt, die 1912 von Otto Franz von Möllendorff, Wilhelm Kobelt und Gertrud Winter erstbeschrieben wurde.

Literatur

C. Semper, Hrsg.: Reisen im Archipel der Philippinen. Theil 2: Wissenschaftliche Resultate. Band 10: Landmollusken. Ergänzungen und Berichtigungen zum III. Bande: Die Landmollusken von Dr. O. F. von Möllendorff. Nach dessen Tode auf Grund seines Nachlasses fortgeführt von Wilhelm Kobelt und Gertrud Winter, geb. von Möllendorff. C. W. Kreidel's Verlag, Wiesbaden 1914. E. Marx: Nachruf für Fritz Winter. In: 49. Bericht der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, Natur und Museum 1919, Heft 1/2, S. 126–131. Nachruf für Gertrud Winter. In: 77. Bericht der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, Natur und Volk 1947, Heft 1, S. 43. Gertrud Winter gestorben. Nachruf in: Anzeiger für Schädlingskunde, Band 21, 1948, S. 15. Adolf Zilch: Aus der Geschichte des Senckenberg-Museums, Nr. 13: Geschichte der malakologischen Sektion. In: Archiv für Molluskenkunde, Band 97, Heft 1, S. 7–43. Rolf Kohring, Gerald Kreft, Hrsg.: Tilly Edinger: Leben und Werk einer jüdischen Wissenschaftlerin. E. Schweizerbart'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2003, S. 88 f., 115, 149–152.

Weblinks Adolf Zilch: Moellendorff, Otto Franz. In: Neue Deutsche Biographie, Band 17, 1994, S. 631 f. (online)

Kategorie:Zeichner (Deutschland) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1882 Kategorie:Gestorben 1946 Kategorie:Frau