mini|Doris Lessing (1984) Martha Quest ist der Titel des 1952 publizierten ersten Teils des fünfbändigen Kinder der Gewalt-Zyklus’ von Doris Lessing. Die Geschichte spielt in einer südafrikanischen englischen Kolonie in den 1930er Jahren und handelt von der Orientierungs- und Selbstfindungsphase der Hauptfigur zwischen ihrem 15. und ihrem 19. Lebensjahr und ihrer Auseinandersetzung mit den Normen der Gesellschaft. Die deutsche Übersetzung von Karin Kersten und Iris Wagner erschien 1981.

Inhalt Überblick Martha Quest erzählt im ersten Buch ihrer Pentalogie in einem kritischen Rückblick die Geschichte ihrer zwischen Anpassung und Widerspruch schwankenden Identitätssuche in den 1930er Jahren in einer südafrikanischen englischen Kolonie. Sie lernt in der Zeit ihrer Pubertät durch Lektüren und Gespräche mit Freunden sozialistische Ideen kennen und beobachtet kritisch die Normen ihrer Eltern und der benachbarten Farmer, deren konforme Lebensweise sie beengt. Deshalb zieht die 17-Jährige 1938 auf der Suche nach ihrer Emanzipation und beruflichen Entwicklung in die Hauptstadt und arbeitet dort in einer Anwaltskanzlei. In der neuen Umgebung wiederholt sich jedoch trotz ihren größeren persönlichen Spielräumen ihre Unzufriedenheit: Ihre Freizeit verbringt sie meist mit ihren Freunden und Freundinnen im Sportklub der weißen Oberschicht. Deren Lebensweise empfindet sie als oberflächlich und den schwarzen Dienern und Juden gegenüber als arrogant, doch kann sie sich nicht aus dieser Clique lösen, obwohl sie ihre politischen Ansichten besser im „Linken Buchklub“ diskutieren könnte. So schwankt sie unsicher zwischen Anpassung und Kritik. Auch ihre in Opposition zum Antisemitismus des Klubs mitleidig eingegangene Affäre mit dem Juden Adolph King hält sie nicht durch und sie beginnt euphorisch eine Beziehung mit dem 30-jährigen Regierungsbeamten Douglas Knowell, in dessen liberalen Ansichten sie anfänglich eine Gemeinsamkeit sieht. Obwohl sie bald merkt, dass die Bürgerlichkeit ihres Verlobten im Widerspruch zu ihren sozialistischen Gedanken steht und sie zunehmend Bedenken über ihre Zukunft hat, heiratet sie ihn.

Teil eins „Ich bin dessen so überdrüssig und der Zukunft ebenfalls noch ehe sie da ist.“ (Olive Schreiner)

Im ersten Teil des Romans wird Marthas (Mattys) Orientierungsphase zwischen ihrem 15. und ihrem 18. Lebensjahr erzählt. Sie hat ihre Schulausbildung abgebrochen und lebt in Farmhaus ihrer Eltern in einer britischen Kolonie in Südafrika.Beschreibungen der Landschaft und der weißen Siedler, die Spannungen mit den holländischen Farmern und die Hinweise auf die Burenkriege erinnern an Südrhodesien, heute Simbabwe. Die Zeitung „Zambesia News“ verweist auf die ehemalige Provinz South Zambesia, im heutigen Simbabwe, mit der Hauptstadt Salisbury. Das entspricht auch den Bezügen zur Biographie der Autorin: Familie, Alter, Ehe usw. Mit den Kindern der benachbarten Farmersfamilien hat sie nur oberflächliche Kontakte. Ihre geistigen Freunde sind die beiden Söhne des jüdischen Händlers Cohen im wenige Meilen entfernten kleinen Dorf an der Bahnstation zur Hauptstadt. Joss und Solly haben eine eigene Bibliothek und bereiten sich auf das Studium der Medizin bzw. Jura in Kapstadt vor. Sie leihen Martha Bücher aus, belehren sie und sie schließt sich den von ihnen vertretenen Ideen an: Sozialismus, Atheismus, Gleichheit aller Menschen, Verurteilung der Rassendiskriminierung und nationalistischer Vorurteile. Mit diesen Gedanken beobachtet sie die weiße Gesellschaft mit ihren traditionellen Lebensformen und der Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, ihrem teils versteckten Antisemitismus, ihrer Geringschätzung der einheimischen schwarzen Diener und Landarbeiter und den Spannungen zwischen den holländischen und den britischen Siedlern.

Mit dieser gesellschaftlichen Umwelt, aber auch mit ihrer eigenen Position und den mangelnden Alternativen als Mädchen ohne Ausbildung ist Martha unzufrieden (Buch I, Kap. 1). Sie ist auf der Suche nach einer eigenen Lebensperspektive und nach einem Weltbild. Einerseits hat sie agnostische bzw. atheistische Gedanken und lässt sich nicht konfirmieren, andererseits fasziniert sie die Landschaft und der Himmel ihrer Heimat und sie macht mystische Naturerfahrungen. So erfasst sie auf einer Wanderung durch das Veld ein universales Gefühl und sie glaubt, ihr Körper werde von irdischen und transzendenten Kräften besetzt.

Ihre Frustration richtet sich v. a. gegen ihre Eltern: Alfred und May Quest sind mit einer Illusion vom plötzlichen Reichtum nach Südafrika gekommen. Stattdessen leben sie bescheiden und verschuldet inmitten ihrer Maisplantage in einem für einen kurzzeitigen Aufenthalt gebauten Haus, einem baufälligen Provisorium. Der mit den Fronterlebnissen als Captain im Ersten Weltkrieg belastete, hypochondrische Vater ist gesundheitlich nicht stabil und engagiert sich deshalb nicht mit voller Kraft in der Landwirtschaft. Die Mutter hat enge, traditionelle Vorstellungen und träumt von ihrer Rolle in der höheren englischen Gesellschaft. Sie achtet auf den Ruf ihrer Tochter und möchte ihre körperliche Entwicklung durch die Kleidung verbergen und sie erst als 18-Jährige junge Frau in die Gesellschaft einführen. Martha wehrt sich gegen ihre Bevormundung und schneidert sich im Streit mit der Mutter körperbetonende Kleider und ein Ballkleid für ihren ersten Tanzabend (I, 3) selbst.

Die Nachbarn der Quests sind konventionell denkende Farmer, deren Töchter bereits als Kinder ihre Ehe planen. Martha möchte sich dagegen nicht schon als junge Frau an einen Mann und Kinder binden, ihr fehlen jedoch die Alternativen und sie hat keine realistischen Zukunftspläne. Im Gegensatz zu ihrem Bruder Jonathan hat sie keinen Schulabschluss und trotz ihren privaten Lektüren keine Qualifikation für eine Universität. Aus Büchern erfährt sie einiges über Entwicklungspsychologie und Soziologie und sie macht sich Gedanken über ihren Spielraum, über ihre Determination, die Prägung durch die Familie und das Milieu sowie ihre Freiräume. Im Gegensatz zum angepassten und überall beliebten Bruder kritisiert sie ihre Eltern und nimmt prinzipiell Gegenpositionen ein: pazifistisch stellt sie sich Alfreds Soldatenpflicht gegenüber, sie widerspricht der Auffassung ihrer Eltern vom britischen Nationalbewusstsein, vom „internationalen Judenklüngel“, von der Minderwertigkeit der eingeborenen „Kaffer“ und nimmt sogar einmal den als Emporkömmling geschmähten Hitler in Schutz.

Als Ausweg aus ihrem Dilemma greift Martha den Vorschlag von Joss auf, ihr eine Anstellung in der Anwaltskanzlei seiner Verwandten Jasper und Max Cohen in der Stadt zu vermitteln.

Teil zwei „Das Schlimmste an einer Frau ist, dass sie erwartet, dass man sie liebt oder so tut, als liebe man sie.“ (Baron Corvo)

Die in den Romanteilen 2 bis 4 erzählte Haupthandlung erstreckt sich über ein knappes Jahr. Martha fühlt sich in der Stadt von den Vorschriften ihrer Mutter befreit und hat die Hoffnung, selbständig ihre Identität zu entwickeln. Sie verstrickt sich jedoch in persönliche und gesellschaftliche Abhängigkeiten und leidet an ihren eigenen Widersprüchen und Selbstüberschätzungen. Die „Wurzel dieser ganzen Unzufriedenheit“ sieht sie in dem Gedanken, dass sie etwas „verdient“, was „das Leben ihr vorent[hält]“.Doris Lerssing: Martha Quest. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 275. Durch ihre Cohen-Beziehungen erhält die 18-Jährige sofort eine Stelle in der Kanzlei und mietet in der Stadt ein Zimmer in der Wohnung Mrs. Gunns (II, 1). Als sie ein Manuskript mit der Maschine abschreiben soll, bemerkt ihr Chef, dass sie keine Qualifikation dafür hat. Er empfiehlt ihr, die Abendschule im Polytechnikum für Stenographie und Schreibmaschine zu besuchen, und setzt sie einstweilen als Aktenordnerin ein (II, 2).

Am selben Tag besucht sie der attraktive Donovan Anderson, der Sohn einer Freundin ihrer Mutter, die sich verpflichtet fühlt, sich um das in der Stadt unerfahrene Mädchen zu kümmern. Donovan ist ein junger Beamter, fährt einen kleinen offenen Wagen, tritt selbstbewusst im Sportklub auf und führt sie in das Stadtleben der jungen Leute ein. Er dominiert sogleich ihre Beziehung und bietet ihr seine Freundschaft an. Sie lässt sich von ihm führen und wird in der Gesellschaft „sein Mädchen“. Einer Liebesbeziehung weicht er jedoch aus.

Teil drei „Im Leben der meisten Frauen wird am Ende alles, sogar der größte Kummer , zu einer Frage des ‚Anprobierens‘“. (Proust)

Joss möchte das Entwicklungsprogramm für Martha weiterführen und arrangiert für sie eine Verbindung mit dem „Linken Buchklub“. Sie nimmt an einer Teegesellschaft teil, fühlt sich aber von deren Mitgliedern ausgefragt und bevormundet und setzt die Zusammenarbeit nicht fort. Stattdessen geht sie mit Donovan täglich in den Sportklub.

Damit beginnt für Martha eine neue Phase ihres Lebens (III, 2): Sie besucht täglich von fünf bis sieben Uhr die Kurse des Polytechnikums, absolviert in einigen Wochen die Abendschule erfolgreich und wird im Büro wieder befördert. Nach ihren Kursen trifft sie sich mit Donovan zum „Dämmerschoppen“ und verbringt ihre Freizeit, wie andere Unverheiratete, im Sportklub. Es ist der Verein der privilegierten Weißen: Beamte und Geschäftsleute, junge Sportler und ihre Mädchen, die bis zu ihrer Heirat in einem Büro arbeiten (III, 1). Mit viel Alkohol, Tanz und Unterhaltung bis in die Nacht hinein feiern sie ihr Leben, um nach wenigen Stunden Schlaf zur Arbeit zu gehen.

Nach einigen Wochen ist Martha von den lockeren, kameradschaftlichen Beziehungen der jungen „Wölfe“ des Sportklubs enttäuscht. Es ist nicht ihre geistige Welt und sie fühlt wieder ihre alte Melancholie und die heftigen Stimmungswechsel, „als wohnten ein halbes Dutzend völlig verschiedene Menschen in ihrem Körper und hassten einander wild, […] verbunden nur durch eins, eine starke, sehnsüchtige Regung, anonym, unpersönlich, formlos wie Wasser.“Doris Lerssing: Martha Quest. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 238. Alles erscheint ihr banal. Sie leidet „im Grunde an der Art moralischer Erschöpfung, die daher rührt, dass man eine Menge Fakten sieht, ohne ihre Ursache zu erkennen, dass man sich selbst als isolierten Menschen sieht, als Menschen ohne Woher und Wohin.“ Doch da die eigentliche Bedingung für ihre Rebellion, da „ihr wahres Sein dieser treibende Individualismus“ ist, weiß sie nicht, was sie anders machen könnte und so geht sie weiter zum Dämmerschoppen, nach einiger Zeit nicht mehr mit Donovan, sondern mit ihrem neuen Freund Perry.Doris Lessing: Martha Quest. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 274. Aber diese oberflächliche Freundschaft dauert nicht lange und zugleich endet ihre Bindung an den „Sportklubklüngel“.