mini|Heinrich Böll Unberechenbare Gäste ist der Titel einer 1955In: Akzente. Zeitschrift für Dichtung (München) 2, 1955, H. 1, S. 45–50 und in zahlreichen Erzählsammlungen. publizierten Erzählung von Heinrich Böll. Die „Groteske über die Gutherzigkeit“Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 156. handelt von einer Familie, die in der Nachkriegszeit notleidende Tiere und obdachlose Menschen ohne ökonomisch realistische Planung in ihrer kleinen Wohnung aufnimmt und beherbergt.
Inhalt Der Erzähler Walter fühlt sich zeitweise von der Tier- und Menschliebe seiner Familie überfordert und hat „hin und wieder Anfälle leichter Ungeduld“, er betont jedoch schon im ersten Satz seiner Schilderung, um nicht missverstanden zu werden, dass er Tiere mag: die Schildkröte, die frei in der Wohnung herumlaufenden Kaninchen und sogar das kleine Nilpferd Gottlieb, das in der Badewanne gehalten wird. Auch den „abends unerwarteten Besuch eines herrenlosen Hundes“ sei er gewohnt, denn seine gute Frau weise niemanden von der Tür, „weder Mensch noch Tier“ und dem Abendgebet ihrer sieben Kinder habe man „die Floskel angehängt: Herr schicke uns Bettler und Tiere“.Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. Carl Hanser Verlag München. 2. Jg. 1955, H. 1, S. 45.
Schlimmer sei es, dass seine Frau, auch „gegenüber Vertretern und Hausierer keinen Widerstand kenn[e]“. Außerdem nehme sie „unerwartete Gäste“ auf: unrasierte „Zeitgenossen“ oder „Mütter mit Babies“. Schon lange verdiene ihre Küche „die Bezeichnung bürgerlich nicht mehr“,Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. Carl Hanser Verlag München. 2. Jg. 1955, H. 1, S. 45. zumal ihre Wohnung klein ist und sie „noch nicht der Segnungen des sozialen Wohnungsbaus […] teilhaftig geworden“ sind.Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. Carl Hanser Verlag München. 2. Jg. 1955, H. 1, S. 47.
Inzwischen sind alle Schubladen und Schränke vollgestopft mit einigen Zentnern Seife, Tausenden von Rasierklingen, Knöpfen jeglichen Sortiments, Bürsten, Versicherungs- und Kaufverträgen, Ausbildungs- und Aussteuerversicherungen. Weil die finanzielle Lage der Familie bedenklich geworden ist und Walter kein Bargeld mehr haben, verkauft er in den Abendstunden die Bestände unter Preis in fernen Vororten. Dann kehrt er mit Nahrungsmittel zur Familie zurück und zur nächtlichen Stunde vereinigen sich alle „in einem fröhlichen Mal: zufriedene Tiere, zufriedene Kinder“, seine ihm zulächelnde Frau. „[S]chüchterne unrasierte Männer“, ihre Babys stillende Frauen umgeben ihn und, gelegentlich auch ein in der Vorratskammer versteckter zusätzlicher Gast. Walter lernt Tiere kennen, die ihm bisher „ungeläufig“ waren: Möwen, Füchse und ein kleines Dromedar.Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. Carl Hanser Verlag München. 2. Jg. 1955, H. 1, S. 46. So erlebt die Familie „eine gewisse Scheinblüte“ und die mitleidige Frau meint „in völliger Verkennung der ökonomischen Fakten“, sie seien „auf dem aufsteigenden Ast“.Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. Carl Hanser Verlag München. 2. Jg. 1955, H. 1, S. 47.
Zu Walters erster Fassungslosigkeit in seinem Leben kommt es, als seine Frau den Elefanten Wollo und den mittelgroßen Löwen Bombilus eines bankrotten Zirkusunternehmers für einige Tage im Haus versteckt, um sie der Konkursmasse zu entziehen, und sie „offenbar enttäuscht über den geringen Grad [s]einer Begeisterung“ ist. Aber einer weinenden Frau gegenüber sei er machtlos. Ihrem Vorwurf, er sei zu hart, stimmt er jedoch nicht zu, denn der „ruhige, freundliche Ernst des Löwen“ habe, wie Walter am Schluss der Erzählung versichert, sein Herz gewonnen und sein Weggang schmerze ihn.Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. Carl Hanser Verlag München. 2. Jg. 1955, H. 1, S. 48,50.
Rezeption und Interpretation In der Rezeption hat sich, 40 Jahre nach Bölls Tod, die Bewertung seiner literarischen Werke geändert.Reinhold Neven DuMont, 10. Juni 2009, WDR-Interview.Uwe Wittstock: „Bölls Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“ In: Die Welt, 15. Juli 2010, Interview mit Marcel Reich-Ranicki.Ulrich Greiner: Der Schriftsteller des Mitleids. Wir sollten ihn wieder lesen: Heinrich Böll. Der Abschluss der 27-bändigen Kölner Ausgabe ist ein guter Anlass. In: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2011. Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa mit existentieller und schicksalhafter Thematik und er gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.Hans Schwab-Felisch: Der Böll der frühen Jahre. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168, 169.
Ein Beispiel dafür ist Bölls in der Zeitschrift für Dichtung Akzente 1955 veröffentlichte Erzählung Unberechenbare Gäste, die in viele Erzählsammlungen des Autors aufgenommenz. B. in: Heitere Erzählungen (Arche Verlag Zürich, 1956), Die Waage der Baleks und andere Erzählungen (Union Verlag Berlin, 1959), Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze (Kiepenheuer & Witsch Köln, 1961), Die Erzählungen (Insel Verlag Leipzig, 1966), Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren (Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1966), Buchgemeinschaften-Sonderausgaben und Sammelbände. und als Hörspiel bearbeitet wurde. Zwar sind nur wenige Einzelrezensionen bekannt,Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 303. aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu Bölls Satiren und Grotesken und die darin analysierten inhaltlichen und stilistischen Elemente – moralischer Appell an die Mitmenschlichkeit, Übersteigerung der Darstellung ins satirisch Groteske, Ironie, Humor – treffen auch auf die Gäste zu.
Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.Benno von Wiese: Einleitung zu Deutschland erzählt. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1963, S. 11. Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch: Grundlagen, Stile, gestalten der deutschen Literatur. Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main, 1975, S. 350.
Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, Ver-rückte. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder weniger ver-rückt erscheinen“. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.Karl Korn: Das Salz der Satire. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65.66.
Kilchemann zählt Unberechenbare Gäste zu den besten satirischen Erzählungen in der zeitgenössischen Literatur. Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.
Nach Rasch wird Bölls „Deutung der Zeitwirklichkeit“ darin sichtbar, dass er „mit Sympathie und Liebe offensichtlich nicht die zeitgemäßen und erfolgreichen Menschen darstellt, sondern die Außenseiter, die Erfolglosen“. Er liebe die schwarzen Schafe, die er „als tragikomische Figuren mit liebevollem Spott“ vorführe, aber er ziele mit seiner Kritik über sie hinaus auf gesellschaftliche Missstände.Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 12. Bölls Erzählungen erzeugen „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] allzu zeitgerecht leben und sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen versuchen.“ Beim Lesen der Geschichten spüre man, „dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis.“ Es fehle oft etwas Wesentliches, das „ein menschlich erfülltes Dasein“ ermöglichen würde. Bölls Dichtung entfalte sich „am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität“, aus dem „Spannungsverhältnis zu ihr“ springe „der Funke erzählerischer Inspiration“: Böll „erfindet Geschichten, einfache, klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories“, die gleichzeitig auch mehr sind: „Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest - aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“. Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 10, 11.
Hörspiele 1955: Anita und das Existenzminimum. Groteske über die Gutherzigkeit. Regie: Fritz Schröder-Jahn. Hörspiel in einer von der Erzählung abweichenden Fassung: NWDR Hamburg.Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 156, 5.26. 1958: Ich habe nichts gegen Tiere. Hörspiel, RIAS Berlin, Erstsendung: 18. Dezember 1958.Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 182, 7.9.
Literatur Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982. Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. C. Bange Verlag. Hollfeld/Ofr. 1987. Manfred Jurgensen: „Die Poesie des Augenblicks“. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Peter Lang AG Bern 1992