Hermann Nöll (auch Hermann Th. Noell; geb. am 12. Februar 1899 in Frankfurt am Main, Todeszeitpunkt unbekannt) war ein deutscher Schriftsteller, Einbrecher und Revolutionär. Er begann während einer mehrjährigen Haftstrafe zu schreiben und wurde Ende der 1920er-Jahre vor allem im Umfeld der anarchistischen und pazifistischen Bewegung um Ernst Friedrich wahrgenommen. Als Verfolgter des Naziregimes überlebte er Haftzeiten in verschiedenen Konzentrationslagern, über die er unmittelbar nach der Befreiung Berichte in der Form von „Erlebnis-Gedichten“ veröffentlichte.
Leben Herkunft Über die biographischen Daten Nölls ist vor allem bekannt, was er selbst in seinem Aufsatz Wie ich ins Gefängnis kam… (1929) dazu schrieb. Sein Vater hieß Valentin Nöll und war Schlossermeister, seine Mutter hieß Anna. In einer Zeitungsmeldung hieß es, er hätte „achtbare Eltern“ und „angesehene Geschwister“ gehabt.
Nach acht Jahren Volksschule begann Nöll eine Lehre als Techniker, wechselte aber nach einem Jahr die Lehrstelle. Auch die zweite Anstellung brach er ab, um ein paar Tage in einer Granatenfabrik zu arbeiten. Danach lebte er vom Trennen verschiedener Altmetallsorten.
Laufbahn als Einbrecher Nach eigener Angabe aus Zorn auf die Reichen unternahm er Einbrüche, um Lebensmittel zu stehlen. Am 3. Februar 1916 kam er so erstmals ins Gefängnis und wurde zu einem Jahr Haft verurteilt. Er wurde aber nicht in ein Gefängnis, sondern eine Zwangserziehungsanstalt gebracht, von wo er nach zwei Monaten nach Berlin floh. Hier wurde er im Juni 1916 wegen Diebstählen zu drei weiteren Jahren Haft verurteilt. Er wurde in die Strafanstalt Gollnow (heute Goleniów, Polen) gebracht und blieb hier bis zum Kriegsende 1918.
Nach eigenen Angaben wegen revolutionären Akten und weiteren Diebstählen, vor allem in Heidelberg, wurde er nach nur drei Monaten wieder verhaftet und zu sieben Jahren plus neun Monaten verurteilt. Er war vor allem in Berlin, aber auch in Kiel eingesperrt. Die schweren Haftbedingungen dürften zu mehreren Suizidversuchen geführt haben, wozu er mehrmals Metallteile verschluckte. Infolge eines solchen wurde er im Februar 1923 nach Halle (Saale) ins Krankenhaus überstellt. Hier gelang ihm die Flucht. Er wurde am 16. April in Heidelberg verhaftet und gestand acht Einbruchsdiebstähle. Im März 1924 wurde er zu sechs Jahren und zehn Monaten verurteilt, was ihn mit den früheren Haftstrafen von 1924 für weitere zwölf Jahre ins Gefängnis gebracht hätte. Bei einem anderen Gerichtsverfahren gab er an, dass jeder Mensch das Recht habe, Reichen Dinge wegzunehmen.
Gefängnisliterat und Vorleser Als literarischer Entdecker Nölls gilt der Pazifist und Anarchist Ernst Friedrich.Anonyme biographische Notiz zu Hermann Nöll, in: Die Neue Bücherschau, Bd. 7, H. 4 (April 1929), S. 209 f. Online: Die Nummer 43 der von Friedrich (mit-)verantworteten Wochenzeitung Die schwarze Fahne (4. Jahrgang, 1928) war Gefangenen und namentlich auch Nöll gewidmet.Die schwarze Fahne, 4. Jg., Nr. 43 (1928). Nöll versuchte, Kontakt mit arrivierten Schriftstellern herzustellen, so etwa Hermann Sudermann (1927), Elisabeth Förster-Nietzsche und Alfred Kerr, der ihn in der Zelle besuchte und seine Texte für die eigene Rundfunksendung verwendete. Mehrere Gedichte in Das singende Elend sind überschrieben mit: „An meinen verstorbenen Freund Arno Holz“, doch bleibt unklar, ob sich die beiden persönlich kannten. Diese Kontaktaufnahmen lassen sich über Jahre belegen, etwa sandte er 1929 einen Brief an Arthur Schnitzler und 1934 an Gustav Frenssen einen Brief und ein Gedicht.[./Schleswig-Holsteinische_Landesbibliothek Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek], Signatur Cb 21.56:1061.06
Ende 1928 oder Anfang 1929 wurde Nöll aus dem Zuchthaus Sonneburg wegen Haftunfähigkeit auf freien Fuß gesetzt. Die Wiederintegration dürfte nicht gelungen sein, wie er im erwähnten Bittbrief an Schnitzler beklagte. In der Haft habe er zwei Bücher und mehrere kleinere Texte verfasst, auch seit der Entlassung habe er sich bemüht, von der Feder zu leben, um sich und seine Ehefrau zu ernähren.Brief an Arthur Schnitzler, 4. September 1929. In: Cambridge University Library, Schnitzler, B304.
Die Widmung seines Buches Das singende Elend lautet: „Meinem tapferen Kameraden, meiner Kitty gewidmet“. Wahrscheinlich ist es seiner Ehefrau gewidmet, die Käthe Gundlach (geb. 12. Februar 1904) hieß und nach 1945 wiederverheiratet unter dem Namen Käthe K. in Berlin gelebt haben soll. Mit ihr bekam er einen Sohn, der um 1930 geboren war, zu dem er aber 1945 keinen Kontakt hatte.
Seit der Freilassung erschienen verstreut kurze Prosatexte und Gedichte Nölls in deutschen Zeitungen; am 16. Januar 1929 druckte Die Welt am Abend den Text Gefangene Liebe. Im April 1929 veröffentlichte Die Neue Bücherschau das Gedicht An den Präsidenten sowie zwei weitere Gedichte Nölls und eine knappe biographische Notiz. 1930 erschien die einzige belegte Buchveröffentlichung in der Zeit vor 1945, Das singende Elend. Erzählungen und Gedichte.
Ab 1929 lassen sich zudem regelmäßig Lesungen aus seinen Werken in den Programmen des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig und anderen Hörfunksendern nachweisen. Bis 1933 war er häufig im Radio zu hören. Über das erste Mal schreibt er in seiner kurzen Prosaerzählung Mikrophonfieber.
1933 und Zeit im Konzentrationslager 1933 wurde Nöll erneut inhaftiert. Ein Artikel im nationalsozialistischen NS-Kurier. Südwestdeutsche Tageszeitung vom 16. Dezember 1933 verunglimpft Nöll als jemanden, der als Schriftsteller eine bevorzugte Behandlung erhalten habe und als unkorrigierbar wieder in Haft gekommen sei.NS-Kurier. Südwestdeutsche Tageszeitung, 16. Dezember 1933. Es folgte ein Verfahren wegen Hochverrats am Landgericht Berlin.Vgl. die einschlägigen Aktenbestände im Archivportal-D ().
Zuerst war er im Zuchthaus Brandenburg und ab 1935 im Zuchthaus Bruchsal eingesperrt. Ob Nöll zwischen 1935 und 1945 auch nur kurzzeitig auf freiem Fuß war, ist bislang nicht geklärt. Nach den Zuchthausstrafen war er zunächst im KZ Sachsenhausen, dann in Dautmergen und im KZ-Bisingen in sogenannter „Befristeter Vorbeugehaft“ (unter dem Kürzel „BV“ in den Lagern üblicherweise als „Berufsverbrecher“ bezeichnet). Nöll soll dort als „Funktionshäftling“ oder „Kapo“ für die Sauberkeit innerhalb des Lagers zuständig gewesen sein und konnte sich im Lager und Ort Bisingen relativ frei bewegen. Er soll dabei eine eher zwiespältige Rolle gespielt haben, u. a. gibt es Zeugenaussagen über Misshandlungen von Mitgefangenen aber auch Kontakte zu Bevölkerung der Umgegend, wo er Lebensmittel erhielt. Unmittelbar nach der Befreiung publizierte er Gedichte über seine Zeit im Konzentrationslager, die alle den Untertitel „Erlebnis-Gedichte“ tragen. Auf dem Titelblatt von Ein Schrei aus dem Konzentrationslager steht seine Adresse als Greiling 9, Landkreis Bad Tölz vermerkt. Eine erhaltene Widmung der fünfzehn Blätter weist ihn als im Städtischen Krankenhaus Bad Tölz befindlich aus. Nöll soll sich nach 1945 noch längere Zeit in der Gegend von Bisingen aufgehalten haben und sollte bei der Einweihung des Ehrenfriedhofs am 29. April 1947 als Gedenkort in Bisingen eine Rede halten, wurde aber vorher von der französischen Militärregierung verhaftet, möglicherweise wegen Anschuldigungen von Mitgefangenen wegen Misshandlungen.
Nachkriegszeit und biographische Quellen Nach Ende der 1940er Jahre sind Publikationen von oder über Hermann Nöll derzeit nicht nachgewiesen, so dass sich seine Spuren in der Öffentlichkeit der Nachkriegszeit verlieren. Ab den späten 40er Jahren scheint Nöll in Bad Homburg vor der Höhe in Hessen gelebt zu haben. Noch 1960 ist eine Zeugenaussage bei der Polizei im hessischen Ziegenhain nachgewiesen. Der Nachkriegsnachlass Ernst Friedrichs gilt als zerstört, sodass nicht ohne weiteres rekonstruierbar ist, ob Nöll und Friedrich nach 1945 wieder in Kontakt standen.
Über Hermann Nöll existieren eine Vielzahl von amtlichen Akten, die bisher zur Rekonstruktion seiner Lebensdaten nicht ausgewertet sind. Solche Akten lassen sich nachweisen aufgrund von StrafverfahrenAkten aus Strafverfahren 1921-29 des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden, HHStAW, 461, 122/1–3
https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/showItemsList.action?nodeId=s227450 und 1921–1941 HHStAW, 461, 156/1 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/showItemsList.action?nodeId=s227375Akten aus der NS-Zeit, Verfolgung als "Berufsverbrecher" und aus politischen Gründen: Verurteilung wegen Betrugs und Einweisung in ein KZ, Landesarchiv Berlin, Signatur A Rep. 358-02 : 46802, https://www.landesarchiv-berlin.findbuch.net/php/main.php#41205265702e203335382d3032x75630; "Noell, Hermann, 12.2.1899, verurteilt wegen fortgesetzten Betrugs" Landesarchive Brandenburg, Signatur 29 ZH Brdbg 9601 https://blha-recherche.brandenburg.de/de/#/details?selectedId=1664306; "Verhörgeständnis, Hochverrat" 1941-45, Landesarchiv Berlin, Signatur A Rep. 358-02 Nr. 3866., Gefängnisaufenthalten"Durchgangsgefangener von Berlin-Moabit nach Bruchsal" in "Gefangenenanstalt Plauen", Sächsisches Staatsarchiv, Signatur 30071 Zuchthaus Zwickau, Nr. 10875, Staatsarchiv Chemnitz,https://www.archiv.sachsen.de/archiv/bestand.jsp?guid=c161628a-055a-48ff-9efe-3b7c445aecba, Haft in Konzentrationslagern und – nach 1945 – Zeugenaussagen in Ermittlungsverfahren und Strafverfahren gegen das Personal von Konzentrationslagernz. B. Strafsache gegen Franz Johann Hofmann und andere, Signatur Abt. Staatsarchiv Ludwigsburg, EL 317 III Bü 1238, in den Unterlagen wir "'Ein Schrei aus dem Konzentrationslager' Erlebnisgedichte von Hermann Th. Noell" erwähnt.
https://www.archivportal-d.de/item/YNISF5G7I4F65D6GGO72RYTYVFSPYBTQ, sowie aus Wiedergutmachungsverfahren in eigener SacheFallakte Wiedergutmachung Hochtaunuskreis 1945–1951, Signatur KreisA HG, A 2, 1380 https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/showArchivalDescriptionDetails.action?archivalDescriptionId=7312749&executionId=iZpChA9bPJ. Als Ausnahme wird er als Person aufgrund solcher Akten in der Monographie von C. Glauning über das KZ Bisingen erwähnt. Kurze Abschnitte aus seinen Zeugenaussagen zum KZ Bisingen wurden auch in einer Dokumentation von 1997 zitiert.
Schaffen Nölls Werk gehört zur Gefangenenliteratur. Eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Werken Nölls hat bislang noch nicht stattgefunden. Die Prosaerzählungen wirken durchgehend autobiografisch inspiriert und behandeln Momente des Gefängnislebens. Die Gedichte lassen sich als politische Dichtung und Anklagedichtung einordnen.
Werk (Auswahl) Monografien Hermann Nöll: Das singende Elend. Erzählungen und Gedichte. Berliner Buchdruckerei und Verlagsanstalt, Berlin 1930.
Gedichte An den Strafvollzugspräsidenten. In: Die schwarze Fahne, Jg. 4 (1928), Nr. 43, S. , online Ein Zuchthäusler schreibt solche Gedichte. In: Die schwarze Fahne, Jg. 4 (1928), Nr. 43, S. , online. (Enthält zehn Gedichte). Das Gedicht Spaziergang der Sträflinge ist nachgedruckt auch in Die Aufklärung, hrsg. Magnus Hirschfeld und Maria Krische, Bd. 1 (1929) S. 149 mit einer Illustration von Rahel Szalit und in Volksbuch 1930, hrsg. Otto Katz, Berlin: Universum-Bücherei für Alle, 1930, S. 204. An den Präsidenten und weitere Gedichte. In: Die Neue Bücherschau, Bd. 7, H. 4 (April 1929), S. 209 f. Antikriegsgesang. In: Klassenkampf, 9. Juli 1929, S. 4 online. Nazi-Politik. In: Der Grundstein, Nr. 40, 1. Oktober 1932, S. 256 online. Das Geschenk. In: Neuland. Groningen/Batavia, Djakarta: Wolters 1938, S. 74. Gedichte nach der Befreiung durch die Alliierten aus dem Konzentrationslager nach zwölfjähriger Haft. H. Th. Nöll: Ein Schrei aus dem Konzentrationslager. Erlebnis-Gedichte. Hermann Th. Nöll: Nie vergessen. Erlebnis-Gedichte aus dem Konzentrationslager. Herausgegeben durch die Vereinigung der Opfer des Nazi-Regimes. Schäfer, Bad Homburg, 1947 Hermann Noell: Vergewaltigt. Erlebnis-Gedichte. Schäfer, Bad Homburg, [1948?]
Prosa