Ekkehard Mochmann (* 10. Januar 1944 in Eisleben; † 15. April 2026 in Köln) war ein deutscher Sozialwissenschaftler und Diplom-Kaufmann. Er war von 1977 bis 2009 zunächst Geschäftsführer, ab 2005 Administrativer Direktor des Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung (ZA) an der Universität zu Köln. Zudem war Mochmann Direktor der Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen (GESIS), aus der das heutige GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften hervorging. Mochmann gilt als einer der Pioniere der sozialwissenschaftlichen Forschungsdateninfrastruktur in Europa und prägte den Aufbau eines internationalen Netzwerks für Sekundäranalyse und vergleichende Sozialforschung maßgeblich mit.
Leben
Herkunft und Ausbildung Mochmann wurde als viertes Kind des Diplom-Kaufmanns Walter Mochmann und seiner Ehefrau Gertrud, geb. Keppner, in Eisleben geboren. Anfang 1949 zog die Familie nach Düsseldorf, wo Mochmann 1963 das Abitur am Max-Planck-Gymnasium ablegte.Franz Bauske (Hrsg.): Nullnummer 8 – Die Mitarbeiterzeitung des Archivs. Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln, Köln, Januar 2009, S. 3.
Anschließend studierte er zunächst Rechtswissenschaft in Bonn, wo er die juristische Vorprüfung ablegte, sowie Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln. Das Studium schloss er 1969 als Diplom-Kaufmann ab.Autorenprofil Ekkehard Mochmann bei Presses de Sciences Po, abgerufen am 5. Mai 2026.
Berufliche Laufbahn Bereits am 1. Januar 1966 trat Mochmann als studentische Hilfskraft in das 1960 von Erwin K. Scheuch und Günter Schmölders gegründete Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung ein, das er erst mit seiner Pensionierung 43 Jahre später wieder verließ.Wolfgang Jagodzinski: Nachruf auf Ekkehard Mochmann. In: gesis report. Heft 5, 2026 (online, abgerufen am 29. Juli 2026). Ab dem 1. Juni 1969 war er dort wissenschaftlicher Mitarbeiter; in dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit der computergestützten Inhaltsanalyse und dem Aufbau eines automatisierten Informationsrückgewinnungssystems für sozialwissenschaftliche Umfragedaten („Z.A.R.“). 1972 wirkte er an einem ersten Frühjahrsseminar zu „Techniken der Datenanalyse in der Empirischen Sozialforschung“ mitKlaus R. Allerbeck, Ekkehard Mochmann, Maria Wieken-Mayser: Frühjahrsseminar „Techniken der Datenanalyse in der Empirischen Sozialforschung“. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Bd. 24, 1972, S. 915–921. und gehörte ab 1973 zum Kernteam des „German Election Data Project“ (GED), das in Kooperation mit dem Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim und dem Inter-university Consortium for Political and Social Research (ICPSR) in Ann Arbor die deutschen Bundestagswahlstudien von 1953 bis 1976 archivisch aufbereitete.Wolfgang Zenk-Möltgen, Ekkehard Mochmann: Der Continuity Guide der Deutschen Wahlforschung und der ZA-CodebookExplorer. In: Markus Klein u. a. (Hrsg.): 50 Jahre Empirische Wahlforschung in Deutschland. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2000, ISBN 3-531-13518-X.
Am 1. September 1977 übernahm Mochmann die Geschäftsführung des Zentralarchivs; nach kurzer Zeit führte er die Geschäfte allein und prägte das Institut über mehr als drei Jahrzehnte.ZA-Information 20. Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln, Köln, Mai 1987 (PDF).Nachruf auf Dr. h. c. Ekkehard Mochmann, langjähriger Geschäftsführer des Zentralarchivs für empirische Sozialforschung (ZA). Im Namen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von GESIS. In: gesis report. Heft 5, 2026 (online, abgerufen am 29. Juli 2026). Er trat damit die Nachfolge Hagen Stegemanns an, der die Geschäfte des Archivs seit Ende der 1960er Jahre geführt hatte.Franz Bauske (Hrsg.): Nullnummer 8 – Die Mitarbeiterzeitung des Archivs. Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln, Köln, Januar 2009, S. 7. In dieser Funktion wirkte er an der Etablierung mehrerer für die deutsche und internationale Sozialforschung zentraler Datenerhebungsprogramme mit, darunter der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS, ab 1980) und des International Social Survey Programme (ISSP, ab 1985). Maßgeblich beteiligt war er ferner an der Bund-Länder-Finanzierung der GESIS, deren Gründungsfeier am 23. April 1987 im Musiksaal der Universität zu Köln stattfand und mit der ZA, das Informationszentrum Sozialwissenschaften und ZUMA dauerhaft als gemeinsame Infrastruktur etabliert wurden. 2007 ging das Zentralarchiv im neugegründeten Leibniz-Institut GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften auf, in dem Mochmann bis zu seiner Pensionierung am 31. Januar 2009 stellvertretender Leiter der Abteilung Datenarchiv & Datenanalyse war.Hans-Dieter Klingemann: An der Schnittstelle zwischen Forschung und Dienstleistung. Ekkehard Mochmann, Pionier des Aufbaus internationaler Netzwerke sozialwissenschaftlicher Datenarchive. In: gesis report. Heft 1, 2009, S. 1.
Mochmann war Gründer des ZA-EUROLAB (European Data Laboratory for Comparative Social Research), einer 1994 nach europaweiter Ausschreibung etablierten transnationalen Forschungsplattform für vergleichende sozialwissenschaftliche Sekundäranalyse, die heute als Forschungsdateninfrastruktur am GESIS fortgeführt wird. Im Rahmen eines von der Europäischen Union im fünften Forschungsrahmenprogramm geförderten Projekts wurde das Zentralarchiv von 2000 bis 2003 als Ressourcenzentrum für europäische Sozialforschung gefördert; Mochmann war in diesem Projekt als Projektmanager benannt. Das ZA stellte dabei insbesondere den Zugang zu nationalen und international vergleichenden Datensätzen bereit, darunter Eurobarometer-, ISSP- und Wahlstudiendaten.Europäische Kommission, CORDIS: Central archive for empirical social research (ZA), Grant Agreement HPRI-CT-1999-00090, abgerufen am 6. Mai 2026.
Von 2003 bis 2023 war Mochmann Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Kommunikationsforschung (DGKF e. V.)Edwin Ferger, Ute K. Scheuch: Wir trauern um den langjährigen Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Kommunikationsforschung (DGKF e. V.) Dr. h.c. Ekkehard Mochmann. Nachruf für den Vorstand der DGKF e. V., 2026; abrufbar unter [https://dgkf-communications.de/Ekkehard-Mochmann-Nachruf.pdf abgerufen am 24. Juni 2026].
Wirken
Forschungsschwerpunkte Mochmanns wissenschaftliches Werk verbindet drei thematische Stränge: die computergestützte Inhaltsanalyse, den Aufbau sozialwissenschaftlicher Forschungsdateninfrastrukturen sowie die international vergleichende Wahlforschung. 1974 organisierte er gemeinsam mit Philip J. Stone in Pisa mit Unterstützung des International Social Science Council die erste internationale europäische Konferenz zur computerunterstützten Inhaltsanalyse in den Sozialwissenschaften. Sein 1980 herausgegebener Sammelband Computerstrategien für die Kommunikationsanalyse versammelte unter Mitwirkung von Klaus Krippendorff und Hans-Dieter Klingemann die seinerzeit führenden Beiträge zur quantitativen Textanalyse im deutschsprachigen Raum.Ekkehard Mochmann (Hrsg.): Computerstrategien für die Kommunikationsanalyse. Campus, Frankfurt am Main / New York 1980, ISBN 3-593-32603-5. Mit dem zusammen mit Hans-Dieter Klingemann verfassten Beitrag Sekundäranalyse (1975) im methodologischen Standardwerk Techniken der empirischen Sozialforschung wurde Mochmann früh zu einem der Wegbereiter der wissenschaftlichen Wiederverwertung empirischer Erhebungsdaten in Deutschland.Hans-Dieter Klingemann, Ekkehard Mochmann: Sekundäranalyse. In: Jürgen van Koolwijk, Maria Wieken-Mayser (Hrsg.): Techniken der empirischen Sozialforschung. Band 2, Oldenbourg, München 1975, S. 178–195.
Nach der Deutschen Wiedervereinigung trieb Mochmann gemeinsam mit dem Informationszentrum Sozialwissenschaften die Sicherung und Erschließung der sozialwissenschaftlichen Forschungsdaten aus der DDR und den neuen Bundesländern voran; bis Ende der 1990er Jahre wurden auf diesem Weg rund 500 empirische Studien aus dem Zeitraum 1968 bis 1996 archivisch zugänglich gemacht. Zur dauerhaften Betreuung dieser Bestände wirkte Mochmann am Aufbau der Berliner Außenstelle der GESIS (später Servicestelle Osteuropa) mit.Evelyn Brislinger, Brigitte Hausstein, Eberhard Riedel: Sozialwissenschaftliche Daten aus der DDR und den neuen Bundesländern (1968 bis 1996). In: GESIS (Hrsg.): Materialien zur Erforschung der DDR-Gesellschaft. Opladen 1998.
Ein besonderer Akzent seiner Arbeit lag auf der vergleichenden Wahl- und Demokratieforschung in Mittel- und Osteuropa. Im Dezember 1998 kamen bei einer vom European Consortium for Political Research (ECPR), dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und GESIS getragenen Konferenz 23 Fachleute aus Ost und West zusammen, um den Stand der Wahlforschung in den postkommunistischen Staaten Osteuropas zu bilanzieren. Aus dieser Konferenz ging der von Hans-Dieter Klingemann, Mochmann und Kenneth Newton herausgegebene Band Elections in Central and Eastern Europe. The First Wave hervor.ZA-Information 46. Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung, Köln, Mai 2000, S. 184 (PDF).
Aus der langjährigen Zusammenarbeit mit Klingemann ging ferner die Beteiligung des Zentralarchivs am international vergleichenden Projekt The European Voter hervor, in dessen Rahmen das ZA zu einer zentralen Anlaufstelle der europäischen Wahlforschung wurde. Die Daten der nationalen und international vergleichenden Wahlforschung zählen bis heute zu den Kernbeständen des GESIS-Datenarchivs.
In seiner späteren Schaffensphase widmete sich Mochmann verstärkt Fragen der e-Infrastructure und der e-Social Science; er war an Forschungs- und Entwicklungsprojekten wie NESSIE, ILSES, MADIERA und MetaDater sowie an der Studie Social Sciences and Humanities Futures beteiligt.
Internationale Vernetzung Mochmann war Präsident der International Federation of Data Organizations for the Social Sciences (IFDO) sowie des Council of European Social Science Data Archives (CESSDA), dem er später als Ehrenvorsitzender verbunden blieb. Als Senior Advisor des Standing Committee for the Social Sciences der European Science Foundation (ESF) und des International Social Science Council (ISSC) wirkte er an der strategischen Ausgestaltung der europäischen Dateninfrastruktur mit; auf Einladung der zuständigen Wissenschaftsministerien begutachtete er zudem die Dateninfrastrukturen Frankreichs, der Niederlande und Belgiens.ZA-Information 53. Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung, Köln, November 2003. 1990 wirkte er gemeinsam mit Gaston Schaber an der ersten europäischen Konferenz „Making Data European and Making European Data“ in Luxemburg mit, die für die Anerkennung sozialwissenschaftlicher Datenbasen als Large Scale Facilities wegweisend war.
Über mehrere Jahrzehnte war Mochmann Dozent an der internationalen Summer School in Social Science Data Analysis and Collection der University of Essex in Colchester, an der er ab 1975 den Kurs „Computerunterstützte Inhaltsanalyse: die Sprache der Politik“ anbot. Weiterhin war er für das Department of Government und den Economic and Social Research Council (ESRC) gutachterlich tätig. Gastprofessuren führten ihn an die Sciences Po Paris, wo er ab 2007 die französische Dateninfrastruktur am Centre de Données Socio-Politiques (CDSP) mitgestaltete, sowie 2008 an die Universität Tokio, wo er auf Einladung von Michio Nitta und Hiroshi Ishida das erste Symposium der ostasiatischen Datenarchive unter Einbeziehung von Vertretern aus Korea, Taiwan, Hongkong und Japan initiierte. Gemeinsam mit Max Kaase, Asher Arian und Elihu Katz war Mochmann zudem am Aufbau des Datenarchivs am Israel Democracy Institute in Jerusalem beteiligt.
Auszeichnungen