Das Hochwasserrückhaltebecken Racibórz Dolny liegt im Süden Polens im Tal der Oder oberhalb der Stadt Racibórz. Auf einer Fläche von 26,3 km² besitzt die Anlage in der aktuellen Ausbaustufe II ein Fassungsvermögen von 185 Mio. m³. Nach einem geplanten Ausbau zur Stufe III, nach der Erschließung von Kiesvorkommen, soll es 320 Mio. m³ fassen können, davon 150 m³ Nutzkapazität und 170 m³ Hochwasserschutzkapazität. Durch den Bau mussten zwei Dörfer im Powiat Wodzisławski (Nieboczowy und Ligota Tworkowska) umgesiedelt werden.
Das Bauwerk ging im Februar 2020 in Betrieb und wurde am 30. Juni 2020 eröffnet. Der polnische Ministerrat prüft aktuell, ob das aktuell im Normalzustand trockene Becken in einen dauerhaft zum Teil gefluteten Stausee umgewandelt werden soll.
Geographie Der Hochwasserschutzkomplex befindet sich in der Woiwodschaft Schlesien in den zwei Kreisen Racibórz und Wodzisław.
Die Hauptsperre der Staustufe sowie die wichtigsten wassertechnischen Einrichtungen liegen auf dem Gemeindegebiet von Racibórz.
Die Dörfer Nieboczowy und Ligota Tworkowska im Bereich des Staudamms wurden bis 2016 aufgelöst. Über 700 Einwohner mussten umgesiedelt werden. Für sie wurde in den Jahren 2014 bis 2019 die Siedlung Nieboczowy bei Syrynia neu errichtetWebsite der staatlichen polnischen Wasserbehörde "Wody Polskie" https://www.gov.pl/web/wody-polskie.
Das Hauptsperrwerk befindet sich an km 46,3 der Oder. Das erschlossende Einzugsgebiet der Oder umfasst 6642 km².
Baugeschichte Der Staudamm wurde im Rahmen des Oder-2006-Programmes (polnisch: Odra 2006) als Teil eines passiven und aktiven Hochwasserschutzsystems errichtet. Der Bau des Staudammes ist die zweite Phase (die erste Phase, der Buków-Polder, ist bereits abgeschlossen; die dritte Phase – die dauerhafte teilweise Flutung des Hochwasserrückhaltebeckens – soll 40 bis 50 Jahre nach Abschluss der Kiesgewinnung aus dem Stauseebecken angegangen werden).
Vorgeschichte Bereits im 18. Jahrhundert wurde die Oder begradigt und vertieft. Dabei wurden neue Schleusen und Wehren eingerichtet und Mäander beseitigt. Ebenfalls wurden Deiche zum Hochwasserschutz errichtet. Langfristig erwiesen sich diese Maßnahmen, insbesondere die Verkürzung des Flusslaufs, jedoch als nachteilig für den Hochwasserschutz, da das Wasser dadurch schneller flussabwärts strömte, sich staute und über die Ufer trat. Infolgedessen wurden die Hochwasser der Oder immer häufiger und stärker, und die zunehmende Bevölkerungsdichte entlang des Flusses führte zu immer größeren Hochwasserschäden.
Das erste Konzept für den Bau eines Stausees bei Ratibor entstand unter deutscher Verwaltung im Jahr 1883. Der Damm sollte entlang des geplanten Oder-Donau-Kanals gebaut werden und sollte eine Fläche von 102 km² aufstauen. Nach dem Ersten Weltkrieg erwies sich der Bau des Oder-Donau-Kanals jedoch als zunehmend unrealistisch. Um den Hochwasserschutz von Ratibor zu verbessern (und gleichzeitig Arbeitslosigkeit zu bekämpfen), wurde von 1934 bis 1942 der Entlastungskanal gebaut. Infolge des Zweiten Weltkrieges kam es zu Grenzverschiebungen, durch die Ratibor (pl.: Raciborz) und auch andere größere Städte an der Oder, darunter Oppeln (pl.: Opole) und Breslau (pl.: Wrocław) Teil des Staatsgebietes Polens wurden. In den 1960er Jahren entwickelte die polnische Verwaltung erneut Pläne für den Bau eines Staudammes nahe Racibórz, der jedoch angesichts der hohen Investitionskosten nicht umgesetzt wurde. Neue Pläne wurden in den 1970er Jahren ausgearbeitet. Endgültig wurde die Planung durch das Jahrtausendhochwasser 1997 ins Rollen gebracht, welches in Polen 55 Todesopfer forderte und dort umgerechnet 2,38 Mrd. Euro Sachschaden verursachte.
Ausschreibung und Bau Im Jahr 2001 verabschiedete die polnische Regierung das Programm Odra 2006 (dt.: Oder 2006). Im August 2010 schrieb die Regionale Wasserbehörde in Gliwice den Bau international aus. Ende November 2012 wurde die Baugenehmigung durch die Woiwodschaft Schlesien erteilt. Das spanische Unternehmen Dragados erhielt 2013 den Zuschlag für den Bau. Nach Unterzeichnung des Vertrags im Juni 2013 begann der Bau im Juli desselben Jahres. Mit einer Fertigstellung wurde ursprünglich 2017 gerechnet. Die Arbeiten verzögerten sich jedoch erheblich, weshalb die regionale Wasserbehörde in Gliwice 2016 die Reißleine zog und den Vertrag mit Dragados kündigte. Im Dezember 2017 wurde ein neuer Vertrag über die Fertigstellung des Baus mit dem polnisch-spanischen Konsortium Budimex-Ferrovial Agroman unterzeichnet. Im Februar 2020 wurde der Staudamm schließlich nach siebenjähriger Bauzeit in Betrieb genommen, und am 30. Juni 2020 offiziell eröffnet. Die Anlage ist das größte wasserbauliche Objekt Polens und soll Hochwasserschutz für den Oderabschnitt von Racibórz bis hinunter nach Breslau bieten.
Im Rahmen des Baus wurden 22 km Dämme errichtet, die einen Polder von 26,3 km² umschließen, und es wurden 6,8 Mio. Tonnen Erde bewegt. Insgesamt beliefen sich die Kosten auf etwa 2 Mrd. Złoty (umgerechnet ca. 450 Millionen Euro), von denen Teile aus EU-Mitteln stammen. Darüber hinaus wurde im Hauptdamm ein Überlauf- und Entwässerungsbauwerk aus Beton mit sechs Absperrschiebern und weiteren sechs Grundablässen errichtet. Mit der Einweihung im Februar 2020 ist jedoch der Bau nicht abgeschlossen, es handelt sich vielmehr um den Abschluss der zweiten von drei Phasen des Projekts. Aus dem Boden des Hochwasserreservoirs werden aus wirtschaftlichen Gründen Kiesvorkommen abgebaut, was eine fortlaufende Vergrößerung der Tiefe und Kapazität des Beckens nach sich zieht. Zum Ende des Kiesabbaus wird sich die Kapazität von 185 auf 320 Mio. m³ erhöht haben.
Technische Details Der Stausee kann bis zu 185 Millionen m³ Wasser aufnehmen und schützt zusammen mit dem Buków-Polder die Gebiete bis nach Breslau vor Hochwasser. Die maximale Stauhöhe beträgt 195,20 m n.p.m. Die Dammhöhe erreicht 197,50 m n.p.m.
Die Kapazität des Stausees wurde darauf ausgelegt, folgende Überschwemmungswellen zu reduzieren:
bei einer 48-Stunden-Prognose des Zuflusses zum Stausee von 3120 m³/s eine Reduktion auf 1538 m³/s bei einer 24-Stunden-Prognose des Zuflusses zum Stausee von 3120 m³/s eine Reduktion auf 1800 m³/s
Die 6,0 m breite Staudammkrone liegt auf einer Höhe von 197,50 m n.p.m., also 2,30 m über der zulässigen maximalen Stauhöhe im Stausee von 195,20 m.
Mit einem Anstau wird begonnen, wenn der Wasserdurchfluss in der Oder 1.210 m³/s überschreitet.
Einsatz im Hochwasserschutz Erstmals wurde das Becken im Oktober 2020 während der Oderüberschwemmung gestaut. Während des Hochwassers im September 2024 wurde die Stausperre erneut geschlossen.
Oderhochwasser 2024 Am Sonntag, 15. September 2024, gegen 4:20 Uhr wurden die Sperren des Überlauf- und Entwässerungsbauwerks geschlossen und begonnen, das Hochwasserbecken zu stauen. Zu diesem Zeitpunkt zeigte der Pegel Krzyżanowice im Einzugsgebiet der oberen Oder eine Höhe von ca. 690 cm mit einem Durchfluss von ca. 750 m³/s an. Zum Höhepunkt des Hochwassers, am Dienstag, 17. September 2024 um 16:00 Uhr, war der Stausee mit 147 Mio. m³ Wasser (80 % der damaligen Kapazität), zudem fasste der nahegelegene Polder Buków über 50 Mio. m³ Wasser. Insgesamt hielten die Stauseen rund 200 Mio. m³ Wasser zurück. Am 18. September 2024 um 10:00 Uhr sank der Staustand auf 134 mln m³ (72 % der Maximalkapazität). Während der Zufluss zu diesem Zeitpunkt bei 530 m³/s lag, ließ das Reservoir 830 m³/s abfließen.
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