Maria mit Kind und den hll. Petrus, Johannes Evangelist, Johannes d. Täufer und Paulus (it. Madonna in trono col Bimbo e quattro santi) ist ein auf Pappelholz ausgeführtes Gemälde des italienischen Renaissancemalers Pietro Perugino (* um 1450; † 1523). Das im Jahr 1493 fertiggestellte Werk befindet sich im Bestand der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien (KHM). Zur Zusammensetzung des Malmittels liegen keine Angaben vor.
Motiv Das Gemälde zeigt eine Sacra Conversazione („heiliges Gespräch“), ein in der Renaissance weitverbreiteter Bildtypus. Entgegen der wörtlichen Bedeutung wird weniger ein Gespräch als eine andächtige Gemeinschaft dargestellt: Die auf einem Thron sitzende Gottesmutter Maria mit dem Jesuskind inmitten stehender Heiliger als Assistenzfiguren.
Die paarweise gegenüberstehenden Heiligen sind links der hl. Petrus und der Evangelist Johannes, rechts Johannes der Täufer und Paulus von Tarsus. Die Identifizierung der zweiten Figur von links als Evangelist Johannes ist unsicher, weshalb das Kunsthistorische Museum den Werktitel mit einem Fragezeichen versieht.
Bildbeschreibung In der Bildmitte sitzt Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß auf einem thronartigen Sitzmöbel, das von einem Baldachin überdacht ist. Umgeben ist sie von den vier streng symmetrisch angeordneten Heiligen, die sie paarweise flankieren.
Maria mit Jesuskind Die Darstellung der thronenden Gottesmutter greift einen seit dem 5. Jahrhundert entwickelten Bildtypus auf, bei dem der Thron symbolisch auf die Weisheit König Salomos verweist. Während das Jesuskind auf ihrem Schoß bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts stets bekleidet dargestellt wurde, zeigte sich ab diesem Zeitpunkt eine zunehmende Vermenschlichung, und das unbekleidete Kind setzte sich durch, die bisherige eher zeremonielle „kultbildhafte[…] Strenge“ in den Mariendarstellungen ablösend.
In der Bildtafel ist Maria in frontaler Ausrichtung auf einem hölzernen Thronpodest positioniert; das eigentliche Sitzmöbel deutet sich lediglich durch den vorderen linken Thronpfosten an. Ihr Kopf ist leicht zur rechten Bildseite gewendet, wobei ihr sinnender Blick nach rechts unten fällt. Auf ihrem rechten Oberschenkel sitzt das Jesuskind, das lediglich mit einem transparenten Gängelband umhüllt wird. Während Marias Rechte das Kind von hinten stützt, umfasst ihre Linke dessen rechten Fuß. Das Kind seinerseits hat den Blick auf den Betrachter gerichtet und die rechte Hand in einer segnenden Geste erhoben.
Gekleidet ist Maria in ein rotes Kleid mit rechteckigem Halsausschnitt. Ihr langes bräunlich-blondes Haar mit Schläfenlocken wird von einem durchsichtigen Kopftuch zusammengehalten, dessen Enden über ihrer Brust verknotet sind. Über dem Kleid trägt sie einen laubgrünen Umhang mit verbrämtem Saum, dessen Stoffbahnen in das seidig schimmernde smaragdgrüne Gewand übergehen, das ihren Unterkörper bedeckt und den Blick auf ihre bloßen Füße auf der Oberseite des Podests freigibt.
Apostel Petrus Links im Bild steht der heilige Petrus, der durch seine traditionellen Heiligenattributen ausgewiesen ist. Er war einer der zwölf Apostel und wurde als einer der ersten zum Jünger Jesu berufen, der ihm auch „die Schlüssel des Himmelreichs“ verhieß .
Petrus ist im Kontrapost wiedergegeben, einer harmonischen Standbein-Spielbein-Haltung, die ein charakteristisches Stilmerkmal in Peruginos Œuvre darstellt. Petrus’ Darstellung entspricht weitgehend seiner in der Renaissance üblichen Ikonographie: Ein älterer Mann mit rundem Kopf mit Glatze, Haarkranz und Stirnlocke, ein kurzer gekräuselter Bart, dazu die klassische Aposteltracht, bestehend aus einer smaragdgrünen Tunika und einem weiten ockerfarbenen Pallium (Mantel). Seine Augenlider sind kontemplativ halb gesenkt.
In der rechten Hand hält er vor dem Körper zwei große Schlüssel, einen silbernen und einen goldenen, die die ihm von Christus verliehene Schlüsselgewalt symbolisieren. Eine Deutung ist, dass der silberne Schlüssel für das „Lösen“ (die Vollmacht zur Sündenvergebung auf Erden), der goldene für das „Binden“ (die Befugnis über Entscheidungen zur Sicherstellung der Einheit der Kirche) steht. Das Buch, das Petrus in seiner Linken hält, unterstreicht seine Rolle als Verkünder des Wortes Gottes.
Evangelist Johannes (?) Etwas erhöht auf einer Stufe hinter dem Thronpodest steht eine Figur, die das KHM vorsichtig als den Evangelisten Johannes interpretiert, den Autor des Johannesevangeliums. Ihr Körper wird teilweise von der den Baldachin tragenden Rückwand überschnitten und von der Gestalt des Petrus verdeckt. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden „der Jünger, den Jesus liebte“ (der einzige der Apostel, der in der Bibel als Zeuge der Kreuzigung benannt wird, ) mit dem Apostel Johannes und dem Evangelisten Johannes gleichgesetzt, die kunsthistorische Beschreibung folgt dieser Tradition. Eines der Attribute des Evangelisten Johannes ist ein Buch als allgemeines Symbol für die ihm zugeschriebenen biblischen Schriften.
Im Bild ist die Figur als sehr alter Mann mit kahlem Haupt und einem langem zweigeteilten grauen Bart dargestellt. In seiner Rechten hält er einen länglichen Gegenstand, der als Schreibfeder interpretiert werden kann, in der Linken ein Buch. Seine Kleidung – bestehend aus einer schwarzen Tunika und einem weinroten Pallium – entspricht dem Typus der Aposteltracht.
Das KHM begründet seine Zweifel bei der Identifizierung der Figur mit Johannes nicht weiter. Sie dürften aus einem eklatanten Widerspruch zur Bildtradition resultieren: Frühe nachbiblische Aufzeichnungen beschreiben Johannes als bartlos und von jugendlichem Aussehen, ein Typus, dem Perugino auch in anderen Werken meist folgt. In älteren Gemäldebeschreibungen wurde die Figur stattdessen mit dem hl. Hieronymus identifiziert, dessen Ikonographie als weiser Gelehrter mit dem hohen Alter der Figur übereinstimmt.
Gegen diese Zuschreibung spricht die extreme Zurückhaltung Peruginos bei den Attributen (es fehlen Kardinalshabit und Löwe) sowie die Tatsache, dass Hieronymus als nachbiblischer Heiliger die ansonsten rein biblische Symmetrie der restlichen Figuren (Petrus, Johannes der Täufer und Paulus) aufbrechen würde.
Johannes der Täufer Im Hintergrund der rechten Bildhälfte steht Johannes der Täufer, der in der Bibel als Vorläufer Christi und als Bußprediger und Täufer in der Wüste Judäas und am Jordan geschildert wird. Dargestellt wird er mit Verweis auf sein asketisches Leben in der Wüste oft in ein einfaches Tierfell gekleidet. Perugino bricht hier mit dieser Tradition, Johannes scheint eine schwarze Tunika zu tragen, darüber einen leuchtend roten, am Saum kostbar verzierten Umhang.
Die eindeutige Identifizierung der Figur erfolgt über ihr Hauptattribut, den Kreuzstab, den er mit beiden Händen vor seinem Leib hält. Er wird als noch junger Mann mit schulterlangem braunen Haar und kurzem Bart gezeigt. Analog zu seinem Gegenüber auf der linken Bildseite wird auch der Körper des Täufers teilweise von der Rückwand des Thrones überschnitten und im Vordergrund durch die Gestalt des Paulus verdeckt. Sein Blick über die Schulter des Paulus rechts vor ihm im Bild scheint, wie der aller anderen Figuren mit Ausnahme des Jesuskindes, auf einen Punkt jenseits des rechten Bildrandes gerichtet.
Paulus von Tarsus Der Apostelgeschichte zufolge wurde Saulus, Sohn einer streng jüdischen Familie, durch eine Erscheinung Christi von seinem fanatischen Hass gegen das Christentum bekehrt und stattdessen zu seinem leidenschaftlichen Verkünder. Im Zuge der Neronischen Christenverfolgung wurde er in Rom enthauptet.
Als spiegelbildliches Gegenüber zu Petrus flankiert Paulus den Thron im rechten Bildvordergrund, wobei er wie dieser in einem ausgeprägten Kontrapost steht. Seine körperlichen Attribute wie Stirnglatze, nackenlanges braunes Haar und zweigeteilter Bart entsprechen im Wesentlichen seiner ikonographischen Tradition. Er trägt eine seidig glänzende Tunika in einem hellen Braunton, darüber ein Pallium in leuchtendem Grün.
In seiner Rechten hält er auf Hüfthöhe sein primäres Attribut, das Schwert seiner Enthauptung, mit der Spitze nach oben. Seine linke Hand ist in einer weisenden Geste in Richtung des Jesuskindes geöffnet. Seine Gestalt verdeckt einen Teil des hinter ihm stehenden Täufers, der fast über Paulus’ Schulter hinwegzublicken scheint. Wie bei den übrigen Figuren mit Ausnahme des Jesuskindes ist auch Paulus’ Blick nach rechts vorne aus dem Bild hinausgeführt. Die parallel verlaufenden, sich aber nicht treffenden Blickachsen der Heiligen unterstreichen die meditative Grundstimmung der andächtigen Versammlung.
Thron und Bildhintergrund Das architektonische Zentrum der Komposition bildet der Thron der Jungfrau. Ihn überdacht ein Baldachin, der Marias herausgehobene Stellung im Kreis der Heiligen visuell betont. Auf der Stirnseite des hölzernen Thronpodestes hat Perugino eine vierzeilige Inschrift platziert:
Perugino verzichtet in diesem Werk auf die Darstellung einer weiten Landschaft. Stattdessen schließt er den Bildraum nach hinten und zu den Seiten mit einer mehr als mannshohen schmucklosen Wand aus grauem Gestein ab; lediglich links und rechts des Baldachins ist ein schmaler Streifen des Himmels sichtbar. Der Kunsthistoriker Fritz Knapp bemerkte zu dieser strengen Darstellung der Architektur, dass „das Fehlen jedes zierenden Details, die Glätte der Architektur“ für Florenz eigenartig sei.
Die Horizontlinie liegt auffallend tief, was der ursprünglichen Aufstellung des Bildes auf einem Altar und dem Standpunkt des Betrachters geschuldet sein dürfte. Gleichzeitig unterstreicht diese tiefe Perspektive die Monumentalität der Figuren.
Das Gemälde ist in Peruginos voll entwickeltem klassisch-idealen Stil gemalt. Der Habitus und die Haltung der Figuren erinnern an antike Philosophen. Diese formale Strenge, kombiniert mit einer sehr harmonischen Farbwahl und der stimmungsvollen Wiedergabe des Lichtes, verleihen der Komposition feierliche Ruhe und sakrale Würde.
Provenienz Das Werk diente ursprünglich als Altarbild. Die Inschrift erlaubt nicht nur, das Gemälde mit Gewissheit auf 1493 zu datieren, sondern nennt auch den Auftraggeber, den Priester Giovanni di Cristoforo de Terreno. Das Gemälde befand sich wahrscheinlich ursprünglich in der Kirche San Pietro al Terreno bei Figline in der Nähe von Florenz. Diese Vermutung wird gestützt durch die prominente Platzierung des hl. Petrus sowie durch die Anwesenheit des Florentiner Schutzpatrons Johannes des Täufers.
Für das Jahr 1646 ist der Kardinal Giancarlo de’ Medici als Besitzer dokumentiert. Im Jahre 1796 führte Joseph Rosa, der damalige Direktor der kaiserlichen Gemäldesammlung in Wien, das Altarbild erstmals in seinem systematischen Katalog Gemälde der k.k. Gallerie. Erste Abtheilung, Italienische Schulen auf.
Das Auftauchen des Gemäldes im Wiener Katalog im Jahr 1796 steht möglicherweise im Zusammenhang mit dem großen habsburgischen Bildertausch zwischen den Uffizien in Florenz und den kaiserlichen Sammlungen in Wien in den Jahren 1792/1793, bei denen mindestens ein Werk von Perugino nach Wien gelangte. Dies würde erklären, warum das Gemälde in dem früheren, von Christian von Mechel stammenden und 1783 herausgegebenen Verzeichniß der Gemälde der Kaiserlich Königlichen Bilder Gallerie in Wien, das als Ausstellungskatalog allerdings nicht alle Gemälde im Bestand der Sammlungen enthielt, noch nicht aufgeführt ist.
Technischer Zustand des Bildes Die Kunsthistoriker Joseph Archer Crowe und Giovanni Battista Cavalcaselle konstatierten 1866, dass die olivfarbenen Inkarnate (Hauttöne) im Farbauftrag etwas roh wirkten, da sie nur in einer einzigen Schicht alla prima aufgetragen worden seien. Zudem stellten sie fest, dass der gelbe Mantel des hl. Petrus neu übermalt worden war. 1984 wurde der allgemeine Erhaltungszustand des Gemäldes aufgrund früherer drastischer Reinigungen als „mäßig“ eingestuft.
Rezeption