Zunge zeigen ist ein dreiteiliges Buchkunstwerk von Günter Grass, das den etwa halbjährigen Aufenthalt in Calcutta reflektiert, den er mit seiner Frau Ute 1986/87 hauptsächlich in der westbengalischen Metropole verbracht hat.
Entstehungszusammenhänge Bereits während seiner Indienreise 1975 hatte Grass kurzzeitig auch in Calcutta geweilt und erste, nachhaltige Eindrücke vom dortigen Elend mitgenommen, die auch bereits in den Butt und in Die Rättin eingeflossen waren. Angesichts des vorwiegend negativen Medienwirbels um diesen mit Untergangsvisionen verbundenen Roman, der ihm nach eigenem Bekunden zusetzte,„Tausende Kilometer weit weg vom subtilen Flachsinn einst linker, jetzt nur noch smarter Feuilletonisten, und weg, weg von mir als Teil oder Gegenstand dieser Öffentlichkeit.“ (Zitiert nach Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg, Hamburg 2023, S. 702 f.) sahen viele Grass‘ überraschende Abreise als Flucht. Für Günther Rüther dagegen ergriff Grass damit eher den Stier bei den Hörnern, „um seiner Welt der Düsternis ein weiteres Kapitel anzufügen.“Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 245 f.
Je mehr sich Grass mit den Problemen zwischen Erster und Dritter Welt beschäftigte, so Volker Neuhaus, desto mehr wurde ihm Calcutta zur „Welthauptstadt“, wo die weltweiten Gegensätze aufeinander stießen: „Hütten vor Palästen, Slums vor der Tür“.Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 324. Grass selbst äußerte sich dazu in einem Newsweek-Interview: „Was hatten wir in Calcutta zu suchen? Was zog mich dahin? Die Rättin und den Überdruß an deutschen Schlachtfesten im Rücken, zeichnete ich Müllberge, Straßenschläfer, die Göttin Kali, wie sie aus Scham die Zunge zeigt, sah Krähen auf gehäuften Kokosschalen, den Abglanz des Empire in grün überwucherten Ruinen und fand, so namentlich alles zum Himmel stank, vorerst keine Worte.“Zitiert nach Michael Jürgs: Bürger Grass. Eine deutsche Biografie. Aktualisierte und erweiterte Neuausgabe der überarbeiteten Ausgabe von 2007. C. Bertelsmann, München 2015, S. 360 f.
Gestaltungsmerkmale Der erste der drei Teile des Gesamtwerks unter der Überschrift „Im Norden Calcuttas“ besteht aus tagebuchartigen Aufzeichnungen in loser Folge und jeweils ohne Datumsangabe. Die annähernd 100 SeitenGemäß der Seitenzählung in der Ausgabe von 1991 (Sammlung Luchterhand; 970), auf die sich im Folgenden sämtliche Seitenangaben beziehen. sind nicht untergliedert; der Darstellungsfluss des Prosatextes enthält lediglich Absätze.
Beim zweiten Teil des Werkes unter dem Titel „Kali Pujah ist angesagt“ handelt es sich um fünfzehn mit Tintenfischtinte angefertigte Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Rüther führt dazu aus: „Vier Doppelseiten führen in das Thema ein, drei schließen es ab. Im Mittelteil trennen sie das Tagebuch von dem zwölfteiligen Gedichtzyklus Zunge zeigen, der dem Buch den Namen gibt. Die Darstellungen zeigen Menschen in bitterer Not, in Schrecken und Angst. Sie erinnern zum Teil an den Holocaust. Sie werden mit Texten überschrieben, kommentiert, teilweise dominieren sie das Bild. Die Handschrift ist nur fragmentarisch lesbar.“Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 248 f.
Der dritte Teil besteht aus besagtem Langgedicht Zunge zeigen. Laut Volker Neuhaus werden darin Teile des Prosatextes verknappt und verdichtet.Volker Neuhaus: Günter Grass. Metzler, Stuttgart 1979, 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2010, S. 329. Dergestalt setzt Grass sein Vorhaben um, „eine ganz neue, alle meine Möglichkeiten versammelnde Form“ zu erproben.Zitiert nach Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg Verlag, Hamburg 2023, S. 653.
Inhaltliche Akzente Zu den häufiger thematisierten Aspekten des Calcutta-Aufenthalts von Grass und seiner Frau Ute gehören nicht nur die vielfältige Wahrnehmung und zeichnerische Erfassung menschlichen Elends, sondern auch zwischenmenschliche Begegnungen und die Auseinandersetzung mit religiösen und kulturellen Erscheinungsformen im Alltag der Metropole. Zudem geht Grass häufiger auch auf das eigene Erleben und das seiner Frau in diesem ungewohnten Milieu ein.
Elendsbeobachtungen Für die eigene Annäherung an den Elendsalltag in Calcutta gab sich Grass diesen Auftrag: „Dicht herangehen an die Slumhütten. Wie Fremdes vertraut wird und fremd bleibt. Das Kunstgeschwätz vergessen. Mit breitem Pinsel, mit dünn auszeichnender Feder, mit bröckelnder Kohle Verfall verdichten.“Zitiert nach Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg Verlag, Hamburg 2023, S. 655. Im Westen der Stadt suchen Grass und seine Frau, von einem Milieukenner geführt, den Slum Behala Manton auf. „Auf engem Raum – es mögen sechzig mal zweihundert Meter sein – leben dort mehr als sechstausend Menschen, darunter, hören wir, viertausend Kinder; und in den Stallungen, die mehr Raum als die Hütten, Buden, Verschläge bieten, stehen rund hundert schwarze Milchkühe, von Fliegenschwärmen bewohnt. Das Slumgelände und die Kühe gehören einem Mann, der außerhalb Calcuttas lebt und zwischen fünfzig und hundert Rupien Monatsmiete pro Raum eintreibt, wobei die meisten Räume kaum zehn Quadratmeter messen. Die Durchlässe zwischen den Hüttenzeilen sind knapp einen halben Meter breit und führen offene Abflußrinnen, die an der rechten Längsseite des Slums in einen Kanal münden, den träge fließender Kloakensud füllt. Nur eine Wasserpumpe sehe ich; doch soll es bei den Kühen noch eine zweite geben.“ Die Besucher werden freundlich hereingebeten und treffen in jedem Verschlag sechs oder sieben Personen an. Das Bett für alle steht wegen der Überschwemmungsgefahr zur Monsunzeit erhöht auf Ziegelsteinen. „Alles ist betont sauber, der gestampfte Lehmboden gefegt, die Kopfkissen auf dem Familienbett, fünf oder sieben an der Zahl, liegen nebeneinander. Und immer sind Gottheiten in bunten Bildchen anwesend. Ich will behaupten, daß diese armseligen Zufluchten, Calcuttas Millionen Slumhütten, reinlicher sind als der chaotisch gewürfelte Rest der Stadt: von verzweifelter, dem Elend abgetrotzter Reinlichkeit.“ (S. 42 f.)
Neben einer Fleischhalle anderwärts in Calcutta gerät Grass in einen offenen Durchgang, „in dem geschissen, gepißt wird. Männer nach, vor dem Einkauf. Dieses geübte Hocken. Ich halte (vergeblich) den Atem an, bis ich durch und vorbei bin.“ (S. 14) Nach einer gastfreundlich erlebten Einladung, zu der sie sich per Rikscha haben bringen lassen, verlassen die Eheleute Grass das Haus mit Mini-Vorgarten durch eine sicherheitshalber mehrfach verriegelte Tür: „da liegen sie, Mann, Frau, Kinder, gereiht und schlafen. Weitere Schläfer dahinter, daneben, die Beine gestreckt, aufgestellt oder in seitlicher Rundlage angezogen. Ihre Fußsohlen wie Ausweise gezeigt.“ (S. 15; dazu als Illustration die sechste der Zeichnungen im Band) Unterwegs im Stadtgebiet kommt auch das vor: „Elend, Krüppel, die sich auf Stümpfen in Lederkappen übers geborstene Pflaster schleppen. Räudige Hunde. Der querliegende Schläfer. Steig drüber weg!“ (S 11)
Bei einer Besichtigungsreise per Schlafwagen nach Puri halten sich Ute und Günter Grass in einem Hotel am Meeresstrand auf, den ein Kanal für Abwässer teilt. Die Kloake schwillt bei Flut an, wird bei Ebbe mit starker Strömung ins Meer getrieben. Grass beobachtet Männer, die mit zwei Netzen in der Kloake fischen, um zu einer Mahlzeit zu kommen. „Vor ihnen hinterm Strandbuckel brandet das Meer. Aber sie dürfen im Meer nicht ihr Netz spannen, dürfen nicht, wie die Burschen seitab vom Dorf, die Brandung abfischen; sie sind Unberührbare, gehören der Kloake an, sind Kloake lebenslänglich.“ (S. 35)
Der letzte Blick auf Calcutta bei der Abreise veranschaulicht eine dichte Abfolge frappierender Gegensätze. „Über die Eisenbahnbrücke: links rechts rainen Slums an, heute in sonntäglicher Stimmung. Wäsche über den Hütten, öffentliches Zähneputzen, Geplauder der Hocker auf Rohrleitungen, die über die Brücke führen. Auf Kleinstflächen ausgebreitet trockene Kokosfasern. Dann Geruch bis Gestank, das unvergeßliche Dreieck: links, im eingemauerten Chinesenviertel, Lederfabriken, rechts ‚Calcutta Boating Resort‘, ein Erholungszentrum mit Tretboten auf dem Teich und einladender Holzterrasse, darauf bunte Sonnenschirme, Wimpel, Werbung für Campa Cola. Und an denselben Teich grenzend: zwölf Feuerstellen der Großwäscherei, darauf Kübel, in denen Lumpen ausgekocht werden, jeder Stoffetzen, den der Müll freigibt. Und gleich hinterm Teich beginnt Dhapa: anfangs flache, weil eingeebnete, dann frisch aufgeschüttete Müllberge, hier gerundet, dort schroff abfallend, von Schluchten gekerbt, Geier, Krähen darüber, und Menschen im Müll, die keinen Sonntag kennen.“ (S. 100)
Begegnungen Das Angebot, Grass mit den dunkelsten Winkeln von Calcutta bekanntzumachen, kommt von einem jungen Lyriker und Journalisten aus Bangladesch mit prekärem Aufenthaltsstatus, der sich diesbezüglich Grass‘ Beistand erhofft, Daud Haider. Er führt Grass und seine Frau u. a. zur ältesten Feuerbestattungsstelle Calcuttas. „Wie viele Bengalen keine Scheu haben, alles sehn, anfassen wollen und Berührungsangst nur innerhalb ihres Kastensystems kennen, so lassen sie sich beim Baden, bei der Massage, beim Verbrennen ihrer Leichen zuschauen. Doch ohne Daud hätten wir uns nicht in den Tempel, zwischen die Badenden, bis dicht an die Leichenfeuer gewagt.“ (S. 38 f.)
Ein andermal führt Daud in eine Palastruine aus der Kolonialzeit am South End Park. „Alles in indisch-viktorianischem Stil. Doch Wäsche zwischen den Säulen, auf den Terrassen: der Palast ist bewohnt.“ Fünfundvierzig Familien hausen von den Stallungen bis zu den Turmzimmern in der Ruine. „Wie in allen Slums ist es auch hier eine Frau, die auf Fragen antwortet.“ Wie sich herausstellt, handelt es sich um Landsleute Dauds aus Bangladesch, die einstweilen auch der Aufforderung eines Polizeioffiziers, den Palast zu räumen, widerstehen. (S. 80–82)
Im Laufe des Calcutta-Aufenthalts wurde laut Rüther deutlich, dass Grass als ein auch in Indien bekannter Schriftsteller sich dem öffentlichen Interesse nicht habe entziehen können. Er sei nolens volens in der regen Kulturszene der Metropole unter Mitwirkung des Goethe-Instituts gleichsam herumgereicht worden.Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 247. In Nordcalcutta besuchten die Eheleute den Maler Shuvaprasanna und die von ihm geleitete private Kunstschule. „Hier eine Puppe neben einer Voltaire-Büste aus Gips, dort ein Krug mit Früchten vor drapiertem Tuch.“ Man bittet Grass, zu Beginn des darauffolgenden Jahres eine Künstlerkolonie einzuweihen. (S. 11) Ein andermal besuchen sie die Organisatoren eines „Calcutta Social Project“, die eine Schule für Kinder betreiben, die auf Müllbergen ihre Existenz fristen, viele aus Bauernfamilien, „die auf älterem Müll, der nach drei Monsunzeiten zu Humus wird, Gemüse anbauen, auffallend viel Blumenkohl.“ Man bietet den Gästen Einblicke in den Unterricht („In allen Klassenräumen wird gelernt, als könne Wissen Berge versetzen…“) und eine Tanzvorführung zu bäuerlichen Tätigkeitsbereichen. „Schon sind uns die Fliegen, der Gestank, die kreisenden Geier über der Schule inmitten der Müllberge gewohnt und natürlich.“ (S. 25)