Jocelyne Khoueiry (, * 15. August 1955 in Beirut; † 31. Juli 2020 in Byblos) war eine libanesische, maronitisch-christliche Kämpferin, Aktivistin und Theologin. Während des Libanesischen Bürgerkriegs erlangte sie nationale und teils internationale Bekanntheit als Kommandeurin einer Frauenmiliz der Kata’ib-Partei, die gegen palästinensische und verbündete Milizen im Libanon kämpfte. Mitte der 1980er Jahre widmete sie ihr Leben der theologischen Arbeit sowie der Gründung christlicher Hilfsorganisationen.
Frühes Leben Khoueiry wurde als Tochter einer maronitisch-katholischen Familie in Ghosta geboren. Sie wuchs in Beirut direkt gegenüber dem Hauptquartier der christlich-nationalistischen Kata’ib-Partei (Phalange) auf. Die zunehmenden sektiererischen Spannungen im Libanon der 1970er Jahre, insbesondere durch den Zuzug hunderttausender Palästinenser und die Bewaffnung palästinensischer Gruppen, prägten ihr frühes politisches Bewusstsein. Die Bewaffnung dieser palästinensischen Strukturen als Staat im Staate, die Durchführung gewaltsamer Operationen von libanesischem Territorium aus sowie Angriffe auf die christliche Bevölkerung wurden von Phalangisten als direkte Bedrohung des libanesischen Staates und des konfessionellen Gleichgewichts wahrgenommen. In der Überzeugung, die libanesische Souveränität gegen eine palästinensische Machtübernahme verteidigen zu müssen, schloss sie sich noch als Teenager der Kata’ib an.
Rolle im Libanesischen Bürgerkrieg Mit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr 1975 trat die damals 19-jährige Khoueiry den bewaffneten Milizen der Kata’ib bei. Ihr primäres Ziel war die Verteidigung christlicher Viertel gegen palästinensische Milizen und deren linke sowie muslimische Verbündete.
Khoueiry nahm an vorderster Front an intensiven städtischen Gefechten teil, darunter 1975 an der sogenannten Schlacht der Hotels rund um das Holiday Inn in Beirut. Eine zentrale Rolle in ihrer militärischen Biografie spielte ein Gefecht am 7. Mai 1976. Auf dem Dach des Regent Hotels in Beirut wehrte Khoueiry Berichten zufolge gemeinsam mit nur sechs weiteren Kämpferinnen einen sechsstündigen Angriff von etwa 300 palästinensischen Milizionären ab. Sie tötete den palästinensischen Kommandanten durch eine Handgranate und bewegte die Angreifer dadurch zum Rückzug. Dieses Ereignis festigte ihren Ruf innerhalb der christlichen Milizen im Libanon.
Im Jahr 1980 ernannte der Kommandeur der Forces Libanaises und später gewählte Präsident des Libanon, Bachir Gemayel, Khoueiry zur Anführerin einer neu aufgestellten Frauendivision. Unter ihrem Kommando wurden bis zu 1500 Frauen für Patrouillen, logistische Aufgaben und direkte Kampfeinsätze an der Front ausgebildet. Khoueiry bestand dabei auf Einsätzen an den gefährlichsten Frontabschnitten im Kampf gegen palästinensische Einheiten. Parallel zur militärischen Ausbildung integrierte sie spirituelle Elemente, wie Bibelstudien, in den Alltag der Kämpferinnen.
Rückzug und ziviles Engagement Angesichts zunehmender fraktionsinterner Kämpfe zwischen den christlichen Milizen ordnete Khoueiry 1985 die Entwaffnung ihrer Einheit an und zog sich aus dem bewaffneten Kampf gegen palästinensische Milizen zurück. Daraufhin studierte sie Theologie an der Heilig-Geist-Universität Kaslik und schloss mit einem Doktortitel ab.
Khoueiry gründete 1988 die Organisation La Libanaise-Femme du 31 Mai, um vom Krieg betroffenen Familien, Waisen und Behinderten zu helfen. Im Jahr 2000 rief sie das John Paul II Center for Cultural Dialogue ins Leben, das sich der Versöhnung und dem interreligiösen Dialog im stark konfessionell gespaltenen Libanon widmet. Sie wurde auch in den Päpstlichen Rat für die Laien berufen.
Am 31. Juli 2020 starb Jocelyne Khoueiry nach langer Krankheit im Alter von 64 Jahren in der Klinik Notre-Dame-de-Bon-Secours in Byblos.Première combattante Kataëb en 1975, Jocelyne Khoueiry est décédée à l'âge de 64 ans. In: L’Orient-Le Jour, 31. Juli 2020.
Rezeption Khoueirys militärische Führungsrolle galt als ungewöhnlich und durchbrach traditionelle Geschlechterrollen im Nahen Osten, was sowohl zu Bewunderung als auch zu gesellschaftlicher Ablehnung führte. Während sie in christlichen Kreisen oft als libanesische Jeanne d’Arc heroisiert wurde, die das Land vor einer palästinensischen Machtübernahme bewahrt habe, stieß ihr Handeln den damaligen politischen und militärischen Gegnern, insbesondere den palästinensisch-muslimischen Milizen und Terrororganisationen und linksgerichteten Fraktionen auf Kritik. Khoueiry selbst verteidigte ihren bewaffneten Widerstand jedoch zeitlebens als notwendige und legitime Maßnahme gegen die Übermacht palästinensischer Milizen, welche die libanesische Souveränität bedrohten.
Einzelnachweise
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