mini|hochkant|Ethel Ayres Purdie Ethel Matilda Ayres Purdie (* 2. Oktober 1874 in Islington, London; † 26. März 1923 in Charing Cross, London) war eine englisch-britische Wirtschaftsprüferin (Chartered Accountant), Frauenrechtlerin und Feministin. Ayres Purdie war die erste in der Association of Chartered Certified Accountants zertifizierte Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin Großbritanniens. Sie engagierte sich für das Frauenwahlrecht, in der Women’s Tax Resistance League und gegen Frauen diskriminierende Steuerregelungen. Sie fungierte als Expertin für rechtliche, steuerliche und administrative Fragen für mehrere Frauenwahlrechtsvereine, für die sie die Buchhaltung führte.S. 5 f.
Leben Ayres Purdie war die älteste Tochter von Margaret Eleanor, geborene Tremeer (1851–1931), und Henry William Ayres (1847–1922), einem Werkzeugmacher für Werkzeuge zum Schneiden von Glasmalereien. Sie hatte zwei jüngere Schwestern, Mabel Elizabeth (1876–1935) und Margaret Henrietta (1879–1883). Über ihre frühen Lebensjahre ist nur wenig bekannt. Als junge Frau wurde sie Telegrafistin. Seit den 1870er Jahren beschäftigte die Royal Mail in großer Zahl junge Frauen ab vierzehn Jahren als billige Aushilfskräfte im Telegrafendienst. Die Gewerkschaft der Telegrafisten (Postal and Telegraph Clerks’ Association) suchte die Beschäftigung von Frauen einzuschränken, da damit das Lohnniveau gedrückt wurde.S. 5 f. Ayres Purdie kam in Kontakt mit der Gewerkschaftsbewegung und beteiligte sich im Jahr 1894 an einem erfolgreichen Arbeitskampf, bei dem gegen die Kürzungen des Staates bei den Renten der Telegrafistinnen protestiert wurde. Ayres Purdie war Teil des von der PTCA unterstützten Komitees, das erreichte, dass den Frauen, die wegen Heirat weit vor dem Rentenalter aus dem Arbeitsleben ausschieden, eine Rente bereits beim Ausscheiden ausgezahlt wurde.
Ayres Purdie gab die Stelle als Telegrafistin auf, nachdem sie am 16. Juni 1897 den Handelsreisenden Franck Sidney Purdie geheiratet hatte. Das Paar hatte zwei Kinder, doch entgegen den damaligen Normen schlug Ayres Purdie weiter eine berufliche Laufbahn ein. Sie studierte Buchhaltung an der Royal Society of Arts und legte 1906 ihre Abschlussprüfung mit Auszeichnung in Rechnungswesen bei der Londoner Handelskammer ab. Doch der Beruf war ausschließlich Männern vorbehalten, und es war ihr unmöglich, das notwendige Referendariat in einer Kanzlei zu absolvieren. Sie eröffnete 1907 oder 1908 ihre eigene Kanzlei mit den Leistungen, die ihr erlaubt waren, zunächst unter der Adresse ihres Vaters als Geschäftsadresse, später im Craven House in Kingsway.S. 7
Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin Da sie ohne Anerkennung durch einen Berufsverband nicht alle Funktionen einer Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin ausüben konnte, bewarb sie sich bei den beiden größten Verbänden im Vereinigten Königreich, dem Institute of Chartered Accountants in England and Wales und der Society of Incorporated Accountants and Auditors. Beide lehnten es ab, eine Frau in ihre Reihen aufzunehmen. Daraufhin wandte sie sich an den Privy Council und ersuchte eine Genehmigung zur selbstständigen Ausübung ihres Berufs. Die Genehmigung wurde verweigert. Den Vorschlag des Privy Council, eine Frauenorganisation zu gründen, verwarf sie als unrealistisch, da dafür mindestens elf Mitglieder benötigt worden wären.S. 8
Sie bewarb sich 1909 bei der London Association of Accountants (LAA), dem Vorgänger der Association of Chartered Certified Accountants (ACCA). Es handelte sich um einen neu gegründeten Berufsverband, der sich zum Ziel gesetzt hatte, die etwa 3000 bis 4000, meist aufgrund fehlender Praxiserfahrung in einem Referendariat, von anderen Organisationen abgelehnten Bewerber aufzunehmen, und der sich als offen und fortschrittlich verstand. Ayres Purdie verfügte über einen bedeutenden Kundenstamm und Praxiserfahrung, trotzdem wurde ihr Beitrittsgesuch am 14. Januar 1909 abgelehnt. Die LAA begründete die Ablehnung damit, dass sie eine Frau sei und dass sie sich offen für das Frauenwahlrecht einsetze. Dennoch erhielt sie die Erlaubnis, die Bibliothek zu nutzen und an den Vorträgen teilzunehmen. Dank der Beharrlichkeit des Präsidenten, des Liberalen Henry A.G. Lewis, wurde sie schließlich am 13. Mai 1909 doch aufgenommen und war damit die erste Britin, die die Zulassung als Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin erhielt. Beim jährlichen Abendessen der LAA in 1909 wurde „The Lady“, wie sie genannt wurde, mit der Tischrede betraut.S. 8–10.
mini|400px|„Sind Sie sicher, dass Sie nicht zu viel Steuern an John Bull zahlen? Wir haben für Steuerzahlerinnen bereits große Summen zurückerhalten oder eingespart.“ Anzeige von Ayres Purdie in The Vote, 1913. Ayres Purdie baute auf ihren vordergründigen Nachteilen, eine Frau und zudem eine bekennende Frauenrechtlerin zu sein, ihr Geschäft auf. Sie nannte ihre Kanzlei Women Taxpayers’ Agency, was schon mit Bick auf die generelle Rechtslage provokativ war. Sie schaltete auf weibliche Steuerzahlerinnen gerichtete Anzeigen in Publikationen der Frauenwahlrechtsvereine wie Common Cause, Votes for Women und The Vote.S. 8–10 Ihre Anzeigen waren von Ironie geprägt, was die Diskriminierung von Frauen betraf, die steuerlich ihrem Ehemann unterworfen waren.§ 27–28 Eine ihrer Anzeigen in The Vote vom 24. Dezember 1908 endete mit dem Satz: „Kinder, verheiratete Frauen und Geisteskranke haben keinen Anspruch.“§ 64–65 Sie beriet auch bei Immobilienverkäufen, Erbschaftssteuerfragen, Versicherungsverträgen und anderem (all business of legal or financial nature). Ihr Unternehmen war erfolgreich und ihre Kanzlei wuchs, sodass sie schließlich mehrere Mitarbeitende beschäftigte. Sie stellte für fünf Jahre Nora Laughton als Referendarin ein, die damit die erste Frau wurde, die bei einer Frau ausgebildet wurde.S. 11–14
Als 1912 Suffragetten bei militanten Protesten Schaufenster von Büros und Geschäften in ihrem Viertel einwarfen, forderten ihr Vermieter und andere Mieter ihres Gebäudes sie auf, den Bezug auf Frauen aus ihrem Firmennamen und -schild zu entfernen. Sie musste die Büroräume wechseln.
Ayres Purdie arbeitete für die wichtigsten britischen Organisationen der Frauenwahlrechtsbewegung als Rechnungsprüferin und Finanzberaterin. Ihr Büro befand sich vor ihrem Umzug in unmittelbarer Nachbarschaft zum Holborn Restaurant, einem Treffpunkt der Suffragetten. Sie prüfte die Konten der Women’s Social and Political Union (WSPU), und zwar auch noch, nachdem sie an der Gründung der Women’s Freedom League (WFL) mitgewirkt hatte, einer gewaltfreien Abspaltung von der WSPU, die sich auf zivilen Ungehorsam konzentrierte und der Labour Party näher stand. Sie prüfte die Konten der WFL und ihres Verlags Minerva Publishing Ltd. Außerdem beriet sie Sylvia Pankhursts East End Federation of Suffragettes, nachdem diese aus der WSPU ausgeschlossen worden war. Nach dem Ersten Weltkrieg prüfte sie die Konten der International Women’s Suffrage Alliance (IWSA) in London. Sie arbeitete auch für Gewerkschaften, als Rechnungsprüferin der Association of Women Clerks and Secretaries und des National Fund for Nurses, mit der Women’s Trade Union League, für Kliniken und für Anbieter von privaten Geburtsvorbereitungskursen. Sie leistete bei diesen Organisationen wertvolle Arbeit, hauptsächlich weil sie die Buchhaltungen professionalisierte, die oft schlecht geführt und kaum geprüft wurden. In einem Brief an die Schatzmeisterin der IWSA formulierte sie, die größte Schwäche der IWSA und anderer Organisationen sei „die Unfähigkeit, richtig zu rechnen, was zweifellos auf mangelnde Übung in der Schule zurückzuführen sei“.S. 10–17
Women’s Tax Resistance League Die Weigerung, Steuern zu zahlen, war neben der Weigerung, sich beim zehnjährigen Zensus 1911 erfassen zu lassen, eines der prominentesten Mittel des zivilen Ungehorsams der Wahlrechtsaktivistinnen. Sie erfolgte im Namen eines der Grundprinzipien der angelsächsischen liberalen Demokratie, No taxation without representation.§ 8 Die Aktivistinnen organisierten bei jeder Verhaftung, jeder Beschlagnahmung von Eigentum und jedem Gerichtstermin einer ihrer Mitstreiterinnen Demonstrationen. 1906 erregte Dora Montefiore, später Mitglied der WFL, die Aufmerksamkeit der Presse, indem sie sich sechs Wochen lang in ihrem Haus verbarrikadierte, um den Gerichtsvollziehern den Zutritt zu verwehren.
1909 gründeten die überwiegend aus der WFL stammenden Steuerverweigererinnen, die Women’s Tax Resistance League (WTRL). Ayres Purdie, die bereits seit 1908 keine Steuern mehr zahlte, wurde eine der führenden Persönlichkeiten der WTRL. Sie war Gründungsmitglied, Vorstandsmitglied und Buchhalterin, und ihr steuerliches Fachwissen war entscheidend für die Ausarbeitung der Positionen und Strategien der WTRL. Treffen fanden in ihrem Büro statt. Sie setzte sich für WTRL-Mitglieder ein, denen eine Geld- oder Gefängnisstrafe drohte, vertrat sie vor Gericht und schrieb in ihrem Namen an Politiker.§ 29
Unter ihrem Einfluss widmete sich die WTRL als zweitem Hauptanliegen dem Kampf um die Anerkennung verheirateter Frauen als Steuerpflichtige durch die Steuerverwaltung. Dem Income Tax Act 1842, dem maßgeblichen Steuergesetz für eine dauerhaft wiedereingeführte Einkommenssteuer, lag zugrunde, dass verheiratete Frauen kein Einkommen in eigenem Namen erzielen und daher auch nicht besteuert werden konnten. Verheiratete Frauen waren mit dem Married Women’s Property Act 1870 und 1882 zwar wieder Besitzerinnen ihres eigenen Vermögens geworden, in der Vorlage für die Steuererklärungen wurde das aber nicht berücksichtigt. Sie wies einseitig den alleine steuerpflichtigen Ehemännern zu, die Steuererklärung der Eheleute auszufüllen und Steuern zu zahlen (eine Situation, die bis Ende der 1980er Jahre andauern sollte). Darüber hinaus protestierte die WTRL gegen das Ungleichgewicht im Steuersystem, wonach eine verheiratete Frau stärker besteuert wurde als eine unverheiratete.S. 18
Auf Ayres Purdies Initiative hin beantragte die WTRL 1910 ein Gespräch mit dem Schatzkanzler David Lloyd George, das schließlich am 13. Juni 1913 stattfand. Zu den sieben Delegierten der WTRL gehörten Lena Ashwell und Ayres Purdie. Lloyd George räumte ein, dass die Behandlung der Frauen eine „rechtliche Demütigung“ darstelle, weigert sich jedoch, ihren Forderungen nachzukommen. Eine getrennte Besteuerung von Frauen sei technisch zu schwierig und würde der Krone einen Verlust von 1,5 Millionen Pfund verursachen.S. 27
Eine weitere Widersprüchlichkeit im System war, dass in vielen Fällen die Einkommensteuer von Frauen rechtswidrig direkt an der Quelle einbehalten wurde. Ayres Purdie ermutigte verheiratete Frauen, die Rückerstattung dieser Beträge zu fordern, und vertrat sie in vielen Fällen erfolgreich gegenüber der Steuerverwaltung. In einem konkreten Fall einer Alice Burns erreichte sie die vollständige Steuerbefreiung mit der Begründung, dass der Ehemann, der laut Gesetz allein Steuerpflichtige, in Neuseeland wohne. Bei der Anhörung vor dem Steuerkommissar wurde Ayres Purdies gedrängt, nachzuweisen, dass das Paar noch eine eheliche Beziehung unterhielt, was sie tat, indem sie Liebesbriefe mit explizitem Inhalt vorlegte.S. 20–23
Lebensende Während des Ersten Weltkriegs stellte sie ihre politischen Aktivitäten und einen Teil ihrer beruflichen Tätigkeiten vorübergehend ein, um einen Beitrag zu den Kriegsanstrengungen zu leisten. Sie prüfte die Konten der Women’s Auxiliary Force, in der Frauen ehrenamtlich Spenden sammelten und Kriegsverletzten Hilfe leisteten.S. 13