DEFA-70 ist ein Filmformat für 70-mm-Filme, das in der DDR in den 1960er Jahren entwickelt und bis 1974 für Filmaufnahmen verwendet wurde.

Details Die Idee zur Einführung des 70-mm-Formats in der DDR stammte von Andrew Thorndike. Er war der Sohn von Andrew Thorndike III, welcher in der Weimarer Republik Hauptaktionär und Aufsichtsratsmitglied der UFA und wichtigster Mitarbeiter von Alfred Hugenberg war. Andrew Thorndike gilt als bekanntester und bedeutendster Dokumentarfilmregisseur der DEFA. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Annelie Thorndike drehte er politische Dokumentarfilme, die in vielen Ländern gezeigt wurden, in der Bundesrepublik jedoch kritisch gesehen wurden. Thorndike nutzte zunächst das sowjetische 70-mm-Breitbildformat Sovscope-70 und setzte sich gegenüber der Partei- und Staatsführung für den Aufbau einer 70-mm-Filmproduktion in der DDR ein. Es wurden sowjetische 70-mm-Kameras angeschafft und ab 1963 durch den Ingenieur Georg Maidorn eine eigene kompakte 70-mm-Studiokamera mit integrierter Tonaufnahme namens „70 Reflex“ entwickelt, die im Oktober 1964 als „Geschenk der DEFA zum 15. Jahrestag der DDR“ der Öffentlichkeit übergeben wurde. Man drehte mit 70-mm-ORWO-Rohmaterial und entwickelte Kopiertechniken, baute ein Sechs-Kanal-Tonstudio und eigene Universalprojektoren zur Modernisierung bestehender Kinos und für Kino-Neubauten. Die Projektoren wurden im VEB Kamera- und Kinowerke Dresden hergestellt. Die DDR war damit nach den USA und der UdSSR der dritte Staat mit materiell-technischer Basis für die 70-mm-Technik. Zunächst sollte 1964/1965 unter Regie von Heinz Thiel gemeinsam mit indischen und polnischen Filmstudios das Monumentalepos Alexander und Chanaky gedreht werden, mit 2000 Pferden und 50 Elefanten, Gladiatorenkämpfen mit Tigern sowie Fakiren mit Kobras. Als Thema war die Begegnung des griechischen Herrschers Alexander des Großen und des indischen Gelehrten Chanakya vor mehr als 2000 Jahren vorgesehen. Das Projekt scheiterte, weil ein indischer Geschäftsmann das Projekt offenbar als Aushängeschild benutzte, um sich Kredite zu verschaffen. Auch ein 70-mm-Film über Henri IV., den der Regisseur Kurt Maetzig plante, konnte wegen unzureichender finanzieller Mittel nicht realisiert werden.

Die Entwicklung des 70-mm-Formats in der DDR erfolgte ab 1962, als Walter Ulbricht Erster Sekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrats war. In seiner Nachfolge unter Erich Honecker ab 1973 verlor die Breitbildproduktion an Bedeutung. Insgesamt gab es aber weiterhin bis zu 20 Kinos zur Vorführung von Filmen in 70-mm-Technik, darunter das Berliner Filmtheater Kosmos, das Leipziger Filmtheater Schauburg und zwei Freiluftkinos mit bis zu 30 Metern Leinwandbreite in Karl-Marx-Stadt und Eisenhüttenstadt. Von den 15 Bezirken in der DDR hatten 13 Bezirke auch mindestens ein 70-mm-Kino (außer Cottbus und Suhl). Noch 1980 gab es ein Lehrkino, das für alle Formate ausgestattet war und auch Kopien importierter Filme für Lehrzwecke besaß. Die 70-mm-Filme der DEFA wurden zu diesem Zeitpunkt jedoch im Kino nicht mehr gezeigt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung von 1990 wurden die meisten 70-mm-Projektoren aus den Kinos der neuen Bundesländer entfernt. Die Babelsberger Kamera „70 Reflex“ wurde in den Bestand des Filmmuseums Potsdam aufgenommen. Im Jahre 1993 wurden im Delphi Filmpalast die DEFA-Science-Fiction-Filme Signale – Ein Weltraumabenteuer und Eolomea letztmalig in 70 mm gezeigt. Anschließend wurden beide Kopien an das Bundesarchiv abgegeben, so dass sie nicht mehr öffentlich vorgeführt werden können. Nur kurze Zeit später verweigerte die Regisseurin Annelie Thorndike dem Leiter der Internationalen Filmfestspiele Berlin und Leiter des Programmkinos Arsenal, Ulrich Gregor, die Erlaubnis, ihren 70-mm-Film Du bist min. Ein deutsches Tagebuch in einer 35-mm-Fassung zu zeigen, und bestand auf dem 70-mm-Format, obwohl das Arsenal-Kino über keine 70-mm-Ausrüstung verfügte, es keine offizielle 70-mm-Kopie gab und auch 35-mm-Kopien nur schwer zu beschaffen waren.

Liste der Filme Es sind acht Spielfilme und zwei Dokumentarfilme bekannt, die in diesem Format entstanden. In chronologischer Reihenfolge waren das: DEFA 70 (1967, 33 min, Regie: Werner Bergmann) Hauptmann Florian von der Mühle (1968, 132 min, Regie: Werner W. Wallroth) Du bist min. Ein deutsches Tagebuch (1969, 108 min, Regie: Andrew Thorndike) Wladimir lljitsch Uljanow Lenin (1970, 23 min, Regie: Annelie Thorndike und Andrew Thorndike) Signale – Ein Weltraumabenteuer (1970, 90 min, Regie: Gottfried Kolditz) KLK an PTX – Die Rote Kapelle (1971, 178 min, Regie: Horst E. Brandt) Goya (1971, 134 min, Regie: Konrad Wolf) Lützower (1972, 93 min, Regie: Werner W. Wallroth) Eolomea (1972, 82 min, Regie: Herrmann Zschoche) Orpheus in der Unterwelt (1974, 88 min, Regie: Horst Bonnet) In die „normalen“ Kinos kamen diese Filme auch in einer 35-mm-Fassung, allerdings erst mehrere Monate nach der jeweiligen 70-mm-Premiere.

DEFA 70 Event Kino Das 1964 erbaute Mischatelier für die Nachbearbeitung der 70-mm-Filme befand sich in Haus 4 des DEFA-Geländes in Potsdam-Babelsberg und wurde ab 1965 an den Wochenenden unter der Bezeichnung DEFA 70 auch als öffentliches 70-mm-Studiokino genutzt. Nach der Schließung im Jahr 2011 nutzte die Postproduktionsfirma Rotor Film den 430 Quadratmeter großen Raum und modernisierte ihn 2015 für zwei Millionen Euro, einschließlich des Einbaus von IMAX-Filmtechnik und einer Kombination verschiedener Sound-Techniksysteme mit 70 Lautsprechern. Nach Angaben von Rotor Film gab es zu diesem Zeitpunkt weltweit nur rund zehn Kinos mit dieser Technik. Nach der Umgestaltung blieben die Bühne samt Stufen, die Decke einschließlich der Lamellen und die restaurierten Originalsitze erhalten. Seit 2018 ist das DEFA 70 Event Kino wieder als Studiokino und Veranstaltungsraum für die Öffentlichkeit nutzbar.

Siehe auch Totalvision, in der DDR entwickeltes anamorphotisches Verfahren für Breitbildformat-Kinofilme

Weblinks

DEFA Reflex, Webpräsenz des Filmmuseums Potsdam Kameradatenbank.de: Kamera: DEFA 70 Reflex Projektor: Pyrcon UP 700 Deutsche Digitale Bibliothek:

Einzelnachweise , zitiert nach

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