Der Rektifizierte Schottische Ritus (RSR) ist ein christlich orientiertes hierarchisches Lehrsystem der Freimaurerei, das 1779 ins Leben gerufen wurde und wesentliche martinistische Elemente enthält. Es ist das älteste durchgängig arbeitende freimaurerische Hochgradsystem und ging aus der seit 1751 etablierten Strikten Observanz hervor.

Geschichte mini|hochkant|Karl Gotthelf von Hund und Altengrotkau Die Strikte Observanz hatte ab Mitte des 18. Jahrhunderts die meisten deutschen und eine Vielzahl europäischer Freimaurerlogen ihrem Einfluss unterworfen. Als Grundgedanken enthielt sie einen starken Bezug zum Templerorden und umfasste zuletzt ein System von sieben Graden, von denen die Rituale für die ersten vier aus Frankreich und für die höchsten drei von Karl Gotthelf von Hund und Altengrotkau (1722–1776) stammten. Diese Grade nannten sich: (1) Lehrling, (2) Geselle, (3) Meister, (4) Schotte, (5) Novize, (6) Tempelritter und (7) Eques professus.Fr. Uhlmann: Die große Werklehre der Freimaurerei. Ernst Heinrich Moritz Verlag, Stuttgart 1931. Die Gesamtheit der Mitglieder war in 12 Ordensprovinzen eingeteilt, wobei diese administrative Struktur territorialen Grundsätzen folgte. Anfang der 1770er Jahre befand sich die Strikte Observanz aus einer Vielzahl von Gründen jedoch im Niedergang, an dem auch ihre weite Verbreitung in Europa und ihr großer Einfluss in freimaurerischen Kreisen nichts mehr zu ändern vermochte. 1772 sollte sie auf dem "Konvent von Kohlo" mit dem Klerikalen System vereinigt werden, zu einer tatsächlichen Verschmelzung der beiden Systeme kam es aber nie.

mini|hochkant|Jean-Baptiste Willermoz Im Spätherbst 1778 befaßte sich der "Convent National des Gaules" in Lyon unter der Führung von Jean-Baptiste Willermoz mit dem Zustand der Strikten Observanz. Willermoz hatte 1760 die "Grand Loge des Maîtres Réguliers de Lyon" gegründet, die 1774 mit allen ihren Logen der Strikten Observanz beigetreten war. Der "Convent National des Gaules" faßte den Entschluss, die Strikte Observanz in wesentlichen Punkten neu zu formieren.Präfektur Wilhelmsbad im Unabhängigen Großpriorat von Helvetien: Die Geschichte des RSR (online), abgerufen am 10. Mai 2026. Die Rolle der Templerlegende wurde abgeschwächt, zudem stellten sie die Strikte Observanz auf ein System von sechs Graden um, das aus den drei Johannisgraden, dem 4. Grad (Andreasmeister) sowie einem Inneren Orden mit dem 5. und 6. Grad bestehen sollte. Die Rituale sämtlicher Grade wurden reformiert ("rektifiziert") und die martinistischen Lehren von Martinez de Pasqually übernommen, nachdem Willermoz das Vertrauen von Karl von Hessen-Kassel und Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (zwei der wichtigsten deutschen Freimaurer ihrer Zeit) gewonnen hatte. Auf dem Konvent der 5. Ordensprovinz Burgund 1779 traten die Logen der "Grand Loge des Maîtres Réguliers de Lyon" aus der Strikten Observanz aus.

Um die Zukunft der Strikten Observanz zu sichern und weiteren Zerfall zu verhindern, kamen 1782 die 35 Vertreter ihrer Ordensprovinzen in Wilhelmsbad bei Hanau zum "Wilhelmsbader Konvent" zusammen. Im Sinne einer grundlegenden Reform wurde die Legende der Abstammung der Freimaurerei vom Templerorden als unhistorisch verworfen und durch eine geistig verstandene Ritterschaft ersetzt, die den Idealen der Templer nacheifern wollte. Ferner wurden die Willermoz'schen Reformen von Lyon vom Spätherbst 1778 (siehe oben) auf alle unter der Strikten Observanz arbeitenden Logen ausgeweitet. Johann Christoph Bode bezeichnete die bisher im Ritual der Strikten Observanz verankert gewesenen "Unbekannten Oberen" als Erfindung von Johann Christian Schubart und bewirkte damit letztlich eine Abkehr von diesem traditionellen Element des Ordens. Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel wurde zum Generalgroßmeister gewählt und schließlich auch die Änderung des bisherigen Namens Strikte Observanz beschlossen. Die Organisation hieß nun offiziell "Orden der Ritter der Wohltätigkeit und der rektifizierten Maurerei", kurz Rektifiziertes Schottisches System oder Rektifizierter Schottischer Ritus (französisch Rite Écossais Rectifié), wobei der französische Ordenszweig den bisherigen Namen "Chevaliers Bienfaisants de la Cite Sainte" beibehalten durfte.Ludwig Hammermayer: Der Wilhelmsbader Freimaurer-Konvent von 1782. Heidelberg 1980, S. 62 Die Schweiz gehörte dabei als "Unabhängiges Großpriorat von Helvetien" bzw. "Grand Prieuré Indépendent d’Helvétie" zur 5. Ordensprovinz Burgund. 1796 wurde Karl von Hessen-Kassel Generalgroßmeister und neues Oberhaupt des Ordens.Walter Hess: Geschichte des Rektifizierten Schottischen Ritus: Bayreuth 2002, S. 133.

In den Wirren der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege gingen viele Logen des RSR unter, vereinzelt gab es in Deutschland noch Logen des RSR bis 1830.Walter Hess: Geschichte des Rektifizierten Schottischen Ritus: Bayreuth 2002, S. 49. Verbote der Freimaurerei durch die Regierungen in der Restaurationszeit schränkten den RSR weiter ein. In der Folge verschwand der RSR in Deutschland, Frankreich und der Schweiz fast vollständig. Ab 1884 bestand er nur noch in Genf, mit dem Großpriorat von Helvetien als einziger souveräner Autorität des RSR.Lodges Meeting in Northamptonshire & Huntingdonshire: The Grand Priory of the Knights Beneficent of the Holy City of the Rectified Scottish Rite of England and Wales (online)

mini|Position des RSR (hier als "Order of Knights Beneficent of the Holy City") in der Freimaurerei in England and Wales Seit dem 20. Jahrhundert erlebt der RSR, wenn auch in bescheidenem Rahmen, eine Renaissance. Zunächst entstanden von Genf aus neue Niederlassungen ("Präfekturen") des RSR in der Schweiz, dann Großpriorate in Frankreich und Belgien sowie Präfekturen in Portugal und Italien. Zwischen den regulären Großlogen dieser Länder und dem RSR besteht jeweils ein Vertrag ("Konkordat"), durch welchen der RSR sich verpflichtet, nur Brüder aufzunehmen, die der betreffenden Großloge als einziger regulärer freimaurerischer Vereinigung angehören und dort die drei Johannisgrade erhalten haben. Dies gilt auch für den RSR in England und Wales, wo 1937 eine Präfektur des "Order of Knights Beneficent of the Holy City" gegründet wurde.Keith B. Jackson, Beyond the Craft, 6. Auflage, London 2012, S. 86–72. Die Aufnahme von Mitgliedern wurde dabei streng begrenzt: bis in die 1990er Jahre erhielten nur insgesamt 27 Freimaurer eine Zulassung zum RSR, wobei die Mitgliederzahl der Präfektur für England und Wales zu keinem Zeitpunkt mehr als neun Personen betrug. Erst 2006 wurde die Entscheidung getroffen, den RSR für England und Wales auszuweiten und zukünftig auch mehr Brüder beitreten zu lassen.Lodges Meeting in Northamptonshire & Huntingdonshire: The Grand Priory of the Knights Beneficent of the Holy City of the Rectified Scottish Rite of England and Wales (online)

Struktur mini|hochkant|Insignien des 4. Grades Der RSR stellt – ebenso wie z. B. das Schwedische Lehrsystem – eine von der humanitären Freimaurerei abweichende christliche Richtung der Freimaurerei dar. Innerhalb einer Präfektur des RSR bestehende Logen setzen heute den Besitz der Johannisgrade (1.–3. Grad) einer regulären Großloge voraus und bearbeiten eigenständig nur die folgenden drei Grade:Keith B. Jackson, Beyond the Craft, 6. Auflage, London 2012, S. 86–72. Schottischer Andreasmeister (4. Grad) Innerer Orden: Knappe / Novize (5. Grad) Wohltätiger Ritter der Heiligen Stadt (6. Grad)

Der RSR strebt somit keine Vielzahl von weiterführenden Erkenntnisstufen an. Der inhaltliche Schwerpunkt des RSR liegt auf einem durchgehenden spirituellen Weg, der den teilnehmenden Freimaurer von der Selbsterkenntnis über die moralische Vervollkommnung bis hin zur christlich verstandenen Ritterlichkeit führen soll.

Siehe auch Alter Angenommener Schottischer Ritus (AASR)

Literatur Keith B. Jackson, Beyond the Craft, 6. Auflage, London 2012, S. 86–72. Walter Hess, Geschichte des rektifizierten schottischen Ritus (Schriftenreihe der Forschungsloge Quatuor Coronati Bayreuth 41), h.g. von der Freimaurerischen Forschungsgesellschaft e.V. und der Forschungsloge Quatuor Coronati, Bayreuth 2002.

Weblinks

Abbildung der zeremoniellen Kleidungsstücke des RSR Offizielle Website des Unabhängigen Großpriorats Helvetien des RSR Website der Präfektur "Wilhelmsbad", Offenbach im Großpriorat Helvetien Website der Präfektur Zürich im Großpriorat Helvetien Offizielle Website des Großpriorats England und Wales des RSR (englisch) Offizielle Website des Großpriorats Belgien des RSR (englisch)

Einzelnachweise

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