mini|Römische Sicherung der Rheingrenze Die Liste von Grabinschriften römischer Militärangehöriger in den Provinzen Germania inferior und Germania superior führt militärische Grabdenkmäler aus römischer Zeit auf, sofern darauf der Name des Verstorbenen festgehalten ist. Die auf diese Weise erfassten Namen sind nur ein Teil der epigraphisch überlieferten Namen von Legions- und Auxiliarangehörigen in den römischen Provinzen Ober- und Niedergermanien; weitere Personen sind zum Beispiel als Auftraggeber der Grabsteine oder als Stifter von Weihealtären bekannt.
Die Provinzen Ober- und Niedergermanien
Im Grenzgebiet am Rhein waren starke römische Heereseinheiten stationiert. Westlich des Niederrheins, in Gebieten der heutigen Niederlande, Deutschlands und Belgiens, lag seit Augustus ein Heeresbezirk, aus dem im späten 1. Jahrhundert die Provinz Germania inferior entstand. In der Nähe der großen Truppenstandorte wie Vetera (bei Xanten) und an den Ausfallstrassen vor der Provinzhauptstadt Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) lagen Friedhöfe verstorbener Militärangehöriger.Stefan Neu: Römische Gräber in Köln. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Ein Land macht Geschichte. Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Zabern, Mainz 1995, ISBN 3-8053-1793-X, S. 265–268. Bei einer Verwaltungsreform in der Spätantike wurde aus der Germania inferior die Provinz Germania secunda gebildet.
Die Provinz Germania superior (Obergermanien) bestand ebenfalls seit dem späten 1. Jahrhundert als Verwaltungseinheit südlich der Germania inferior. Sie umfasste Teile der heutigen Schweiz, Frankreichs und des südwestlichen Deutschlands und mit dem Dekumatland bis im späten 3. Jahrhundert auch rechtsrheinisches Gebiet. Legionen waren in der Provinzhauptstadt Mogontiacum (Mainz), in Argentoratum (Straßburg) und zeitweise in Vindonissa (Windisch) und Hilfstruppen am obergermanischen Limes stationiert. In der Spätantike wurde die Provinz in die Germania prima im Norden und die Maxima Sequanorum im Süden geteilt. Das Gebiet in der heutigen Ostschweiz und nordöstlich des Bodensees lag in der römischen Provinz Raetia.
Die Grabinschriften römischer Militärangehöriger gehören zu den wichtigsten schriftlichen Quellen für die Militärgeschichte der beiden Provinzen vom 1. bis zum 4. Jahrhundert.Jürgen Kunow: Die Militärgeschichte Niedergermaniens. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 27–109.Marion Witteyer und Peter Fasold (Hrsg.): Des Lichtes beraubt. Totenehrung in der römischen Gräberstraße von Mainz-Weisenau. Ausstellungskatalog. Wiesbaden 1995, ISBN 3-88270-327-X
Auffindung und Erhaltung Viele Grabsteine wurden schon in der Spätantike verschleppt und zweckentfremdet. Und auch im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit waren römische Steindenkmäler mit oder ohne Inschriften oder Reliefs willkommenes Baumaterial. Sie blieben im günstigsten Fall als Spolien in jüngeren Bauwerken erhalten.Johannes Lipps: Die Mannheimer Sammlungen römischer Steindenkmäler. In: Johannes Lipps, Stefan Ardeleanu, Jonas Osnabrügge, Christian Witschel (Hrsg.): Die römischen Steindenkmäler in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Verlag Regionalkultur, Mannheim 2021, S. 11.
Im 16. Jahrhundert interessierten sich Humanisten für römische Inschriften. Beispielsweise rahmte der Kartograph Arnold Mercator seine Kölner Stadtansicht von 1570 mit Ansichten von „Kölner Altertümern“ (antiquitates Coloniae), darunter Grabdenkmäler, und verwies damit auf die römische Vergangenheit der Stadt. Humanisten kopierten die Texte der ihnen bekannten Römersteine. Ihre Zeichnungen der Reliefs, die als Kupferstiche Verbreitung fanden, näherten die Legionäre optisch zwar Landsknechten an, geben aber doch einen Eindruck der antiken Darstellungen. Denn oft sind die Steindenkmäler, die im 16. und 17. Jahrhundert entdeckt wurden, nicht mehr erhalten.
Im späten 16. Jahrhundert wurden die ersten Sammlungen römischer Altertümer angelegt, die die humanistische Bildung ihrer Besitzer zur Schau stellen sollten. Die größte derartige Sammlung im Rheinland trug Graf Hermann von Manderscheid-Blankenheim für seinen Antikengarten auf Burg Blankenheim in der Eifel zusammen.Die Antikensammlung der Grafen von Manderscheid-Blankenheim Ihr Bestand schmolz im 18. Jahrhundert zusammen; nur Reste gelangten in die Sammlung Wallraf (Köln) und ins Provinzialmuseum Bonn.
Das römische Mainz (Mogontiacum) war von Gräberfeldern umgeben. Bereits 1731 wurde eine Gruppe römischer Grabsteine bei Straßenbauarbeiten vor dem Gautor freigelegt. Im Auftrag von Kurfürst Karl Theodor wurden für die 1763 gegründete Kurpfälzische Akademie der Wissenschaften in Mannheim zahlreiche römische Steindenkmäler in Mainz erworben. Einige der 1731 gefundenen Mainzer Steine sowie andere, über deren Auffindung keine genaueren Informationen vorhanden sind, befinden sich seit 1766 in Mannheim.Johannes Lipps: Die Mannheimer Sammlungen römischer Steindenkmäler. In: Johannes Lipps, Stefan Ardeleanu, Jonas Osnabrügge, Christian Witschel (Hrsg.): Die römischen Steindenkmäler in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim. Verlag Regionalkultur, Mannheim 2021, S. 14 f.
Nachdem französische Revolutionstruppen 1794 das linke Rheinufer besetzt hatten, beschlagnahmten Kommissare Kunstwerke und Bücher und brachten sie nach Paris. In Köln war das Zeughaus besonders betroffen, wo mehrere römische Grabsteine konfisziert wurden.Max Braubach: Verschleppung und Rückführung rheinischer Kunst- und Literaturdenkmale 1794 bis 1815/16. In: Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein, Band 176 (1974), S. 93–153, hier S. 98.
Im 19. Jahrhundert kamen immer wieder einzelne römische Grabsteine bei Ausschachtungen für Neubauten in den Vororten der expandierenden Städte zutage. Auch bei Kanalarbeiten stieß man auf Grabmale. Manchmal kamen ganze Gruppen von Grabsteinen ans Licht: Bei einer gezielten Grabung in Mainz-Zahlbach wurden ab 1804 über 60 Grabsteine entlang der Heerstraße Richtung Alzey aufgefunden. Fast alle gelangten ins Mainzer Altertumsmuseum (heute Landesmuseum Mainz). Als von 1840 bis 1842 am Wiesbadener Kranzplatz die Fundamente eines spätantiken Gebäudes freigelegt wurden, stieß man auf zahlreiche römische Soldatengrabsteine, die dort nebeneinander mit der Reliefseite nach unten in Sekundärverwendung vermauert worden waren. Diese Grabsteingruppe gelangte in die Sammlung Nassauischer Altertümer und befindet sich heute im Stadtmuseum Wiesbaden.Marion Mattern: Die römischen Steindenkmäler des Stadtgebiets von Wiesbaden und der Limesstrecke zwischen Marienfels und Zugmantel, Mainz 1999, S. 13. In der Umgebung des Legionslagers von Vindonissa im Schweizer Kanton Aargau kamen beim Bau der ersten Eisenbahnlinie 1856 mehrere römische Soldatengrabsteine zum Vorschein.Regine Fellmann Brogli, Regula Frei-Stolba, Thomas Kahlau, Andrew Lawrence, Philippe Rentzel, Ulrich Stockinger, Jürgen Trumm: Die Steininschriften von Vindonissa. Kantonsarchäologie Aargau, Brugg 2024, S. 70.
Die Inschriften Die Liste enthält Grabinschriften, die verstorbene römische Militärangehörige mit dem Personennamen kennzeichnen. Nicht aufgenommen sind Grabmale, auf deren heute noch vorhandenen Fragmenten kein Name steht. Römische Bürger trugen einen dreiteiligen Namen (tria nomina), der auf den Inschriften aber manchmal nicht vollständig ist. Bei frühen Legionärsgrabsteinen fehlt oft das Cognomen. Die peregrini, die in den Auxiliareinheiten dienten, wurden inschriftlich oft mit Namen und Vatersnamen bezeichnet, zum Beispiel Adbogius Coinagi f(ilius) (Adbogius, der Sohn des Coinagus).
Die Grabmale als Träger der Grabinschriften haben verschiedene Formen. Es gibt einfache Inschriftentafeln auf Steinplatten, die vielleicht ursprünglich an Bauwerken befestigt waren, hochformatige Stelen, die ähnlich wie heutige Grabsteine frei auf dem Boden standen und neben den Inschriften dekorative Elemente tragen konnten, und selten auch aufwändige Grabdenkmäler wie das turmartige Monument des Veterans Lucius Poblicius Modestus.Hermann Krüssel, Josef Gens: Das Poblicius-Denkmal – Köln in augusteischer Zeit. Mainz-Verlag. Aachen 2017 Typologische Ausnahmen in der vorliegenden Liste sind die Inschriften auf den Sarkophagen des Soldaten Aurelius AlexanderOtto Hirschfeld, Karl Zangemeister: Corpus Inscriptionum Latinarum. Bd. 13.1. Berlin 1905, S. 365. und des Cornicularius Gaius Iulius Flavianus.Otto Hirschfeld, Karl Zangemeister: Corpus Inscriptionum Latinarum. Bd. 13.1. Berlin 1905, S. 366. Die Texte sind nach römischer Gewohnheit in der Schrift Capitalis monumentalis gestaltet, wobei die Qualität der Ausführung sehr unterschiedlich ist. Die Grabinschriften enthalten zur Platzersparnis zahlreiche standardisierte Abkürzungen und Ligaturen.
Mit den erwähnten Namen der römischen Heereseinheiten sind die Grabinschriften eine der Hauptquellen für die Geschichte der Legionen und anderer Truppen. Die Auswahl in der Liste belegt die zeitweilige Stationierung der Verbände in den römischen Provinzen.
Die meisten Grabinschriften können nicht direkt nach der römischen oder der christlichen Zeitrechnung datiert werden. Nur in Einzelfällen beziehen sich die Inschriften auf ein bekanntes historisches Ereignis wie im Fall des Marcus Caelius, der laut dem Text auf seinem Grabstein in der Varusschlacht (9 n. Chr.) starb.Hanns Gabelmann: Die Typen der römischen Grabsteine am Rhein. In: Bonner Jahrbücher. Band 72. 1972. S. 65–140. S. 73ff. Für viele Inschriften wird die Entstehungszeit aufgrund der Geschichte der militärischen Einheiten oder nach anderen Indizien eingegrenzt. So kommt (gemäß EDCS) für die Entstehung mehrerer Grabmale aus Mainz die Zeit zwischen dem Jahr 13 v. Chr. (terminus post quem), als die 14. und die 16. Legion den neuen Truppenstandort am Rhein bezogen, und dem Jahr 43 nach Christus (terminus ante quem), als die 14. Legion an der Eroberung von Britannien teilnahm und die 16. nach Neuss (Novaesium) in Niedergermanien verlegt wurde, in Frage.
Liste der Grabinschriften Erläuterung der Tabellenspalten: Inschrift: Identifikation der Inschrift, in der Regel durch die Nummer im Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) oder in der Zeitschrift Année Épigraphique (AE). Der Link führt zur Epigraphik-Datenbank Clauss-Slaby (EDCS), die den Inschriftentext auflöst und Bilder der Monumente zeigt. Bild: Darstellungen der Inschriften oder Grabmäler bzw. ihrer Fragmente. Datierung: Gesicherte oder mögliche zeitliche Einordnung gemäß EDCS, aufgrund von Indizien in den Inschriften (negative Zahlen stehen für Jahre im 1. Jahrhundert v. Chr.). Name: Name des Verstorbenen gemäß Inschriftentext. Alter: Alter des Verstorbenen, gemäß Angaben in der Inschrift (nach EDCS). Dienstjahre: Absolvierte Dienstzeit, gemäß Angaben in der Inschrift (nach EDCS). Einheit, Funktion: Einteilung und Funktion in Truppen der römischen Armee oder sozialer Rang des Verstorbenen, gemäß Angaben in der Inschrift. Herkunft: Ethnie, Stadt oder Civitas, aus welcher der Verstorbene stammte, gemäß Angaben in der Inschrift. Fundort: Ortschaft oder Lokalität, wo das Grabmal entdeckt wurde. Jahr: Fundjahr der Inschrift; bei älteren Objekten, deren Fundjahr unbekannt ist, Jahr der Ersterwähnung in der Literatur. Aufbewahrungsort: Institution mit dem heutigen Standort des Grabmals und Ort; heute nicht mehr auffindbare Stücke sind als «verschollen» bezeichnet.