Der Aosta-Kodex (auch Aosta-Manuskript, Signatur: I-AO Cod. 15, ehemals A.1 D 19) ist eine bedeutende Papierhandschrift des 15. Jahrhunderts, die eine der umfangreichsten Sammlungen mehrstimmiger geistlicher Musik des Spätmittelalters und der frühen Renaissance enthält. Er gilt neben den Trienter Codices als eine der wichtigsten Quellen für das Repertoire der franko-flämischen Vokalpolyphonie und der englischen Musik jener Zeit.

Beschreibung und Aufbau Die Handschrift besteht aus 280 Papierblättern und wurde in vier Hauptabschnitten von verschiedenen Schreibern zusammengestellt. Die Entstehungszeit wird auf etwa 1435 bis 1440 datiert.

Der Kodex ist liturgisch geordnet und enthält insgesamt 181 Kompositionen, darunter: Messen und Sätze des Messordinariums (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei) Motetten und Magnificats Hymnen und andere geistliche Werke

Die ersten drei Blätter enthalten zudem den musiktheoretischen Traktat Libellus cantus mensurabilis von Johannes de Muris.

Von den 181 Werken konnten 144 insgesamt 28 namentlich bekannten Komponisten zugeordnet werden, während 37 anonym überliefert sind. Zu den prominentesten vertretenen Komponisten gehören: Guillaume Du Fay Gilles Binchois John Dunstaple Johannes Brassart Johannes de Limburgia

Herkunft und Geschichte Die genaue Herkunft ist nicht abschließend geklärt. Die Forschung deutet jedoch auf das Umfeld des Konzils von Basel oder den habsburgischen Hof von Friedrich III. in Innsbruck hin. Der Kodex diente vermutlich als Repertoirequelle für eine Kapelle im süddeutschen oder österreichischen Raum. Später gelangte die Handschrift in das Archiv des Priorats von Saint-Bénin in Aosta und wird heute im Archiv des Domkapitels (Seminario Maggiore) aufbewahrt.

Bedeutung Der Aosta-Kodex dokumentiert den kulturellen Austausch zwischen England und dem europäischen Festland während der Zeit der großen Kirchenkonzilien. Er ist eine zentrale Quelle für das Studium des Übergangs von der spätmittelalterlichen Isorhythmie zur frühen Renaissance-Polyphonie.

Literatur Guillaume de Van: A Recently Discovered Source of Early Fifteenth Century Polyphonic Music: the Aosta Manuscript. In: Musica Disciplina. Vol. 2, 1948. Peter Wright: The Transmission of English Liturgical Music to Central Europe c. 1430–1445. In: Musikalische Repertoires in Zentraleuropa (1420–1450): Prozesse und Praktiken. Böhlau, 2014.

Weblinks Eintrag zum Aosta-Kodex im Digital Image Archive of Medieval Music (DIAMM). Informationen zur Handschrift I-AO Cod. 15 auf der Plattform Musikleben des Spätmittelalters in der Region Österreich.

Kategorie:Renaissance (Musik) Kategorie:Notenhandschrift Kategorie:Handschrift (15. Jahrhundert)