mini|Das Gebäude der Synagoge im Jahr 2016 Die Genisa Abterode ist eine Geniza, die ursprünglich 1988 auf dem Dachboden der ehemaligen Synagoge Abterode der nordhessischen Gemeinde Meißner im Werra-Meißner-Kreis entdeckt und erst 2018 wiedergefunden wurde. In ihr waren Schriften, Gebetbücher und rituelle Gegenstände deponiert, die die Novemberpogrome 1938 überdauert haben.
Fundumgebung und Hintergrundgeschichte Vor dem Verkauf des ehemaligen Synagogengebäudes und vor dem Umbau in eine Bankfiliale schauten sich Pfarrer Heinrich. Wepler, der Kunsthistoriker Thomas Wiegand und der damalige Stadtarchivar Karl Kollmann den Dachboden der Synagoge und bargen die Funde der Genisa. Die Objekte wurden während des Novemberpogroms nicht entdeckt und haben dadurch überdauert. Nach einer Fotoausstellung der Objekte verschwanden die Funde und wurden erst 2018 beim Aufräumen im Pfarrhaus wiederentdeckt, die zwei Bananenkisten umfassten.Kristin Weber: Judaistik-Professor bewertet Dachbodenfund von Abterode, In: Werra-Rundschau vom 28. August 2020
Über die Fundsituation und die Fundlage liegen keine Überlieferungen vor. Eine erste Sichtung erfolgte 2020 durch den Judaisten Andreas Lehnardt.Lehnardt: Die Genisa aus der ehemaligen Synagoge in Abterode, S. 5Weitere Schritte zur wissenschaftlichen Erforschung der Abteröder „Genisa“, bei synagoge-abterode.de Als Ergebnis konnten einige in den Buchdeckeln und auf dem Wimpel notierten Vorbesitzernamen mit Namen der auf dem jüdischen Friedhof Abterode Bestatteten identifiziert werden.Genisa-Projekt Abterode HE, Website der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter blogs.uni-mainz.de Einige herausragende Fundstücke stellte er genauer vor.
Religionsgeschichtlicher Hintergrund Nach jüdischer Tradition werden rituelle Gegenstände und liturgische Schriften, die nach langem Gebrauch nicht mehr benutzbar waren, entweder auf dem Friedhof bestattet oder in einem eigens dafür bestimmten Ort abgelegt. Meist dient hierfür der Dachboden der Synagoge. Dieser Ort wird als Genisa (im Plural Genisot) bezeichnet, das Schatzkammer, Archiv, Depot bedeutet. Im Jiddischen wird der Begriff Scheimess verwendet, der sich von hebräisch Schemot, „Namen“, herleitet. Gemeint sind Texte, die den heiligen Gottesnamen (HaSchem) enthalten. Sämtliche unbrauchbar gewordenen Schriftstücke, die den Namen Gottes enthalten, werden in einer Genisa abgelegt, um sie vor Entweihung zu schützen.Falk Wiesemann (Hrsg.): Genisa – verborgenes Erbe der deutschen Landjuden. Ausstellungskatalog, Bertelsmann, München 1992, ISBN 3-570-10501-6, S. 16
mini|Die Synagoge in Abterode um 1900 (Ausschnitt aus einer Ansichtskarte) Die Fundstücke Abgelegt waren in der Genisa sowohl unterschiedlichste Texte sowie Sachgegenstände Zu den Schriftstücken zählten Gebetsbücher, Bibeln, jiddische Sammlungen von Bräuchen und Riten (Minhag- und Mussar-Literatur), Lehrbücher, Taschenkalender sowie ein Plakat. Unter den Sachgegenständen befanden sich Textilien, so ein Torawimpel (Mappa), der aus einer Windel hergestellt wurde und zur Fixierung der Tora-Rollen sowie als Lesezeichen diente, ein Weidenband zum Fixieren des Feststraußes (Lulav) am Laubhüttenfest sowie Reste von mehreren Gebetsriemen. Die Datierung der Fundstücke liegt in der Zeit von etwa Mitte des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.Lehnardt: Die Genisa aus der ehemaligen Synagoge in Abterode, S. 5–12
Im Einzelnen stehen Reste von Gebetsbüchern im Vordergrund, so vor allem Siddur-Ausgaben aus dem 19. Jahrhundert, die für Sabbatgottesdienste und für die Gebete an normalen Wochentagen genutzt wurden, sowie Machsorim für die Feiertage sowie an Fast- und Trauertagen. Dazu kommen kleinformatige Ausgaben von Taschen-Siddurim, die auf Reisen Verwendung fanden. Die unterschiedlichen Bibelausgaben stammen ebenfalls aus dem 18. und 19. Jahrhundert, sind zum Teil mit lateinischen und textkritischen Anmerkungen versehen. Hervorzuheben ist eine zweisprachige Bibel in Hebräisch und Deutsch. Zur biblischen Literatur eine Ausgabe des Buches Ester, dessen Rolle aus Pergament besteht.Lehnardt: Die Genisa aus der ehemaligen Synagoge in Abterode, S. 5 ff.
Die Fundstücke zur Minhag- und Mussarliteratur beschreiben aschkenasische Bräuche für die Feiertage und sind teilweise mit Holzschnitten bebildert. Zu dieser Literatur zählen ferner Texte zu Moral- und Sittenvorstellungen, aber auch zur Erläuterung von Geboten und Pflichten in Gemeinde und Familie. Für die religiöse Unterweisung von Kindern liegen Reste von Lehrbüchern vor. Dazu zählen Schreibfibeln, ein Übungsbuch, ein Rechenlehrbuch. Ebenfalls erhalten ist ein Taschenkalender vermutlich für das Jahr 1892/93, in dem Wochenabschnitte aus der Tora, aber auch christliche Feiertage und astrologische Hinweise notiert sind.Lehnardt: Die Genisa aus der ehemaligen Synagoge in Abterode, S. 9 ff.
Einordnung der Funde Die Fundstücke der Genisa umfassen einen eher kleinen Bestand an Texten und Gegenständen, der dennoch charakteristisch für eine Landgemeinde ist. Rückschlüsse auf das religiöse und soziale Leben der Gemeinde sind möglich, nicht jedoch zum Wirtschaftsleben.vgl. zur Wirtschafts- und Sozialstruktur der Gemeindemitglieder: Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 1: Aach – Groß-Bieberau. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08077-2, S. 25 Traditionelle Werke und der religiöse Bildungskanon bilden den Schwerpunkt der Werke und vermitteln das Bild einer orthodoxen Gemeinde, die großen Wert auf eine traditionelle Lebensweise und die Bewahrung der religiösen Praxis legte.Lehnardt: Die Genisa aus der ehemaligen Synagoge in Abterode, S. 13
Siehe auch Synagoge Abterode Jüdische Gemeinde Abterode
Literatur Andreas Lehnardt: Die Genisa aus der ehemaligen Synagoge in Abterode. In: Eschweger Geschichtsblätter 31/2020, Selbstverlag des Geschichtsvereins Eschwege, , S. 4–14 (Online-Version als PDF).
Weblinks Genisa-Projekt Abterode HE, Website der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter blogs.uni-mainz.de Spuren jüdischen Lebens entdecken. Die Entdeckung und Erforschung der „Genisa“ aus der Synagoge Abterode, bei synagoge-abterode.de Informationen zur Jüdischen Gemeinde Abterode bei Alemannia Judaica
Einzelnachweise
Kategorie:Judentum in Meißner (Gemeinde) Abterode