Nguru (auch Unguru oder Unguu) ist eine historische Landschaft bei den Nguru-Bergen und der Siedlungsraum der Wanguru in Ostafrika (heute Tansania). Das Gebiet erlangte besondere Bedeutung, da es zu den Regionen zählt, in denen die Gründung des späteren Deutsch-Ostafrikas im Jahr 1884 stattfand.

Geografie und Geologie mini|alternativtext=farbige Landkarte eines Abschnittes der Küstenhinterlandes im heutigen Tansania|Britische Karte von Nguru aus dem Jahr 1882 Nguru umfasste eine Fläche von etwa 4400 Quadratkilometer.Carl Uhlig: Usigua. In: Heinrich Schnee (Hrsg.): Deutsches Kolonial-Lexikon. Band 2: H – O, Quelle & Meyer, Leipzig 1920, S. 650 f. Die dortigen Berge sind ein Teil des ostafrikanischen Randgebirges (Eastern Arc Mountains) und werden durch hohe Bruchstufen nach Osten und Süden begrenzt. Die Höhenlagen variieren: Während das Gelände bei Mkindo auf etwa 400 Meter über dem Meer liegt, erreichen die höchsten, waldbedeckten Gipfel im Südosten fast 2500 Meter.Autorenkollektiv: Brockhaus’ Konversations-Lexikon. 14. Auflage, Band 12: Moria–Pes, F. A. Brockhaus in Leipzig, Berlin und Wien 1903, S. 313 (Digitalisat der Bauhaus-Universität Weimar). Im Norden und Nordwesten geht das Gebiet, das dort auch Gedja genannt wird, allmählich in die Massaisteppe über. Geologisch besteht das Gebirge vornehmlich aus Gneisen (Hornblende- und Granitgneis).

Das Gebirge bildet ein Quellgebiet. Bedeutende Flüsse sind der Luseru (auch Kisseru oder Lufija genannt), der Lukigura (auch Rukigura), der Luidschi und der Boroma, die alle dem Wami zufließen.Brix Förster: Deutsch-Ostafrika: Geographie und Geschichte der Colonie. Brockhaus, Leipzig 1890 (Digitalisat der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Digitalisat gutenberg.org). Das Klima steht unter dem Einfluss des Monsuns. Historische Messungen zeigen, dass die jährlichen Niederschläge von über 2000 Liter pro Quadratmeter im Südosten auf unter 1000 Liter pro Quadratmeter im Nordwesten abnahmen.

Flora und Fauna mini|alternativtext=Landschaftsskizze in Schwarz und Weiß mit Pflanzen, Steinufer und Gewässer. Links unten stehen die Initialen R und H: ein Hinweis auf den Maler Rudolf Hellgrewe.|Landschaftsbild aus dem Ngurugebirge in der Zeit um 1900 Die Vegetation ist aufgrund der Höhenunterschiede vielfältig. Die Gebirgszüge sind teils mit Wäldern bedeckt, in denen um 1900 große Wollbäume, Farne und Himbeersträucher vorgekommen sein sollen. Im Südosten fanden die Europäer Regenwald vor, während der frühen Reisenden zufolge im Zentrum Miombowald und im trockeneren Nordwesten lichter Busch und Grassteppe dominierten.

Aus der Tierwelt der Savannenregionen innerhalb des Gebirgslandes wurde unter anderem von Büffeln, Nashörnern und Elefanten berichtet.

Geschichte In historischen Quellen aus der Kolonialzeit wird Nguru als ein Raum geschildert, der von Wanderungsbewegungen und lokalen Konflikten geprägt war. Die Wanguru machten sich demzufolge durch die Vertreibung der Waschamba (oder Waschambala) zu Herren des Luidschi-Tales. Letztere wurden demzufolge auf die Berggipfel zurückgedrängt. Die Bewohner mussten sich zudem gegen Einfälle der als kriegerisch geltenden Wahumba schützen. Dies wurde als Grund für die starke Befestigung von Dörfern erachtet.

Europäer kamen zunächst in Gestalt christlicher Missionare ins Land. In Nguru lagen die 1870 gegründete französische Missionsstation Mhonda (Kinjumbi) sowie die Station Mamboja.Jutta Bückendorf: „Schwarz-weiss-rot über Ostafrika!“: Deutsche Kolonialpläne und afrikanische Realität. LIT-Verlag, Münster 1997, ISBN 3-8258-2755-0. Größere europäische wirtschaftliche Unternehmungen blieben bis auf zu Beginn der deutschen Kolonialzeit selten. Ende 1884 verhandelten Carl Peters, Joachim von Pfeil, Karl Ludwig Jühlke und August Otto um Besitzrechte für das südliche Nguru.Michael Pesek: Eine Gründungszene des deutschen Kolonialismus – Peters’ Expedition nach Usagara, 1884. In: Marianne Bechhaus-Gerst, Reinhard Klein-Arendt (Hrsg.): Die (koloniale) Begegnung – AfrikanerInnen in Deutschland 1880–1945, Deutsche in Afrika 1880–1918. Peter Lang, Frankfurt a. M./Berlin/Bern/Brüssel/New York/Oxford/Wien 2003, ISBN 978-3-6313-9175-4, S. 255–267. Das Ziel ihrer Expedition waren sogenannte Schutzverträge mit Lokalherrschern, zwecks Landerwerb für die Gesellschaft für deutsche Colonisation (die spätere Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft). Jedoch ist unklar, ob sie die Landschaft selbst bereisten. Am 23. November 1884 vereinbarte Peters seinen Schriften zufolge in Mkindo mit dem Lokalherrscher Mafungu (oder Masungu) Biniani die Abtretung sämtliche Hoheitsrechte.Carl Peters, Frank Walter (Hrsg.): Gesammelte Schriften. Beck, München und Berlin 1943, S. 304 f., 495 (Digitalisat der Freien Universität Berlin).Kurt Büttner: Die Anfänge der deutschen Kolonialpolitik in Ostafrika. Eine kritische Untersuchung anhand unveröffentlichter Quellen. Akademie-Verlag, Berlin 1959. Dazu war Biniani als eine Art „Dorfschulze“ jedoch weder befugt noch in der Lage, da die dortige afrikanische Rechtsauffassung eine dauerhafte Besitzänderung an Grund und Boden kaum kannte. Drei Tage später gelang es Peters von Salim bin Hamed, dem sansibarischen Statthalter in der Region, eine Bestätigung zu erhalten, dass der Sultanat von Sansibar in Nguru keine Hoheitsrechte habe. Am 8. Januar 1885 meldet Peters während der Rückreise aus Bombay, dass er Süd-Ngurue „rechtsgültig“ erworben habe. Zurück in Deutschland wurde am 27. Februar 1885 für Nguru ebenso wie für benachbarte Landschaften ein Schutzbrief ausgestellt, der die Kolonisation des heutigen Tansanias einleitete. Ungeachtet der schriftlichen Erklärung seines Statthalters, legte der Sultan Barghasch ibn Said von Sansibar scharfen Protest gegen die deutschen Besitzansprüche ein. Erst eine Flottendemonstration der kaiserlichen Marine ließ ihn verstummen.

Das Gebiet wurde administrativ den Verwaltungsbezirken Pangani und Bagamojo zugeordnet, wodurch die Region in zwei etwa gleich große Hälften geteilt wurde. Auf dem Gebiet des ehemaligen Nguru befindet sich heute der Norden der Region Morogoro.

Bevölkerung mini|alternativtext=Landkarte eines Abschnitts der Küste und eines Teils des Hinterlandes im heutigen Tansania|Siedlungsgebiet der Wanguru (rot unterstrichen) auf einer deutschen Karte aus der Zeit um 1900 Bereits Brix Förster, ein Autor aus dem späten 19. Jahrhundert, wies darauf hin, dass Nguru und ähnliche Landschaften weniger durch ihre Geografie als durch die Volksgruppe definiert wurden, die aus europäischer Sicht vorherrschte. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Wanguru (auch Ngulu oder Wangulu), die zu den Bantu-Völkern gezählt werden. Ihre Zahl wurde um 1910 auf etwa 33.000 Personen geschätzt. Als kulturelle Merkmale wurden das Ausschlagen einer dreieckigen Lücke in den Oberzähnen und das Fehlen der Beschneidung genannt. Politisch waren sie dezentral organisiert. Die Macht lag bei den jeweiligen Dorfoberhäuptern, ohne dass ein übergeordnetes Herrschaftszentrum bestand. Neben den Wanguru lebten weitere Gruppen in der Region, die von den Europäern Wakamba, Wahumba, Wakuafi und Waschambala genannt wurden. Die Wohnformen variierten von viereckigen Tembes im Wami-Tal bis hin zu zylindrischen Hütten mit Kegeldächern in den Waldregionen.

Wirtschaft Die wirtschaftliche Grundlage der Bewohner war der Ackerbau und die Viehzucht. In den fruchtbaren Tälern wurden Mais, Bananen, Reis, Zuckerrohr und Tabak angebaut, vereinzelt (an Missionsstationen) auch Kaffee und Kakao.

Ein weiterer Wirtschaftszweig war der Handel. Die Wakamba handelten mit Elfenbein, das sie gegen Rinder der Massai tauschten oder bis nach Mombasa brachten. Durch den Handel mit den Küstenstädten wurde der einheimischen Bevölkerung ein gewisser Grad an Wohlstand und kultureller Entwicklung zugeschrieben. Im Nordosten der Region, nahe der Usambarabahn, existierten zudem vereinzelte europäische Kautschukpflanzungen.

Literatur Jutta Bückendorf: „Schwarz-weiss-rot über Ostafrika!“: Deutsche Kolonialpläne und afrikanische Realität. LIT-Verlag, Münster 1997, ISBN 3-8258-2755-0.

Einzelnachweise

Kategorie:Deutsch-Ostafrika Kategorie:Geographie (Tansania) Kategorie:Historisches Territorium (Afrika)