Das Weiße Stift, auch Großes Kloster oder Weißes Kloster genannt, war zunächst seit Beginn des 14. Jahrhunderts ein Frauenkloster der Terziarinnen, dann von 1557 bis 1802/1803 ein Kanonissenstift in Bocholt, anschließend bis 1811 ein Regierungsgebäude des Fürstentums Salm, schließlich ein Verwaltungs- und Wohngebäude der Fürsten zu Salm-Salm sowie Dienststelle der SA, ehe es Ende des Zweiten Weltkriegs bei einem Luftangriff zerstört wurde.

Geschichte Kloster der Terziarinnen Erstmals wurde das um 1300 entstandene, bald darauf Immunität genießende Kloster in einer Urkunde vom 20. April 1307 erwähnt. Ein Schreiben des Jahres 1313, das ersten Aufschluss über das religiöse Leben der Bocholter Schwestern des 1289 gegründeten dritten franziskanischen Ordens gibt, bezeichnete es als Conventus ordinis penitentium sancti Francisci (Franziskanerinnen). Ein Vertrag von 1332 regelte das Verhältnis des Klosters zu den örtlichen Pfarrgemeinden. Im Gegenzug zu einer Befreiung von städtischen Abgaben stellte das Kloster einen Heerwagen zur Verteidigung der Stadt. Das Gotteshaus des Klosters war eine an der Südseite erbaute, der Klara von Assisi geweihte Kapelle, aus der später die Stiftskirche St. Clara hervorging. Eine Erlaubnis, die Kirche und einen eigenen Friedhof innerhalb der Klostermauern zu errichten, datiert 1334. Die Schwestern des Klosters waren Damen des Adels und aus dem städtischen Patriziat und unterlagen keinem Armutsgelübde. Sie trugen ein weißes Habit und wurden seelsorgerisch von einem Geistlichen betreut, der vom Rektor der Pfarrei St. Georg bestimmt wurde. Unter Fürstbischof Otto IV. von Hoya waren zwischen 1387 und 1423 drei Stiftsvikare angestellt. Durch Eintritt wohlhabender Töchter aus Bocholt und Umgebung gelangte das Kloster schon bald zu einem ausgedehnten Grundbesitz. Es besaß außerdem Reliquien des Luzius von Chur, die ein Minorit 1341 von Werden nach Bocholt gebracht hatte, ferner Reliquien der Hildegundis, Tramachilda und Balbina, des Albinus, Clemens, Eucharius, Franziskus, Ludwig, Nazarius, Sigmenius und Walter.

Freiweltliches Damenstift Nach jahrelangen Streitereien, die die Schwestern untereinander hatten, wandelte Fürstbischof Wilhelm Ketteler das Kloster 1557 in ein freiweltliches Frauenstift für Damen des Adels um und unterstellte es der Leitung einer Äbtissin. Die Höchstzahl der Kanonissen wurde 1576 auf elf Damen beschränkt, wobei der Äbtissin eine doppelte Pfründe zustand. Nach Aufhebung des Klosters wurde die Klosterkirche als Stiftskirche St. Clara eine Hilfskirche der Pfarrei St. Georg. Unter Ferdinand von Bayern erfolgte 1621 eine Reform des Stifts.

Nachfolgenutzungen 1802 nahm die Regierung des Fürstentums Salm das Stift in Besitz und säkularisierte es auf der Grundlage des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Die Inbesitznahme vollzogen die fürstlichen Beamten allmählich.Arthur Kleinschmidt: Geschichte von Arenberg, Salm und Leyen 1789–1815. Perthes, Gotha 1912, S. 188, Fußnote 3 (Digitalisat) Damals besaß das Stift unter anderem neun Güter und zehn Acker- und Wiesenflächen. In guten Jahren hatte es um 1800 jährliche Ernteerträge von 250 Scheffel Getreide. Die Einnahmen betrugen in schlechten Jahren nur etwa 1000 holländische Gulden, in guten Jahren bis zu 3000 Gulden.

Die Kirchenausstattung wurde an Gotteshäuser in Winterswijk, Dinxperlo, Isselburg, Werth, Schüttenstein und Bocholt verteilt, der Altar mit einem Muttergottesbild kam in die heutige Seitenkapelle der Bocholter Liebfrauenkirche. 1812 wurde die Stiftskirche auf Anordnung der französischen Regierung wegen Baufälligkeit geschlossen. Bald darauf wurde sie in ein zweigeschossiges Wohnhaus umgebaut.

Von 1803 bis 1811 dienten die übrigen Stiftsgebäude der von Franz Xaver von Zwackh (für Salm-Kyrburg) sowie von Peter Franz von Noël und Jeremias Gottfried von Noël (für Salm-Salm) geführten gemeinsamen salmischen Regierung als Verwaltungssitz,Armin Wiedemann: Geistliche und weltliche Herrschaft. Die Bocholter Richter von 1650 bis 1945. In: Unser Bocholt. Zeitschrift für Kultur und Heimatpflege. 69. Jahrgang (2018), Heft 2, S. 31 f. Teile fungierten ab 1803 als fürstlich salm-salmsche Rentei. Andere Teile wurden zunächst erneut für eine weltliche Stiftung mit einer Äbtissin und acht Stiftsdamen in den Blick genommen. Ab 1806 wurden hierzu Wohnungen und eine Hauskapelle eingerichtet, später wurden daraus Dienstwohnungen für das Personal der Fürsten zu Salm-Salm.

Im Stift wohnte im 19. Jahrhundert die Familie des fürstlich salm-salmschen Kammerdirektors Franz Joseph Sarrazin (1803–1858), darunter auch dessen Söhne Otto, Hermann und Joseph Sarrazin. Von den 1930er Jahren bis zu den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs war in dem Gebäude eine Dienststelle der SA untergebracht. Um 1940 wurden die historischen Gebäude des Stifts für die Errichtung eines Heimatmuseums Bocholt in Betracht gezogen.Museumshistorie, Eintrag im Portal stadtmuseum-bocholt.de, abgerufen am 12. Mai 2026Der Städtetag. Mitteilungen des Deutschen Städtetages. Jahrgang 1940, S. 236

Historische Dokumente des Weißen Stifts St. Clara (1289–1810) befinden sich im Fürstlich Salm-Salm’schen Archiv in Anholt.Minerva-Handbücher. Archive. Archive im deutschsprachigen Raum. 2. Auflage, Band A–N. Walter de Gruyter, Berlin 1974, ISBN 3-11-001955-8, S. 36 (Google Books)

Mütter, Meisterinnen (ab 1313) und Äbtissinnen (1557–1802)

Baugeschichte mini|hochkant|Stiftskirche St. Clara des Weißen Klosters (zweiter Kirchturm von rechts) in der Bocholter Stadtansicht um 1800, nach 1792 gezeichnet von Joseph RaméePeter Veddeler (Bearbeitung): Französische Emigranten in Westfalen 1792–1802. Ausgewählte Quellen (= Veröffentlichungen der Staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe C: Quellen und Forschungen, Band 28). 1989, S. 508 Kloster und Klosterkirche zählten zu den ältesten nachgewiesenen Backsteingebäuden Westfalens. Die mittelalterlichen Wohngebäude des Klosters wurden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch Neubauten im Stil der Backsteinrenaissance ersetzt.

Die Kirche hatte massive gotische Strebepfeiler. 1753 begannen dort umfangreiche Renovierungsarbeiten. Im Zuge des Umbaus wurde die Kirche um 2,50 Meter aufgestockt und mit einem Walmdach versehen. Ihr Dachreiter, der um 1800 eine barocke Haube trug, wurde 1821 abgerissen.Friedrich Reigers: Die Stadt Bocholt während des neunzehnten Jahrhunderts. Temming, Bocholt 1907, S. 12 f., 16 f. (siehe Abb. Bocholt um das Jahr 1800 und dessen Legende, Nr. 5) Die aus dem 14. bis 18. Jahrhundert stammende Gestalt von Kirche und Konvent wurde durch Rück- und Umbauten so stark verändert, dass sie im 20. Jahrhundert als „entstellt“ galt.Erich Keyser: Deutsches Städtebuch. Handbuch städtischer Geschichte. Kohlhammer, Stuttgart 1949, S. 61

Ein Bombenangriff auf die Stadt Bocholt, den die Royal Air Force im Zusammenhang mit der Operation Plunder durchführte, zerstörte Kloster und Klosterkirche am 22. März 1945. Einsturzgefährdete Mauerreste der Kirche und des Kreuzgangs wurden 1955 abgerissen. 1982 wurden unterirdische Baureste des östlichen Konventsflügels archäologisch untersucht. Am 22. März 2000 trug die Denkmalbehörde der Stadt Bocholt die Fundamentreste als Bodendenkmal in ihre Denkmalliste ein.

Literatur Werner Sundermann, Georg Letschert: Archäologische und historische Spuren der Bocholter Klöster und Stifte. In: Jahrbuch des Kreises Borken. 2004, S. 115–120. Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Stifte und Klöster von ihrer Gründung bis zur Aufhebung. Band 1: Ahlen–Mülheim (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen XVIV, Quellen und Forschungen zur Kirchen- und Religionsgeschichte, Band 2: Westfälisches Klosterbuch). Aschendorff, Münster 1992, S. 88 f. (PDF). Mechthild Theilmeier-Wahner, Astrid Strathausen, Hans D. Oppel: Frauen in Bocholt im Wandel der Zeit – eine Dokumentation auch für Männer. In: Unser Bocholt. 42. Jahrgang (1991), Heft 3, S. 7–62. Elisabeth Bröker: Das Weiße Stift in Bocholt. In: Unser Bocholt. 26. Jahrgang (1975), Heft 1/2, S. 31–37. Karl Eugen Mummenhoff: Die Profanbaukunst im Oberstift Münster von 1450 bis 1650 (= Westfalen, Sonderheft 15). Münster 1961, S. 125. Elisabeth Bröker: Drei Frauenklöster im alten Bocholt. In: Unser Bocholt. 6. Jahrgang (1955), Heft 2, S. 15–36. Johannes Körner, Nikolaus Rodenkirchen (Bearbeitung), Anton Schmeddinghoff (Einleitung): Stadt Bocholt (= Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Band 40). Kommissions-Verlag von Heinrich Stenderhoff, Münster 1931, S. 14.

Weblinks Weißes Stift, Eintrag im Portal bocholt.de Weißes Stift, Eintrag im Portal geocaching.com

Einzelnachweise

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