Die Diamanten-Gitarre (teilweise auch unter den deutschsprachigen Titeln Die Diamantengitarre oder Die Diamantgitarre, Originaltitel: A Diamond Guitar) ist eine Erzählung von Truman Capote. Der erstmals 1950 in Harper’s BazaarGary Richards: Truman Capote. In: Blanche H. Gelfant (Hrsg.): The Columbia Companion to the Twentieth-Century American Short Story. Columbia University Press, New York NY 2000. ISBN 0-231-11099-5. S. 185–186. Hier S. 185. veröffentlichte Text ist eine der drei Erzählungen, die dem Kurzroman Frühstück bei Tiffany bei dessen originalsprachigem Ersterscheinen hinzugefügt wurden. Kurzbeschreibung Mr. Schaeffer hat einst einen Menschen getötet und sitzt zu neunundneunzig Jahren und einem Tag Haft verurteilt in einem US-Arbeitslager. Als der junge Tico Feo mit einer gläsern besetzten Gitarre ankommt, werden die beiden Freunde; aus der Freundschaft wächst eine platonische Liebe. Tico erzählt Geschichten, spielt Gitarre und plant eine Flucht. Schaeffer ist zunächst skeptisch, beteiligt sich aber schließlich. Beim Fluchtversuch waten sie durch einen Bach, doch Tico lässt Schaeffer verletzt im Wasser zurück. Schaeffer bleibt somit inhaftiert, während Ticos Gitarre unspielbar unter Schaeffers Bett vergilbt.

Inhalt „Man konnte von Mr. Schaeffer sagen, daß er in seinem Leben nur eine wirklich schlechte Tat begangen hatte: Er hatte einen Menschen getötet. Die Umstände dieser Handlung sind ohne Bedeutung, ausgenommen die Feststellung, daß dieser Mensch zu sterben verdiente und daß Mr. Schaeffer dafür zu neunundneunzig Jahren und einem Tag verurteilt wurde.“ In dem US-Arbeitslager, in dem Schaeffer daher einsitzt, ist er für die Mitgefangenen eine Respektsperson, für den Lagerkommandanten ein angenehmer Konversationspartner. Zur Aufbesserung seiner Mittel und damit seiner Gefängniskost fertigt Schaeffer bewegliche Puppen. „Wenn er ungefähr ein Dutzend dieser Puppen fertig hat, nimmt sie der Lagerkommandant in die Stadt mit, und dort werden sie in einem gewöhnlichen Laden verkauft.“

An einem Wintersonntag taucht in dem Lager ein neuer Gefangener auf, ein „junger Bursch“, eine mit Glasdiamanten besetzte Gitarre mit sich führend. Schaeffer „war damals ein Mann von fünfzig Jahren, und siebzehn davon hatte er im Lager verbracht“, hat resigniert – und trifft nun, weil ein „junger Bursch“ namens Tico Feo ankommt, auf seine Lichtgestalt, „als er Tico Feo mit seiner prächtigen Gitarre durch die Dämmerung kommen sah. Bis zu diesem Augenblick war er nicht einsam gewesen. Nun, da er seine Einsamkeit erkannte, fühlte er sich lebendig werden. Er hatte nicht lebendig sein wollen. Lebendig sein hieß, sich an braune Flüsse erinnern, wo Fische schwammen, und an Sonnenlicht auf dem Haar einer Frau. Mr. Schaeffer ließ den Kopf hängen.“ Tico Feo wurde wegen Mordes oder versuchten Mordes eingewiesen, bekommt vom Lagerkommandanten gesagt, „das ist Mr. Schaeffer. Wenn du dich an ihn hältst, wird du’s recht machen.“ Tico Feo ist angetan von den Schaeffler-Puppen, wünscht sich welche für seine „zwei kleinen Schwestern. […] Am nächsten Abend brachte ihm Mr. Schaeffer die Puppen. Danach war er Tico Feos bester Freund, und sie waren immer zusammen“, eine Freundschaft, die sich zu einer platonischen Liebe entwickelt: „Sie waren wie Liebende, ausgenommen, daß sie ihre Körper nicht vereinigten und auch nicht daran dachten, es zu tun, obwohl solche Dinge im Lager nicht unbekannt waren.“ Schaeffer ist dabei nicht blind für die Fehler Tico Feos, „hatte immer gewußt, daß sein Freund ein furchtbarer Lügner war. Er horchte nicht auf die Wahrheit in Tico Feos Geschichten von Abenteuern, Eroberungen und Begegnungen mit berühmten Leuten“, die Tico Feo zur Unterhaltung ebenso zur Verfügung stellt wie Darbietungen auf seiner Gitarre. Schaeffer „fand vielmehr Vergnügen an ihnen als reinen Geschichten, wie man sie in einem Unterhaltungsblatt lesen mochte, und es erwärmte sein Herz, die heiße Stimme seines Freundes im Dunkeln flüstern zu hören.“

Im Januar nach seiner Ankunft eröffnet Tico Feo Schaeffer Teile eines Fluchtplans, wovon Schaeffers Ersparnisse von 20 US-Dollar nur ein Teil sind, wenn auch ein mangelhafter: „Nix wichtig, wir uns durcharbeiten. In Mobile hab‘ ich meinen Freund Federico. Er wird uns in ein Boot setzen. Es wird keine Unannehmlichkeiten geben“, doch Schaeffer steht dem Fluchtplan äußerst skeptisch gegenüber. „In den nächsten paar Wochen lief ihm Tico Feo nach […] und er wollte sich verbergen. Er pflegte sich in der Toilette einzuschließen und seinen Kopf zu halten.“ Schließlich willigt er ein, und am Valentinstag, als die Gefangenen im Wald bei der Terpentingewinnung arbeiten, nimmt der Fluchtplan konkretere Gestalt an: „In einiger Entfernung unter ihnen sprudelte ein seichter Bach durch den Wald. ‚In Wasser kein Geruch‘, sagte Tico Feo nachdrücklich“ und nennt den Folgetag als Tag des Fluchtversuchs. „Ein Signal war ausgemacht worden. Tico Feo sollte rufen: ‚Austreten‘ und so tun, als ob er hintern einen Baum ginge.“

Anfangs läuft die Flucht wie geplant: Sie laufen, Tico Feo voran, im Bach, um die Verfolgung der Fuß- und Geruchsspuren zu erschweren. „Mr. Schaeffer sah den Klotz nicht, der quer über den Bach lag. Er dachte, er liefe noch, und seine Beine schlugen um sich, er war wie eine Schildkröte, die hilflos auf dem Rücken lag. Während er sich da abmühte, schien es ihm, als ob das Gesicht seines Freundes, das über ihm schwebte, ein Teil des Winterhimmels sei – es war so fern, so richtend! Nur einen Augenblick schwebte es da, wie ein Kolibri, und doch hatte er in dieser Zeit erkannt, daß Tico Feo gar nicht gewünscht hatte, daß er es fertigbrächte, niemals geglaubt hatte, daß er es würde“. Die Wege des jungen und des alten Gefangenen trennen sich, der Ältere kommt abgesehen von einem dauerhaft lädierten Knöchel ungeschoren davon, weil der Lagerkommandant behauptet, „Mr. Schaeffer habe sich den Knöchel beim Versuch, Tico Feo zu fangen, gebrochen.“ Die „Diamanten-Gitarre“, die Tico Feo unmittelbar vor seiner Flucht neu gestimmt hat, kann danach niemand mehr spielen, und „es war“, als wenn Tico Feo „einen Flucht auf sie gelegt hätte. Nun liegt sie unter Mr. Schaeffers Feldbett, und ihre gläsernen Diamanten werden gelb“.

Textanalyse Bei Die Diamanten-Gitarre handelt es sich um eine auktorial erzählte Liebes- und Ausbruchsgeschichte. Zeitlich ist die Geschichte vor dem Erscheinungstermin des Textes und dem zumindest aufkeimenden Ruhm von Bing Crosby zu verorten, örtlich in einem US-Gefangenenlager. „Dreißig Kilometer ist die nächste Stadt vom Gefangenenlager entfernt“, das in einer Region liegt, in der Terpentin gewonnen wird, und in für eine Gefangenen-Flucht akzeptabler Entfernung von Mobile. Themen Vor dem Hintergrund von gleichfalls thematisierten Gefängnis-Sujets wie Gewalt und Verbrechen, Mord und Schuld, Strafe und Buße„crime, guilt and penance […] violence, crime, murder and punishment, the themes most thoroughly explored in the above-mentioned A Diamond Guitar“ – Joanna Stolarek: Sociological and psychological aspects of crime in Truman Capote’s „In Cold Blood“. In: Fides et Ratio. Jg. 3, Nr. 15, 2013, , S. 193–200. Hier S. 194. (pdf). zeigt Die Diamant-Gitarre, wie Resignation durch Liebe aufgebrochen wird und zwischenmenschliche Nähe selbst unter widrigen Umständen nostalgische Erinnerungen an ein normales Leben fördern kann. Die so beförderte Sehnsucht nach etwas, das Schaeffer in seiner Jugend gekannt haben mag und in Tico Feo wiedererkennt, zerbricht allerdings durch das Scheitern der Flucht. Ebenso sehr, wie in Die Diamanten-Gitarre „ein Gegenstand, eine Gitarre, zunehmend mit Freiheit und persönlicher Erfüllung gleichgesetzt“ wird,„In this short story, an object, a guitar, is identified progressively with freedom and personal fulfilment“ – María Jesús Hernáez Lerena: Short story world. The Nineteenth-Century American masters. (=Bibliotheca de investigación, Band 33.) Universidad de la Rioja, Logroño 2014. ISBN 978-84-697-0045-7. S. 45. (pdf). symbolisiert die unspielbar gewordene Gitarre am Ende gebrochene Loyalität und schmerzhaften Hoffnungsverlust. Hauptfiguren Schaeffer: Dieser langjährige Gefangene ist „ein schmächtiger, langer Mann. Er hat rötliches, ergrauendes Haar, und sein Gesicht ist abgemagert, wirkt religiös. Kein Fleisch ist am ihm, man sieht, wie seine Knochen arbeiten, und seine Augen sind von armselig stumpfer Farbe. Er kann lesen und schreiben, und er kann eine Zahlenkolonne zusammenzählen.“ Tico Feo: „Tico Feo war achtzehn Jahre alt und hatte zwei Jahre auf einem Frachter im Karibischen Meer gearbeitet. Als Kind war er bei Nonnen zur Schule gegangen“, im Gefangenenlager wird der blonde, blauäugige Kubaner wegen seiner Gitarre von Anfang an zu einer Attraktion. „Er hatte ein zu Späßen aufgelegtes Gesicht, behende und klug“, und seine „Stimme mit ihrem kubanischen Akzent war weich und süß wie eine Banane.“ Rezeption Die „lyrische Erzählung über das Aufblühen homosexueller Liebe im Gefängnis zwischen einem alternden Häftling und einem jungen Mann“ Die Diamanten-Gitarre„lyrical account of the blossoming of homosexual love in prison between an ageing convict and a young man“ – Amira Malawi Abdulfattah: Presence of eroticism in Philippine short stories. In: International Journal of Linguistics, Literature and Translation. Jg. 5, Nr. 1, 2022, , S. 209–218. Hier S. 211. (pdf). erhielt gemischte Kritiken: Während der Capotes Kurzgeschichten insgesamt eher skeptisch gesonnene US-Literaturkritiker Dan Schneider (* 1965) das Werk für „eine der wenigen frühen Erzählungen“ Capotes hielt, „die nicht schrecklich ist“,„one of the few early tales that is not awful“ – Dan Schneider: Book Review of „The Complete Stories of Truman Capote“. In: www.laurahird.com. Abgerufen am 11. Mai 2026. und die New York Times schrieb, der Erzählung enthalte „genug Herz, um einen Schlaganfall zu verursachen“„enough heart in them to cause a stroke“ – William Goyen: That Old Valentine Maker. In: The New York Times, 2. November 1958. Abgerufen am 11. Mai 2026. nannte das Literaturmagazin The Georgia Review die Erzählung nach dem gemeinsamen Erscheinen mit Frühstück bei Tiffany, worin Die Diamanten-Gitarre mit drei weiteren Zusatz-Erzählungen erschien, „das am wenigsten effektive Stück im Buch“.„the least effective piece in the book“ – Paul Levine: Breakfast at Tiffany’s. In: The Georgia Review. Jg. 13, Nr. 3 (fall), 1959, , S. 350–352. Hier S. 350. Deutschsprachige Textausgaben Die Diamantgitarre. In: Truman Capote: Baum der Nacht. Alle Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Kein & Aber, Zürich 2014. ISBN 978-3-0369-5920-7. S. 270–287. Die Diamanten-Gitarre. Übersetzung: Helen Ryhenstrath. In: Truman Capote: Die Stimme aus der Wolke. Stories und Porträts. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996. ISBN 3-499-22012-1. S. 37–58. Die Diamantengitarre. In: Frühstück bei Tiffany. Ein Kurzroman und drei Erzählungen. Limes-Verlag, Wiesbaden 1996. ISBN 3-8090-2412-0. S. 135–150. Die Diamanten-Gitarre. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 283–296. Die Diamanten-Gitarre. In: Truman Capote: Gesammelte Erzählungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970. ISBN 3-498-09054-2. S. 175–186. Die Diamanten-Gitarre. In: Truman Capote: Haus auf den Höhen. Ausgewählte Schriften. Limes-Verlag, Wiesbaden 1964. S. 134–146. Die Diamanten-Gitarre. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Ein Kurzroman und 3 Erzählungen. Limes-Verlag, Wiesbaden 1957. S. 153–172. Literatur Natalia Barranco: A Diamond Guitar. Translation and Analysis. (Masterarbeit.) West Virginia University, Morgantown WV 1999. (pdf). Weblinks Volltext (originalsprachig). Einzelnachweise Truman Capote: Die Diamanten-Gitarre. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 283–296.

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