Düsseldorf Photo Plus (ursprüngliche stilisierte Schreibweise düsseldorf photo+ Biennale for Visual and Sonic Media, seit 2024 düsseldorf photo+) ist ein 2019 gegründetes internationales Kunstfestival in Düsseldorf im Format einer Biennale. Das eigenständige, interdisziplinäre Festival widmet sich primär der künstlerischen Fotografie, erweitert um Videokunst und Digitale Kunst sowie Klangkunst.
Für diese Erweiterung über das Fotografische hinaus steht nach Angaben der Veranstalter das Pluszeichen und unterscheidet sich hierin von einem reinen Fotofestival.
Die Biennale verbindet eigene Veranstaltungen an wechselnden Orten innerhalb der Stadt mit dem Programm eingeladener institutioneller Gäste, wie Museen, Privatsammlungen und Galerien. Veranstaltet werden im Wesentlichen Ausstellungen, Symposien, Vorträge und Gesprächsrunden. Vorgestellt werden zeitgenössische Werke, ergänzt um ausgewählte historische Positionen, die in den Diskursformaten auf ihre gesellschaftliche und kulturelle Relevanz und Wirkung hin befragt werden.
Die bisherigen Ausgaben fanden in den Jahren 2020, 2022 und 2024 statt. Die vierte Ausgabe ist auf Grund struktureller Änderungen mit der erstmaligen Berufung einer inhaltlich verantwortlichen externen Kuratorin um ein Jahr aus dem Biennale-Rhythmus verschoben für 2027 geplant. Hauptförderer ist die Stadt Düsseldorf. Weitere Förderer waren die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf, der Kunststiftung NRW, die National-Bank Essen und das Kommunikationsunternehmen Sipgate GmbH.
Geschichte Den historischen Hintergrund für das Festival bildet die jüngere Kunstgeschichte der Stadt Düsseldorf als Wirkungsstätte in den Bereichen Fotografie, Videokunst, Musik, Kunsthandel und Ausstellungswesen. Künstlerische Positionen und Manifestationen aus diesem Umfeld ergänzten und erweiterten das mediale Spektrum der zeitgenössischen Kunst. Exemplarische Beispiele mit internationaler Resonanz sind Nam June Paik, Gerry Schum, Kraftwerk, Neu!, Creamcheese, Konrad Fischer Galerie, Kunsthalle Düsseldorf, Bernd und Hilla Becher und die Düsseldorfer Photoschule, Jan Dibbets sowie Katharina Sieverding.
Bereits von 2012 bis 2019 fand jeweils über drei Tage und acht Ausgaben hinweg das Festival Duesseldorf Photo Weekend statt. Das Festival wurde von Werner Lippert ins Leben gerufen und organisiert. Später stieß die Düsseldorfer Galeristin Clara Maria Sels hinzu, die schließlich die Organisation und Festivalleitung übernahm. Zusätzlich organisierte Alain Bieber als künstlerischer Leiter und in dieser Funktion Nachfolger Werner Lipperts des ehemals eigenständigen NRW Forums 2018 das annähernd namensgleiche Festival Duesseldorf Photo.
Rupert Pfab, promovierter Kunsthistoriker und Galerist, sowie der Kunstjournalist Carl Friedrich Schröer initiierten 2019 nach dem Ende beider Festivals die neue Biennale Düsseldorf Photo Plus als Initiative mit interdisziplinärer inhaltlicher und zeitlicher Ausrichtung. Eine personelle oder strategische Verbindung zum Duesseldorf Photo Weekend und Duesseldorf Photo besteht nicht, ebenso wenig wie zum Deutschen Fotoinstitut oder zum Deutschen Fotoinstitut e. V.
Für die erste Ausgabe im Jahr 2020 wurde das Team um die Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin Ljiljana Radlovic, die Künstlerinnen Christine Erhard und Pola Sieverding (* 1981 in Düsseldorf) sowie den Kunsthistoriker und Galeriemanager Thomas W. Rieger erweitert. In dieser sechsköpfigen Konstellation wurde die Biennale für ihre erste Ausgabe gegründet; alle sechs verantworteten gemeinsam das Programm der Biennale 2020.
1. Ausgabe 2020 Die erste Ausgabe der Biennale Düsseldorf Photo Plus fand vom 13. März bis zum 8. Mai 2020 statt. Auf Grund eines verhängten Lockdowns waren die Ausstellungen vom 22. März 2020 bis zum 4. Mai 2020 im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie in Deutschland nicht zugänglich. Die angesetzten Veranstaltungen konnten daher nur zum Teil stattfinden.
Inspiriert von der Philosophin Judith Butler fand im NRW-Forum Düsseldorf die von Pola Sieverding konzipierte Ausstellung „Bodies That Matter“ statt, die u. a. mit Werken von Talia Chetrit, Collier Schorr und Wolfgang Tillmans den menschlichen Körper als Gegenstand des gesellschaftlichen Diskurses thematisierte. Die materielle und mediale Beziehung der Fotografie zum Raum, nach dem Konzept von Christine Erhard, fand unter dem Titel „Dimensions Variable 6“ u. a. mit Werken von Martina Sauter und Jörg Paul Janka statt. Eine Ausstellung mit Werken von Studierenden eines Seminars von Mareike Foecking und Christoph Westermeiers zur „Erfindung des Jetzt“ als spezifischer Form medialisierter Zeitlichkeit zeigte die Hochschule Düsseldorf. Zum Thema feministischer Bildsprache realisierte der She was like: BÄM! e. V. die Vorstellung des Magazins „Fifty-five Photographers“ u. a. mit Werken von Anna Ehrenstein, Ulrike Rosenbach und Johanna Reich im Salon des Amateurs.
Der bis heute verliehene Bernd und Hilla-Becher-Preis für Kunst und Fotografie wurde vom Organisationsteam der ersten Biennale initiiert und in deren Rahmen an Evelyn Richter und Theo Simpson als Förderpreisträger verliehen. Der Preis wurde im Anschluss von der Stadt Düsseldorf übernommen und wurde seitdem 2022 und 2025 verliehen.
Zur Biennale erschien ein Programmheft mit 136 Seiten.
2. Ausgabe 2022 Die zweite Ausgabe der Biennale Düsseldorf Photo+ fand vom 13. Mai bis zum 19. Juni 2022 statt. Die künstlerische Leitung und Organisation übernahmen Rupert Pfab, Ljiljana Radlovic, Thomas W. Rieger und Pola Sieverding. Inhaltlich einführende Texte stammen von Inke Arns und Wolfgang Ullrich mit dem Blick auf das Fiktionale und die Glaubwürdigkeit medialer Bilder innerhalb und außerhalb des Kontextes der Kunst.
Als zentrale Ausstellung fungierte die Schau „Think We Must“ in der Akademie-Galerie der Kunstakademie Düsseldorf, kuratiert von Pola Sieverding und Asya Yaghmurian. Der Titel zitiert eine Forderung von Virginia Woolf aus ihrem Essay „Three Guineas“ von 1938 mit Blick auf einen drohenden europäischen Krieg. Filmische und fotografische Exponate stammen u. a. von Hito Steyerl, Helmar Lerski, Walid Raad, Slavs and Tartars und David Wojnarowicz.
Jessica Edwards kuratierte in Zusammenarbeit mit Pola Sieverding und Asya Yaghmurian das Filmprogramm „Imagi(ni)ng Otherwise – Counter-Actual Experiments in Resistance and Reclamation“ vom 29. Mai bis zum 19. Juni 2022 im Bambi Filmstudio in Düsseldorf mit alternativem Blick auf rassistische und geschlechtsbezogene Hierarchien. Filme stammten u. a. von Forugh Farrochzad, Heile Gerima, Yael Bartana und Wanuri Kahiu.
Rupert Pfab moderierte Vorträge und Gespräche u. a. mit Wolfgang Ullrich, Maren Lübke-Tidow und Heide Häusler. Begleitend erschien in Kooperation in zwölf Episoden der Podcast „Fotografie Neu Denken“ von Andy Scholz mit beteiligten Personen der Biennale.
Weitere Programmpunkte waren u. a. „Darktaxa-project: The Düsseldorf Constellation“ in der Kunsthalle Düsseldorf, „False Spring“ mit der Ausstellung eines Seminars von Mischa Kuball der Kunsthochschule für Medien und der Schau „Vor den Bildern. Fotografie als Inspiration“, präsentiert im NKR – Neuer Kunstraum mit 31 künstlerischen Positionen die Fotografie als Quelle aufgreifen.
Zur Biennale erschien ein Programmheft mit 144 Seiten.
3. Ausgabe 2024 Die dritte Ausgabe der Biennale Düsseldorf Photo Plus fand vom 17. Mai bis zum 14. Juli 2024 statt. Die künstlerische Leitung und Organisation übernahmen Rupert Pfab, Ljiljana Radlovic und Pola Sieverding.
Erstmals dezidiertes Thema der Biennale war das Verhältnis von Medien und Kunst zur Wirklichkeit unter der Formel „On Reality“. Annette Urban lieferte das Vorwort zum Gegenstand mit Reflexion auf digitale Technologien. Zentraler Ankerpunkt in der Biennale war die Ausstellung „Ways of Seeing“ inspiriert durch eine vierteilige Fernsehserie des Kunstschriftstellers John Berger aus dem Jahr 1972, der übliche Vorannahmen der Betrachtung und Interpretation von Bildwerken kritisch hinterfragte. Die Ausstellung fand im Dachgeschoss des ehemaligen Möbelhauses Gebr. Schöndorff Nachf. des Architekten Otto Engler in der Düsseldorfer Altstadt statt. Kuratiert von Pola Sieverding und Asya Yaghmurian wurden u. a. Arbeiten von Harun Farocki, Forensic Architecture und Clara Mosch gezeigt. Im Photo Plus Lab, das im Erdgeschoss situiert war, fanden wechselnde Präsentationen des Düsseldorfer Kollektivs und Magazins ANT!FOTO der Künstler Katja Stuke und Oliver Sieber, des Deutschen Fotobuchpreises und der internationalen Ausstellungsplattform „peer to space“, die eine Virtual-Reality-Arbeit der Künstlerin Evelyn Bencicova vorstellte, statt.
Am 18. und 19. Mai 2024, dem Eröffnungswochenende der Biennale, fand das von Pola Sieverding und Asya Yaghmurian konzipierte Symposium „On Reality“ im K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen statt, bei dem u. a. Stan Douglas, John Rafman und Elena Esposito Vorträge hielten und das aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtete, auf welche Weise visuelle Medien am Wirklichkeitsverständnis mitwirken.
Rupert Pfab kuratierte und moderierte die Vortragsreihe „photo+ talks“ u. a. mit Anja Schürmann, Ruben Areshatyan und Franziska Kunze in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Ständehaus, inspiriert von der Idee des Iconic Turn Gottfried Boehms.
Auf der Ebene der Klangkunst würdigte die Biennale das 20-jährige Bestehen des Salon des Amateurs mit Gesprächen und Konzerten.
Integriert wurde die kuratierte abendliche Projektion künstlerischer Werke auf der 70 Meter breiten LED-Leinwand am Kö-Bogen II mit Julia Scher unter dem Programm „Take a Bow“ von Ljiljana Radlovic. In der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste kuratierte Steffen Siegel unter dem Titel „Leap of Faith: Transmediale Fotografie“ eine Ausstellung u. a. mit Werken von Alex Grein, Sophie Thun und Christopher Williams.
Weitere Kunstschaffende an unterschiedlichen Orten waren u. a. Marge Monko, Allan Sekula, Katharina Mayer, Astrid Busch, Toby Binder, Tobias Zielony oder Lynn Hershman Leeson, letztere in der Julia Stoschek Foundation.
Zur Biennale erschien ein Programmheft mit 192 Seiten.
4. Ausgabe 2027 Nach der dritten Ausgabe schieden Rupert Pfab und Pola Sieverding als künstlerische Leitung aus. 2025 wurde ein Vorschlagskommitee und eine Jury zur Wahl einer neuen künstlerischen Leitung berufen. Die Jury bestand aus Anne-Marie Beckmann (Direktorin der Deutsche Börse Photography Foundation, Frankfurt am Main), Linda Conze (Leiterin der Sammlung Fotografie am Museum Kunstpalast, Düsseldorf) und Rupert Pfab. Gewählt wurde die Kuratorin Jana Johanna Haeckel als neue künstlerische Leiterin. Das von ihr konzipierte Thema lautet im Arbeitstitel „Disobedient Bodies/Ungehorsame Körper“.
Kritik Die Düsseldorfer Kunstjournalistin Helga Meister verstand die neue Biennale in der Westdeutschen Zeitung wie folgt „Zwei Künstler, zwei Galeristen und ein Journalist retten ehrenamtlich das Foto-Festival, das unter dem Logo „Düsseldorf Photo plus“ am 13. März startet. 60 Ausstellungen sind in Instituten, Offräumen und Kunsthandlungen geplant. Eine Mitstreiterin ist die Fotokünstlerin Christine Erhard.“
Bertram Müller schrieb in der Rheinischen Post „Der Abend der Eröffnungen lockte nur wenige zur Fotografie. Doch schon am Samstag zogen Besucher durch die Altstadt, durch Flingern und per Bahn bis nach Derendorf, um zu prüfen, ob Düsseldorf seinen Anspruch auf das Etikett ‚Stadt der Fotografie‘ zu Recht erhebt. Die Fülle ungewöhnlicher Ausstellungsideen an oft kaum bekannten Orten gab trotz eines auffälligen Qualitätsgefälles eine eindeutige Antwort: ja.“
für das Magazin Monopol „Für die zweite Ausgabe der Düsseldorf Photo+ haben sich mehrere Kunstorte der Stadt am Rhein zusammengetan. Die Biennale möchte der Fotografie den Platz einräumen, den sie verdient – und denkt dabei das Medium über seine Grenzen hinaus.“