mini|Hendrick Goltzius: Porträt von Johannes Sadeler (1592). Rijksmuseum, Amsterdam Johann Sadeler (genannt Johann Sadeler I, auch Ion., Jan, Joan, Johan, Johannes, Hans Sadeler; * 1550 in Brüssel; † 1600 in Venedig) war ein flämischer Kupferstecher, Zeichner, Reproduktionsstecher und Grafikverleger sowie möglicherweise auch Maler. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Künstlerfamilie Sadeler und war der ältere Bruder von Egidius und Raphael Sadeler sowie der Vater von Justus und Marcus I. Sadeler.
Leben Frühe Jahre in Antwerpen (bis 1578) Johann Sadeler wurde 1550 in Brüssel geboren. Im Jahr 1572 heiratete er in Antwerpen und wurde dort Mitglied der Lukasgilde. Seinen protestantischen Sympathien entsprechend ließ er seine Kinder nicht in der römisch-katholischen Onze-Lieve-Vrouwekerk in Antwerpen taufen, obwohl er in dieser Kirche zuvor selbst getraut worden war. Aus seinem frühen Werk sind diese Sympathien deutlich erkennbar. Ein wesentlicher Teil seiner frühen Arbeiten sind Reproduktionen nach Entwürfen von Marten de Vos, Crispin van den Broeck und Jodocus van Winghe.
Köln (1578/79–1585) Von 1578/79 bis 1585 arbeitete Johann Sadeler gemeinsam mit seinem Bruder Raphael in Köln, wobei er seine Antwerpener Bürgerrechte beibehielt und regelmäßig zu Geschäftszwecken in die Stadt zurückkehrte. In diese Periode fällt auch seine Mitarbeit an den Illustrationen zur Versbibel Humanae salutis monumenta von Benito Arias Montano, die Christoffel Plantin 1581 herausgab. Im selben Jahr erwarb Sadeler ein kaiserliches Druckprivileg, das er 1593 erneuerte.
Frankfurt am Main (1585/86–1589) Um 1585/86 ließ sich Johann Sadeler gemeinsam mit Raphael, der Mitinhaber des Familienunternehmens wurde, in Frankfurt am Main nieder. Beide erwarben dort 1587 die Bürgerrechte. Jacob Kempener (aktiv 1605–1650) war in Frankfurt einer ihrer Assistenten. Im Jahr 1587 hielt sich Sadeler auch in Mainz auf, wo er De Vos’ Bonorum et Malorum Consensio herausgab und dem kunstsinnigen Erzherzog Ferdinand II. von Tirol widmete.
München (1589–1595) mini|Jan Sadeler I (zugeschrieben): Die Hochzeit von Peleus und Thetis. Ex-Lempertz, Köln Von 1589 bis 1595 stand Johann Sadeler im Dienst von Herzog Wilhelm V. von Bayern (reg. 1579–1597) in München. In diese Zeit fallen einige seiner herausragendsten Werke. In München pflegte er Freundschaft mit Peter Candid (de Witte) und Hans von Aachen, nach deren Werken er zahlreiche Stiche herausgab. Am 28. Juli 1591 zeichnete er ein kleines Porträt von Joris Hoefnagel in Bremen, versehen mit einem achtzeiligen Motto in niederländischer Sprache. Ebenfalls 1591 lernte er Hendrick Goltzius kennen, der auf seiner Rückreise aus Italien in München Station machte. Goltzius fertigte bei dieser Gelegenheit ein großes Porträt Sadelers in farbigen Kreiden an (Amsterdam, Rijksmuseum). Nach seiner Rückkehr nach Haarlem beauftragte Goltzius Sadeler mit der Stichfolge Die neun Musen (1592).
Zu den Münchner Bekanntschaften zählte auch der aus dem Hennegau stammende Hofkapellmeister Orlando di Lasso, dessen Porträt Sadeler 1593 stach. Diese Freundschaft wird als mögliche Quelle für das originäre Bildelement der Musikpartituren angesehen, das Sadeler im Darstellungskontext von König David, der heiligen Cäcilia oder von Engelchören einsetzte. Eine Rarität im Gesamtwerk bildet ein Tableau mit allegorischen Darstellungen nach Entwürfen von Friedrich Sustris, das Sadeler in Elfenbein gravierte (um 1587–1590, Wien, Kunsthistorisches Museum).
Venedig (ab 1597) Im Jahr 1595 reiste Sadeler gemeinsam mit Justus, Raphael und Egidius II. nach Verona. Zwei Jahre später ließ er sich in Venedig nieder. Ein topografischer Verweis auf einen Stadtplatz in Venedig findet sich auf der signierten und 1597 datierten Zeichnung Fortuna (Wien). In der Lagunenstadt gravierte und publizierte Sadeler gemeinsam mit seinem Bruder Raphael unter der Adresse Venetis ex ofici Sadelery den Fürstenspiegel Schema seu speculum principum (1597), nach einem Entwurf von Jan van der Straet (Stradanus), gewidmet Herzog Karl Emanuel I. von Savoyen und seiner Gemahlin Katharina Michaela. 1598 erwarb Sadeler ein päpstliches Druckprivileg. Im Jahr 1600 ist eine Romreise dokumentiert. Johann Sadeler starb 1600 in Venedig.
Werk Stiche und Druckgrafik mini|Johann Sadeler (I), nach Hans von Aachen: Juno, Venus und Minerva (1587/1595). Rijksmuseum Amsterdam Das Gesamtwerk Sadelers umfasst laut Hollstein (1980) mehr als 600 Druckgrafiken. Typisch sind allegorische Folgen, darunter Darstellungen der Planeten, Jahreszeiten und Weltteile. Zwischen 1585 und 1600 entstanden vier umfangreiche und äußerst populär gewordene Serien mit Mönchsdarstellungen nach Entwürfen von Marten de Vos. In Venedig stachen Johann und Raphael Sadeler nach Zeichnungen von Parmigianino, Annibale Carracci und Francesco Barocci sowie, spiegelverkehrt und über Kopien von Cornelis Cort vermittelt, nach Werken von Tizian, Raffael, Polidoro da Caravaggio und Girolamo Muziano. Die spiegelverkehrte Übernahme über Zwischenkopien wird in der Forschung mit dem Versuch in Verbindung gebracht, das Urheberrecht zu umgehen.
Zeichnungen Sadeler war nach dem Zeugnis der Quellen auch ein eigenständiger Zeichner, der Druckvorlagen selbst entwarf. Zeichnungen von seiner Hand befinden sich in den Sammlungen der Kunsthalle Bremen und der Albertina in Wien.
Verlagstätigkeit Als Verleger erwarb Johann Sadeler ein kaiserliches Privileg (1581, erneuert 1593) sowie ein päpstliches Privileg (1598). Seine Verlegeradresse J. Sadeler excud ist von jener seines Bruders Egidius I. zu unterscheiden, der keine Vornamensabkürzung verwendete.
Mögliche Malertätigkeit Überlieferungen zufolge soll Johann Sadeler auch gemalt haben. Einige Zuschreibungen befinden sich im Kunsthandel.
Literatur
Friedrich Wilhelm Heinrich Hollstein: Dutch and Flemish Etchings, Engravings and Woodcuts, Bde. XXI–XXII. Herausgegeben von D. de Hoop Scheffer. Roosendaal 1980. Walter Hermann Zülch: Frankfurter Künstler 1223–1700. Diesterweg, Frankfurt am Main 1935. Prag um 1600. (Ausst.-Kat. Wien), Bd. II. Luca Verlag, Freren 1988. Ilja M. Veldman: Artikel in Oud Holland 107 (1993), S. 34–58. Dorothy Limouze: Beitrag in: A Tribute to Robert A. Koch. Princeton 1994, S. 115–129. Isabelle de Ramaix: The Illustrated Bartsch. Bd. 70 (1–4). Abaris Books, New York 1999–2003. Michael Bury: The Print in Italy 1550–1625. British Museum Press, London 2001. Christopher L. C. E. Witcombe: Copyright in the Renaissance. Prints and the Privilegio in Sixteenth-Century Venice and Rome. Brill, Leiden 2004. Thea Vignau-Wilberg: Beitrag in: In Europa zu Hause – Niederländer in München um 1600. (Ausst.-Kat. Staatliche Graphische Sammlung München). München 2005, S. 365–388. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 12: Rouco – Sommer. Paris, 2006. Holm Bevers, Ute Sölter: Niederländische Zeichnungen und Druckgraphik der Sammlung Christoph Müller im Berliner Kupferstichkabinett. Ausst.-Kat., Berlin 2008. Karen L. Bowen, Dirk Imhoff: Christopher Plantin and Engraved Book Illustrations in Sixteenth-Century Europe. Cambridge University Press, Cambridge 2008. Lubomír Konečný: Artikel in Studia Rudolphina 10 (2010), S. 129–143. Lubomír Konečný u. a.: Hans von Aachen in Context. Prague 2012. AKL Online – Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online. De Gruyter, Berlin 2009 ff.
Weblinks
Humanae salutis monumenta von Benito Arias Montano Personenlexika von Baader und Lipowsky Johann Sadeler d. Ä. - Digitale Sammlung Metropolitan Museum of Art RKD – Nederlands Instituut voor Kunstgeschiedenis
Einzelnachweise
Kategorie:Kupferstecher (Niederlande) Kategorie:Zeichner (Niederlande) Kategorie:Niederländer Kategorie:Geboren 1550 Kategorie:Gestorben 1600 Kategorie:Mann