mini|Die Stele in die Sammlung des Ägyptischen Museum in Kairo Die Stele Kairo CG 22182, bzw. JE 22263, besser bekannt als Satrapenstele, ist ein vollständig erhaltenes rundbogiges Granitmonument von 1,85 m Höhe. Die Stele entstand im Jahr 7 des Alexander II./IV., also 311 v. Chr., und gehört damit in die frühe Diadochenzeit, als Ptolemaios, Sohn des Lagos, noch als Satrap von Ägypten fungierte.
Entdeckt wurde das Monument 1870 in Kairo in der Moschee des Amir Shaykhū al-ʿUmarī aus dem 14. Jahrhundert, wohin sie offenbar im Mittelalter gelangt war. Als wahrscheinlichster ursprünglicher Aufstellungsort gilt der Haupttempel von Buto im westlichen Nildelta, worauf sowohl ikonographische als auch epigraphische Indizien verweisen. Inhaltlich handelt es sich um ein hieroglyphisches Dekret, das die Rückgabe und Stiftung von Tempelgütern regelt. Die Inschrift reflektiert die politische Programmatik der frühen ptolemäischen Herrschaft, die ihre Legitimation bewusst aus der Anknüpfung an traditionelle ägyptische Religions- und Herrschaftsvorstellungen bezog. Besondere Bedeutung kommt dabei der rückblickenden Erwähnung persischer Untaten unter Xerxes zu, die als Negativfolie für die restaurative Politik des Satrapen dient. Zugleich nennt die Stele den quellenmäßig nur schwer greifbaren Gegenkönig Chababasch, der kurz vor der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen über weite Teile des Landes herrschte. Damit stellt die Stele ein zentrales Dokument für das Verständnis der politischen, religiösen und ideologischen Transformationsprozesse im Ägypten des ausgehenden 4. Jahrhunderts v. Chr. dar.
Fundgeschichte Die Stele wurde 1870 durch Mohammed Effendi Khourshîd, den „surveillant en chef“ des Museums von Boulaq im Fundament eines kleinen Raumes in der Moschee „Sheïkhoun“ in Kairo entdeckt.Auguste Mariette/Gaston Maspero: Monuments divers recueillis en Egypte et en Nubie, Paris 1872, S. 3; Heinrich Brugsch: Ein Decret Ptolemaios’ des Sohnes Lagi, des Satrapen. In: Zeitschrift für Ägyptische Sprache und Altertumskunde 9 (1871), S. 1–13, hier: S. 9; spricht lediglich von einem baufällig gewordenen Haus. Bei der genannten Moschee „Sheïkhoun“ handelt es sich mit einiger Gewissheit um die Moschee des Amir Sayf al-Din Shaykhū al-Umari an-Nasiri aus der Mitte des 14. Jahrhunderts.Caroline R. Williams: Islamic Monuments in Cairo. The Practical Guide, 5. Aufl., Kairo 2002, S. 54–57. Diese befindet sich an der Sharia Ṣalība in einem Abschnitt zwischen der Moschee Ibn Tulun und dem ehemaligen Midan Rumayla (heute Midan Salah ad-Din) vor der Zitadelle. Später gelangte die Stele in die Sammlung des Ägyptischen Museums in Kairo.Donata Schäfer: CG 22182, 2020.
Aufstellungsort Als wahrscheinlichster Aufstellungsort der Stele gilt der Tempel von Buto. Alternativ ist auch eine Aufstellung in der Deltastadt Sais in Erwägung gezogen worden;Robert S. Bianchi: Satrapenstele. In: Lexikon der Ägyptologie, Bd. 5, Wiesbaden 1984, Sp. 492f. diese Annahme stützt sich auf die Nennung der Stadt in Zeile 11 des Stelentextes. Da der Text jedoch ausdrücklich die Götter von Buto als Empfänger der Stiftung nennt und Schenkungsstelen in der Regel im jeweiligen Tempelbezirk aufgestellt wurden, ist Buto insgesamt als der plausibelste Aufstellungsort anzusehen.Donata Schäfer: Hieroglyphische Stelen, 2011, S. 31; auch dies.: CG 22182, 2020.
Objektbeschreibung Die oben abgerundet ausgeführte, 1,85 m hohe und 1,18 m breite, schwarze Granitstele gliedert sich in ein oberes Bildfeld sowie ein darunter angeordnetes Textfeld. Abgesehen von leichten Beschädigungen in der Mitte der 14. und 15. Zeile und an den unteren Ecken ist der Erhaltungszustand hervorragend.Donata Schäfer: Hieroglyphische Stelen, 2011, S. 31. In der Stelenrundung befindet sich die Darstellung einer Flügelsonne, von deren Sonnenscheibe zwei Uräen herabhängen. Das darunterliegende Bildfeld ist in zwei antithetisch komponierte Szenen unterteilt, die jeweils den König im kultischen Vollzug vor einer Gottheit zeigen.
In der linken Szene erscheint der König mit einem Feldopfer vor Harendotes, während er in der rechten Szene vier unterschiedliche Gefäße auf einer Opferplatte vor Wadjet darbringt. Die Namenskartuschen des Königs sind nicht ausgefüllt, sodass letztlich unklar bleibt, wer hier repräsentiert werden soll. Den Abschluss bildet das Textfeld, das aus 18 horizontal angeordneten Schriftzeilen besteht.Donata Schäfer: Hieroglyphische Stelen, 2011, S. 31f., 45–55.
Inhaltsbeschreibung Das im Bildfeld hervorgehobene Feldzeichen verweist unmittelbar auf den zentralen Gegenstand der Inschrift: eine Landschenkung an die Priester von Buto. Auf das Bildfeld folgt der Haupttext, der sich in mehrere Abschnitte gliedert: Auf eine Einleitung mit Datierung und Darstellung der politischen Lage Ägyptens (Z. 1–2) folgen Lob auf Ptolemaios (Z. 2–3) sowie ein historiographischer Teil (Z. 3–6). Dieser behandelt die Rückführung der Götterbilder, Tempelgeräte und heiligen Schriften, die Verlegung der Residenz nach Alexandreia, einen Feldzug nach Osten, Deportationen und Beute, einen zweiten Feldzug sowie die Rückkehr des Herrschers nach Ägypten. Anschließend schildert der Stelentext die Inspektion des Nildeltas (Z. 7–13) mit einem Bericht der Priester über den Tempel von Pe und Dep in Buto, den Maßnahmen des Chababasch sowie den vorangegangenen Freveln des Xerxes und der darauf folgenden göttlichen Strafe. Den Abschluss bildet der Schenkungserlass des Ptolemaios (Z. 13–18) mit der eigentlichen Stiftung, der Bitte um Lohn und einer Fluchformel.
Die Stele ist als feierliche Stiftungsurkunde konzipiert und beginnt mit einer traditionellen Datierungsformel, die die vollständige Königstitulatur Alexanders II./IV., des postum geborenen Sohns Alexanders des Großen, anführt, sowie mit Preisungen der militärischen Fähigkeiten des Ptolemaios. Aus der Formel geht hervor, dass der Text in das siebte Regierungsjahr Alexanders II./IV., also in das Jahr 311 v. Chr., datiert.
Als Stifter erscheint Ptolemaios, der spätere Ptolemaios I. Soter, der zu diesem Zeitpunkt noch das Amt des Satrapen in Ägypten innehat. Im Text wird seine Herrschaft in gestufter Titulatur entfaltet: zunächst als „dieser große Fürst“, sodann als „Satrap Ptolemaios“ im Dekretwortlaut und schließlich (Z. 17) bereits als „großer Herrscher von Ägypten“. Diese abgestufte Selbstbezeichnung spiegelt eine politische Übergangsphase wider, in der Ptolemaios seine Stellung als Satrap allmählich in eine königliche Herrschaftsposition überführte.Zu diesem Aspekt vgl. insbes. Boyo G. Ockinga: Satrap Stele, 2018, S. 166–98.
Die Schenkung selbst wird als religiös motivierter Akt dargestellt. Sie erscheint einerseits als Dank für militärische Erfolge in Syrien und der Kyrenaika, andererseits als Instrument zur Sicherung der Zustimmung der Priesterschaft. Ptolemaios wird dabei in typischer Weise als idealisierter Feldherr beschrieben: siegreich in Asien, das Chaos abwehrend, erfolgreicher Rückführer von Kultbildern und Tempelgerät sowie als Ordner politischer und religiöser Verhältnisse in Ägypten. Dass die Rückführung an erster Stelle steht, kann als Hinweis darauf gelesen werden, welch große Rolle die Priester von Buto dem Ereignis beimaßen.Zum Motiv der Rückführung vgl. insbes. Jan Krzysztof Winnicki: Militäroperationen, 1991, S. 147–201; ders.: Carrying off and Bringing Home the Statues of the Gods. On an Aspect of the Religious Policy of the Ptolemies towards the Egyptians. In: The Journal of Juristic Papyrology 24 (1994), S. 149–90; und Christelle Fischer-Bovet: The Power of Statues. Constructing Imperial Narratives under the Ptolemies. In: Journal of Hellenic Studies 144 (2024), S. 261–79. Mit den Feldzügen im Land der Charouer sind wahrscheinlich die Kampagnen gegen Demetrios 312 v. Chr. gemeint.Vgl. hierzu insbes. Hilmar Klinkott/Sabine Kubisch: Ein lykischer Polisname in der Satrapenstele Ptolemaios’ I. In: Chiron 35 (2005), S. 533–58.
Die Satrapenstele ist die einzige Quelle, die die Verlegung der Residenz von der alten Hauptstadt Memphis nach Alexandreia erwähnt. Man darf annehmen, dass Ptolemaios seine Entscheidung nach wirtschaftlichen, politischen und militärischen Zielsetzungen traf, die vornehmlich auf den östlichen Mittelmeerraum ausgerichtet waren.
Im Zentrum der Inschrift steht die erneute Übertragung des sogenannten Uto-Landes im nördlichen Nildelta an die Götter von Buto, Pe und Dep. Ihre Vorgeschichte wird durch die Erzählung des Chababasch vertieft. Dieser wohl in die späte Perserzeit zu datierende Herrscher erscheint als früherer Wiederhersteller gestörter Kultverhältnisse. Ihm wird zugeschrieben, den zuvor durch Xerxes entzogenen traditionellen Kultbesitz restituiert zu haben. Nach dem kurzen Intermezzo des Chababasch, so legt der Text nahe, seien die Güter unter Darius III. erneut eingezogen worden.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Maßnahme des Ptolemaios nicht als singulärer Akt, sondern als erneute Wiederherstellung eines legitimen Zustands. Die Priester von Buto nutzen die Erinnerung an Chababasch gezielt, um Ptolemaios zur Bestätigung und Erweiterung der Stiftung zu bewegen. Das Land selbst wird in der Urkunde detailliert beschrieben, einschließlich seiner Grenzen, Orte, Gewässer, Tiere und wirtschaftlichen Ressourcen. Den Abschluss bildet das Dekret, das das Land von Wadjet samt allen Erträgen dauerhaft dem Tempel von Buto zuspricht. Eine Fluchformel schließt den Text ab und stellt jede zukünftige Veränderung oder Aneignung des Stiftungslandes unter göttliche Strafe, um die Dauerhaftigkeit der Schenkung zu sichern.Übersetzung und Kommentar bei Donata Schäfer: Hieroglyphische Stelen, 2011, S. 34–203; und dies.: CG 22182, 2020; sowie Guy Lodomez: Satrapenstèle, 2003, S. 434–47; vgl. auch Hans Goedicke: Comments, 1985, S. 33–54. Zusammenfassung des Inhalts in Ursula Kaplony-Heckel: Dekret, 1985, S. 613.
Verfasserschaft und Rezipientenkreis Für das Verständnis der Satrapenstele ist zunächst nach Verfasserschaft und intendiertem Rezipientenkreis zu fragen. Die formalen und ikonographischen Merkmale – etwa die geflügelte Sonnenscheibe, die strikt symmetrische Bildkomposition, die Wahl der Textgattung der Königsnovelle sowie die Verwendung der Hieroglyphenschrift – verweisen eindeutig auf ein traditionell ägyptisches Milieu. Als Verfasser kommen daher nur indigene Priester in Betracht, da allein sie die mittlerweile auf den sakralen Bereich beschränkte Hieroglyphenschrift beherrschten. Eine weitere Eingrenzung ergibt sich aus dem Inhalt: Da insbesondere die Götter von Buto begünstigt werden, ist von einer Autorschaft der dortigen Priester auszugehen. Ziel war primär die dauerhafte Sicherung von Besitzansprüchen durch öffentliche Monumentalisierung, ergänzt vermutlich durch archivierte Urkunden in demotischer oder griechischer Sprache.
Die ausführliche Gestaltung in Form einer Königsnovelle geht über eine bloße Fixierung rechtlicher Verhältnisse hinaus. Sie ermöglicht es, die Wohltaten des Satrapen Ptolemaios hervorzuheben, Loyalität zu demonstrieren und zugleich normative Erwartungen an herrscherliches Handeln zu artikulieren. Es ist anzunehmen, dass Ptolemaios über die Aufstellung der Stele informiert war und ihr zugestimmt hat.
Der Rezipientenkreis ist gestuft zu denken. Neben den Göttern und der lokalen Priesterschaft – auch in didaktischer Funktion für neue Mitglieder – richtete sich die Stele wohl auch an Tempelbesucher. Vollständig verständig war nur eine kleine Gruppe Schriftkundiger, vornehmlich Priester anderer Kulte. Die Mehrheit war auf ikonographische Deutung angewiesen. Externe Beobachter ohne kulturelle Vorkenntnisse werden die Stele hingegen vornehmlich als visuelles Objekt wahrgenommen haben. Schließlich wirkten schriftkundige Priester als Multiplikatoren, die die Inhalte in breitere soziale Kontexte vermittelten.Donata Schäfer: Hieroglyphische Stelen, 2011, S. 41–45, 203.
Textsortenbestimmung